Zeitschrift-Artikel: Hiskia

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Titel: Hiskia
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hiskia

Vortext

Text


Glaube im Härtetest

Die nun vor Hiskia stehende Glaubensprüfung ist eine der wenigen Begebenheiten im Alten
Testament, die uns gleich dreimal geschildert wird. Daher können wir davon ausgehen, dass sie von besonderer Bedeutung ist.
Beim Vergleichen fällt auf, dass 2Chr 32 relativ kurz und komprimiert berichtet, während die inhaltlich sehr ähnlichen Schilderungen in 2Kö 18 und Jes 36 die Dramatik der psychologischen
Kriegsführung der Assyrer und ihre Wirkung auf das Volk Gottes sehr ausführlich und eindrücklich
vor Augen malen.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gott uns mit dieser Geschichte eine wichtige Lektion erteilen will. Das er uns zeigen möchte, wie wir uns als Einzelne, aber auch als Gesamtheit in ähnlichen Herausforderungen unserer Zeit verhalten sollen.
Erinnern wir uns zunächst an die äußeren
Umstände: Die Assyrer hatten bereits die festen Städte Judas eingenommen und waren auf dem Vormarsch, um Jerusalem zu erobern.
Hiskia hatte auf den drohenden Angriff reagiert und nach einer Dringlichkeitssitzung mit seinen
Obersten Vorsorge getroffen: Alle Quellen außerhalb Jerusalems wurden verstopft, um den Feinden buchstäblich „das Wasser abzugraben“.
Danach wurde die Stadtmauer Jerusalems ausgebessert und die Armee so schnell und so gut wie möglich aufgerüstet, was allerdings auf die Assyrer wenig Eindruck machte und sie später zu beißendem Spott und Hohn veranlasste: „… ich will dir zweitausend Pferde geben, wenn du dir Reiter darauf setzen kannst“ (2Kö 18,23).
Abschließend hatte er seine Generäle und das Volk auf den Platz am Stadttor versammelt und eine kurze, aber glaubensstarke Freiluft- Ansprache gehalten und darin die Machtverhältnisse
ins rechte Licht gerückt: „Seid stark und mutig! Fürchtet euch nicht vor dem König von Assyrien und vor all der Menge, die mit ihm ist; denn mit uns sind mehr als mit ihm. Mit ihm ist ein Arm des Fleisches; aber mit uns ist der Herr, unser Gott, um uns zu helfen und unsere Kämpfe zu führen! Und das Volk verließ sich auf die Worte Hiskias, des Königs von Juda.“ (2Chr 32,7-8).

