Zeitschrift-Artikel: Hiskia

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Titel: Hiskia
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hiskia

Vortext

Text

Bibeltext: 2Kö 20,1-11

In der letzten Ausgabe haben wir beleuchtet, wie Hiskia bei dem „Härtetest“ seines Vertrauens
auf Gott versagt hat. Angesichts der Belagerung des mächtigen Königs der Assyrer schmolz sein Gottvertrauen dahin und wir hören aus seinem Mund das peinliche Angebot an den
Assyrerkönig: „Ich habe gefehlt, kehre um von mir; was du mir auferlegen willst, will ich tragen“
(2Kö 18,14).
In dieser unbegreiflichen Unterwürfigkeit machte er sich zu einem reumütigen Sklaven des Assyrers, dessen Herrschaft er vor Jahren entschieden abgelehnt hatte. Er war bereit, dessen unverschämte Forderungen nach 300 Talenten Silber und 30 Talenten Gold zu erfüllen und legte nun alles, was Gott ihm in den vergangenen Jahren an Schätzen anvertraut hatte, in die Hände des Feindes. Und dazu gehörte nicht nur sein Privatbesitz, sondern auch das Gold, mit welchem er die Türen und Säulen des Tempels verziert hatte und mit dem er Gott ehren wollte.
Mit welchen Erinnerungen und unter welchen Gewissensbissen mag er diese demütigende Aktion hinter sich gebracht haben!
Geholfen hat es nichts. Der König von Assyrien dachte nicht im Traum daran, sich bei Hiskia für diese enorme Tribut-Zahlung zu bedanken, sondern rückte mit seinem Heer weiter, um nun auch die Stadt Jerusalem zu belagern.
Hiskia musste schmerzlich lernen, dass in Krisenzeiten, in denen der Glaube auf die Probe gestellt wird, Selbsthilfeprogramme nicht geeignet sind, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Er
verlor nicht nur alle Reichtümer, für die er jahrelang gearbeitet hatte, sondern übergab das Gold
und Silber in die Hände seines gottlosen Feindes, der seine Macht damit stärkte und nun Anlass
genug hatte, Hiskia zu verspotten und sein bisheriges Vertrauen auf Gott zu verhöhnen.
Die beißenden, provozierenden Worte des Assyrers müssen in seinen Ohren gedröhnt haben: „Was ist das für ein Vertrauen, worauf du vertraust …?“ (2Kö 18,19) Es waren schmerzhafte Erinnerungen an goldene und gesegnete Jahre in der Nachfolge seines Gottes. Aber das war nun Vergangenheit …
Verlorene Jahre, verlorener Besitz, verlorene Glaubwürdigkeit, verlorene Kraft, verlorene Autorität – sicher werden sich die meisten von uns an solche oder ähnliche Verluste erinnern. Schmerzliche Verluste, die wir uns an den Kreuzwegen des Lebens eingehandelt haben, weil wir glaubten, uns an dem eigenen Schopf aus den Schwierigkeiten ziehen zu können …


