Zeitschrift-Artikel: Klartext mit dem "lieben Bruder in Rom"?

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Titel: Klartext mit dem "lieben Bruder in Rom"?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Klartext mit dem "lieben Bruder in Rom"?

Vortext

Text

<p><strong><span style="text-decoration: underline;">Ein neuer &ouml;kumenischer Meilenstein</span></strong></p> <p>Im September diesen Jahres ist es wieder mal so weit: Papst Benedikt XVI. wird zu einem weiteren Besuch in Deutschland erwartet. Das Programm ist wie immer sorgf&auml;ltig und straff geplant:<br />Donnerstag, 22.09: Ankunft auf dem Flughafen Berlin-Tegel und um 11:15 Uhr die offi-zielle<br />Begr&uuml;&szlig;ung durch Bundespr&auml;sident Christian Wulff in Schloss Bellevue. Am Nachmittag dann eine Rede im Deutschen Bundestag und am Abend eine etwa zweist&uuml;ndige Eucharistie-Feier vor dem Schloss Charlottenburg.<br />Am n&auml;chsten Tag geht es nach Erfurt, wo nach den &uuml;blichen Begr&uuml;&szlig;ungen im Dom ein kurzes Gespr&auml;ch mit der Leitung der Evangelischen Kirche Deutschlands und ein anschlie&szlig;ender<br />&bdquo;&ouml;kumenischer Wortgottesdienst&ldquo; im Augustinerkloster geplant ist.<br />Bereits am sp&auml;ten Nachmittag wird der Papst per Hubschrauber in der Wallfahrtskapelle von<br />Etzelsbach (Eichsfeld) erwartet, wo eine &bdquo;marianische Vesper&ldquo; stattfinden soll, zu der zwischen<br />50.000 und 100.000 Besucher erwartet werden.<br />Am Samstag fliegt Benedikt XVI. nach einer Eucharistie-Feier auf dem Domplatz zu Erfurt nach Lahr und Freiburg, wo u.a. eine Begegnung mit Vertretern der Orthodoxen Kirche auf dem Programm steht und ein &bdquo;Gebetsvigil&ldquo; mit Jugendlichen auf dem Messegel&auml;nde stattfinden<br />soll. Am Sonntag geht es dann nach einer Eucharistie-Feier, einem Mittagessen mit den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und einer Rede im Freiburger Konzerthaus<br />zur&uuml;ck nach Rom.</p> <p><br /><strong><em>Ein symboltr&auml;chtiger Besuch?</em></strong><br />Erfahrungsgem&auml;&szlig; sind die Besuche des Papstes sehr symboltr&auml;chtig &ndash; so ist es sicher nicht zuf&auml;llig, dass der Papst nach seinem Besuch in Berlin das Bistum Erfurt und anschlie&szlig;end den<br />Marien-Wallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld besucht. Zu dieser &Ouml;rtlichkeit kann man auf der<br />Homepage des Bistums Erfurt lesen: &bdquo;Durch die Reformation wurden die meisten Th&uuml;ringer protestantisch.<br />Nur im Eichsfeld kehrten die Christen in der zweiten H&auml;lfte des 16. Jahrhunderts zum katholischen Glauben zur&uuml;ck.&ldquo;<br />Dieser Wallfahrtsort ist besonders f&uuml;r die allj&auml;hrliche &bdquo;Pferdewallfahrt&ldquo; bekannt. Am zweiten Sonntag nach &bdquo;Mari&auml; Heimsuchung&ldquo; werden dort alle Pferde, die durch die Pilger mitgebracht werden, nach dem &bdquo;Wallfahrts- Hochamt&ldquo; gesegnet.<br />Interessant sind auch die Ausf&uuml;hrungen des katholischen Bischofs Dr. Joachim Wanke zum geplanten Papstbesuch: &bdquo;Das Papstprogramm ist ein wichtiger Meilenstein f&uuml;r die Katholiken in Ostdeutschland. Dabei wird deutlich, dass es dem Papst nicht nur um die katholische Kirche<br />geht. Mit dem Besuch in Erfurt wird der &ouml;kumenische Schwerpunkt an jenen Ort verlegt, an dem Martin Luther noch katholisch und Augustinerm&ouml;nch war. Der Besuch des Heiligen Vaters im Eichsfeld wird ein Zeichen der Ermutigung sein, das uns im Glauben st&auml;rkt.