Zeitschrift-Artikel: Sinnvolles Leiden?

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Titel: Sinnvolles Leiden?
Typ: Artikel
Autor: Joni Eareckson Tada
Autor (Anmerkung):

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Titel

Sinnvolles Leiden?

Vortext

<p>Das folgende Interview mit Joni Eareckson Tada wurde im Oktober in der amerikanischen Zeitschrift<br />&bdquo;Tabletalk&ldquo; ver&ouml;ffentlicht.</p>

Text

<p><strong>TT:</strong> W&uuml;rdest du unseren Lesern, die deine Geschichte nicht kennen, erz&auml;hlen, wie du querschnittsgel&auml;hmt wurdest?<br /><strong>JT</strong>: Jahrelang geh&ouml;rte ich zu denen, die sich sicher waren: Behinderungen passieren anderen, nicht mir. Das &auml;nderte sich an einem hei&szlig;en Julinachmittag 1967, als ich mit meiner Schwester<br />Kathi an einem Strand der Chesapeake- Bucht schwimmen ging. Das Wasser war tr&uuml;b, und ich dachte nicht daran, die Wassertiefe zu &uuml;berpr&uuml;fen, als ich mich auf einen Schwimmsteg hochzog. Ich machte einen Kopfsprung und f&uuml;hlte pl&ouml;tzlich, wie mein Kopf auf etwas Hartes aufschlug. In meinem Hals knackte es und ich sp&uuml;rte einen fremdartigen, elektrischen Schock.<br />Ich war noch unter Wasser, bet&auml;ubt und nicht in der Lage, zum Luftholen an die Oberfl&auml;che zu<br />kommen. Zum Gl&uuml;ck merkte Kathi meine Notlage und kam sofort zu meiner Rettung herbei.<br />Als sie mich aus dem Wasser zog, sah ich meinen Arm auf ihrer Schulter liegen, konnte ihn aber nicht sp&uuml;ren. Da wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert war. Sp&auml;ter im Krankenhaus erfuhr ich, dass mein R&uuml;ckenmark durchtrennt war. Ich w&uuml;rde den Rest meines Lebens querschnittsgel&auml;hmt sein und alle vier Gliedma&szlig;en nicht mehr bewegen k&ouml;nnen. Ich war am Boden zerst&ouml;rt.<br /><strong>TT</strong>: Was ging dir durch den Kopf als du zum ersten Mal realisiert hast, dass du deine Arme und Beine nie mehr w&uuml;rdest verwenden k&ouml;nnen? Wie bist du damit fertig geworden?<br /><strong>JT</strong>: Als ich im Krankenhaus lag fiel mir ein, dass ich erst einige Monate zuvor Gott gebeten hatte, mich n&auml;her zu ihm zu ziehen. Jetzt, ans Bett gefesselt, fragte ich mich, ob die L&auml;hmung seine Antwort auf mein Gebet war. Wenn das die Art und Weise war, wie er junge Christen behandelte &ndash; wie konnte ich ihm jemals in weiteren Gebeten vertrauen? Offensichtlich waren Gottes Wege ganz anders als meine, und dieser Gedanke erschreckte und deprimierte mich eine ganze Zeit lang. Aber wohin konnte ich mich sonst wenden? Wohin sollte ich gehen? Ich erinnere mich, dass ich gebetet habe: &bdquo;Gott, wenn ich nicht sterben kann, dann zeig mir, wie ich leben soll!&ldquo;. Viele Tage sp&auml;ter sa&szlig; ich vor meiner Bibel, hielt einen Stab zwischen meinen Z&auml;hnen, bl&auml;tterte durch die Seiten und betete, dass Gott mir helfen m&ouml;ge, die Puzzlest&uuml;cke meines Leids zusammenzusetzen.<br /><strong>TT</strong>: Welche Bibelabschnitte haben dir besonders Mut gegeben w&auml;hrend der K&auml;mpfe mit der Behinderung und dem Krebs?<br /><strong>JT</strong>: Psalm 79,8 sagt: &bdquo;Lass uns deine Erbarmungen bald entgegenkommen, denn sehr schwach sind wir geworden!