Zeitschrift-Artikel: Kränkung und Bitterkeit (2.Teil)

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Titel: Kränkung und Bitterkeit (2.Teil)
Typ: Artikel
Autor: Jean Gibson
Autor (Anmerkung):

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Titel

Kränkung und Bitterkeit (2.Teil)

Vortext

Text

Dem Beleidigtsein widerstehen

1. Vermeide, Dich gekränkt zu fühlen.


Manche Menschen sind nicht so dickhäutig. Sie sind meist schneller beleidigt als andere_ Dies weist auf einen überempfindlichen Charakter hin. Wenn Gefühle leicht verletzt werden können und schnell Bitterkeit ent­stehen kann, dann ist unser Blick wahr­scheinlich zu stark auf uns selbst gerichtet. Dann ist also Selbstgericht über unsere ei­gene Person, und nicht so sehr Bitterkeit gegenüber anderen nötig. Natürlich ist es möglich, ständig auf unseren "Rechten" zu beharren. Es mag stimmen oder nicht, daß uns bestimmte Dinge "zustehen". Der geistliche Christ hat jedoch alle seine Rechte an den Herrn Jesus abgegeben aufgrund der Tatsache, daß Er uns um einen Preis er­kauft hat (1.Kor. 6,20). Anstelle unserer Rechte gibt uns der Herr Vorrechte im Geist der Gnade. Dadurch sind wir bereit, Unrecht zu ertragen, wenn es nötig ist (1. Kor. 6,7).

Es ist hilfreich, sich mehr um die Nöte der anderen als um die Rechte der eigenen Person zu kümmern. Jemand ist vielleicht durch körperliche, seelische oder geistliche Oberbeanspruchung geschwächt. Darum kann es oft nötig sein, gegenüber manchen Wor­ten oder Handlungen des anderen nachsichtig zu sein. Wir müssen Geduld mit den Fehlern anderer haben, die ebenso wie wir im Fleisch nicht vollkommen sind. Häufig le­gen wir Aussagen, Ausdrücke und Handlun­gen in der falschen Weise aus. Oft begrei­fen wir nicht exakt, was mit den Aussagen anderer gemeint war. Die Sprache kann uns da leicht einen Streich spielen. Die Ge­fühlslage von uns selbst und den anderen ist dabei ein wichtiger Faktor. Wir tun deshalb gut daran, anscheinend verletzende Aussagen anderer bezüglich ihres beleidigenden Inhalts immer in Zweifel zu ziehen. Es ist so leicht, eine Sache über ihre tatsächliche Bedeutung hinaus aufzublasen, (d.h. "aus ei­ner Mücke einen Elefanten zu machen".

Haben wir eine bestimmte Situation vielleicht in dieser Weise übertrieben? Besonders vorsichtig sollten wir bei Informationen von Dritten sein. Die alte Regel gilt nach wie vor: "Aus zweier oder dreier Zeugen Mund wird jede Sache bestätigt werden" (2. Kor. 13,1). Unser Herr Selbst war ein Vorbild an Nachgiebigkeit und Geduld inmit­ten von Verleumdung, Beleidigung und Un­danbarkeit. Er sagte (und gab Selbst das Beispiel), daß wir sogar Verleumdungen und Beleidigungen annehmen und ertragen sollten (Matth. 5,11).


2. Vermeide verletzende Reaktionen.

Die Reaktion eines Christen im Falle einer Beleidigung sollte sich von der eines nicht geretteten Menschen gänzlich unterscheiden. Wir sollten nicht darauf hereinfallen, gemäß unserer alten Natur zu handeln_ Die Gläu­bigen werden nie dazu aufgerufen, auf jede Lieblosigkeit mit noch mehr Unfreundlich­keit zu reagieren. Gefühle können manchmal in Form von nagender Bitterkeit oder Kränkung verinnerlicht werden. Das verletzt uns nur selbst. Das Weitersagen unserer Kränkung an andere ist die Sünde des Verbreitens böser Dinge_ Dies kann andere dazu verleiten, sich um eine Sache zu kümmern, die sie nichts angeht. Das kann oft unter dem Vorwand geschehen, "nur ein Gebetesanliegen mitzuteilen". Gottes Heil­mittel bei Kränkungen ist aber, daß sich die betroffenen Personen darum kümmern und sich miteinander versöhnen.


Auf Beleidigungen positiv reagieren

1. Eine positive Haltung entwickeln.

Wir leiden oft darunter, daß wir bestimmte Dinge nur wie durch das Fadenkreuz eines Maschinengewehrs sehen. Das bedeutet, daß wir oft etwas nur unter einem einzigen en­gen Aspekt betrachten. Die Schrift aber deutet an, daß eine Situation gewöhnlich mehr als eine Dimension hat. Beachte fol­gendes:

a) Beleidiger sind oft Gottes Werkzeuge Sam. 16,5-12). Sogar eine Beleidigung auf die wir richtig reagieren, kann Gott zur Verbesserung unseres Charakters gebrau­chen.

b) Sage Dank in allem (1. Thess. 5,18). Es ist erstaunlich, wie diese konstruktive Reaktion Gott verherrlicht.

c) Ertrage Unrecht als Teil unserer Berufung (1. Peu_ 2,19-23). Christus hat für uns ge­litten und uns ein Beispiel hinterlassen.

d) Betrachte die Nöte anderer als Gelegenhei­ten (Luk. 22,32). Wir können von Menschen so enttäuscht sein, daß wir gar nicht mehr die Gelegenheit wahrnehmen, ihnen zu hel­fen.

e) Überlaß alle Vergeltung Gott (Röm. 12,19-20).

f) Trenne die Beleidigung von dem Beleidiger (Spr. 8,13; Joh. 3,16). Wenn wir das nicht tun, dann werden wir Menschen anstatt ihre Sünde hassen. Gott aber macht diesen Un­terschied. Darum sollten auch wir es tun.