Die Macht des Vorbildes
Der König vertraute Gottes Verheißungen in dieser scheinbar aussichtslosen Situation und sein Glaube zog Kreise und steckte an. Echter, auf Gottes Verheißungen gegründeter Glaube hat immer eine ansteckende Wirkung auf die unmittelbare Umgebung!
Für dieses geistliche „Grundgesetz“ gibt es zahlreiche Beispiele in der Bibel und in der Kirchengeschichte.
Das Gottvertrauen von Männern und Führern wie Josua, Gideon, Samuel, David, Josia, Nehemia usw. hatte zur Folge, dass andere ermutigt wurden und es zu einem Aufbruch und zu einer Erweckung im Volk Gottes kam.
Die erste Strophe in dem Lied von Debora und Barak drückt ein geistliches Prinzip aus, das man immer wieder beobachten kann: „Weil Führer führten in Israel, weil freiwillig sich stellte das Volk, preist den Herrn!“ (Ri 5,2)
Wenn in Krisensituationen Führer im Volk Gottes mutig und vertrauensvoll vorangehen, werden sie immer Freiwillige finden, die auf eine geistliche Führung gewartet haben und gerne folgen.
Ein Beispiel für viele aus der Kirchengeschichte:
Im Jahr 1833 las Georg Müller die beeindruckende Lebensgeschichte von August Hermann Francke (1663-1727), dem Gründer der berühmten Waisenhäuser in Halle und Pionier in Sachen Weltmission, Bibel- und Literaturverbreitung usw. Am 9. Februar 1833 schrieb Georg Müller in sein Tagebuch:
„Ich las die Biographie A.H. Franckes. Der Herr helfe mir durch seine Gnade, ihm so nachzufolgen, wie er Christus nachgefolgt ist.“(1)
Im selben Jahr begann Georg Müller mit seiner Frau und seinem Freund Henry Craik, sich um
Arme und Verwahrloste zu kümmern und drei Jahre später entstand das erste Waisenhaus in
Bristol nach dem Vorbild A.H. Franckes. Alle Mittel für die Unterhaltung und Ausweitung dieser
Arbeit sollten allein von Gott erbeten werden.
Das Gottvertrauen und das Vorbild Georg Müllers wiederum hatten zur Folge, dass auch seine Mitarbeiter in der wachsenden Waisenhaus- Arbeit auf feste Gehälter verzichteten und ebenfalls ihre Versorgung in Gottes Hände legten und nicht enttäuscht wurden.
Die Glaubenserfahrungen Georg Müllers wiederum waren für Hudson Taylor, Thomas Barnardo und für viele weitere Männer und Frauen bis in die Gegenwart Ansporn und Vorbild, in ähnlicher Weise mit „Gottes Verheißungen zu rechnen, wie mit Bargeld“(2).

Die Vertrauensfrage

Während Hiskia durch sein Vorbild und seinevWorte das Volk ermutigte, rückte die Armee dervAssyrer weiter in Richtung Jerusalem vor. Drei der wichtigsten Repräsentanten des Assyrerkönigs – der Feldherr, der Obermundschenk und der Oberkämmerer – wurden als Verhandlungsführer vorgeschickt, um Hiskia und sein Volk zu bewegen, sich freiwillig der Übermacht Assyriens zu ergeben.
Auf der anderen Seite traten ihnen drei Gesandte des Königs Hiskia entgegen, um die Kriegserklärung oder die Friedensbedingungen der Feinde in Empfang zu nehmen.
Interessant ist, dass die Vertreter des Sanheribs zunächst weder von Krieg noch von Frieden reden, sondern das Glaubensbekenntnis Hiskias in Frage stellen: „Was ist das für ein Vertrauen,
womit du vertraust“ … „Auf wen vertraust du …?“
Sieben mal in sieben Versen (2Kö 18,19-25) benutzen sie die Worte „vertrauen“ oder „vertraust“
und versuchen, damit das Gottvertrauen des Königs Hiskia zu unterminieren.
Es wird deutlich, dass Gott die Arroganz und Überheblichkeit der Assyrer benutzte, um das Glaubensbekenntnis Hiskias auf Festigkeit und Echtheit zu prüfen.
Ungeprüfter Glaube ist kein Glaube und jedes Bekenntnis zu Gott wird auf der Waage des Heiligtums gewogen. Hiskia hatte das großartige und einmalige Zeugnis von Gott erhalten:
„Er vertraute auf den Herrn, den Gott Israels; und nach ihm ist seinesgleichen nicht gewesen unter allen Königen von Juda, noch unter denen, die vor ihm waren“ (2Kö 18,5). Nun sollte das
Vertrauen Hiskias dem Härtetest der Echtheit ausgesetzt werden.

