Zeitschrift-Artikel: Jochen Klepper: Der Vater - Roman eines Königs

Zeitschrift: 136 (zur Zeitschrift)
Titel: Jochen Klepper: Der Vater - Roman eines Königs
Typ: Buchbesprechung
Autor: Christoph Grunwald
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1048

Titel

Jochen Klepper: Der Vater - Roman eines Königs

Vortext

Text

<p>&bdquo;K&ouml;nige m&uuml;ssen mehr leiden k&ouml;nnen als andere Menschen.&ldquo; Wenn ein solches Eingangszitat einem Buch vorangestellt wird, ahnt man, dass dieses Buch kein herk&ouml;mmlicher Roman ist.<br />&bdquo;Der Vater&ldquo; ist kaum einzuordnen. Es ist eine Mischung aus Prosa, Poesie, Lyrik, Historienroman und biografischem Lebensbild des Soldatenk&ouml;nigs, Friedrich Wilhelm I. Friedrich Wilhelm &uuml;bernimmt von seinem Vater, dem ersten K&ouml;nig &bdquo;in&ldquo; Preu&szlig;en, in jungen Jahren einen v&ouml;llig &uuml;berschuldeten &bdquo;Sumpfstaat&ldquo;. Entschlossen k&uuml;rzt Friedrich Wilhelm den gesamten Staatshaushalt auf ein absolutes Minimum und baut im Laufe seiner Regierung Schritt f&uuml;r Schritt den preu&szlig;ischen Glanzstaat auf, den der moderne Leser mit &bdquo;Preu&szlig;en&ldquo; in Verbindung bringt. Der Weg zu diesem europ&auml;ischen Vorzeigestaat war f&uuml;r den K&ouml;nig kein leichter. Er war der ewig Missverstandene, Bel&auml;chelte und Verspottete. Selbst seine Frau spann hinter seinem R&uuml;cken intrigante F&auml;den zwischen den europ&auml;ischen K&ouml;nigsh&auml;usern.<br />Sie verzieh ihrem Mann nie die drastischen K&uuml;rzungen ihres Etats, die es ihr nicht erlaubten, &bdquo;standesgem&auml;&szlig;&ldquo; (pomp&ouml;s) zu leben und hatte f&uuml;r seine radikal auf das Wohl Preu&szlig;ens ausgerichtete Politik kein Verst&auml;ndnis.<br />Im zweiten Teil des Buches wendet sich Klepper haupts&auml;chlich der problematischen Beziehung zwischen dem K&ouml;nig und seinem Sohn, dem sp&auml;teren Friedrich dem Gro&szlig;en, zu &ndash; daher auch der Titel &bdquo;Der Vater&ldquo;. Friedrich sah sich selbst als Knecht &bdquo;des K&ouml;nigs von Preu&szlig;en, der die Generationen des Geschlechtes &uuml;berdauerte&ldquo; &ndash; und verlangte vom Sohn eine &auml;hnliche Einstellung.<br />Gleichzeitig sah er sich aber auch als tiefgl&auml;ubiger Christ in der Verantwortung Gott gegen&uuml;ber, er war &bdquo;K&ouml;nig aus Gottes Gnaden&ldquo;. Unter dem Druck, &bdquo;beiden&ldquo; Herren gerecht zu werden, leistete Friedrich ein &uuml;bermenschliches, selbstzerst&ouml;rerisches Arbeitspensum, st&auml;ndig getrieben von Pl&auml;nen und Ideen, immer darum ringend, recht zu handeln. Sein Sohn &ndash; von der H&auml;rte und Strenge seines Vaters abgesto&szlig;en und von den musischen K&uuml;nsten und einer leichten, h&ouml;fischen Lebensweise angezogen &ndash; ergriff aus Verzweiflung die Flucht.<br />Das Spannungsfeld, in dem Friedrich zwischen &bdquo;seinem K&ouml;nig&ldquo; und seinem Gott stand, wird am deutlichsten, als Friedrich Wilhelm in seiner Funktion als K&ouml;nig nach der misslungenen Flucht des Sohnes ein Urteil sprechen muss. Die in dieser Situation gef&uuml;hrten Gespr&auml;che zwischen seiner Majest&auml;t und seinem Hofprediger Roloff sind sowohl an literarischer Qualit&auml;t, als auch an gedanklichem Tiefgang kaum zu &uuml;bertreffen &ndash; hier ein l&auml;ngerer Ausschnitt:<br />&bdquo;Das erste was er [der K&ouml;nig] danach wieder sprach, war dieses: &sbquo;Alle reden sie immer nur von der Rache und Strafe, die ich &uuml;ben werde. Rache und Strafe w&auml;ren leicht &ndash; leicht auch<br />aufzuheben. Aber das Opfer muss sein um der zerst&ouml;rten Ordnung willen. Warum darf ein K&ouml;nig nicht vergeben, wie andere Menschen vergeben d&uuml;rfen -?!