Zeitschrift-Artikel: Ich habe nur eine Leidenschaft

Zeitschrift: 132 (zur Zeitschrift)
Titel: Ich habe nur eine Leidenschaft
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1653

Titel

Ich habe nur eine Leidenschaft

Vortext

Aus dem Leben Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs (1700 – 1760)

Text

Das entscheidende Jahr 1727
Herrnhut wurde 1727 zu einem Ort, von dem weltweite und lang andauernde geistliche Kraftwirkungen ausgingen. Der Weg dorthin sollte allerdings durch tiefe Erschütterungen und Krisen gehen, welche die Bewohner völlig durcheinander wirbelten, jedoch auch in eine tiefgehende Bußbewegung führten.
In Herrnhut siedelten sich nicht nur mährische Flüchtlinge an. Zinzendorf nahm auch Separatisten auf, die von irgendwoher aus Deutschland kamen. Darunter waren fromme Eigenbrötler, deren „ganze Existenz sich um einen verkehrt verstandenen Satz der Schrift drehte.“(1) Zinzendorfs Ideal, dass die Fliehkräfte der unterschiedlichen Auffassungen und Konfessionen durch die Zentrifugalkräfte der Liebe zu Christus und untereinander aufgehoben und überkompensiert würden, wurde mehr als einmal auf eine harte Probe gestellt. Bereits 1724 war es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Frage der doppelten Vorherbestimmung gekommen, in deren Verlauf der calvinistische Gutsverwalter Heitz schließlich Berthelsdorf verließ.
1727 hatte Herrnhut 300 Einwohner, wovon die Hälfte aus Mähren kamen. 1726 hatte Zinzendorf
einen Advokaten Krüger in Herrnhut aufgenommen, der andernorts wegen dienstlicher Verfehlungen und Irrlehren über die Person Christi ausgewiesen worden war. Der Graf meinte, ihn durch Geduld und Liebe zurecht bringen zu können. Während der Abwesenheit von Zinzendorf trat er mit dem Anspruch auf, „er sei der Mann, der hier reformieren soll, dessen sei er lebendig überzeugt.“(2) Die lutherische Kirche war für ihn die „Hure Babylon“, die sich ehebrecherisch mit der Welt eingelassen habe, Pfarrer Rothe bezeichnete er als „falschen Propheten“ und Zinzendorf als das „Tier aus dem Abgrund“. In Herrnhut fand er so großen Anklang, dass kaum noch jemand aus dem Ort zum Sonntagsgottesdienst zu Pfarrer Rothe ging. Auch Christian David, der ohnehin schon eine kritische Haltung zur lutherischen Kirche hatte, geriet in seinen Bann. Ein befreundeter Pfarrer Scheffer schrieb Anfang 1727: „In Herrnhut soll es so aussehen, als wenn der Teufel alles auf einmal über den Haufen werfen sollte.“(3)
Zinzendorf beendete seine Tätigkeit in Dresden und zog nach Herrnhut. Mit großer Geduld ging er daran, die zerstrittene und gespaltene Gemeinde wieder zu sammeln und die Wogen der Feindseligkeit zu glätten. Er ging von Haus zu Haus und sprach mit jeder Familie und jedem einzelnen Menschen. Krüger übrigens endete als Geisteskranker, der von seinen Anhängern zunächst eingesperrt wurde, und als er sich etwas beruhigt hatte, still den Ort verließ und
sich noch jahrelang zerlumpt und als Bettler herumtrieb.
Durch Statuten versuchte Zinzendorf nun, das bürgerliche und geistliche Zusammenleben in Herrnhut zu regeln. „Kein Streit soll in Herrnhut länger als acht Tage währen.“ Durch das Los wurden Älteste bestimmt. Ein wachsender Gebetseifer breitete sich unter den Bewohnern aus. Nach einer Gebetsnacht auf dem Hutberg blieb die Gemeinde an einem Sonntag bis Mitternacht betend und singend zusammen. Pfarrer Rothe, der nach langer Unterbrechung unerwartet im Herrnhuter Saal erschien, war von der neuen Atmosphäre so beeindruckt, dass er sich zu einem Dankgebet auf die Knie warf. Für den kommenden Mittwoch lud er die Bewohner der Exulantensiedlung zu einer Abendmahlsfeier nach Berthelsdorf ein. An diesem 13. August erfasste eine starke Bußbereitschaft die Gemeinde. Auf den Knien brachten sie ihre Not und Schuld vor Gott. Zinzendorf legte eine Generalbeichte ab, wobei er weder sich selbst noch die Gemeine schonte. „Das Mahl des Herrn wurde mit gebeugten und erhöhten Herzen gehalten … Wer sich bis dahin nicht hat leiden können, fiel einander auf dem Gottesacker vor der Kirche um den Hals und verband sich aufs
allerinnigste, und so kam die ganze Gemeine wieder nach Herrnhut zurück als neugeborene Kinder“, berichtete Zinzendorf. David Nitschmann bekannte: „Von der Zeit an ist Herrnhut zu einer lebendigen Gemeine Jesu Christi geworden.“(
4) In der Folge wurde der 13. August als Geburtsstunde der Herrnhuter Brüdergemeine gefeiert.
Die Erweckung hatte kaum vorstellbare Auswirkungen auf das Gebetsleben, das Bibellesen, die Diakonie, das Zusammenleben und auch die Missionstätigkeit der Gemeine. Zum Beispiel entstand das sogenannte Stundengebet. Das bedeutete, dass Geschwister rund um die Uhr jeweils für eine Stunde beteten, so dass Nacht und Tag die Gebetskette nicht abriss. Diese Einrichtung hat nicht nur ein paar Tage oder Monate angehalten, sondern hundertzwanzig Jahre(5)! Die biblische Begründung war Jes 62,6.7: „Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt;den ganzen Tag und die ganze Nacht werden sie keinen Augenblick schweigen. Ihr, die ihr den Herrn erinnert, gönnt euch keine Ruhe und lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem befestigt und bis er es zum Ruhm macht auf der Erde.“


