Zeitschrift-Artikel: Gott

Zeitschrift: 76 (zur Zeitschrift)
Titel: Gott
Typ: Artikel
Autor: William MacDonald
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1308

Titel

Gott

Vortext

Vorbemerkung: Eine Buchbesprechung in einer der vorigen Ausgaben von »Fest und treu« hat zahl­reiche Diskussionen und teilweise auch heftige Auseinandersetzungen ausgelöst. Die Spannung zwischen der »Souveränität Gottes« und der »Verantwortung des Menschen«, die in den vergange­nen Jahrhunderten bereits heftige Kontroversen ausgelöst hat und an der auch Freundschaften wie die zwischen John Wesley und George Whitefield fast zerbrochen sind, treibt auch heute noch Keile zwischen Brüder, die sich ansonsten sehr nahe stehen.
Manchmal wurden die Standpunkte sehr einseitig und überspitzt vertreten, so daß oft auch Mißver­ständnisse die Diskussion zusätzlich erhitzt haben. Wir möchten nun nicht neues Holz auf dieses alte Feuer werfen, sondern mit dem folgenden Beitrag von W. MacDonald, der dieses Thema — wie ich finde — ausgewogen und biblisch darstellt, Mißverständnisse beseitigen.
Wolfgang Bühne

Text

Dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist,
und dessen Reich
von Geschlecht zu Geschlecht währt.
Und alle Bewohner der Erde
sind wie nichts gerechnet,
und nach seinem Willen verfährt er
mit dem Heer des Himmels
und den Bewohnern der Erde.
Und da ist niemand,
der seiner Hand wehren
und zu ihm sagen könnte:
»Was tust du?«
                                      Dan 4,31-32


Dieses Zitat ist besonders passend, wenn wir bedenken, wer es schrieb und wann es geschrieben wurde. Der Autor ist Nebukadnezar, der absolute Monarch und Alleinherrscher über das babylonische Reich. Er schrieb diese Zeilen, nachdem Gott ihn wegen seines arroganten Stolzes gedemütigt hatte. Sogar dieser heidnische König verstand, daß der Herr erhaben über Himmel und Erde ist, daß er von nieman­dem aufgehalten werden kann und nie­mandem verantwortlich ist.
Ja, unser Gott ist souverän; er ist der höchste Herrscher des Universums. Als derjenige, der die volle Verantwortung trägt, kann er tun, was ihm gefällt, und was immer ihm zu tun gefällt, ist gut, annehm­bar und vollkommen. Um es sehr verein­facht auszudrücken: Die Lehre über die Souveränität Gottes läßt ihn Gott sein, und sie weigert sich standfest dagegen, daß Gott mit uns auf eine Stufe gestellt wird. Er steht über allem und kann ohne Erklärung, Erlaubnis oder Entschuldigung tun, was er will.
Über seine Herrschergewalt lesen wir in Epheser 1,11: »Und in ihm haben wir auch ein Erbteil erlangt, die wir vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Rat seines Willens wirkt.« Diese letzte Feststellung ist der Angelpunkt —»der alles nach dem Rat seines Willens wirkt«. Das bedeutet, daß Gott so handeln kann, wie es ihm gefällt.
Jesaja zeigt uns den Herrn folgender­maßen:

»... der ich von Anfang an den Ausgang ver­künde und von alters her, was noch nicht geschehen ist, — der ich spreche: Mein Rat­schluß soll zustande kommen, und alles, was mir gefällt, führe ich aus« (Jes46,10).

Hier behauptet Gott, daß er nichts weni­ger als die höchste Autorität besitzt. Die absolute Souveränität wäre in niemandes Händen sicher — außer bei Gott. Solange er sie ausübt, besteht keine Gefahr von Ty­rannei oder Gewaltherrschaft.
Für Gläubige ist es wunderbar zu wis­sen, daß Gott über allem steht. Es ist eine Quelle großen Trostes zu wissen, daß wir nicht Opfer eines blinden Zufalls sind, son­dern unter seinem Schutz stehen. Wenn der höchste Regent auf unserer Seite steht, kann niemand erfolgreich gegen uns kämpfen (Röm 8,31).
Der einfühlsame englische Dichter William Cowper lehrt uns, aus dem Wissen über Gottes Vorherrschaft immer wieder neuen Mut zu schöpfen:

Geheimnisvoll ist oft sein Weg,
die Wunder zu vollbringen.
Durch tiefe Wasser führt sein Steg
und auf des Sturmwinds Schwingen.
Nicht ängstlich, Heil'ge, fasset Mut!
Die Wolk', draus Blitze schießen,
will reich an Heil und Segensflut
sich über euch ergießen!