Es kommt „Schlag auf Schlag“ …
Wenn man die Jahreszahlen im Leben Hiskias vergleicht, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Berichte über Hiskias Leben nicht chronologisch mitgeteilt wurden. Wenn Hiskia 29 Jahre
über Juda regierte und im 14. Jahr seiner Regierung Sanherib mit seinem Heer Jerusalem belagerte, müssen wir die in 2Könige 20 beschriebene Krankheit Hiskias genau in diese Zeit der
Belagerung Jerusalems einordnen. Denn nach seinem ergreifenden Gebet auf dem Sterbebett
verlängerte Gott sein Leben um weitere 15 Jahre und gab ihm die Verheißung: „Und aus der Hand des Königs von Assyrien will ich dich und diese Stadt erretten …“ (2Kö 20,7)
Offensichtlich wurde Hiskia ausgerechnet während der Belagerung Jerusalems „krank zum Sterben“ und es ist gut möglich, dass diese Krankheit in Verbindung mit seinem Versagen vor Sanherib stand und damit eine Zucht Gottes war, um Hiskias Denken und Handeln wieder auf Gott und auf seine Verheißungen auszurichten.
Doch zunächst sehen wir einen König, der nicht nur schmerzliche materielle Verluste erlitten hatte, sondern jetzt auch noch die Zerstörung der Stadt Jerusalem befürchten musste.
Und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wurde er auch noch von einer schlimmen, scheinbar unheilbaren Krankheit befallen.
Und genau in diese äußerst bedrückende Situation hinein kam der Prophet Jesaja zu einem Krankenbesuch. Er brachte keine Blumen mit. Er tröstete den kranken König auch nicht mit ein paar ermutigenden Psalmen seines Vorfahren David. Er kam zu ihm mit der kurzen, aber
niederschmetternden göttlichen Botschaft: „So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht genesen.“ (2Kö 20,1)
Mehr hatte er dem König nicht zu sagen. Nachdem er seinen göttlichen Auftrag ausgeführt hatte, ließ er einen König zurück, der nach diesen Worten keine Illusionen mehr über seinen Gesundheitszustand hatte und dem nun die Zeit davonlief.
Erinnern wir uns: Hiskia hatte mit Gottes Hilfe das Land Juda und die Stadt Jerusalem vom Götzendienst befreit. Dann wurde der Tempel, das Haus Gottes, wieder für den Gottesdienst
gereinigt, ausgebessert und geöffnet.
Es folgte die gewaltige Erweckung unter den Priestern, den Leviten und dem Volk, sodass das
Fest der ungesäuerten Brote und das Passah mit einer unbeschreiblichen Freude gefeiert werden
konnte. Aber diese Zeiten waren vorbei …


„Jetzt geht’s ans Eingemachte!“
Es geht jetzt nicht mehr um das Land Juda und auch nicht um die Stadt Jerusalem, sondern um „sein Haus“. Der Kreis wird immer enger gezogen und man würde heute sagen: „Jetzt geht’s ans Eingemachte!“ – „So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht genesen.“
Das Bewusstsein des nahen Todes veränderte mit einem Schlag seine Lebenssituation. Börsenkurse, Wirtschaftsdaten und Bundesliga-Tabellen werden völlig bedeutungslos, wenn wir vor dem Tor der Ewigkeit stehen.
Was gab es in seinem Haus noch zu ordnen, bevor es zu spät war?
Gab es in seiner Ehe Situationen, die bereinigt werden mussten? Wir wissen in diesem Zusammenhang nur, dass seine Frau „Hephzi- Bah“ hieß und erst nach Hiskias Tod als Mutter
Manasses erwähnt wird (2Kö 21,1). Ihre Herkunft ist nicht bekannt und ihr Name bedeutet „Mein
Gefallen an ihr“ – aber was sagt das schon über ihre Ehe aus?
Kinder hatten sie zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich keine. (Obwohl die Meinungen der Bibelausleger in dieser Frage auseinandergehen, nehmen die meisten an, dass der Thronfolger
Manasse, der mit 12 Jahren König wurde, erst später geboren wurde.) Hier gab es wahrscheinlich
nichts zu regeln mit Ausnahme der bedrückenden Frage, wer nach Hiskia König sein würde.
Gab es ungeklärte Probleme mit den Angestellten?
Oder unbezahlte Rechnungen finanzieller oder moralischer Art?
Gab es Dinge in seinen Privatzimmern zu entsorgen, die man bei einem Reformator wie Hiskia niemals vermuten würde?
Wir wissen es nicht!
Aber aus Erfahrung wissen wir, dass es offensichtlich leichter ist, das Volk Gottes und das Haus Gottes zu reformieren, als das eigene Haus. Der Eifer für den Herrn und seine Sache verabschiedet sich oft vor der eigenen Haustüre.
Innerhalb unserer vier Wände wird deutlich, wie hohl und heuchlerisch oft unsere Predigten und
frommen Sprüche in einer anderen Umgebung sind. „Außen hui – innen pfui!“ – trifft das nicht oft auch auf unser Privatleben zu?
In unserer Familie – besonders dann, wenn keine Besucher anwesend sind – wird deutlich und sichtbar, wie echt und glaubwürdig unser Christsein ist.
Wenn schon über einen so gesegneten Mann wie A.W. Tozer in der großartigen Biographie über ihn ungeschönt berichtet wird: „Aus zahlreichen und vielleicht verworrenen Gründen fand Aiden Tozer zunehmend Zeit für andere Menschen, aber nicht für seine Söhne und Töchter …“. Oder: „… alle waren davon überzeugt, dass er seine Frau liebte. Doch er fügte ihr tiefe Verletzungen zu, und anscheinend geschah dies ihr ganzes Eheleben hindurch“(1) – was wird dann einmal über unser Eheleben und unsere Kindererziehung gesagt werden müssen?


