Zeitschrift-Artikel: Kurse: Ja! Gehirnwäsche: Nein!

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Titel: Kurse: Ja! Gehirnwäsche: Nein!
Typ: Artikel
Autor: Alberto und Anita Saez
Autor (Anmerkung):

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Titel

Kurse: Ja! Gehirnwäsche: Nein!

Vortext

Text

Meine Heimat war das Hochland von Ecuador.
Obwohl ein Ketchua-Indianer, wurde ich in einem streng katholischen Glauben erzogen. Als ich 26 Jahre alt war, heiratete ich meine Auserwählte: Anita. Sie hatte eine von Nonnen geleitete Schule besucht, dort aber nur einen „toten Gott“ kennen gelernt. Von Stolz und Arroganz geprägt, hatte sie damals nur ein Ziel: viel Geld zu verdienen, um sich alles anschaffen zu können, wovon sie träumte.


Enttäuschung Ehe

Zunächst arbeitete ich als Zivilist beim Militär. Aber dann eröffnete ich mit Anita eine Videothek, wo wir eine Menge Geld verdienten.
Unsere Ehe verlief leider nicht harmonisch und beglückend. Anita war – wie erwähnt – sehr materialistisch eingestellt und so drehte sich in unserer Ehe alles nur ums Geld. Jede Woche legten wir etwa 700 Dollar auf die Seite, was für ecuadorianische Verhältnisse ungewöhnlich viel
war. Aber auch das war Anita nicht genug.
Inzwischen waren wir fünf Jahre verheiratet und ich war ziemlich verzweifelt. Nach einem heftigen Streit mit meiner Frau ging ich in die Stadt, um mich etwas abzureagieren und – da es Monatsende war – die fälligen Steuern zu bezahlen. Unglücklicherweise hatte ausgerechnet an diesem Tag meine Frau Geburtstag und so musste ich mich bei allem Frust auch noch nach einem Geschenk umsehen.


Frömmigkeit zum Abgewöhnen?

Beim Umherschlendern sah ich plötzlich auf der anderen Straßenseite ein Geschäft mit dem Namen „Christliche Buchhandlung Emmaus“. Es schienen also „Evangelicos“ (Evangelikale) zu
sein, an die ich nun wirklich keine guten Erinnerungen hatte. Im Alter von 20 Jahren hatte ich diese Leute kennen gelernt, die vorgaben, „echte Christen“ zu sein. Doch auch bei ihnen hatte ich Gott nicht kennen gelernt. Sie rauchten, spielten Karten und benahmen sich schlimmer als Nichtchristen.
Ihre heuchlerische Frömmigkeit hatte mich zutiefst abgestoßen. Niemals wollte ich so
werden wie sie!
Nun war also eine Gelegenheit gekommen, um „Dampf“ abzulassen und mit dieser Absicht betrat ich entschlossen den Laden.
Ein Gringo kam mir freundlich entgegen, begrüßte mich und fragte mich: „Kann ich Dir helfen?“
Darauf konnte ich nicht antworten.
„Bist Du gläubig?“
Darauf konnte ich wohl antworten!
„Nein! Und ich will auch kein Evangelico werden, denn diese Leute sind schlecht!“
Nun kam ich richtig in Fahrt und nutzte die nächsten 15 Minuten, um mir meinen Frust über diese Sorte von „Christen“ von der Seele zu reden. Als ich damit zu Ende war, fragte er mich seelenruhig:
War das alles?“ Und dann bat er mich um Vergebung für das, was ich bisher bei den Christen
kennen gelernt hatte. Schließlich umarmte er mich und sagte: „Es gibt einen Gott, der dich liebt!“ und erklärte mir liebevoll, wer der Herr Jesus ist und was er am Kreuz auf Golgatha für mich getan hat.
Ich war wirklich überwältigt und der Geist Gottes wirkte so deutlich an meinem Herzen, dass ich dort in dem Laden auf meine Knie ging und mein Leben mit aller Schuld dem Herrn Jesus übergab. Ein Friede erfüllte mein Herz, den ich bisher nicht gekannt hatte.
Als ich mich verabschieden wollte, fiel mir ein, dass ich ja noch ein Geburtstagsgeschenk für meine Frau brauchte und so fragte ich meinen neuen Freund, ob er eine Idee hätte.
„Welche Musik liebt deine Frau?“
„Ihr gefällt romantische Musik.“