Die Souveränität Gottes ist ein Thema, das der Anbetung viel Stoff liefert. Nichts wäre passender, als daß wir uns vor ihm in den Staub werfen in Huldigung, Lobpreis und Dank für diese wundervolle Eigen­schaft. J. Sidlow Baxter gibt uns eine Betrachtung voller Bewunderung über die Souveränität des Gottessohnes:

Das Wunder, das Jesaja erschütterte, war, daß der Verachtete, Verworfene, Erniedrig­te, Mißhandelte, Verwundete, Durch­bohrte, Zerbrochene, Widerstandslose, der sanft und demütig im Leiden unsere Sünden trug, den er als Lamm sah, das zur Schlach­tung geführt wird, derselbe war, den er vor­her von überwältigendem himmlischen Glanz umgeben gesehen hatte — der auf dem strahlenden Thron der Herrlichkeit sitzt und über alle Völker und Jahrhunderte hinweg in höchster Macht regiert! Seine all­mächtige Herrschergewalt, die eine Million Sonnen unwiederbringlich zermalmen könnte, diese Gewalt mit ihrem sünden­verzehrenden, heiligen Feuer, die das ganze menschliche Geschlecht von Sündern in ei­nem Augenblick verzehren könnte, diese ewige Herrschergewalt, die alle Welten und alles Existierende regiert, diese Gewalt wird Fleisch in der Person Jesu, steigt von diesem unbeschreiblich ruhmvollen Thron herab und hängt am Kreuz eines Verbrechers als Lamm, das die Sünde der Welt trägt!(1)

Und wenn der Herr der höchste Herr­scher ist, ist es nur recht und billig, daß wir uns ihm unterwerfen. Er ist der Töpfer und wir sind der Ton. Es wäre lächerlich, wenn der Ton den Töpfer in Frage stellen oder sich dem Druck seiner Hand widersetzen würde. Die einzig vernünftige Reaktion ist:

Herr, beuge mich! Mach aus dem Ton,
der doch zu nichts sonst für dich wert,
ein dir gebräuchliches Gefäß,
das dich gebeugt, zerbrochen ehrt!(2)

Manche Menschen haben Probleme mit Gottes souveräner Auswahl, mit der Tatsa­che, daß er gewisse Menschen vor Grund­legung der Welt in Christus auserwählt hat (Eph 1,4). Es ist schwer für sie, das in Ein­klang mit den vielen Bibelstellen zu brin­gen, die jeden einladen: Es komme, wer da will. Die Tatsache ist, daß die Bibel souve­räne Auswahl und menschliche Verant­wortung lehrt. Die Wahrheit liegt nicht ir­gendwo dazwischen, sondern in beiden Extremen. Es sind parallele Wahrheiten, die sich erst in der Unendlichkeit treffen. Der menschliche Verstand kann Aus­erwählung und den freien Willen des Men­schen nicht zusammenbringen, aber wir glauben beides, weil die Bibel beides lehrt. Das Problem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns, weil das über unser Verständnis hinausgeht.
Die Tatsache, daß Gott einige zur Erret­tung auserwählt hat, bedeutet nicht, daß er die anderen dazu bestimmt hat, verloren zu gehen. Die Welt ist schon verloren und tot in Sünden. Wenn Gott nicht eingreifen würde, wären wir alle auf ewig verdammt. Die Frage ist: Hat Gott das Recht sich nie­derzubeugen, eine Handvoll von schon verlorenem Ton zu nehmen und ein Gefäß voller Schönheit daraus zu formen? Natür­lich darf er das. C. R. Erdman steIlte es in die richtige Perspektive, als er sagte:

Die Souveränität Gottes zeigt sich nicht dar­in, daß Menschen, die sonst gerettet wür­den, verdammt werden, sondern in der Er­rettung von Menschen, die sonst verloren wären.(3)

Die einzige Möglichkeit für Menschen, zu erfahren, ob sie unter den Auserwähl­ten sind, besteht darin, daß sie Jesus Chri­stus als ihrem Herrn und Erlöser vertrauen (1Thes 1,4-7). Gott macht die Menschen verantwortlich, den Erlöser durch einen Willensakt anzunehmen. Als Jesus die Ju­den, die nicht glaubten, tadelte, machte er ihren eigenen Willen dafür verantwortlich. Er sagte nicht: »Ihr könnt nicht zu mir kom­men, weil ihr nicht erwählt seid«, sondern er sagte: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt« (Joh 5,40).
Die eigentliche Frage eines Gläubigen ist nicht: Hat der souveräne Gott das Recht, Menschen zur Errettung auszuerwählen? sondern: Warum hat er mich auserwählt? Das sollte uns für alle Ewigkeit zu Anbe­tern machen.
Noch eine Frage erhebt sich manchmal in Verbindung mit der Souveränität Got­tes: Warum ließ er die Sünde zu? Wenn er der höchste Herrscher ist, warum ließ er dann all die Verwüstung zu, die das Ergeb­nis der Gesetzlosigkeit seiner Geschöpfe ist? Vielleicht ist das Folgende wenigstens eine Teilantwort:
Bei seinem Entschluß, Engel und Men­schen mit freier Entscheidungsmöglichkeit zu erschaffen, wußte Gott notwendiger­weise auch um die Möglichkeit, daß sie ge­gen ihn rebellieren könnten. Natürlich hät­te er sie auch ohne freien Willen erschaffen können. Er hätte sie wie Roboter machen
können, die sich immer und überall vor ihm verneigen. Aber es ehrt Gott mehr, wenn seine Geschöpfe ihn aus freiem Wil­len lieben und anbeten.
Wie wir wissen, beschloß Satan gegen Gott im Himmel zu rebellieren. Danach war er ihm auf Erden ungehorsam und brachte eine Flut von Krankheit, Schmerz, Leid und Tod. Aber Gott kann weder be­siegt noch überlistet werden. Er begann, den ganzen wunderbaren Plan der Erlö­sung in die Tat umzusetzen. Als Ergebnis des vollbrachten Werks Christi am Kreuz hat Gott mehr Ruhm bekommen und die Gläubigen haben mehr Segen erlangt, als wenn Adam niemals gesündigt hätte. Wir haben es in Christus besser, als wir es je­mals in einem sündlosen Adam hätten ha­ben können. Jemand hat es auf den Punkt gebracht: »In Christus erfreuen sich die Söhne Adams über mehr Segnungen als ihr Vater verlor.« So hat Gott immer das letzte Wort. Wenn die Sünde in seine Schöpfung einbricht, ist sein Plan nicht vereitelt, sondern er erreicht dadurch ein noch höheres Ziel.
Die Souveränität ist eine wunderbare Eigenschaft Gottes. Fürchte dich niemals davor. Ruhe darin. Erfreue dich daran. Bete ihn dafür an. Und gestatte ihm, Gott zu sein, indem du mit dem unbekannten Dichter sprichst:

Herrschend, leitend, alles lenkend
hast du das Ali in deiner Hand.
Hier erhebst du, dort verstößt du,
niemand hält vor dir, Herr, stand.
Deine absolute Macht und Weisheit
haben wir, o Herr, erkannt!

Nachtext

Quellenangaben

(1) J.Sidlow Baxter, The Master Theme of the Bible: Grateful Studies in the Compre­hensive Saviorhood of Our Lord Jesus Christ, Seite 80.
(2) Lucy Ann Bennett, deutsch von Hedwig v. Redern
(3) Charles R. Erdman, The Epistle of Paul to the Romans, Seite 109.