Zeitschrift-Artikel: Wagnis Korrektur - Rückblick auf eine "Realitätsprüfung"

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Titel: Wagnis Korrektur - Rückblick auf eine "Realitätsprüfung"
Typ: Artikel
Autor: John Piper
Autor (Anmerkung):

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Titel

Wagnis Korrektur - Rückblick auf eine "Realitätsprüfung"

Vortext

Text

<p><em>In der fest &amp; treu Ausgabe 1/2011 druckten wir einen offenen Brief von John Piper an seine Gemeinde ab. In diesem Brief erkl&auml;rte er die Absicht, eine achtmonatige Auszeit von seinem &ouml;ffentlichen Dienst zu nehmen &ndash; sowohl was seine Verpflichtungen in seiner Heimat, als auch seine &uuml;berregionalen T&auml;tigkeiten betraf. Im folgenden soll nun ein &bdquo;R&uuml;ckblick&ldquo; von ihm ver&ouml;ffentlicht werden, den er &ndash; p&uuml;nktlich am 01.01.2011 &ndash; &uuml;ber seinen Internetblog &bdquo;Desiring God&ldquo; publik machte.</em></p> <p>Ich schrieb diesen Bericht f&uuml;r meine Gemeinde, die Bethlehem Baptist Church und habe ihn nun<br />f&uuml;r den ersten Tag des Jahres 2011 f&uuml;r den Desiring God Blog &uuml;bernommen. Der Bericht ist daf&uuml;r<br />eigentlich zu lang. Meine einzige Entschuldigung ist, dass ich 263 Seiten k&uuml;rzte ...<br />In diesem Jahr habe ich eine acht-monatige Auszeit genommen. Das hie&szlig;, dass ich von all meinen Aufgaben als Pastor befreit war und alle &ouml;ffentlichen Dienste (mit einigen wenigen Ausnahmen) w&auml;hrend dieser Zeit ruhten: Kein Predigen, kein Schreiben von Artikeln, keine Konferenzen, keine Internet-Blogs usw. Dieser R&uuml;ckblick soll &uuml;ber die Segnungen dieser Auszeit<br />berichten.<br />Mein Herz flie&szlig;t &uuml;ber vor Dankbarkeit gegen&uuml;ber Gott, den &Auml;ltesten und Mitarbeitern meiner Bethlehem-Gemeinde und dem Team von Desiring God. Ich wei&szlig;, dass viele eine gr&ouml;&szlig;ere Last tragen mussten, weil einer aus dem Team fehlte. Danke f&uuml;r diese Freundlichkeit.<br />Im M&auml;rz 2010 hatte ich den &Auml;ltesten &uuml;ber die Ziele dieser Auszeit Folgendes geschrieben:<br />&bdquo;Noel und ich wollen in diese 8-monatige Auszeit starten mit einem Blick f&uuml;r ernsthafte biblische Pr&uuml;fung, Beurteilung, Pflege und Wachstum in vier Gebieten: als eigene Individuen (k&ouml;rperlich und geistlich), in unserer Ehe, in unserer Beziehung zu unseren Kindern und ihren Familien und in unserer Gestaltung des Dienstes f&uuml;r die Gemeinde.&ldquo;<br />Ich werde einige Worte &uuml;ber jeden dieser Punkte sagen. Aber es wird den Rest meines Lebens in Anspruch nehmen, den eigentlichen Wert dieser Monate in seiner F&uuml;lle auszupacken.<br />Ich habe zum Beispiel ein Tagebuch gef&uuml;hrt, das nun 265 Seiten mit 214 Eintr&auml;gen hat. Das meiste sind pers&ouml;nliche Reflektionen dar&uuml;ber, was Gott in unserem Leben getan hat. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch mit dem Titel &bdquo;die Auszeit&ldquo; &hellip;</p> <p><br /><strong><em>Seelen&ndash;Check</em></strong><br />Ich konnte l&auml;nger im Wort und Gebet verharren als in jeder anderen 8-monatigen Periode meines Lebens. Das waren kostbare Zeiten. Die Einsichten und Ver&auml;nderungen in uns selbst,<br />die wir erfahren konnten, sind zum gro&szlig;en Teil diesen Begegnungen mit Gott in seinem Wort geschuldet. Ich hoffe, dass diese Begegnungen nicht gehetzt oder mechanisch werden, wenn ich jetzt wieder im Dienst stehe.