&ldquo; Eigentlich wache ich fast jeden Morgen mit einem verzweifelten Bed&uuml;rfnis nach Jesus auf. Von damals angefangen, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, durch alle vier Jahrzehnte im Rollstuhl hindurch &ndash; es ist immer noch das gleiche. Der Morgen d&auml;mmert und ich merke: &bdquo;Herr, ich habe nicht die Kraft, weiter zu gehen. Ich habe keine Mittel. Ich schaffe es keinen Tag mehr mit meiner Querschnittsl&auml;hmung, aber ich vermag alles durch dich, wenn du mich kr&auml;ftigst. Bitte zeig mir dein L&auml;cheln f&uuml;r den Tag, ich brauche dich dringend!&ldquo; Das ist, wie ich entdeckt habe, das Geheimnis meiner Freude und Zufriedenheit.<br />Jeden Morgen zwingt mich meine Behinderung &ndash; und neuerdings mein Kampf gegen den Krebs &ndash; mit leeren H&auml;nden und geistlicher Armut zu dem Herrn Jesus zu kommen. Aber das ist ein guter Ort, denn Jesus sagt: &bdquo;Gl&uuml;ckselig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich&ldquo;<br />(Mt 5,3). Ein anderer Anker ist f&uuml;r mich 5Mo 31,5, wo Gott mir sagt: &bdquo;Sei stark und mutig. F&uuml;rchte<br />dich nicht (vor der Querschnittsl&auml;hmung, chronischen Schmerzen oder vor Krebs), denn der Herr dein Gott geht mit dir. Er wird dich nicht vers&auml;umen noch verlassen.&ldquo; Ich bin &uuml;berzeugt, dass ein Gl&auml;ubiger jedes Ma&szlig; an Leid ertragen kann, solange er sich sicher ist, dass Gott im Leid bei ihm ist. Zudem haben wir den Mann der Schmerzen, der von Gott verlassen war wie kein anderer, sodass er im Gegenzug zu uns sagen kann: Ich werde dich nicht verlassen. Gott schrieb ein Buch &uuml;ber Leid und nannte es Jesus.<br />Das hei&szlig;t, dass Gott uns versteht. Er ist bei mir. Mein Schwimmunfall war in der Tat eine Antwort auf mein Gebet, er m&ouml;ge mich zu sich ziehen.<br /><strong>TT</strong>: Wie wichtig ist f&uuml;r eine Person mit einer Behinderung die Unterst&uuml;tzung der Familie und der Gemeinde in solchen Zeiten?<br /><strong>JT</strong>: Gott hat nie beabsichtigt, dass wir alleine oder umsonst leiden sollen. Daher ist geistliche Gemeinschaft so wichtig f&uuml;r jemanden, der eine schwere Verletzung erlitten hat oder eine Krankheit durchlebt. Seine Familie und die Gemeinde halten ihn in Verbindung mit der Realit&auml;t und helfen ihm, dem Leiden etwas Positives abzugewinnen, bringen ihn aus der sozialen Isolation und weisen hin auf den, der alle Antworten in seiner Hand h&auml;lt. Ohne Familie und Gemeinde ist eine Person mit einer Behinderung verloren im Meer der Hoffnungslosigkeit. Das d&uuml;rfen wir nicht zulassen.<br /><strong>TT</strong>: Wie w&uuml;rdest du jemanden ermutigen, bei dem k&uuml;rzlich eine schwere Krankheit oder Behinderung diagnostiziert wurde?<br /><strong>JT</strong>: Als erstes: Es ist in Ordnung zu weinen. Es ist wichtig zu trauern. R&ouml;mer 12,15 zeigt uns, dass Gott nicht erwartet, dass wir alle Tr&auml;nen zur&uuml;ckhalten, also sollten wir es auch nicht voneinander<br />erwarten. Es ist hart, eine schlechte medizinische Diagnose schlucken oder die Geburt eines behinderten Kindes verkraften zu m&uuml;ssen. Und es braucht Zeit, die Realit&auml;t zu verdauen. Aber fr&uuml;her oder sp&auml;ter m&uuml;ssen wir die Taschent&uuml;cher beiseitelegen und anfangen zu denken, anfangen nach Gottes Absicht in dieser Sache zu suchen, weil es nicht genug ist, nur irgendwie damit fertig zu werden und sich damit abzufinden. Gott m&ouml;chte, dass wir seine Ziele mit dem Leid als gut und richtig annehmen (R&ouml;m 12,2b).<br /><strong>TT</strong>: Was ist der beste Weg, um nicht-behinderten Menschen zu helfen, in behinderten Menschen mehr als die Summe ihrer Behinderungen zu sehen?