Das Ertragen anderer und die gegenseitige Vergebung sind wunderbare Salben für Ver­letzungen (Kol. 3,13). Die Liebe deckt alle Übertretungen zu (Spr. 10,12). Sie rechnet das erlittene Böse nicht zu.


Die Wiederherstellung dessen, der Unrecht getan hat 

Manchmal ist es nicht weise oder sogar falsch, Unrecht einfach zu übergehen. Es kann schwie­rig sein, jemandem zu vergeben, ohne mit ihm zu sprechen. Was sagt die Bibel über das Sprechen mit und das Wiederherstellen von jemand, der uns Unrecht getan hat? Beachte folgendes:

1. Der Anlaß

Das Unrecht muß gegen uns gerichtet sein (Matth. 18,15). Wir können nicht jeden für alles verantwortlich machen. Die Schrift warnt uns auch davor, eine Beleidigung aufzunehmen, die nicht gegen uns gerichtet ist (Ps. 15,3; engl. Übersetzungen). Wenn jedoch ein Fehltritt den Übertreter selbst oder die ganze Gemeinde in Gefahr bringt, dann muß man sich auch damit befassen (2. Sam. 12,1-7; Gal. 6,1).

2. Die Qualifikation

Der, dem das Unrecht zugefügt wurde, sollte sein eigenes Leben auf dem betref­fenden Gebiet auf seine eigene Tadellosig­keit hin überprüfen (Matth. 7,1-5). Es er­fordert geistliche Vitalität, jemanden, der "von einem Fehltritt übereilt wurde", wie­derherzustellen (Gal. 6,1).

3. Das Ziel

Das Ziel bei der Beschäftigung mit einem Übertreter ist immer die Wiederherstellung. Das Augenmerk sollte auf das Wohlergehen der anderen, nicht der eigenen Person ge­richtet sein. Wenn wir Erfolg haben, wird der Betreffende für Gott wiederhergestellt
(Luk. 17,3) und wir haben einen Bruder gewonnen (Matth. 18,15).

4. Die Haltung

Wenn wir mit anderen über solche Dinge sprechen müssen, sollte es im Geist der Sanftmut geschehen (Gal. 6,1). Das bedeu­tet, daß wir das keineswegs "von oben her­ab" oder in einer "ich bin geistlicher als Du"-Haltung tun. Wir sollten daran denken, daß ebensogut wir selbst den Fehler hätten begehen können.

5. Die Methode

Einzelheiten für das Vorgehen finden wir in Mattb. 18,15-17.

a) Wir gehen zu dem Übertreter allein und sprechen mit ihm über das Unrecht. Er erfährt die Sache von uns, nicht von einem Dritten.

b) Wenn der Übertreter nicht hören möchte und das Problem auf dieser Ebene nicht gelöst werden kann, dann soll der, dem Unrecht zugefügt wurde, mit einem oder zwei Zeugen wiederkommen. Dies zeigt die ernste Absicht und beseitigt den "Privat­streit"-Aspekt der Übertretung.

c) Mißerfolg auf der zweiten Ebene erfordert, daß die Sache vor die Gemeinde gebracht wird - vor die Ältesten als Repräsentanten der Gemeinde, und schließlich, wenn nötig, vor die Versammlung als Ganzes.

d) Wenn der Übertreter auch vor der Gemeinde nicht zur Buße bereit ist, soll er als Heide behandelt werden - als Nichtchrist. In die­sem Fall stellt also die Unbußfertigkeit des Übertreters ein viel größeres Problem dar als die ursprüngliche Übertretung.

e) Selbst wenn es notwendig ist, einen Über­treter von der Gemeinschaft auszuschließen (was selten ist), so ist das Ziel trotzdem immer noch die Wiederherstellung. Wenn der Übertreter Buße tut, soll ihm vergeben werden und er mit offenem und warmem Herzen wieder in die Gemeinschaft aufge­nommen werden (2. Kor. 2,6-11). Die Reihenfolge ist erst der Verweis und dann die Vergebung (Luk. 17,3.4).


Abschließende Bemerkung

Der Herr Jesus hat uns für dieses Gebiet alle notwendigen Anweisungen gegeben. Als der Herr Petrus lehrte, daß er bis zu "siebzigmal siebenmal" vergeben müsse, erzählte Er ein Gleichnis. Der Mann, dem eine riesige Schuld geschenkt worden war, war nicht bereit, einem anderen eine Schuld von ein paar Schilling zu schenken. Der Herr nannte ihn einen bösen Knecht, weil er trotz der Tatsache, daß ihm soviel geschenkt worden war, einen so unver­söhnlichen Geist hatte. Gott hat uns in Christus alle unsere Sünden vergeben. Und diese Haltung sollten wir auch in unseren Herzen haben, be­sonders gegenüber unseren Brüdern.

Nachtext

Quellenangaben