Zeitschrift-Artikel: Eine Rechenaufgabe im Hühnerstall...

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Titel: Eine Rechenaufgabe im Hühnerstall...
Typ: Artikel
Autor: Ralf Shallis
Autor (Anmerkung):

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Titel

Eine Rechenaufgabe im Hühnerstall...

Vortext

Text

Ich denke an eine Erfahrung, die ich frü­her in Afrika machte. AIs Gesandter Jesu Christi fand ich mich zusammen mit mei­ner Frau inmitten einer halben Million Menschen im südlichen Teil der Stadt Al­gier, wo niemand das Evangelium verkün­dete. Ich wusste, dass Gott mich für einen jeden Menschen dieser riesigen Agglome­ration verantwortlich machte. Aber wie sollte ich es anstellen, um alle zu erreichen? Wie sollte ich einen Einfluss auf eine Regi­on ausüben können, wo die Unkenntnis des wahren Christus und der Bibel nahezu total war?
Mit dieser großen Last auf dem Herzen betete ich eines Tages allein in meinem Büro (ich nenne es »Büro«, aber in Wahr­heit war es ein Hühnerstall ohne Hühner; denn wir waren sehr arm) und da hat mir Gott einen Gedanken eingegeben.
»Nimm einen Schreibstift!«, sagte er, »und mache zuerst eine Rechnung. Nehmen wir an, du bist ein sehr erfolgreicher Evangelist, so erfolgreich, dass du in die­sem Jahr 100 Seelen für den Herrn ge­winnst. Wie lange würdest du brauchen, um die halbe Million zu bekehren, die vor deiner Haustür sind?«
Immer noch auf den Knien, habe ich die Rechnung gemacht. Wenn ich pro Jahr 100 Seelen gewinnen sollte, würde ich zehn Jahre brauchen, um 1000 zu gewinnen. Ich sagte mir, dass das gar nicht so schlecht wäre.
Aber Gott drängte mich, die Rechnung weiterzuführen. Ich stellte fest, dass ich mindestens 5000 Jahre brauchen würde, um eine halbe Million Menschen für den Glauben zu gewinnen — und gleichzeitig hätte die Weltbevölkerung sich so schnell vermehrt, dass diese Anzahl praktisch
ohne Gewicht wäre.

Noch immer auf den Knien vor Gott, verstand ich, dass ich meine Rechnung von vorn anfangen musste. Zudem traute ich mir nicht zu, in meiner Lage und unter den dortigen Umständen 100 Seelen zu gewinnen. Ich wusste nur, dass ich mit dem Mut, den Gott mir gab, die Menschen nach und nach evangeli­sieren konnte.
»Gut«, sagte mir der Herr, »neh­men wir an, du wirst wenigstens eine Person pro Tag in ernsthafter Weise mit dem Evangelium bekanntma­chen (ich machte schon mehr!). Hast Du nicht den Glauben, dass ich fähig bin, im Verlauf eines Jahres wenig­stens eine dieser 365 Personen zu ret­ten? Wo wäre sonst dein Glaube an meine Verheißungen?«


Ich protestierte: »Herr, das ist zu bescheiden! In diesem Tempo werden wir nie etwas erreichen!« Aber er antwortete mir: »Anstatt dass du einfach rund 100 Menschen bekehrst, machst du aus diesem einen geistlichen Kind, das ich dir gebe, deinen engen Freund. Dein Haus und dein Herz werden ihm offen sein, du betest beständig mit ihm, du lehrst ihn, du bringst ihm bei, wie er mein Wort ernst­haft studieren kann. Und du fährst gleich­zeitig mit dem Evangelisieren anderer See­len fort, Tag für Tag. Bald wird dein Freund sich dir anschließen und das Gleiche tun wollen und damit wäret ihr zu zweit, ihr wäret schon eine Mannschaft. Zu zweit ist die Evangelisation einfacher und wirksa­mer.
Am Ende eines Jahres werdet ihr zwei­mal 365, das heißt 700 oder 800 Menschen gründlich evangelisiert haben. Euer klei­ner Glaube wird euch am Ende des Jahres auch je ein geistliches Kind geschenkt ha­ben. Mit anderen Worten, am Ende von zwei Jahren wäret ihr schon vier Gläubi­ge...«
Das schien mir noch immer übermäßig langsam, aber Gott hörte nicht auf, zu mei­nem Herzen zu reden. »Fahre fort!« sagte er. »Das Wichtigste ist jetzt, dass diese neu­en Gläubigen die gleiche geistliche Schu­lung bekommen wie der Erste. Zusammen vermittelt ihr ihnen während des darauf folgenden Jahres die gleiche Schau, die gleiche Qualität geistlichen Lebens, die gleiche Motivation, die ihr habt: eine be­dingungslose Liebe zum Herrn, zu den Geschwistern und zu den verlorenen See­len. Das Entscheidende ist, dass die jedes Jahr neu gewonnenen Brüder und Schwestern mein Wort verstehen lernen und meine Gegenwart in ihrem Umgang miteinander er­fahren. «