Wo ist der Bürge?
Während die Schritte des Propheten verhallten, sehen wir einen König, der – den Tod vor Augen – „sein Angesicht zur Wand wandte“ und nur noch unter heftigem Weinen beten konnte:
„Ach, Herr, gedenke doch, dass ich in Wahrheit und mit ungeteiltem Herzen vor deinem Angesicht
gewandelt bin und getan habe, was gut ist in deinen Augen.“ (2Kö 20,3)
Aus den Aufzeichnungen Hiskias in Jes 38,10- 20 wissen wir, dass Hiskias Gebet nicht nur aus diesem einen Satz bestand, der ein wenig nach Eigenlob riecht. Nein, seine Sünden wurden ihm auf dem Sterbelager bewusst und ihm war klar, dass er ohne einen „Bürgen“ trotz seiner guten
Taten vor Gott nicht bestehen konnte: „Schmachtend blickten meine Augen zur Höhe: O Herr, mir ist bange! Tritt als Bürge für mich ein! Was soll ich sagen? Dass er es mir zugesagt und es auch ausgeführt hat. […] Siehe zum Heil wurde mir bitteres Leid: Du zogst liebevoll meine Seele aus der Grube der Vernichtung; denn alle meine Sünden hast du hinter deinen Rücken geworfen.“ (Jes 38,14.15.17)
In diesem ergreifenden Gebet wird deutlich, welche seelischen Kämpfe und Nöte er auf seinem
Krankenlager in Blick auf den angekündigten frühen Tod durchlitten hat.
Dennoch scheint es so, dass sich diese intensiven Kämpfe in einer relativ kurzen Zeit abgespielt haben. Jesaja war von seinem Besuch bei Hiskia noch nicht zu Hause angekommen, als Gott ihm befahl, umzukehren und dem König eine frohe Nachricht zu bringen: „Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen; siehe, ich will dich heilen; am dritten Tag wirst du in das Haus des Herrn hinaufgehen.“ (2Kö 20,5)
Außerdem verhieß Gott ihm fünfzehn weitere Lebensjahre und Befreiung aus der Hand der Assyrer. Schließlich befahl Jesaja, einen Feigenkuchen auf das Geschwür Hiskias zu legen – „… und er genas.“ Gott kann durch ein Wort Heilung schenken, aber oft benutzt er dazu auch
Ärzte, Medikamente oder ein Naturheilmittel wie einen Feigenkuchen.