Wie krisenfest ist unser Glaube?
Die höhnischen, provokativen und verunsichernden Fragen hatten es in sich. Sie enthielten folgende Botschaften:
• „Dein Glaube ist doch nur leeres Geschwätz – nur ein Lippenbekenntnis!“ (Vers 20)
• „Dein Glaube an Gott ist nur ein Vorwand – im Grunde vertraust du auf die ‚Krücke‘ Ägypten!“ (Vers 21)
• „Dein Glaube steht im Widerspruch zu deinen Taten!“ (Vers 22 – was allerdings ein peinliches Eigentor der Assyrer war!)
• „Glaubst du etwa, dass wir nicht an Gott glauben? Dein Gott hat uns den Befehl gegeben, Jerusalem zu zerstören!“ (Vers 25)
Unser Glaube wird selten erprobt, wenn wir in einer warmen Studierstube im Sessel sitzen oder auf einer Kanzel im Sonnenschein der Popularität schwelgen, sondern meist im eiskalten Gegenwind einer gottlosen Welt, wenn sie uns „auf dem falschen Fuß“ erwischt.
Sören Kierkegaard hat das einmal so ausgedrückt:
„Wenn keine Gefahr ist, wenn Windstille herrscht, wenn alles dem Christentum günstig ist, so ist es nur allzu leicht, einen Bewunderer mit einem Nachfolger zu verwechseln.“(3)
So wie Petrus nach seinem vollmundigen Bekenntnis, Jesus bis in den Tod zu folgen, wenige Stunden später auf die Probe gestellt wurde und jämmerlich versagte, so wird Gott auch in unserem Leben Situationen zulassen, in denen die Echtheit und Ernsthaftigkeit unseres Glaubens uns selbst und manchmal auch unseren Mitchristen vor Augen geführt wird. Worauf vertrauen wir in Krisensituationen?
• Auf unsere Kraft?
• Auf unsere Intelligenz?
• Auf unsere Erfahrung?
• Auf unsere materiellen Besitztümer?
• Auf unsere Bibelkenntnis?
Gott schenke, dass die Bewährung unseres Glaubens „viel kostbarer als die des Goldes, das vergeht, aber durch Feuer erprobt wird, gefunden werde zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi“ (1Petr 1,7).
Wir können uns gut vorstellen, dass den Unterhändlern Hiskias nach dieser geballten Ladung das „Herz in die Hose“ gerutscht ist.
Denn nicht nur sie waren Zeugen der Argumente, sondern auch die Menge der Israeliten, die auf der Mauer standen und dem Gespräch sicher atemlos zuhörten.
Ihre erste hilflose Reaktion war ziemlich unbedacht. Sie baten die Assyrer, doch nicht die Gesetze der Diplomatie zu verletzen, sondern so zu sprechen, dass nur ein paar VIPs das Gesagte
verstehen konnten (Vers 26).
Doch das war eine willkommene Steilvorlage für die nächste Attacke des Wortführers der
Assyrer, der sich nun nicht mehr an die Unterhändler des Hiskia, sondern an das Volk selbst
wandte und sich mit lauter Stimme der jüdischen Sprache bediente.

Wer ist der Retter?
In den Versen 2Kö 18,28-35 wird nun der Glaube des Volkes auf die Probe gestellt. In diesen acht Versen wird sieben Mal provozierend gefragt:
„Wer wird euch retten?“
• „Wird Hiskia euch retten? (Verse 29 und 32)
• „Wird Gott – mit dem euch Hiskia ermutigen will – euch retten?“ (Verse 30.32.35)
• „Ist euer Gott stärker und größer als die Götter der anderen Völker?“ (Verse 34 und 35)
Mit auf den ersten Blick schlagenden Argumenten versucht der Feind, Zweifel zu säen und das Vertrauen zu Hiskia und zu dem Gott Israels zu zerstören.
Die damaligen Umstände schienen den Assyrern Recht zu geben. Ihre Armee schritt unaufhaltsam vorwärts und hatte bereits ungehindert Samaria und sogar einige „feste Städte in Juda“ eingenommen (2Kö 18,13).
Schließlich machten sie noch großartige Versprechungen und stellen ihnen ein Leben in Frieden und Wohlstand in Aussicht, wenn sie sich ergeben würden (Verse 31 und 32).
Es ist die uralte und trotzdem so oft erfolgreiche Taktik des Teufels, Zweifel an Gottes Verheißungen zu wecken: Er stellt uns unsere eigene Hilflosigkeit vor Augen, weist auf das
scheinbare Nichteingreifen oder die scheinbare Nichtexistenz unseres Gottes hin und redet uns
dann ein, dass uns als Deserteure unter seiner Fahne eine wundervolle, erfolgreiche Zukunft
bevorsteht.

