Zeitschrift-Artikel: Es ist nicht mehr gefährlich, Christ zu sein...

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Titel: Es ist nicht mehr gefährlich, Christ zu sein...
Typ: Artikel
Autor: A.W. Tozer
Autor (Anmerkung):

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Titel

Es ist nicht mehr gefährlich, Christ zu sein...

Vortext

Text

Allgemein läßt sich sagen, daß der Fundamentalismus, wie er sich in den verschiedenen kirchlichen und nichtkirchlichen Gruppen darstellt, ein Opfer seiner eigenen Tugend wurde, Die Verbal-Inspiration zum Beispiel wurde bald von Totenstarre heimgesucht. Die Stimme des Propheten wurde zum Schweigen ge­bracht und der Schriftgelehrte beherrschte hinfort die Gemüter der Frommen.

Nicht die Schrift, sondern das, was die Schriftgelehrten behaupteten, es stände in der Schrift, wurde zum christlichen Glaubensbekenntnis. Das System einer extremen Betonung der Rechtgläubigkeit, das sich entwickelte, entlastete den Christen von Umkehr, Gehorsam und Kreuzesnachfolge. Was allein zählte, war die reine Lehre.

Eine Art kalter Nebel breitete sich über dem rechten Glauben aus. Die wichtigsten Glaubenswahrheiten waren da, aber in diesem Klima erfroren die empfindlichen Früchte des Heiligen Geistes.

Dann kam der Aufstand. Der Mensch kann die Tyrannei des Buchstabens lange ertragen, aber schließlich kommt der Tag, an dem er sich dagegen auflehnt. So kam es, daß sich still und fast unbemerkt die Mehrheit der Fundamentalisten auflehnte — nicht gegen die Lehren der Bibel, aber gegen die geistige Vormund­herrschaft der Schriftgelehrten.

Die Folge waren in den letzten 20 Jahren religiöse Entgleisungen, die man fast mit der Anbetung des gol­denen Kalbes durch die Israeliten gleichsetzten könnte. Die Kirche war vom Rest der Welt so gut wie nicht zu unterscheiden.

Abgesehen von einigen extremen Sünden, werden alle Sünden dieser Welt von einer erschreckend gro­ßen Zahl bekennender "wiedergeborener" Christen nicht nur akzeptiert, sondern auch kopiert. Junge Chri­sten nehmen sich die Angepasstesten zum Vorbild und eifern ihnen nach.

Die religiösen Leiter haben sich bei der Werbung ihre Techniken abgeschaut: Prahlerei, Manipulation und schamlose Übertreibung kommen inzwischen als normale Formen christlicher Arbeit daher. Das Verhal­ten wird nicht vom Neuen Testament bestimmt, sondern von Hollywood und Broadway. Der Glaube unserer Väter ist an vielen Orten zur puren Unterhaltung verkommen, und was ihnen eine Herausforde­rung und ein Ansporn war, hat man auf das Niveau der Masse heruntergeschraubt.

Das radikale Element in Leben und Lehre der Christen, das einst dazu führte, daß man die Christen haßte, fehlt heute vollständig bei Evangelisationen. Christen waren einst Revolutionäre, davon spürt man heute nichts mehr. Es ist nicht mehr gefährlich oder kostspielig, Christ zu sein. Die Gnade ist nicht mehr frei, sondern billig. Wir tun alles, um der Welt zu beweisen, daß man die Wohltaten des Evangeliums haben kann, ohne daß man die Unbequemlichkeiten eines geistlichen Lebenstils auf sich nehmen muß.

Aus diesem Grund ist es sinnlos, wenn große Gruppen von Gläubigen viele Stunden damit zubringen, Gott um eine Erweckung zu bitten. Wenn wir nicht zu einer Umkehr bereit sind dann brauchen wir auch nicht zu beten. Wenn die Beter nicht die Einsicht und den Glauben haben, ihr ganzes Leben aufzurollen, um es den Ansprüchen des Neuen Testamentes anzupassen, wird es keine echte Erweckung geben.


Nachtext

Quellenangaben

AUSZUG AUS: A.W. TOZER: »GEISTLICHE TIEFE GEWINNEN«, ZAPF & HOFMANN