Außenmission

1730 reiste Zinzendorf nach Dänemark. Der neue König Christian VI. stand dem Pietismus nahe
und seine Frau war mit Zinzendorf verwandt. Der Graf macht sich Hoffnungen auf das Amt des Großkanzlers. Daraus wurde jedoch nichts.
Stattdessen lernte er in Kopenhagen einen schwarzen Kammerdiener, einen ehemaligen Sklaven aus der damaligen dänischen Kolonie St.Thomas in der Karibik kennen. Bei seiner Rückkehr 1731 nahm Zinzendorf den „Mohren Anton“ mit nach Herrnhut, wo dieser über die Sklaven auf St. Thomas berichtete, die unter unmenschlichen Bedingungen und in geistlicher Finsternis lebten. Die Gemeine war tief bewegt.
Ein Jahr später, am 21.08.1732, brachen David Nitschmann und Leonard Dober zu Fuß auf nach
Kopenhagen, um dem erstaunten Kammerherrn von Pleß zu erklären, dass sie nach St. Thomas
übersetzen wollten. Sie beabsichtigten, sich dort als Sklaven zu verkaufen, damit sie den armen Mohrensklaven vom Heiland erzählen könnten. Weder am dänischen Königshof noch in den protestantischen Kirchen brachte man dafür Verständnis auf. Man stritt über die Frage, ob Neger überhaupt eine Seele hätten und bekehrbar wären. Später gab es auf der Insel St. Thomas und den Nachbar-Inseln durch die Arbeit der Herrnhuter bereits 13.000 bekehrte und getaufte Farbige, bevor überhaupt andere Missionseinrichtungen oder Kirchen an eine Mission in diesem Gebiet dachten.
In der Folge wurden Missionsarbeiten in Surinam (Südamerika), an der Goldküste und im Süden Afrikas, unter den Indianern Nordamerikas, auf Grönland unter den Eskimos, in Persien und unter den Lappen und Samojeden in Skandinavien und Russland begonnen. Bis zum Tod Zinzendorfs gingen 312 Missionare von den Herrnhutern in die Außenmission.
Diese Missionare waren Handwerker, oft keiner Fremdsprache kundig, ohne theologische Ausbildung, aber mit einer tiefen Liebe zum Herrn Jesus und zu den Verlorenen. Nach Zinzendorfs Überzeugung sollten sie bei den Heiden folgendes ausrichten: „Mit getrostem Herzen und heiterer Stirn sollen sie nichts anderes wissen als: ER ist auf Erden kommen und ein Mensch worden, um sie selig zu machen.(6)
Todesfurcht kannten die Missionare nicht. Spott und Hohn zu erdulden, waren sie gewohnt.
Viele trugen noch die Zeichen der Misshandlung aus den böhmischen Kerkern an ihren Körpern.
Freiherr von Schrautenberg, der zunächst Zinzendorf nahe stand, aber später ein Freund Goethes wurde, berichtete von den vielen, die draußen frühzeitig den Strapazen und dem mörderischen
Klima zum Opfer fielen und noch mit siechem Leib bis zum letzten Atemzug wirkten.
Doch die Lücken schlossen sich. „Man betrauerte noch den Verlust der ersten, als sich schon wieder neue anboten.“(7)
Der lahme Schneider Gottlieb Israel erlitt auf dem Weg nach St. Thomas Schiffbruch und rettete sich auf einen Felsen, während vor seinen Augen sein Missionsgefährte Feder und alle anderen ertranken. Jahre später fragte ihn der Graf, was er gedacht habe, als er als Lahmer jeden Augenblick vom Felsen herabgespült werden konnte.
„Ich habe unseren Ledigen-Brüder-Vers gesungen:
Wo seid ihr, ihr Schüler der ewigen Gnade,
Ihr Kreuzgenossen unsers Herrn?
Wo siehet man eure begnadigten Pfade,
Daheim oder in der Fern?
Ihr Mauerzerbrecher, wie sieht man euch?
Die Felsen, die Löcher, die wilden Sträuch’,
Die Inseln der Heiden, die tobenden Wellen,
Sind eure von alters her bestimmten Stellen.“