Ich habe meine Rechnung fortgesetzt. Am Ende von drei Jahren sind wir 8; nach 4 Jahren 16, nach 5 Jahre 32, nach 6 Jahren 64 ... Aber das ist noch immer zu langsam! sag­te ich mir. Sogar der klassische Evangelist mit seinen 100 Bekehrten pro Jahr erreicht mehr.
Aber der Geist Gottes antwortete mir: »Rechne weiter!«

Unter der Voraussetzung, dass diese mäßige Gangart beibehalten wird und je­der Gläubige jedes Jahre eine Seele ge­winnt, kommt man in 10 Jahren auf 1 000 Seelen, die nicht allein von neuem gebo­ren, sondern die auch wahre Jünger Christi geworden sind, die eine gründliche Kennt­nis der Schrift, ein kraftvolles Gebetsleben und ein wirksames Zeugnis besitzen. Und vor allem anderen: Sie haben die Gedan­ken des Herrn so weit verstanden, dass sie untereinander und in all ihren Unterneh­mungen nach innen und im Zeugnis nach außen die Gegenwart des Herrn kennen.
Immer noch auf den Knien in meinem Hühnerstall, setzte ich meine kleine Studie fort: Unter der Voraussetzung, dass man nur die Zahl der Jünger von Jahr zu Jahr verdoppelt (welches gewiss die niedrigste Marke ist, die man anvisieren kann), kam ich auf das Ergebnis, dass am Ende von le­diglich 19 Jahren eine halbe Million Men­schen zum Glauben an Christus gekom­men wären, welche ihrerseits wiederum Seelengewinner wären. Ich habe die er­staunliche Entdeckung gemacht, dass es am Ende von 30 Jahren über eine Milliarde Christen in der Welt gäbe ... und am Ende von lediglich 33 Jahren über 8 Milliarden!


Warum ist unser Christentum so steril?

Ich war sprachlos. Die Rechnung, die ich eben gemacht hatte, beruhte nicht auf phantastischen und unrealisierbaren Vor­aussetzungen. Das Ziel, pro Jahr eine Seele zu gewinnen, schien mir mehr als beschei­den. Wenn ein Menschenpaar im Prinzip jedes Jahr ein Kind bekommen kann, war­um sollte nicht jeder Christ jedes Jahr ein geistliches Kind zur Welt bringen? Und so­gar mehr als eine Seele pro Jahr! Warum nicht fünf oder zehn? Es ist wahr, dass es gewissen Evangelisten gelingt, große Zah­len von Menschen zum Herrn zu rufen. Aber was tun all die andern Christen? „Ge­bären" sie nie? Warum ist unser Christen­tum so kraftlos, so fruchtlos, so steril?

Die Rechnung, die ich in meinem Hüh­nerstall gemacht hatte, ging von der An­nahme aus, dass diese gewaltige Vermeh­rung mit einem einzigen Gläubigen be­ginnt. Nach der Statistik muss es Dutzende von Millionen von wiedergeborenen Chri­sten in der Welt geben, vielleicht sogar viel mehr. Oder setzten wir die Zahl tiefer an. Sagen wir, es gebe in der Welt 10 Millionen echte Christen. Wenn nun ein jeder dieser Christen von heute an jedes Jahr eine Seele für den Herrn gewinnen und ihn zu einem wahren Jünger Christi heranbilden könn­te, der seinerseits wieder das Gleiche macht, dann hätten wir in dreieinhalb Jah­ren mehr Gläubige als Frankreich Einwoh­ner hat. In sieben Jahren käme es zu über einer Milliarde Bekehrungen und in neun Jahren wäre die ganze Weltbevölkerung gläubig!

Wenn nun alle diese Christen nicht eine, sondern zehn Seelen (warum eigentlich nicht?) im Jahr gewännen, dann wäre in weniger als drei Jahren die ganze Welt bekehrt.
Ich wiederhole: Der Ausgangspunkt, von jedem wahren Christen einen Bekehr­ten pro Jahr zu erwarten, scheint mir nicht abwegig, sondern vielmehr absolut nor­mal. Und dennoch! Es ist offenkundig, dass nur eine ganz kleine Anzahl von Christen auch dieses wenige schafft. Müssen wir nicht von Grund auf unser Christentum überdenken? Haben wir den Mut, unser Verständnis von geistlichem Leben, von der Gemeinde und von der Evangelisation zu überprüfen?


