Zeitschrift-Artikel: Wagnis Korrektur: Eine ehrliche "Realitäts-Prüfung"

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Titel: Wagnis Korrektur: Eine ehrliche "Realitäts-Prüfung"
Typ: Artikel
Autor: John Piper
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Titel

Wagnis Korrektur: Eine ehrliche "Realitäts-Prüfung"

Vortext

Text

 

John Piper, der seit 30 Jahren Prediger einer großen Gemeinde in Minneapolis ist (Bethlehem Baptist Church) und durch seine zahlreichen Bücher international als Autor bekannt wurde, kündigte im April vergangenen Jahres eine 8-monatige Auszeit von fast allen öffentlichen Diensten an. Im Folgenden veröffentlichen wir den offenen Brief an seine Gemeinde, in dem er seine Entscheidung begründete.
Auch wenn wir nicht in allen Punkten Pipers Sicht von Gemeindestruktur („Pastorenkirche“) usw. teilen, so sind wir doch sehr dankbar für seinen Dienst in Wort und Schrift, in dem er die Größe und Herrlichkeit unseres Herrn vorstellt und unermüdlich in Erinnerung ruft, dass „Gott dann am meisten in uns verherrlicht wird, wenn wir zutiefst zufrieden sind in ihm“.(1)
George Whitefield schrieb am 8. Januar 1738 in sein Tagebuch:
„Wer nicht willens ist, sich auf Gottes Geheiß hin zu verbergen, so wie er zuvor im Licht der Öffentlichkeit gestanden hat, verdient nicht, ein Christ zu heißen.“2 Er schrieb diese Zeilen als junger, ungewöhnlich populärer Evangelist von 24 Jahren, der am Anfang eines gesegneten Dienstes stand.
John Piper entschloss sich im vergangenen Jahr zu dieser „Auszeit“ als einer, der ebenfalls unter vielen Christen in aller Welt als begabter Prediger und Autor bekannt ist, aber bereits auf einen jahrzehntelangen Dienst zurück sieht.
Wir sind überzeugt, dass die folgenden Überlegungen und Entschlüsse John Pipers auch für uns alle eine heilsame Herausforderung sein können, unsere Aktivitäten und Prioritäten aufrichtig vor dem Angesicht Gottes zu prüfen und – wo es nötig ist – zu korrigieren.