Der Graf fragte weiter, ob ihm seine Berufung nicht zweifelhaft geworden wäre. „Ich habe sie dort nicht erst untersucht“, lautete die Antwort. Was er denn gedacht hätte, wollte Zinzendorf wissen. „Wenn ich hier bleiben soll, wenn es doch die Gemeine wüsste.“(8)
Als die ersten Boten, die nach Grönland segelten, hörten, dass sie dort kein Haus errichten könnten, antworteten sie: „So wollen wir uns in die Erde graben.“ Die ersten Brüder, die nach St. Thomas zogen, waren – wie erwähnt – bereit, sich als Sklaven zu verkaufen. Von einem anderen Missionar ist der Ausspruch angesichts feindseliger und misstrauischer Eskimos überliefert:
„Schlagen sie mich tot, so schlagen sie mich tot.“

Pilgergemeine

Von 1732 bis 1733 und 1736 bis 1747 war Zinzendorf aus dem Kurfürstentum Sachsen verbannt.
Durch Druck von Seiten der Habsburger, deren Bürger als Flüchtlinge in Sachsen aufgenommen
wurden, und durch Kritik der lutherischen Kirche, die z.B. die Rolle der Laien in der Brüdergemeine
beanstandeten, sah sich der Kurfürst zu dieser Maßnahme veranlasst. Zinzendorf machte aus der Not eine Tugend und zog mit einer Schar von Mitarbeitern durch Deutschland und Europa, 1741
und 1742 auch auf zwei Schiffsreisen nach Nordamerika und in die Karibik, um Gottes Wort zu
verbreiten und die Christen zu unterstützen. So entstanden zahlreiche Verbindungen zu Christen
und auch Niederlassungen nach dem Vorbild von Herrnhut, z.B. in Herrnhaag in Hessen, sowie in
Holland und England. Aus der Verbannungszeit erwuchs neben der Gemeinde- und Missionsarbeit
ein dritter Zweig, die Diaspora-Arbeit. Ähnlich wie die Missionare zogen Diaspora-Arbeiter von Herrnhut aus. Ein Beispiel ist Conrad Lange, der von 1739 an mit Frau, Schwester und Schwager
mit einem Handkarren, auf dem er sein Hab und Gut mit sich führte, als ein unerschrockener
Bekenner seines Heilandes durch Württemberg zog. Er ernährte sich und seine Begleiter von
seinem Schneiderhandwerk und fiel niemandem zur Last. Nur von seinen besten Freunden, von denen er keine Missdeutung zu befürchten hatte, ließ er sich hin und wieder ein Reisegeld
aufdrängen. Als ein Mann lauterer Frömmigkeit hat er ein Menschenalter hindurch die württembergischen Freunde besucht und sie auch in schwierigen Zeiten in der Liebe zum Herrn Jesus erhalten.(9)


