Zeitschrift-Artikel: Wenn ein Führer zum Mörder wird...

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Titel: Wenn ein Führer zum Mörder wird...
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Wenn ein Führer zum Mörder wird...

Vortext

Joab und die Frage des Zerbruchs

Text

»...DIESE MÄNNER, DIE SÖHNE DER ZERUJA, SIND ZU HART FÜR MICH.«
                                                                                              2. SAMUEL 3,39

»UND DU WEIßT JA AUCH, WAS MIR JOAB GETAN HAT, DER SOHN DER ZERUJA, WAS ER DEN ZWEI HEEROBERSTEN ISRAELS GETAN HAT... INDEM ER SIE ERMORDETE UND KRIEGSBLUT IM FRIEDEN VERGOß.«                                                                                1. KÖNIGE 2,5


Joab war und ist für mich eine der schillernsten und faszinierendsten Männer des Alten Testamentes. Schon als Kind ha­ben mich seine heldenhaften Taten und Er­oberungen beeindruckt. Seine Loyalität David gegenüber und sein Vorbild als Füh­rer, der nicht andere an die Front beorder­te, sondern selber an der Spitze seines Hee­res voranzog und sein Leben für die Sache seines Gottes und Volkes in die Waagscha­le warf.
Es war für mich unbegreiflich, warum ausgerechnet dieser hingegebene Kämpfer am Ende seines Lebens auf den Befehl Da­vids und Salomos am Altar Gottes getötet wurde. Dazu kam noch, daß der Vollstrek­ker dieser Exekution Benaja war, ein weite­rer Held Davids, der auch zu meinen alt­testamentlichen Idolen gehörte.
Bis heute wirft die Persönlichkeit Joabs viele Fragen auf. Sein Charakter zieht an und schreckt gleichzeitig ab. Und doch vermittelt uns eine Charakterstudie dieses rätselhaften Strategen eine Menge Einsich­ten über die Abgründe unserer eigenen Herzen.
Zu allen Zeiten waren die Ausleger des Alten Testamentes in der Beurteilung Joabs geteilter Meinung. Die einen sahen in ihm einen eiskalten, berechnenden Mann, der seine Machtambitionen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzte und schließlich den gerechten Lohn seiner Bluttaten emp­fing. Andere sahen in Joab mehr das Bild eines fleischlichen Christen, der seine oft guten Ziele mit eigener Kraft erreichen wollte, dabei über Leichen ging und erst am Ende seines Lebens dort starb, wo jeder Christ möglichst früh sterben sollte: »...da floh Joab zum Zelt des Herrn und erfaßte die Hörner des Altars ...und Benaja, der Sohn Jojadas, ging hinauf und stieß ihn nieder und tötete ihn.« (1Kö 2, 28.34)
Hier ist kein Platz, alle Taten und Win­kelzüge dieses Mannes zu beleuchten. Ich möchte nur auf einige auffallende Eigen­schaften und Charakterzüge aufmerksam machen.


Ein "Sohn der Zeruja"

Während wir von dem Vater Joabs nichts lesen, wird Joab an vielen Stellen 'Sohn der Zeruja< genannt. Zeruja war eine Schwester Davids und Joab also ein Neffe des Mannes, der Goliath erschlagen hatte.
Entweder war der Vater Joabs früh ge­storben, oder aber er war eine farblose Per­son, die auf das Leben des Sohnes (der Name Joab bedeutet: >Gott ist mein Vater<) wenig Einfluß hatte. Jedenfalls scheint die Mutter Zeruja eine ausgeprägte Persön­lichkeit gewesen zu sein. Immerhin gehör­ten ihre drei Söhne später zu den Heerfüh­rern und Helden Davids. Die Übersetzung ihres Namens >Wächterin< zeigt vielleicht etwas von ihrem Charakter, mit dem sie ihre Söhne prägte, die alle drei keine Schlafmützen unter den Soldaten Davids waren.
Wie gut, wenn wir auch heute Mütter haben, die über die Entwicklung ihrer Kin­der wachen und mit dafür sorgen, daß sie Glaubenshelden in der Nachfolge des Soh­nes Davids werden.