Wie ihr sicherlich schon in der Predigt vom 27. März gehört habt, haben die Ältesten dankenswerterweise einer Auszeit für mich zugestimmt, sodass ich von Mai bis Dezember nicht
in der Bethlehem-Gemeinde sein werde. Wir dachten, dass ein erklärender Brief zu dieser Predigt hilfreich sein könnte.
Ich habe die Ältesten gebeten, diese Auszeit zu erwägen, da ich eine wachsende Gewissheit spüre, dass meine Seele, meine Ehe, meine Familie und mein Dienst einer Realitäts-Prüfung vom Heiligen Geist bedürfen. Auf der einen Seite liebe ich meinen Herrn, meine Frau und meine
fünf Kinder und deren Familien über alles, und ich liebe mein Werk des Predigens und Schreibens
und Vorstehens in Bethlehem. Ich hoffe, der Herr gibt mir mindestens fünf weitere Jahre als Pastor für Predigt- und Leitungsaufgaben in Bethlehem.
Aber auf der anderen Seite sehe ich verschiedene Arten von Stolz in meiner Seele, die, auch wenn sie sich noch nicht zu einem solchen Level aufgeschwungen haben mögen, dass sie mich für den Dienst disqualifizieren würden, mich doch traurig machen, und ihren Tribut in der Beziehung zu Noel und anderen, die mir lieb sind, gefordert haben. Wie kann ich mich bei euch entschuldigen, nicht für eine spezielle Tat, sondern für fortwährende Charaktermängel und ihre Auswirkungen auf alle? Ich sage es jetzt, und werde es sicherlich noch öfter sagen:
Es tut mir leid. Da ich nicht auf eine einzelne Tat verweisen kann, bitte ich euch einfach um einen Geist der Vergebung, und ich versichere euch so nachdrücklich wie ich kann, dass ich mit meinen
Sünden keinen Frieden schließen, sondern Krieg führen werde.
Noel und ich sind felsenfest in unserer Beziehung zueinander, und es gibt nicht den Hauch von Untreue auf beiden Seiten. Aber, so habe ich es den Ältesten erklärt, „felsenfest“ ist nicht
immer ein emotional zufriedenstellender Begriff, besonders für eine Frau. Ein Fels ist nicht das beste Bild für den einfühlsamen Gefährten einer Frau. Mit anderen Worten: Der wertvolle Garten meines Heims braucht Pflege. Ich möchte Noel sagen, dass sie mir wertvoll ist. Und ich glaube, dass es an diesem Punkt unserer 41-jährigen Pilgerschaft nun die beste Art ist, dies auszudrücken, indem ich für eine Zeit von quasi allen öffentlichen Verpflichtungen zurücktreten werde.
Keine Ehe ist eine Insel. Das ist für uns auf zweierlei Arten wahr: Die eine ist, dass Noel und ich durch und durch gekannt sind von einigen Freunden in Bethlehem – am meisten von unseren langjährigen Kollegen und Freunden David und Karin Livingston, und dann von etlichen eng vertrauten Frauen für Noel und Männern für mich. Wir sind ihnen verantwortlich und von ihnen gekannt.
Sie beraten uns und beten für uns. Ich bin zutiefst dankbar für die gnädige Kultur der Transparenz und des Vertrauens innerhalb der Leiterschaft in Bethlehem.
Die andere Art, in der unsere Ehe keine Insel ist, ist, dass ihre Stärken und Schwächen Auswirkungen auf andere haben. Niemand im Umfeld unserer Familie und der Freunde bleibt
durch unsere Fehler unberührt. Mein Gebet ist, dass meine Pause sich als heilsam erweist aus dem Innersten meiner Seele heraus, durch Noels Herzen und hin zu unseren Kindern, deren
Familien, und zu jedem, der durch meine Fehler verletzt worden ist.
Der Unterschied zwischen dieser Auszeit und dem ‚Sabbatical‘, das ich vor vier Jahren genommen
habe, ist, dass ich damals ein Buch geschrieben habe. In dreißig Jahren habe ich nie von meiner Leidenschaft für öffentliche Produktivität gelassen. In dieser Pause möchte ich von allem loslassen. Kein Bücherschreiben. Keine Predigtvorbereitung. Keine Internet- Blogs. Keine Artikel. Keine Aufsätze. Und keine Einladungen zum Predigen. Es gibt eine Ausnahme: die „Desiring-God-Konferenz“ im Oktober.
Darüber hinaus dachte Noel, dass ich drei internationale Verpflichtungen wahren sollte.
Unsere Überlegung ist, dass, wenn sie mitkommen kann, dies sehr erfrischende Zeiten für uns gemeinsam sein können. Die Ältesten haben eine Gruppe von Leuten bestimmt, die mit mir in Verbindung bleiben und denen ich verantwortlich bin. […] Ich habe die Ältesten gebeten, mich in meiner Abwesenheit nicht zu bezahlen. Ich weiß, dass ich für andere mehr Arbeit verursache, und ich entschuldige mich bei allen Mitarbeitern dafür. Und nicht nur das, auch andere könnten ähnliche Pausen in Anspruch nehmen. Und die meisten arbeitenden Geschwister haben nicht die Freiheit für eine solche Auszeit. Die Ältesten haben dieser Bitte nicht zugestimmt. Noel und ich sind zutiefst dankbar für diese Zuneigung. Wir werden den Herrn suchen in der Frage, wie viel an finanzieller Unterstützung wir der Gemeinde zurückgeben können, um zumindest einen Teil der Last zu tragen.
Persönlich sehe ich diese Monate als eine Art Neustart für die wie ich hoffe demütigsten, fruchtbarsten und glücklichsten fünf Jahre unserer 35-jährigen Zeit in Bethlehem und 41-jährigen Ehe. Betet ihr mit mir für dieses Ziel?
Werdet ihr fest zur Gemeinde stehen? Möge Gott diese acht Monate zu den besten machen, die Bethlehem je erlebt hat. Es wäre typisch für ihn, wenn er gerade dann die größten Dinge tut, wenn ich nicht da bin. „Also ist weder der pflanzt etwas, noch der begießt, sondern Gott, der das
Wachstum gibt“ (1Kor 3,7).
Ich liebe euch und verspreche, jeden Tag für euch zu beten.

Pastor John.

Nachtext

Quellenangaben

1 John Piper, „Wenn die Freude nicht mehr da ist“, CLV, S. 16
2 Benedikt Peters: „George Whitefield“, CLV, S. 54

QUELLEN:
http://www.desiringgod.org/resource-library/resources/ john-pipers-upcoming-leave

übersetzt von William Kaal