&ldquo;<br />Der &ouml;kumenische Schwerpunkt wird also bewusst nicht etwa in oder vor die Wartburg im nahen Eisenach verlegt, wo Luther als ein vom Papst gebannter Ketzer die Bibel &uuml;bersetzte, sondern gezielt dorthin, wo Martin Luther &bdquo;noch katholisch und Augustinerm&ouml;nch&ldquo; war.</p> <p><br /><strong><em>&bdquo;Eine einmalige Chance f&uuml;r die &Ouml;kumene&ldquo;?</em></strong><br />Dieser Papstbesuch w&auml;re an sich nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig aufregend, wird aber doch dadurch interessant<br />und aktuell, dass er &bdquo;an der Wiege des Protestantismus&ldquo; stattfindet und au&szlig;erdem achtzehn bekannte evangelische und evangelikale Autoren vier Wochen vor dem Papstbesuch ein Buch ver&ouml;ffentlicht haben mit dem bemerkenswerten Titel &bdquo;Lieber Bruder in Rom! &ndash; Ein evangelischer Brief an den Papst&ldquo; (Verlag Knaur).<br />Im Vorwort macht Dominik Klenk (Prior der &ouml;kumenischen Kommunit&auml;t &bdquo;Offensive Junger Christen&ldquo;) die Zielsetzung des Buches deutlich:<br />&bdquo;Es ist das Anliegen der Autoren, jenseits langwieriger Kirchendiplomatie Klartext zu reden. Klartext in der Sache, aber mit dem Ziel, den konfessionellen Riss nicht zu vergr&ouml;&szlig;ern, sondern um Heilung des Risses zu ringen&ldquo; (S. 10).<br />Schlie&szlig;lich &auml;u&szlig;ert er noch den Wunsch: &bdquo;M&ouml;gen die Briefe den Papst inspirieren und bei allen Lesern eine heilige Unruhe stiften&ldquo; (S. 11).<br />F&uuml;r Unruhe scheint allerdings gesorgt. Vor allem, weil im Nachwort des katholischen Philosophen<br />Robert Spaemann zu lesen ist, dass sich die Autoren der Briefe als &bdquo;Verb&uuml;ndete des Papstes&ldquo; verstehen, &bdquo;des Nachfolgers des Apostel Petrus, in seinem Amt, &sbquo;die Br&uuml;der zu st&auml;rken&lsquo;&ldquo; (S. 151).<br />Fast muss man &uuml;ber den kleinen, aber gezielten Seitenhieb schmunzeln, wenn derselbe Philosoph den evangelischen &bdquo;Verb&uuml;ndeten des Papstes&ldquo; abschlie&szlig;end auf den letzten Zeilen des Buches &bdquo;zu bedenken gibt&ldquo;: &bdquo;Die Kirche ist nicht Kirche Christi, ohne dass die Mutter des Herrn in ihrer Mitte pr&auml;sent ist und verehrt wird.&ldquo; (S. 152)</p> <p><br /><strong><em>&bdquo;Komplizen&ldquo; des Papstes?</em></strong><br />Nun scheint es mir sehr fraglich, ob sich alle Autoren der Briefe f&uuml;r das Kompliment bedanken, als Komplizen des Papstes zu gelten.<br />Zumindest von Ulrich Parzany, Markus Spieker, Roland Werner, Christine Schirrmacher und selbst von Martin Dreyer kann man sich das nur schwer vorstellen.<br />So schreibt z.B. Ulrich Parzany, der sich bekanntlich leidenschaftlich f&uuml;r die Verbreitung des Evangeliums einsetzt, fast entschuldigend: &bdquo;Ich gestehe, ich h&auml;tte nicht gedacht, dass ich als evangelischer Christ einmal den Papst bitten w&uuml;rde, die Evangelisation in Europa st&auml;rker voranzutreiben &hellip;&ldquo; Aber schlie&szlig;lich bekennt er auch, dass er sich &bdquo;innerhalb der Christenheit nicht mehr durch Abgrenzung definieren&ldquo; mag (S. 146).