Zeitschrift-Artikel: Ecuador

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Titel: Ecuador
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ecuador

Vortext

Text

Diese Charakterisierung des kleinsten Anden- Staates im Nord-Westen Südamerikas trifft in jeder Beziehung zu und wird auch im Wappen des Staates angedeutet.

Es ist dieses Land am Äquator, in dem 1956 fünf Missionare beim ersten Kontakt von den Auca-Indianern ermordet wurden – darunter Jim Elliot. Sein Tagebuch wurde nach seinem Tod von seiner Frau herausgegeben und weltweit bekannt. Ein anderer der Fünf war der „Dschungelflieger“
Nate Saint, dessen Lebensgeschichte ebenfalls weite Verbreitung gefunden hat.

Inzwischen ist sogar ein spannender Kinofilm über den Einsatz und die Ermordung der Missionare
gedreht worden. Er bietet zwar einen guten Einblick in die Kultur und Lebensweise der Aucas (Waoranis), lässt allerdings von dem eigentlichen Anliegen der Missionare, ihren Glaubensüberzeugungen, ihrer Motivation und ihrer Hingabe kaum etwas erkennen.

Das Tagebuch Jim Elliots war eines der Bücher, die mich als junger Christ sehr geprägt haben und ich lese es immer wieder, um mich von der Hingabe, dem geistlichen Tiefgang und der Aufrichtigkeit dieses Mannes beschämen und ermutigen zu lassen.

Vor einigen Monaten flatterte eine Einladung aus Ecuador in unser Haus. Der Missionar Friedemar Becker, der mit seiner Familie schon viele Jahre in Ecuador arbeitet und per Internet „Fest&treu“ liest, lud mich ein, in diesem Jahr doch einmal Ecuador zu besuchen, um die Gemeinden und die
Missions-Situation kennen zu lernen. Und so landete ich im September in Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors, um erste Eindrücke zu sammeln.


Land und Leute

Zunächst einige Informationen über dieses – nach Bolivien – zweitärmste Land Südamerikas:
Die Einwohnerzahl beträgt ca. 14 Millionen bei einer Fläche von 256.370 km2 (also etwas größer als Großbritannien). Die größten Städte sind Guayaquil (ca. 3,3 Mill. Einwohner) und die Hauptstadt Quito mit etwa 1,9 Mill. Einwohnern.
Geographisch, klimatisch und ethnisch ist Ecuador eines der vielfältigsten Länder der Erde.
Ein großes Küstengebiet, ein riesiger Dschungel und die hohen Anden prägen das Land. Der höchste Berg Chimborazo ist 6.310m hoch, der zweithöchste ist einer der zahlreichen aktiven und als gefährlich eingestuften Vulkane – der 5.897m hohe Berg Cotopaxi.
77% der Bevölkerung sind Mestizen (a), 7% Indianer (hauptsächlich Ketschuas), den Rest bilden Minderheiten aus Afrika, Europa usw.
Die Landeswährung ist seit dem Jahr 2000 der US-Dollar, nachdem eine enorme Wirtschaftskrise
das Land ökonomisch an den Abgrund gebracht hatte.
Das Land lebt vor allem vom Rohöl-Export, vom Bananen-Anbau (Weltmarktführer), sowie vom Fischfang und Blumen-Export (weltweit viertgrößter Exporteur, besonders für Rosen).

Das Land scheint sich langsam zu erholen, allerdings klafft die Schere zwischen arm und reich weit auseinander.


Die religiöse Situation

Ungefähr 90% der Bevölkerung ist streng römisch-katholisch. Die katholische Kirche Ecuadors
ist als die konservativste in Lateinamerika bekannt und das spürt man auf Schritt und Tritt. Gewaltige, teilweise prunkvolle Kathedralen sind von weitem zu sehen. Wallfahrtsorte ziehen
Tausende an, überall wurden Marien-Schreine aufgestellt. Eine dieser Figuren soll sogar blutige Tränen geweint haben und wird als wunderspendende Berühmtheit besonders verehrt und von vielen Kranken aufgesucht.

Auffallend sind allerdings auch die riesigen Tempel der Mormonen, welche die zweitgrößte religiöse Vereinigung im Land ausmachen.

Der Okkultismus und Schamanismus scheint eine große Bedeutung unter der Bevölkerung zu haben. Als wir den Äquator-Punkt besuchten, wurde ein „Sonnenfest“ angekündigt, zu dem Schamanen aus ganz Südamerika erwartet wurden. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, der Sonne Opfergaben zu bringen.


Mission und Evangelisation

Protestanten und Evangelikale bilden leider nur eine verschwindende Minderheit. Es gibt neben Baptisten, der C&MA (b), zahlreichen Pfingst- und charismatischen Gemeinden um die 30 sog.
„Brüderversammlungen“, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und von denen wir einige besuchen konnten.