<br />Unser normaler Platz f&uuml;r gemeinsame Anbetung war die &bdquo;Sovereign Grace&ldquo; Gemeinde, geleitet von Rick Gamache, der fr&uuml;her im Desiring- God-Team mitarbeitete und einer der besten<br />Prediger in unserer Stadt ist.<br />Das war ein Seelen-Check: W&uuml;rde ich geistlich in der gemeinsamen Anbetung bl&uuml;hen, auch wenn ich keine f&uuml;hrende Rolle h&auml;tte? Wie wertvoll war es, die Antwort auf diese Frage zu erleben: Ich sang und saugte auf. Und ich habe mich nicht daran gest&ouml;rt, auf der anderen Seite der kostbaren Kanzel des Wortes Gottes zu sein.<br />Ich liebe das Wort Gottes, und es in Klarheit und Kraft zu h&ouml;ren, hat meinen Glauben und meine Berufung best&auml;rkt. Meinen Glauben, da ich es wirklich genossen habe, mit Christus in der Anbetung Gemeinschaft zu haben. Ich habe es aufs Neue erlebt, dass ich Gott liebe, und nicht nur, &uuml;ber ihn zu reden.<br />Aber auch meine Berufung, da ich gl&uuml;cklicher Empf&auml;nger des verk&uuml;ndigten Wortes sein konnte. Ja, ich m&ouml;chte so predigen, ich m&ouml;chte das f&uuml;r Menschen tun.</p> <p><br /><strong><em>Ehe</em></strong><br />Der Schmelztiegel, um meine Seele zu l&auml;utern, ist meine Ehe und meine Familie &ndash; sogar eher als<br />die Herausforderungen des Dienstes.<br />Am 21. Dezember haben Noel und ich unseren 42. Hochzeitstag gefeiert.<br />Es war friedlich, gl&uuml;cklich, erf&uuml;llt von Erinnerungen, n&uuml;chtern und herzlich. Es geht uns gut.<br />Ich w&uuml;rde meine jahrzehntelangen, hartn&auml;ckigen (und ich hoffe nachlassenden) S&uuml;nden in dieser Beziehung als Selbstsucht, Selbstmitleid, &Auml;rger, Schuldzuweisungen und Missmut bezeichnen &ndash; alles Arten von Stolz.<br />Es gibt andere, aber diese sind nahe an der Wurzel unserer Probleme. Ich habe meine Augen wie Scharfsch&uuml;tzen (R&ouml;mer 8,13) im Verlauf der Auszeit immer st&auml;rker auf sie fokussiert.<br />Die Zeit wird zeigen &ndash; und Noel erz&auml;hlen &ndash; ob der Fortschritt, den ich gemacht habe, tief und dauerhaft ist.<br />Ich bete, dass er es ist. Wie diese Ver&auml;nderungen geschahen und was Gott benutzte, um sie hervorzubringen, wird &ndash; ohne Zweifel &ndash; das Thema von Predigten und Artikeln in den n&auml;chsten<br />Jahren sein. Jetzt m&ouml;chte ich nur soviel sagen, dass Gott in seinem L&auml;uterungsprozess eine Kombination an Dingen benutzt hat: pers&ouml;nliche Stille im Wort und im Gebet, Seelsorge, der treue und pers&ouml;nliche Dienst von David und Karin Livingston, die tiefer in unserem Leben eingebunden waren als irgendjemand sonst, viel Lesen &uuml;ber die Art wie unsere S&uuml;nden Beziehungen schaden, Nachforschungen dar&uuml;ber, welche eigenartige Unordnung unsere Gedanken in Beziehungen bringen k&ouml;nnen, gemeinsame Anbetung, endlose Gespr&auml;che (Zeit!), neue k&ouml;rperliche Anstrengungen stark und gesund zu sein (Schlaf, Sport, Di&auml;t, Freizeit) und eine neue, strengere Anwendung von Phil 2,12-13 (&bdquo;bewirkt euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, zu seinem Wohlgefallen.&ldquo;).<br />Die Auswirkungen dieses heiligenden Prozesses auf unsere Ehe waren weniger Entzug sondern mehr aktive Gemeinschaft, weniger Launenhaftigkeit und Verbissenheit sondern mehr hoffnungsvolle Emotionen, weniger Br&uuml;ten &uuml;ber vergangene Entt&auml;uschungen sondern mehr Tr&auml;umen von Gottes Verhei&szlig;ungen, weniger ein Geist der Kritik sondern mehr ausgesprochene<br />Liebesbeteuerung, mehr Z&auml;rtlichkeit und Freundlichkeit, mehr bewusst miteinander verbrachte Zeit, mehr Geduld mit (angeborenen?) Pers&ouml;nlichkeitsmerkmalen ohne S&uuml;nde zu unterstellen, mehr ein Geist der Vergebungsbereitschaft, mehr Dankbarkeit und weniger F&uuml;r-selbstverst&auml;ndlich- nehmen, mehr Mut, S&uuml;nde zu benennen (unsere eigene und die des anderen) ohne verzweifelt oder verurteilend zu klingen, ein frisches Versp&uuml;ren von Gottes gro&szlig;z&uuml;giger Vaterschaft, der uns, wenn er etwas missbilligt, nicht verachtet &ndash; und das Bestreben, das f&uuml;reinander ebenso zu tun.