Alte Lügen!
Die Unterhändler der Assyrer machten allerdings einen entscheidenden Fehler, der jedem gottesfürchtigen Israeliten, der genau hingehört hatte, ein „Augenöffner“ sein musste:
„Sie redeten von dem Gott Jerusalems wie von den Göttern der Völker der Erde, einem
Machwerk von Menschenhänden“ (2Chr 32,19).
Gott schenke uns ein feines Gehör und Gespür für den zunehmenden Synkretismus, für
Religionsvermischung und menschliche Gottesvorstellungen, die immer mehr – und oft im
frommen Gewand – die Christenheit unterwandern und auch in evangelikale Kreise einzudringen
versuchen.

Was tun?
Hiskia hatte weise Vorsorge getroffen und sein Volk für die Auseinandersetzung mit dem Feind
entsprechend präpariert. Er hatte sie einerseits ermutigt, indem er ihnen zugerufen hatte: „…mit
uns ist der Herr, unser Gott, um uns zu helfen und unsere Kämpfe zu führen!“ (2Chr 32,8).
Aber er hatte auch eine eindeutige Verhaltensweise angeordnet für den verbalen Umgang mit den Drohungen und Lockangeboten der Assyrer: „Und das Volk schwieg still und antwortete ihm kein Wort; denn es war das Gebot des Königs, der gesagt hatte: Ihr sollt ihm nicht antworten!“ (2Kö 18,36).
Hiskia wusste aus leidvoller Erfahrung, dass Verhandlungen mit dem Feind immer zum Scheitern
verurteilt sind und dazu führen, dass man die Abhängigkeit von Gott und das Vertrauen auf seine Macht und seine Verheißungen verliert. Dazu wird man noch vom Feind betrogen, der nicht im Traum daran denkt, seine Versprechungen wahr zu machen. Deswegen sollte sich das Volk auf keine Diskussion mit den Assyrern einlassen, sondern mit Schweigen reagieren.
Das erinnert an Bunyans „Pilgerreise“: Als Christ und Getreu auf dem Weg zur „himmlischen
Heimat“ den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ passieren mussten, stürzten sich die Händler auf die beiden Pilger, um sie zum Kauf ihrer Angebote zu überreden. Bunyan schreibt an dieser Stelle:
„Was den Kaufleuten am Unbegreiflichsten erschien, war, dass sie die Waren nicht der geringsten Aufmerksamkeit wertachteten; und wenn man sie anhielt, etwas zu kaufen, so hielten sie sich die Ohren zu und beteten: ‚Wende meine Augen ab, dass sie Eitles nicht sehen!‘ (Ps 119,37).“(4)
Erinnern wir uns an das Vorbild unseres Herrn, wie er in der Wüste auf die Aufforderungen und Angebote des Teufels nicht mit Diskussionen, sondern nur mit dem Argument „Es steht geschrieben“ reagierte.
Wenn Gott zulässt, dass unser Glaube und unser Vertrauen angefochten werden, sollte es auch unsere Strategie sein, nicht mit Argumenten der Vernunft oder Logik, sondern mit dem
Wort Gottes zu reagieren. Bei jedem verbalen Schlagabtausch mit dem Teufel werden wir den Kürzeren ziehen.

Nachtext

Quellenangaben

( 1 ) Georg Müller „Und der himmlische Vater ernährt sie doch“, SCM Hänssler, S. 76
( 2 ) So Paul Deitenbeck in einer Predigt
( 3 ) Sören Kierkegaard „Einübung im Christentum“, Diederich,S. 238
( 4 ) John Bunyan „Pilgerreise“, Johannis, S. 104