Die jährlichen Herbst-Konferenzen dieser Versammlungen in Guayaquil (ca. 300-400 Besucher) und in der Nähe von Quito (etwa 600-700 Besucher), zu denen wir eingeladen waren, wurden
erstaunlich gut besucht mit einem erfreulich großen Anteil an jungen Geschwistern.

Letztgenannte Konferenz fand in den Räumlichkeiten einer Bibelschule statt, die noch nicht lange besteht. Dort werden vor allem junge Christen mit indianischem Hintergrund angeleitet.

Interessant war, dass der argentinische Leiter der Schule durch das Buch „Im Schatten des Allmächtigen“ von Jim Elliot erweckt und herausgefordert wurde, in diesem Land dem Herrn zu dienen. Er erzählte auch, dass nach dem Tod der fünf Märtyrer Hunderte von Missionaren aus vielen Ländern nach Ecuador kamen, um vor allem unter den Indianern zu missionieren. Gab es vor 1956 nur vereinzelte Christen unter den Ketschuas, die es nicht wagen konnten, bei ihren Stämmen zu wohnen, so sind inzwischen fast alle Stämme mit dem Evangelium und der Bibel in
ihrer Stammessprache erreicht.

Auch die oben schon erwähnte Bibelschule startet regelmäßig Einsätze, um im Dschungelgebiet
die entstandenen Gemeinden zu unterstützen und mitzuhelfen, das Evangelium durch Wort und Schrift zu verbreiten.


Persönliche Eindrücke

Mein Wunsch, die Aucas (Waoranis) im Dschungel zu besuchen, wurde leider nicht erfüllt.
Die Zeit war zu sehr mit Konferenzen und Gemeinde-Besuchen gefüllt, so dass die lange und umständliche Reise in den Dschungel nicht eingeplant werden konnte.

Sehr bewegend und eindrücklich war aber u.a. die Gemeinschaft mit einer jungen Gemeinde, zu der Ketschua-Indianer gehören und die von Alberto (siehe das folgende Zeugnis) vor wenigen
Jahren gegründet werden konnte. Diese armen, bescheidenen, aber sehr fröhlichen und lernbegierigen Geschwister waren eine echte Ermutigung.

Die „Latinos“ sind im allgemeinen lesefaul. Das trifft leider auch auf die Christen in Ecuador zu. Erschwerend kommt hinzu, dass gute christliche Bücher (davon gibt es in spanischer Sprache erstaunlich viele – mehr als in deutscher Sprache!) enorm teuer und daher für die meisten Geschwister kaum erschwinglich sind.
Aus diesem Grund haben wir eine Menge Bücher schicken lassen und sie zu einem sehr günstigen Preis vorgestellt und angeboten. Und siehe da: Ein „Run“ entstand, um diese Bücher zu kaufen und das neu erschienene wertvolle Buch von W. MacDonald „Manual del Discipolo“ („Seiner
Spur folgen“) war nach kurzer Zeit ausverkauft.

Es fehlen Brüder und Schwestern, die selbst gerne lesen und junge Christen motivieren können, vom Wert und Segen guter Literatur zu profitieren.

Sehr ernüchternd waren die Besuche in verschiedenen christlichen Buchläden in den Großstädten. Eine enorme Menge und Vielfalt von christlichen Büchern wurde hier angeboten. Aber dort fand man in den Regalen Bücher von W. MacDonald scheinbar einträchtig neben solchen von Kathryn Kuhlman. Neben John MacArthurs Werken prangten die von Benny Hinn, neben John Piper erblickte man Reinhard Bonnke und Erwin Lutzer wurde neben Yonggi Cho eingereiht. Und direkt am Eingang stolperte man fast über einen großen Stapel verschiedenster Bücher von Joyce Meyer!

Das Angebot orientiert sich leider an der Nachfrage und es fehlt an Personal, welches verantwortungsbewusst sortieren und beraten könnte.

Die Gemeinden selbst stehen in der Gefahr träge, traditionell und bequem zu werden. Man lässt sich bedienen, es wird wenig gebetet, es mangelt an Interesse für Evangelisation und am Verantwortungsbewusstsein für Außenmission.

Es fehlt an Vorbildern unter den einheimischen Geschwistern, die prägend für die jüngere Generation sein könnten. Potential scheint reichlich vorhanden zu sein, aber es wird zu wenig aktiviert und verkümmert oft unter den Lebenssorgen und der „Begierde nach den übrigen Dingen“ (Mark 4,19).

Betet bitte dafür, dass der Herr in diesem Land Arbeiter erweckt, ausrüstet und aussendet.
Aber auch, dass die vorhandenen Arbeiter im Werk des Herrn ermutigt und gekräftigt werden.

Nachtext

(a) Eine Bezeichnung für Menschen, die indianische und europäische Vorfahren haben

(b) Christian and Missionary Alliance

Quellenangaben