Er zeigte mir eine Kassette mit 20 christlichen Liedern und meinte, ob ich ihr nicht auch noch eine Bibel schenken wollte. Diesen Vorschlag fand ich vernünftig und kaufte dann beides, die Kassette und eine kleine, handliche Bibel.
Was ich zu der Zeit nicht wusste war die Tatsache, dass Anita kurz vorher irgendwo eine Bibel gefunden und darin gelesen hatte. Doch sie verstand von dem Gelesenen absolut gar nichts – hatte aber gebetet: „Gott, wenn es Dich gibt, dann zeige Dich mir!“


Ein „toller“ Geburtstag!

So kam ich schließlich Stunden später nach Hause, wo Anita schon lange auf mich und mein Geburtstagsgeschenk wartete. Bisher hatte ich ihr immer Blumen, Schuhe oder ähnliches geschenkt, aber nun kam ich ihr mit einem sehr kleinen Päckchen entgegen. Enthielt es Schmuck, oder vielleicht eine neue Uhr?
Als sie das Päckchen gespannt öffnete und den Inhalt sah, war ihre Enttäuschung riesig:
„Was soll ich denn damit?“, fauchte sie mich an.
Dann erzählte ich ihr, dass ich in dem Buchladen das Evangelium gehört und verstanden hatte und dass mein Leben nun dem Herrn gehörte.
Von den Gringos brauchst Du mir nichts zu erzählen – und vor allem nichts von den Evangelicos!“
Es kam zu einem lautstarken Streit. Ich wollte Anita überzeugen, aber sie schrie immer dazwischen. Es war alles andere als ein „toller“ Geburtstag!


Nur ja keine Gehirnwäsche!

Im Buchladen hatte mir der Leiter Patricio einen evangelistischen Bibelkurs mit Fragen geschenkt. Ich hatte ihn aber nicht studiert, sondern irgendwo hingelegt. Aber Anita fand ihn, las ihn heimlich, staunte über den Inhalt, der ihre Fragen beantwortete und füllte ihn aus.
Eines Tages zeigte sie mir den Kurs. Sie wollte einen weiteren haben und sagte:
„Ich habe alle Fragen beantwortet, aber ich will kein Evangelico werden!“
Natürlich war ich total überrascht, gab aber bei nächster Gelegenheit den ausgefüllten Kurs im Buchladen ab und kam mit einem „Emmaus-Kurs“ über das Wort Gottes als Fortsetzung zurück, weil Anita alle Fragen richtig beantwortet hatte.
Und so wurde ich Kurier fortlaufender Kurse, weil Anita jeden richtig beantwortete, während ich noch keinen einzigen gelesen hatte!
Eines Tages kam ich mit einem neuen Kurs zurück und sagte:
„Der Gringo will Dich kennen lernen!“
„Kommt nicht in Frage! Kurse: Ja – Gehirnwäsche:
Nein!“

Die Wochen vergingen und ich brachte weitere Kurse und auch evangelistische Videos mit, die Anita wohl zum Weinen brachten, aber ihren Stolz nicht brechen konnten.
Schließlich machte ich einen weiteren Vorschlag:
„Geh doch einfach mal mit zum Gringo!“
„Nur unter einer Bedingung: Kein Gespräch!“

So gingen wir gemeinsam zum Buchladen.
Dort angekommen begrüßte Gringo Patricio meine Anita freundlich: „Herzlich Willkommen, Anita, ich kenne Dich!“
Ärgerlich konterte Anita: „Vielen Dank – aber ich kenne Sie nicht. Geben Sie mir einen neuen Kurs und dann verschwinde ich hier!“
„O.K. Gerne – aber was hast Du mit den Kursen vor?“ „Nichts – ich will meine Religion nicht ändern!“

Darauf setzte sich Patricio hin, zog eine Anzahl Karten aus der Tasche und legte ihr die erste mit der Aufzählung der 12 Gebote vor.
Die habe ich alle gehalten!“
„Herzlichen Glückwunsch!“

Dann kamen die nächsten Karten: „In die Kirche gehen“ usw.
„Genau das habe ich immer getan!“
Aber dann kam die Karte mit dem Bibelspruch aus Römer 3: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer …“
„Das sehe ich anders!“

„Aber das sagt doch der Gott, von dem Du sagst, dass Du ihn kennst!“
Und dann erzählte er ihr die Geschichte von den beiden mitgekreuzigten Räubern und ihr Herz wurde weich.
Vielleicht haben Sie recht. Aber jetzt gehe ich!“
Und so zog sie mit dem 11. Kurs los, während ich immer noch keinen einzigen gelesen hatte!