<br /><strong>JT</strong>: In jeder Person, die im Rollstuhl sitzt, einen Blindenstock oder eine Gehhilfe benutzt, steckt jemand wie du: ein Mensch mit Hoffnungen und Tr&auml;umen, Vorlieben und Abneigungen, Meinungen und Ansichten, Erinnerungen an die Vergangenheit. Versuche, hinter den durch das<br />Schicksal gekennzeichneten K&ouml;rper, die blinden Augen oder den Rollstuhl zu sehen und zu erkennen, dass dieser Mensch das Bild Gottes tr&auml;gt &ndash; eine Person mit menschlicher W&uuml;rde und<br />Lebenspotential. &Uuml;berlege, wie du dieser Person helfen kannst, ihren angeborenen Wert und<br />Lebenssinn zu entdecken &ndash; und sei dir bewusst, dass sie dir helfen kann, den deinen zu entdecken.<br /><strong>TT</strong>: Dein neustes Buch hei&szlig;t: &bdquo;Ein Ort der Heilung &ndash; Ringen mit den Geheimnissen von Schmerz, Leid und Gottes Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;. Warum hast du dieses Buch geschrieben?<br /><strong>JT</strong>: &Uuml;ber zehn Jahre lang habe ich mit einem chronischen Schmerz gek&auml;mpft (was sehr ungew&ouml;hnlich ist f&uuml;r Querschnittsgel&auml;hmte wie mich). Das kam noch zu meiner L&auml;hmung dazu, und es gab Zeiten, wo das alles zu viel f&uuml;r mich zu tragen schien. Also habe ich noch einmal meine Ansichten &uuml;ber g&ouml;ttliche Heilung &uuml;berpr&uuml;ft, und wollte erkennen, was ich noch lernen k&ouml;nnte.<br />Ich habe entdeckt, dass Gott noch immer das Recht beh&auml;lt, zu heilen oder nicht zu heilen, wie er es f&uuml;r richtig h&auml;lt. Und anstatt verzweifelt zu versuchen, dem Schmerz zu entfliehen, lernte ich neu die Lektion, dem Leid zu erlauben, mich tiefer in die Arme Jesu zu dr&auml;ngen. Ich mag es, mein Leiden als einen Sch&auml;ferhund zu betrachten, der mich in die Fersen bei&szlig;t, um mich die Stra&szlig;e nach Golgatha zu treiben, die ich von Natur aus nicht geneigt w&auml;re zu gehen.<br /><strong>TT</strong>: Wie pr&auml;gt und ver&auml;ndert das &sbquo;Joni &amp; Friends international disability center&lsquo; heute die Welt?<br /><strong>JT</strong>: Ich darf ein begabtes Team von gleichgesinnten Gl&auml;ubigen f&uuml;hren, die leidenschaftlich daf&uuml;r einstehen, Jesus f&uuml;r Leute real werden zu lassen, die an irgendeiner Krankheit oder Behinderung<br />leiden &ndash; und das auf der ganzen Welt. In unserem Programm &bdquo;R&auml;der f&uuml;r die Welt&ldquo; reisen begabte Therapeuten mit uns in Entwicklungsl&auml;nder, um Rollst&uuml;hle ma&szlig;geschneidert an die Bed&uuml;rfnisse der Behinderten anzupassen. Dar&uuml;ber hinaus geben wir ihnen Bibeln weiter und f&uuml;hren Behinderten-Trainings-Programme in Ortsgemeinden durch. Joni &amp; Friends unterh&auml;lt auch eine Reihe von R&uuml;ckzugsorten f&uuml;r Familien in den USA und auf der ganzen Welt, die f&uuml;r &uuml;ber dreitausend Kinder, Erwachsene, Familienmitglieder und freiwillige Helfer zur Verf&uuml;gung stehen.<br />Ich bete, dass Gott mir noch viele Jahre St&auml;rke und Ausdauer schenkt, um die Arbeit zu tun, zu der er mich berufen hat. Darum &bdquo;ist mir mein Leben nicht teuer, dass ich doch nur den Lauf vollenden und den Dienst erf&uuml;llen m&ouml;ge, den Jesus mir gegeben hat &ndash; das Evangelium von Gottes Gnade zu bezeugen&ldquo;. Das ist meine Version von Apostelgeschichte 20,24 &ndash; und das<br />ist es, was mich jeden Morgen mit einem L&auml;cheln aufstehen l&auml;sst.</p>

Nachtext

Quellenangaben

<p>Tabletalk Magazine Okt 2011 &copy; Ligonier Ministries und R.C. Sproul |www.ligonier.org; Abdruck mit freundlicher Genehmigung, &uuml;bersetzt von William Kaal</p>