Eine Führernatur

Es scheint schon frühzeitig deutlich ge­worden zu sein, daß Joab Führerqualitätenbesaß. Obwohl wahrscheinlich Abisai nach 1Chr 2.16 der Erstgeborene war, wird er doch »der Bruder Joabs« genannt. Daraus kann man schließen, daß Joab bereits in jungen Jahren dominierte und in der Fami­lie den Ton angab.
Man sagt, daß manche Männer »zum Führer geboren« sind. Joab scheint diesen Charakterzug geerbt zu haben. Sicher kam dann auch noch die Prägung und Erzie­hung des Elternhauses dazu.
Führer im Volk Gottes sind zu allen Zei­ten nötig, aber selten. Sie sind nötig, um Prozesse in Gang zu bringen, Veränderun­gen zu schaffen, Aufbrüche zu wagen aber auch um Frieden und Eintracht zu bewah­ren.
Der Mangel an Führungspersönlichkei­ten wird heute in der Politik, in der Wirt­schaft, im Sport — aber auch im Volk Gottes beklagt. Es fehlt an Männern, die Verant­wortung übernehmen, Entschlußkraft ha­ben und fähig sind, Entscheidungen zu treffen.
Aber gleichzeitig sind solche Männer eine große Gefahr für ihre Umgebung, wenn ihre Führerqualitäten mit Machtstre­ben, Ehrgeiz und Habsucht verbunden sind. Deswegen haben Führer im Volk Gottes eine >Spezialausbildung< in den Fä­chern Zerbruch und Demut nötig, wenn sie im Segen Gottes und zum Wohl der Gemeinde führen wollen. Und genau hier wird ein Unterschied zwischen David und Joab deutlich: David hat in den langen Jah­ren der Verwerfung, Verfolgung und De­mütigung einen Charakter entwickelt, der ihn zu einem Mann »nach dem Herzen Gottes« machte. Joab dagegen wurde nie damit fertig, wenn er für eine Zeit seine Macht mit einem anderen Heerführer tei­len oder sich ihm gar unterordnen mußte.


Ein Mann der Tat

Man teilt gerne Menschen danach ein, ob sie beziehungsorientiert oder ergebnis­orientiert sind. David war unbedingt ein Mann der Beziehungen. Das war seine Stärke und Schwäche zugleich. Er hatte viele Freundschaften, die er pflegte, er hat­te (leider!) viele Frauen und damit auch viel Not mit seinen Kindern. David war ein Mann, der lachen und weinen konnte.
Während die Bibel viele Begebenheiten aus dem Leben Davids schildert, die mit seinen Beziehungen zu tun haben, werden wir Schilderungen dieser Art aus dem Le­ben Joabs vergeblich suchen. Wir erfahren weder etwas über seine Frau, noch über seine Kinder. Sein Leben spielte sich auf dem Schlachtfeld ab. Da, wo es etwas zu erobern gab, wo Feinde in die Flucht gejagt oder das Volk Gottes verteidigt werden mußte, stand Joab an forderster Front.
Das, was Gott dem Hiob über das >Roß< zu sagen hat, könnte man gut als Charakterbeschreibung Joabs bezeichnen:

»Er lacht der Furcht und erschrickt nicht und kehrt vor dem Schwert nicht um.... Beim Schall der Posaune ruft er: Hui! Und aus der Ferne wittert er die Schlacht, den Donnerruf der Heerführer und das Feldgeschrei.« (Hi 39,22.25)

In fast allen Geschichten, die wir in der Bibel über Joab lesen, finden wir ihn mit dem Schwert in der Hand und als er einmal in Friedenszeiten eine Volkszählung durchführen sollte, war ihm der Befehl des Königs »ein Greuel« (1Chr 21,6). Wir wis­sen, daß in diesem Fall geistliche Gründe die Ursache für Joabs Unbehagen waren. Aber es fällt auch schwer, uns Joab mit Federkiel und Zähllisten bewaffnet vorzu­stellen. Er hätte sich lieber mit den Phili­stern geprügelt als Hausbesuche zu ma­chen.
Das war seine Stärke und zugleich seine Schwäche. Er kannte keine Tränen, son­dern fühlte beim Tod seines Bruders Asael nur Zorn und Rachegedanken.