Kapitulation!

Wochen später suchten wir wieder den Laden auf, um den ausgefüllten Kurs abzugeben. Der Gringo zog wieder seine Karten heraus, aber dann kapitulierte Anita:
„Sie haben recht. Es stimmt, es gibt einen lebendigen Gott. Aber laden Sie mich nicht in eine christliche Gemeinde ein! Dahin will ich nicht!“
Eines Tages – es war gerade Karneval – wollten wir unsere Mutter besuchen. Auf dem Weg zu ihr kamen wir an einer christlichen Gemeinde vorbei. Neugierig und kritisch zugleich betraten wir den Raum und hörten eine Predigt über Abraham, den Freund Gottes. Beeindruckt von der Liebe der Menschen dort mussten wir unsere Vorurteile begraben: Es gibt also doch Evangelicos, die keine Heuchler sind!
Wir besuchten nun öfter diese Gemeinde und machten auch einen Jüngerschaftskurs mit. Anita hatte inzwischen das Evangelium nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit ihrem Herzen begriffen und sich zum Herrn bekehrt.
Sie war es auch, die nicht mehr bereit war, die Porno-Videos, mit denen wir viel Geld verdient hatten, weiter zu verkaufen oder zu verleihen.
Diesmal war ich derjenige, der nicht darauf verzichten wollte und riskierte sogar einen handfesten
Streit mit ihr.
Aber schließlich siegten auch bei mir Vernunft und Gehorsam und ich gab nach.
Als nächstes verkauften wir keine Zigaretten mehr und da der Laden nun kaum noch Umsatz machte, verkauften wir ihn.


Nach der Bekehrung wird alles schlechter …

Vor unserer Bekehrung ging es uns gut. Aber als wir uns entschlossen, dem Herrn zu folgen –
inzwischen hatte nicht nur meine Frau, sondern auch ich 38 Emmaus-Kurse absolviert – kam es Schlag auf Schlag:
Wir hatten einen kleinen Lebensmittelladen eröffnet, in der freien Zeit evangelisierte ich und Anita arbeitete in der Jugendarbeit der Gemeinde mit. Während wir eines Tages so dem Herrn dienten, brachen Einbrecher bei uns ein und stahlen uns allen Schmuck und drei Fernseher!
Einen Monat später das Gleiche: Diesmal klauten sie uns alle Kleidung.
Dann kam im Jahr 2000 der schwere Bankencrash in Ecuador und unsere Geldanlagen waren nur noch das Papier wert. Gott nahm uns alles, damit wir lernten, allein auf Ihn zu vertrauen!
Schließlich zogen wir aufs Land und begannen Brötchen zu backen und zu verkaufen. Aber auch dieses Geschäft mussten wir schließen, weil die armen Leute in unserer neuen Umgebung ihre Schulden bei uns anschreiben ließen, aber nicht bezahlten.
Zur Zeit betreiben wir eine Hühnerfarm mit etwa 4.500 Hühnern und wir sind guter Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht.


Trotzdem glückliche Leute!

Doch viel wichtiger ist uns, das aus unserem kleinen Hauskreis, zu dem immer mehr Leute aus der Nachbarschaft kamen, eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde mit Ketchua-Indianern entstanden ist. Inzwischen hat der Herr so viele zu uns geführt, dass unsere Wohnung zu klein wurde und wir Räume in der Nähe mieten konnten, wo wir uns zum Brotbrechen, zur Wortverkündigung, zum Gebet und zu weiteren Gemeinschaftsstunden versammeln.
Trotz allem: Wir sind glückliche Leute!

Nachtext

Quellenangaben