Die Sichtungszeit

In den Jahren von 1743 bis 1749 geriet die Bewegung in eine kritische Phase, die als Sichtungszeit in die Kirchengeschichte eingegangen ist und die von Zinzendorf selbst angestoßen
wurde. Die Freiheit der Kinder Gottes sollte sich im Spielerischen und Kindlichen des Glaubens
ausdrücken. Die Gerechtigkeit läge nicht in dem Gläubigen, sondern allein in Christus und gründe
sich auf sein Blut und seine Wunden. Es entwickelte sich ein grotesker Blut- und Wundenkult.
Gott und Heiliger Geist wurden als „Papachen“ und „Mamachen“, der Herr Jesus als „Bruder Lämmlein“ bezeichnet. Der Christ fühlte sich als „Kreuzluftvögelein“, der ständig um das Kreuz
flattern möchte. Vor allem in Herrnhaag, wo die junge Generation unter der Leitung des Grafensohnes Christian Renatus, genannt Christel oder Christelchen, die Federführung hatte, drohte die Situation ins Alberne, Unnüchterne und Ekstatische abzugleiten. Auch der saubere Umgang der Geschlechter miteinander, der in Herrnhut sehr strikt geregelt war, drohte zu entgleiten, indem z.B. ein Bruder „mit etlichen Jungfern eine Schätzelgesellschaft“ gründete.(10) Allerdings sind keine Fälle von Unzucht bekannt geworden.
Zinzendorf beendete die Entwicklung durch einen sogenannten Strafbrief von London aus und sah nach einiger Zeit auch ein, dass er selbst mit Schuld an dieser Entwicklung trug.


Schwächen und Fehler

Zinzendorf hat stets betont, dass die Gläubigen zwar Heilige in Christus sind, jedoch Zeit des Lebens auf der Erde auch Sünder bleiben. Die von John Wesley, der übrigens durch die Herrnhuter zur Heilsgewissheit kam, angestrebte „sinnless perfection“, die sündlose Vollkommenheit, hat Zinzendorf als unbiblisch abgelehnt. Eine Hagiographie im Sinne einer katholischen Heiligenbeschreibung wäre ihm sicher völlig zuwider.
Deswegen möchte ich beispielhaft einige Punkte aufzählen, die aus meiner Sicht kritisch zu sehen sind.
Obwohl Zinzendorf die Christen unterschiedlicher Glaubensrichtungen schätzte und es ein wichtiges Motiv seiner Arbeit war, die Gläubigen aufgrund ihrer Verbindung zu Christus zu sammeln und zu vereinen, hat er zeitweilig mit erschreckender Schärfe über Christen gesprochen,
die aus der evangelischen Landeskirche austraten bzw. sich ihr aus Glaubensgründen nicht anschlossen. Die als „Separatisten“ bezeichneten gläubigen Zeitgenossen wurden von ihm als „die rechte Pest zu unseren Zeiten“ diffamiert.(11)
Zinzendorf hat die oftmals zitierten Zeilen gedichtet: „Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten,
worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist nicht um tausend Welten, sondern um dein Wort zu tun.“

Schwer zu verstehen ist, dass derselbe Mann dennoch eine gemäßigte Bibelkritik vertrat: „So wie kein Zweifel dran ist, dass im Grundtext Fehler sind; so ist um soviel weniger Zweifel daran, dass auch in den Übersetzungen viel sind und bleiben werden bis ans Ende der Welt.“(12) Seine
Überzeugung war, dass Gott in seiner Weisheit die „Haupt- und Grundwahrheiten, die zur Seligkeit gehören“, sorgfältig überliefern und übersetzen ließ und die Fehler sich bezogen auf „lauter Sachen, die allemals sein können, wie sie sind oder auch anders, darauf nicht viel
ankommt.“
Was das Sakraments- und Amtsverständnis Zinzendorfs angeht, so blieb er im Luthertum verhaftet. Er hat z. B. großen Wert darauf gelegt, als Pastor ordiniert zu werden und übte später
die Funktion eines Bischofs aus.
Verschiedentlich ist darauf hingewiesen worden, dass Zinzendorf Mitglied einer Freimaurerloge
war. Vermutlich stimmt das leider.
Auch bei anderen Christen wie John Wesley und Matthias Claudius, die in vieler Hinsicht Vorbilder
waren, scheint das bedauerlicher Weise der Fall gewesen zu sein. Ihnen allerdings aufgrund dieser Tatsache abzusprechen, dass Gott durch sie zum Segen vieler gewirkt hat, erscheint mir
vermessen.