Ein hinterlistiger Mörder

Zwei Begebenheiten geben Aufschluß über die dunklen Abgründe im Herzen Joabs. Als zu befürchten war, daß David plante, den Opportunisten Abner zum Heerführer zu machen (2Sam 3), konnte sich Joab mit der möglicherweise bevorste­henden Degradierung und Demütigung nicht abfinden. Natürlich hatte er auch noch ein Hühnchen mit Abner zu rupfen, weil dieser seinen Bruder Asael getötet hat­te. Vertrautheit vortäuschend ermoderte Joab seinen Konkurrenten auf eine gemei­ne, hinterlistige Art, die eines Heerführers unwürdig war.
Es spricht manches dafür, daß Joab den Charakter des Abner und das politische Ri­siko, das David mit Abner einging, besser einschätzte, als der König selbst. Aber das war nur vordergründig. Es ging Joab — wie auch beim Mord an Amasa — in Wirklich­keit darum, seine Position der Macht nicht preiszugeben. Unterordnung war für ihn ein unerträglicher Gedanke und jeder, der eine Bedrohung für seine Position als Heerführer darstellte, wurde eiskalt besei­tigt.
Leider ist das nicht nur eine blutige Ge­schichte aus alten Tagen, bei der es einem kalt über den Rücken läuft. Auch in unse­rer Zeit wiederholt sich diese Begebenheit in vielen Variationen, weil jeder Führer im Volk Gottes ein potentieller Machtmensch ist, wenn er nicht in der Schule Gottes durch Demütigungen demütig geworden ist und durch Zerbruch gelernt hat, den anderen höher zu achten als sich selbst.
Bei wieviel Streit und Trennungen in unseren Gemeinden scheinen geistliche und theologische Gründe für die Ausein­andersetzung ausschlaggebend zu sein, während die wirklichen Ursachen oft in persönlichen Ambitionen und Verletzun­gen von Führern zu suchen sind, die nicht mit David von Herzen sagen können: »Ich will noch geringer werden denn also und will niedrig sein in meinen Augen...«(2Sam 6,22).


Spät, aber nicht zu spät


Es ist bewegend, über den Tod dieses Heerführers nachzudenken, dessen Leben neben manchen Heldentaten doch leider eine ungute Blutspur hinterlassen hat. Als das Todesurteil über Joab feststand, floh er zur Stiftshütte »und erfaßte die Hörner des Altars.«(1Kö 2,28)
Benaja, der das Urteil zu vollstrecken hatte, forderte ihn auf, den Altar zu verlas­sen. Aber dann hören wir Worte aus dem Mund dieses Helden, die er leider erst sehr spät, aber nicht zu spät aussprach: »Nein, sondern hier will ich sterben.«
So endet das bewegte Leben Joabs, in dem so oft vom Schwert und Blut die Rede war, damit, daß nun auf eigenen Wunsch das Schwert in sein Herz gestoßen wird.
Dort am Altar Gottes fand das "Ich" und der bisher ungebrochene Eigenwille Joabs ein endgültiges Ende.
Gott schenke, daß wir alle in jüngeren Jahren diese lebenswichtige Erfahrung ma­chen und mit Paulus bekennen können:

»Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestor­ben, auf daß ich Gott lebe; ich hin mit Chri­stus gekreuzigt und nicht mehr lebe ich, son­dern Christus lebt in mir.« (Gal 2,19-20)



Nachtext

Quellenangaben