<br />Bei den anderen Schreibern &ndash; meist Theologen, Bisch&ouml;fe und Politiker &ndash; darunter auch bekannte Autoren wie Werner Neuer, Ulrich Wilckens, G&uuml;nter Beckstein usw., ist eine N&auml;he zum Papst zumindest denkbar.<br />Nun haben alle Autoren durchaus auch Bedenkenswertes geschrieben, wobei die evangelikalen<br />Schreiber besonders die Notwendigkeit der Evangelisation, der Mission, das Lesen und Studieren der Bibel usw. mit Nachdruck betonen.<br />Aber die gro&szlig;e Tragik dieser Beitr&auml;ge liegt vor allem darin, dass erschreckender Weise nicht ein<br />einziger der Autoren das Selbstverst&auml;ndnis des Papstes und die unbiblischen Dogmen des Vatikan &uuml;ber das Amt und die Autorit&auml;t des Papstes auch nur andeutungsweise in Frage stellt.<br />Selbst der gesch&auml;tzte ARD-Hauptstadt- Korrespondent Markus Spieker, der in seinen letzten B&uuml;chern mutig gegen den Strom eines wohltemperierten Christentums geschwommen ist und sich nicht scheut, die Verweltlichung, Unglaubw&uuml;rdigkeit und Doppelmoral der Evangelikalen mit spitzer Feder zu brandmarken, bezeugt dem Papst in seinem Brief unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Sie haben die richtige Denke, aber die falsche Musik!&ldquo; artig die Bruderschaft und bekennt: &bdquo;&hellip; schon lange bewundere ich Sie als einen Mann, der in unserer vom Relativismus gezeichneten Zeit die Wahrheit bekennt&ldquo; (S. 88). Und dann macht er in seinem &bdquo;Pl&auml;doyer f&uuml;r Sch&ouml;nheit&ldquo; einige konkrete Vorschl&auml;ge, wie die Kirchen Labore, Produktionsst&auml;tten und &bdquo;Schaufenster des Sch&ouml;nen&ldquo; (S. 91) werden k&ouml;nnten.</p> <p><br /><strong><em>Verrat der Reformation?</em></strong><br />Im Gegensatz zu den 18 prominenten evangelikalen Autoren haben die Reformatoren mit sehr<br />deutlichen und teilweise drastischen Worten das Papsttum gebrandmarkt &ndash; allen voran Martin Luther, der nicht das Leben, sondern die Lehre&nbsp;des damaligen Papstes angegriffen und verurteilt<br />hat:<br />&bdquo;Lehre und Leben sind zu unterscheiden. Das Leben ist b&ouml;se, bei uns wie bei den Papisten; darum streiten wir jene nicht um des Lebens willen [&hellip;] Dass die Lehre angegriffen wurde &ndash; das ist noch nicht geschehen. Das ist meine Berufung. Andere haben nur gegen das Leben geeifert; aber von der Lehre handeln, das hei&szlig;t der Gans an den Kragen gegriffen, weil allerdings Herrschaft und Amt der Papisten b&ouml;se ist.&ldquo;<br />In Luthers letzter und sch&auml;rfster Kampfschrift &bdquo;Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet&ldquo;, die er wenige Monate vor seinem Tod geschrieben hat und die man f&uuml;r sein Verm&auml;chtnis h&auml;lt, fasst er noch einmal zusammen, wie er &uuml;ber das Amt und die Lehre des Papstes urteilt.<br />Er macht darin deutlich, dass der Papst nicht das Haupt der Christenheit, sondern der Anti-Christ ist (im Sinne von &sbquo;an Stelle&lsquo;, eben &bdquo;Stellvertreter Christi&ldquo;). Er gei&szlig;elt darin die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes und lehnt ihn als &bdquo;Oberster Richter aller Gl&auml;ubigen&ldquo; ab:<br />&bdquo;Wer ein rechter Christ sein und selig werden will, der muss so urteilen und lehren, singen und sagen, es solle, wer dem Papst gehorsam sein will, wissen, dass er dem Teufel gegen Gott