Triumphaler Abschied
Im April 1760 erkrankte Zinzendorf schwer.
Bereits vier Jahre zuvor war seine Frau Erdmuth Dorothea gestorben. Zinzendorf hatte ein Jahr
später seine langjährige Mitarbeiterin Anna Nietschmann geheiratet. Kurz vor seinem Heimgang
sagte er zu David Nitschmann:
„Habt ihr wohl im Anfang gedacht, dass der Heiland so vieles tun würde, als wir nun wirklich mit Augen sehen an den Gemeinorten, an so vielen hin und her zerstreuten Kindern Gottes und unter den Heiden? Bei diesen habe ich es nur auf Erstlinge angetragen und nun geht’s in die Tausende. Nitschmann, welch formidable Karawane steht schon um’s Lamm herum aus unserer Ökonomie.“

In der letzten Nacht flüsterte er mit schwacher Stimme seinem Schwiegersohn, Johannes von Watteville, zu:
„Mein guter Johannes, ich werde nun zum Heiland gehen; ich bin fertig, ich bin in den Willen meines Herrn ganz ergeben und er ist mit mir zufrieden. Will er mich nicht länger hier brauchen,
so bin ich ganz fertig, zu ihm zu gehen, denn mir ist nichts mehr im Wege.“(13)
Am 09.05.1760 verschied Zinzendorf, ein „Fürst Gottes“, welcher der verstandesgläubigen und menschenzentrierten Zeit der Aufklärung die klare Alternative der Christusliebe und Christus-Nachfolge vorgelebt hat.


 

Nachtext

05.03.1740
Hochwohlgeborener, besonders lieber Graf.
Es ist mir dessen Schreiben vom 24. Februar wohl zu Händen gekommen, und ich bin Ihm für das gute Andenken, und dass Er mir seinen christlichen Rat in meinen Umständen geben will, obligiert. Nach meiner Überzeugung stehe ich mit Gott und meinem Heiland sehr gut und unterwerfe Ihm mich und meine zeitliche und ewige Wohlfahrt in dem kindlichen Vertrauen, Er werde mich zu Gnaden nehmen.
Meine Sünden bereue ich herzlich und werde mich durch Gottes Gnade bearbeiten, solche noch mehr, und so viel schwachen Menschen nur möglich ist, abzulegen und suchen, Gott dankbar zu werden. Ein Kopfhänger bin ich dabei nicht und werde es auch nicht werden, weil ich glaube, dass das tätige Christentum nicht darinnen besteht. Ich vergebe auch meinen Feinden von Herzen alles Böse, so sie mir getan haben, hoffe aber, allein durch die Barmherzigkeit Gottes in dem Verdienst Christi selig zu werden. Übrigens verharre ich allezeit dessen wohlaffektionierter König.

Friedrich Wilhelm I.
P.S.. Ich erwarte Antwort.

--------------------------------------------------

Übrigens haben Ew. Majestät ganz recht, dass Sie weder selbst im öffentlichen Leben den Kopf hängen lassen, noch es an anderen lieben.
Ich gehe auch so gerade ich kann. Aber es kommen Zeiten, da auch Könige krumm und sehr gebückt und den ganzen Tag traurig gehen müssen, wenn die Sünden über das Haupt gehen und wie eine schwere Last zu schwer werden. Wie es ist und wann es aufhört, steht schon im 116. Psalm. In dem Fall wäre es nicht gut, wenn man den Kopf nicht hängen lässt. […]
Ich küsse Ew. Majestät mit tiefstem Respekt den Rock und bin mit der allerdemütigsten Ehrfurcht Ew. Königlichen Majestät treu gehorsamer Diener

Zinzendorf
(Aus einem Brief vom 04.04.1740 an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I

Quellenangaben


1 Beyreuther, 1959, S. 131
2 Beyreuther, 1959, S. 167
3 Beyreuther , 1959, S. 177
4 Beyreuther, 1959, S. 204
5 http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Gebetskette.html (03.08.2010)
6 Geiger, S. 158
7 Beyreuther, Erich: Zinzendorf und die Christenheit, Marburg an der Lahn, 1961, S. 15
8 Beyreuther, 1961, S. 15
9 Beyreuther, 1961, S. 44
10 Geiger, S. 245
11 Beyreuther, 1961, S. 42
12 zitiert in Beyreuther, 1961, S. 60
13 Beyreuther, 1961, S. 284 f.