Erfahrungen in Algerien

Ich weiß noch, wie ich damals, als Gott mich nach Nordafrika sandte, um Christus zu verkündigen, alle meine Glaubensbe­kenntnisse, meine Erfahrungen, meine vorgefassten Meinungen in den Schmelz­tiegel seines Wortes werfen musste, damit er mich von Grund auf neu lehren konnte. Er hat meine Art, sein Werk zu begreifen, vollständig revolutioniert. Ich habe die Schwächen und Mängel der traditionellen Methoden, welche Bestandteil meiner geistlichen Erziehung gewesen waren, ein­sehen müssen. In einem Land ohne christ­lichen Untergrund, wo ich finsteren Kräf­ten von solcher Macht gegenüberstand, musste ich feststellen, dass es mehr als ein »gewöhnliches« Christentum brauchte, da­mit der Heilige Geist ein Werk tun könne, das nicht allein dem ungeheuren geistli­chen Druck standhalten, sondern sich nach meinem Weggang auch vermehren würde. Damals hat mir Gott diese grundle­genden Wahrheiten enthüllt, welche sich unserer westlichen Optik so schnell entzie­hen, da wir an ein eher gemütliches und oberflächliches Leben und nicht an ernsten Kampf gewohnt sind. Damals hat Gott mir gezeigt, dass ich alle Lehren Seines Sohnes neu untersuchen muss, wie ich in diesem Buch kurz, aber aufrichtig zu erklären ver­sucht habe.

Damals, »vor Ort«, habe ich das Wunder der geistlichen Zelle entdeckt, welche di­rekt von der Gegenwart Jesu Christi abhängt, einer Gegenwart, welche Sinn und Daseinsberechtigung der Gemeinde überhaupt ausmacht. Ohne diese geistliche Realität lacht der Teufel auch unserer größten Be­mühungen. Er kann eine Gemeinschaft, die in all ihren gegenseitigen Beziehungen nicht auf dieser beständig ausgelebten Ge­genwart Christi beruht, wie ein Streichholz entzweibrechen. Aus diesem geistlichen Mangel erwachsen ungezählte Nöte, die das Werk Gottes behindern.

Es ist nicht meine Absicht, hier meine Erfahrungen als Missionar zu erzählen. Ich kann einfach sagen, dass ein Jahr später meine Frau und ich überrannt und über­wältigt wurden sowohl von unseren Lei­den als auch von der Anzahl junger (und auch anderer) Leute, welche nach der Wahrheit Christi dürsteten. Mehrere von ihnen sind zu Männern Gottes geworden, die mehr Seelen zum Herrn geführt haben als ich selbst. Dann, wiederum ein Jahr spä­ter, zählte ich nicht weniger als sechzehn kleine Gruppen junger Christen in der Stadt und in ihrem Umkreis. Diese funktionierten von selbst und waren fast aus­schließlich die Frucht des Zeugnisses unse­rer geistlichen Kinder. Für alle diese Jünger war das gemeinsame Gebet so normal und spontan geworden wie das Atmen. Das tägliche Bibelstudium war ihnen gleich wichtig wie das tägliche Essen.
Und dann ist der Algerienkrieg ausge­brochen und hat diesem Leuchten ein Ende bereitet. Die aktivsten der jungen Christen wurden durch die allgemeine Mobilmachung oder durch die Notwen­digkeit, in einer anderen Stadt zu studie­ren, auseinandergerissen. Die bewaffneten Truppen und die Mordanschläge in den Straßen machten die Evangelisation prak­tisch unmöglich. Dies war eine der größten Tragödien meines Lebens. Warum hat die Gemeinde Christi die Herausforderung des Islam nie im Ernst aufgenommen?
Dennoch habe ich durch jene Erfahrung etwas gelernt: Gott ist immer bereit, seine Absichten auszuführen, wenn er nur je­mand findet, der zum Gehorsam bereit ist. Glücklicherweise haben nach der tragi­schen Zerstreuung die Früchte unserer Ar­beit sich an anderen Orten vermehrt. Als das Zeugnis an einem Ort verworfen wor­den war, streute Gott den Samen in weit entlegene Gegenden, um dort Seelen zu sammeln und neue Gemeinden ins Leben zu rufen. Ich schätze, dass wir vor der Zer­streuung gemeinsam bis zu 100 000 Seelen evangelisieren konnten, von denen viele zumindest ein gedrucktes Evangelium be­kommen haben. Was könnte Gott nicht al­les tun, wenn seine Kinder die Worte sei­nes Sohnes ernst nähmen?






Nachtext

Quellenangaben

Aus: Ralph Shailis: Lebendige Zellen, CLV, siehe Buchbesprechung Seite 21