gehorsam ist und den Papst in seinen Greueln st&auml;rken hilft &hellip;&ldquo;<br />Und er endet seine Kampfschrift mit Worten, die heute kaum ein Protestant zu wiederholen wagt:<br />&bdquo;Wer Gott reden h&ouml;ren will, der lese die heilige Schrift, wer den Teufel reden h&ouml;ren will, der lese des Papstes Dekrete und Bullen. O weh, weh, weh dem, der dahin kommt, dass er Papst oder<br />Kardinal wird [&hellip;] Judas hat den Herrn verraten und umgebracht, aber der Papst verr&auml;t und verdirbt die christliche Kirche, welche der Herr lieber und teurer als sich selbst und sein Blut geachtet hat. Denn er hat sich selbst f&uuml;r sie geopfert. Weh dir, Papst!&ldquo;</p> <p><em><strong><br />Muss Luthers Urteil revidiert werden?</strong></em><br />Nun kann man Papst Benedikt XVI. ganz sicher weder in seiner Lebensf&uuml;hrung, noch in seiner<br />theologischen Bildung und Begabung mit dem damaligen Papst Pius IV. vergleichen. Er ist ohne<br />Zweifel seinem Vorg&auml;nger, der die Gegenreformation einleitete, in jeder Beziehung &uuml;berlegen.<br />Wenn wir das Urteil Luthers auch nicht uneingeschr&auml;nkt bejahen und wiederholen k&ouml;nnen, so sollten wir doch bedenken, wie die Bibel dar&uuml;ber urteilt, wenn einem s&uuml;ndigen Menschen<br />Attribute zugesprochen werden wie: &bdquo;Heiliger Vater&ldquo; &ndash; &bdquo;Oberster Richter aller Gl&auml;ubigen&ldquo; &ndash; &bdquo;Haupt der ganzen Kirche&ldquo; &ndash; &bdquo;Stellvertreter Christi&ldquo; usw.<br />Das alles sind Ehrbezeugungen, die allein Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist zustehen.<br />Kann man einen fehlbaren, s&uuml;ndigen Menschen, der sich diese Titel anma&szlig;t oder dem diese Attribute zugesprochen werden, mit &bdquo;Lieber, verehrter Heiliger Vater&ldquo;, &bdquo;Lieber Bruder Benedikt&ldquo;, &bdquo;Lieber Papst Benedikt, Diener der Diener Gottes und Bruder im Herrn&ldquo; usw. anreden, ohne sich schuldig zu machen?<br />Gibt es irgendwelche berechtigten Gr&uuml;nde, dass sich alle 18 Autoren dieser &bdquo;evangelischen&ldquo; Briefe an Benedikt XVI. einer der aufgez&auml;hlten Anreden bedienen?<br />Ist das unbedachte H&ouml;flichkeit, blau&auml;ugige Gutm&uuml;tigkeit, oder einfach nur Sympathie f&uuml;r einen sehr sympathischen, bescheiden auftretenden, hoch gebildeten und intellektuell brillanten Joseph Ratzinger?<br />Oder liegt es an unserer mangelnden Gottesfurcht und oberfl&auml;chlichen Bibelkenntnis, dass wir Protestanten den Protest verlernt haben?</p> <p><em><strong><br />Nach wie vor Abgrenzung!</strong></em><br />In unserer heutigen, von der Postmoderne gepr&auml;gten und anpassungss&uuml;chtigen evangelikalen<br />Szene ist es nicht nur n&ouml;tig, zu bekennen was wir glauben, sondern auch mit deutlichen, unmissverst&auml;ndlichen S&auml;tzen zu proklamieren, was wir n i c h t glauben und auf Grund der Bibel<br />f&uuml;r Irrtum, L&uuml;ge und S&uuml;nde halten.<br />Es ist tats&auml;chlich h&ouml;chste Zeit, &bdquo;Klartext&ldquo; zu reden und zu w&uuml;nschen, dass die Leser der Briefe &bdquo;an den lieben Bruder in Rom&ldquo; und wir alle nicht nur in eine &bdquo;heilige Unruhe&ldquo; geraten, sondern auch zu einer gr&uuml;ndlichen &Uuml;berpr&uuml;fung der eigenen geistlichen &Uuml;berzeugungen herausgefordert werden.</p>

Nachtext

Quellenangaben