&lsquo; Bleich stand Roloff vor dem K&ouml;nig. [&hellip;] In die letzte Entscheidung, die vor dem K&ouml;nig lag, dr&auml;ngte er sich nicht mit blassen Spr&uuml;chen einer falschen Milde, die doch das Herz des K&ouml;nigs nicht erreichen konnten. Ehrfurchtsvoll hielt er sich fern vor dem Bezirk der letzten Entscheidung, in die Gott einem K&ouml;nig Gericht und Gnade in ihrer ganzen Tiefe offenbarte.<br />Und so hatte der K&ouml;nig, vor der unertr&auml;glichen H&auml;rte des calvinistischen Bekenntnisses fliehend, unter den Lutheranern doch wieder nur den Strengsten gesucht, der nur einer Macht gehorchte: Gottes Anrede und Gottes Anspruch. [&hellip;] So nahm der gl&uuml;hende Prophet des Herrn, [&hellip;], die Last der schwersten Gedanken nicht von ihm; denn Gottes Schwere brach &uuml;ber den K&ouml;nig herein, und keiner vermochte sie von ihm zu wenden. Unbegreiflich schien der Trost, den er dem Ge&auml;ngstigten zusprach, f&uuml;r den er betete und den er nicht aus eigener, menschlicher Klugheit beriet: &sbquo;Eben auch das, Majest&auml;t, dass die K&ouml;nige nicht vergeben d&uuml;rfen wie die anderen Menschen, ist unter die Vergebung gestellt.&lsquo; Der K&ouml;nig h&ouml;rte nur den furchtbaren Befehl Gottes heraus, dass das Gericht geschehen m&uuml;sse. Seine Krone war ihm zur Dornenkrone geworden und sein Zepter zum Kreuz.&ldquo; (S. 651)<br />Insgesamt sind es solche Passagen, in denen vor allem der geistliche Kampf &ndash; durchdrungen mit Bibelworten und biblischen Bildern &ndash; des K&ouml;nigs beschrieben wird, die das Buch so wertvoll machen.<br />Jochen Klepper schreibt nicht nur, er malt ein Bild &ndash; das Bild des Lebens &ndash; und vor allem des Leidens &ndash; K&ouml;nig Friedrich Wilhelms I. Der K&ouml;nig selbst signierte seine eigenen, scheinbar harmlosen Bilder mit dem Zeichen &bdquo;In tormentis pinxit&ldquo; (&bdquo;in Qualen gemalt&ldquo;) &ndash; Klepper greift diese Vorlage auf und &sbquo;malt&lsquo; diese Qualen mit den Farben der Sprache &ndash; und arbeitet dabei<br />meisterhaft!<br />Tats&auml;chlich orientiert sich das Buch, sowohl sprachlich als auch inhaltlich, immer wieder an Bildern. Deutlich wird dies u.a. an den Kapitel&uuml;berschriften, die als Metapher den thematischen Schwerpunkt der Kapitel festlegen. Aber sogar viele selbst der einfachsten S&auml;tze sind doppeldeutig zu verstehen, sowohl w&ouml;rtlich, als sich auch in das gro&szlig;e Leidensbild f&uuml;gend. Gerade<br />dieser sprachliche Farbenreichtum, der teilweise abstrakt und manchmal sogar grotesk wirkt, macht die Schilderung der Ereignisse, Gedanken und Begegnungen fesselnd und plastisch.<br />Das Buch gewinnt zus&auml;tzlich an Schwere, wenn man sich die tragische Biografie des Autors in Erinnerung ruft. Auch er war der ewig Missverstandene und Unerkannte (leider bis heute!).<br />1942 nahm er sich, gemeinsam mit seiner (j&uuml;dischen) Frau und seiner Stieftochter das Leben, da keine Hoffnung mehr auf Rettung vor den Nazis bestand.<br />Das ein solches Buch nicht (wirklich) leicht zu lesen ist, sollte klar sein. Allein die &uuml;ber 900 Seiten werden sicher jeden abschrecken, dessen bevorzugtes literarisches Genre sich irgendwo zwischen Schlagzeilen und Comics einordnen l&auml;sst. Erstmalig erschien das Buch 1937 &ndash; die Sprache wirkt dementsprechend leicht fremd. Einige franz&ouml;sische Begriffe aus dem damaligen Hofleben erleichtern das Verst&auml;ndnis nicht unbedingt und auch die schon angerissene Mehrdeutigkeit fordert hohe Aufmerksamkeit und Konzentration.<br />Wer sich davon aber nicht abschrecken l&auml;sst, wird ein gro&szlig;artiges, fesselndes St&uuml;ck Weltliteratur genie&szlig;en k&ouml;nnen, dass auf h&ouml;chstem sprachlichen Niveau, mit herausragendem Tiefgang die Begegnung mit zwei gro&szlig;en Geistern der Vergangenheit m&ouml;glich macht &ndash; mit dem &bdquo;K&ouml;nig von Preu&szlig;en&ldquo; und seinem Dichter Jochen Klepper.</p>

Nachtext

Quellenangaben

<p>dtv; Tb., 925 S. &euro; 16,95</p>