Das Zeichen an der Sonnenuhr Ahas
Im Beisein von Jesaja wurde Hiskias Geschwür behandelt und wir können ein wenig erahnen, welch ein Wechselbad von Gefühlen der König in diesen Stunden durchlebte. Eben noch voller Todesangst und jetzt jubelnde Freude und Dankbarkeit für die Vergebung seiner Schuld und die gewaltige Verheißung, fünfzehn weitere Jahre leben zu dürfen!
In solchen Situationen ist man schnell dabei, große Versprechungen abzugeben: „Ich will sachte wallen alle meine Jahre wegen der Betrübnis meiner Seele. […] Der Lebende, der Lebende, der preist dich, wie ich heute […] wir wollen unser Saitenspiel schlagen alle Tage unseres Lebens im Haus des Herrn.“ (Jes 38,15.19-20)
Die späteren Begebenheiten im Leben Hiskias werden zeigen, dass auch solche aufrichtigen Gelöbnisse und Absichten nicht viel Gewicht haben, wenn Gottes Gnade nicht das Vollbringen wirkt.
Zunächst erstaunt aber, dass Hiskia um ein Zeichen bittet. Er möchte einen sichtbaren Beweis dafür haben, dass Gottes Verheißungen eintreffen werden. War das Kleinglaube oder zeigte sich hier ein neues Vertrauen Hiskias auf Gottes Macht und Gnade?
Gott geht auf die Bitte Hiskias ein und so darf der König wählen: Soll der Zeiger an der Sonnenuhr des Königs Ahas zehn Grade vorwärts oder
rückwärts gehen?
Interessant auch, dass hier die Sonnenuhr Ahas benutzt wird, um Hiskia durch ein übernatürliches
Zeichen Gewissheit zu geben.
Genau diesem gottlosen König – übrigens der Vater von Hiskia! – hatte Gott vor Jahren durch Jesaja sagen lassen: „Fordere dir ein Zeichen von dem Herrn, deinem Gott; fordere es in der Tiefe oder oben in der Höhe. Und Ahas sprach: Ich will nicht fordern und ich will den Herrn nicht versuchen. Da sprach der Herr: Hört doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr auch meinen Gott ermüdet? Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben …“ (Jes 7,10-14)

Muss alles „den Bach ’runter“ gehen?
Gott möchte Gewissheit schenken und wir „ermüden“ ihn, wenn wir ihm nicht Gelegenheit geben, in bestimmten Situationen seine Allmacht unter Beweis zu stellen.
Hiskia wählte die schwierigere Variante. Hiskia wusste aus der Alltagserfahrung, dass Dinge dem Gesetz der Entropie erliegen: Alles vergeht, zergeht, fällt oder zerfällt mit der Zeit.
Aber die Uhr zurückdrehen, etwas Geschehenes rückgängig machen – das kann nur der Schöpfer
des Universums, der Herr der Naturgesetze.
Und genau das geschieht: Die Zeiger der Sonnenuhr Ahas gehen zehn Stufen rückwärts.
Auf welche Weise Gott das Problem gelöst hat, entzieht sich unserer Erkenntnis. Er kann wie im Leben Josuas die Sonne stillstehen lassen (Jos 10,12-13), wie auch hier die Zeit „zurückdrehen“.
Das sollte auch uns eine wichtige, geistliche Lektion sein: Wenn wir die Prophetie der Bibel richtig verstehen, dann rechnen wir damit, dass sich in der Gesellschaft und in der Christenheit alles abwärts bewegt und zwar mit erschreckend zunehmendem Tempo. Aber aus dieser Geschichte – wie auch aus der Kirchengeschichte – lernen wir, dass wir durch Gebet und Gehorsam Gott Gelegenheit geben können, nicht nur den Zerfall oder Verfall der Christenheit aufzuhalten, sondern Geschehenes rückgängig zu machen. Gott kann auch in der Endzeit durch Sein Eingreifen zumindest für eine kurze Epoche eine übernatürliche geistliche Belebung und Erweckung schenken. Das gibt Hoffnung für einen jeden von uns und für unsere Gemeinden.
Die gewaltigen Erweckungen unter Hiskia und Josia in der Endzeit Israels sind ein Beweis dafür.
Erinnern wir uns an die Worte des Pionier- Missionars William Carey (1761 – 1793): „Erwarte
Großes von Gott und unternimm Großes für Gott!“(2)

Nachtext

Quellenangaben

(1) Lyle W. Dorsett: Voller Leidenschaft für 1 Gott – Das Leben von A.W. Tozer, SCM Hänssler,
     S. 164
(2) S.P. Carey: William Carey – Der Vater der modernen Mission,CLV, S. 64