<br />In Bezug auf unsere Beziehung war der entscheidende Text Epheser 4,31-5,2: &bdquo;Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und L&auml;sterung sei von euch weggetan, samt aller Bosheit. Seid aber zueinander g&uuml;tig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat. Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst f&uuml;r uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.&ldquo; Gott war sehr geduldig mit uns.</p> <p><br /><strong><em>Familie</em></strong><br />Es gab viel mehr Spontanit&auml;t und Erreichbarkeit in diesen Monaten als gew&ouml;hnlich. Wir haben versucht, ganz bewusst mehr im Leben unserer S&ouml;hne, Schwiegert&ouml;chter und zw&ouml;lf Enkelkinder zu sein. Das hie&szlig; Helfen beim Streichen, Aufr&auml;umen, viel Babysitting und einfach Zeit der ungehetzten Gemeinschaft und einige tiefe Konversationen, in denen ich versucht habe, mit meinen S&ouml;hnen die Dinge zu teilen, die ich gerade &uuml;ber mein eigenes Herz und meine Ehe lernte.</p> <p><br /><strong><em>Dienst</em></strong><br />In den sp&auml;teren Wochen richtete sich unsere Aufmerksamkeit auch darauf, das Tempo und die Gestaltung meines Dienstes f&uuml;r 2011 zu &uuml;berdenken. Ziel ist es, die Wochen nicht mit &uuml;ber&ouml;rtlichen Verpflichtungen zu voll zu stopfen, und auch nicht so viele Verantwortlichkeiten<br />in unserer Gemeinde auf uns zu laden, dass K&ouml;rper, Geist und Ehe &uuml;berlastet werden. Einige der<br />&Auml;ltesten haben uns geholfen, dar&uuml;ber nachzudenken, wie das n&auml;chste Jahr aussehen sollte.</p> <p><br /><strong><em>Zukunft</em></strong><br />Elf Tage nach meiner R&uuml;ckkehr werde ich 65. Man k&ouml;nnte das auf zwei Arten sehen: Zum einen ist es das Alter, in dem die meisten Menschen in den Ruhestand gehen. Aber es ist auch das<br />Alter, in dem Winston Churchill Premierminister wurde und England und die westliche Welt zum Sieg gegen Hitler f&uuml;hrte. Ich finde Churchill viel inspirierender als den Ruhestand.<br />In den kommenden Tagen hoffe ich mit den &Auml;ltesten einen Plan zu erarbeiten f&uuml;r die langfristige Zukunft unserer Gemeinde, inklusive eines Plans f&uuml;r meine Nachfolge in den n&auml;chsten Jahren. Mein sehnlichster Wunsch und feste Verpflichtung ist es, im Amt zu bleiben, bis die Gemeinde auf einem festen Fundament steht, wenn ich nicht mehr Pastor bin.<br />Aber auch dann hoffe ich (wenn die &Auml;ltesten zustimmen), die Gemeinde als meine Heimat und Basis zu haben und ich mehr schreiben und weiter f&uuml;r das College und Desiring-God arbeiten<br />kann.<br />Ich glaube, dass die besten Tage f&uuml;r uns als Gemeinde noch bevorstehen. Gott ist souver&auml;n und gn&auml;dig wie immer. Ich f&uuml;hle mich gez&uuml;chtigt, gedem&uuml;tigt und vielleicht brauchbarer jetzt. Es ist gut, wieder hier zu sein.<br /></p>

Nachtext

Quellenangaben

<p>http://www.desiringgod.org/blog/posts/john-pipers-report-on-his-leave-of-absence (01.01.2011) &Uuml;bersetzt von William Kaal<br /><br />BILDNACHWEIS: http://www.desiringgod.org/about/john-piper (21.08.2011)</p>