Zeitschrift-Artikel: Das größte Gebot (Teil 1)

Zeitschrift: 137 (zur Zeitschrift)
Titel: Das größte Gebot (Teil 1)
Typ: Artikel
Autor: Christoph Grunwald
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1279

Titel

Das größte Gebot (Teil 1)

Vortext

Text

„Wenn du heute zwanzig gute Menschen fragen würdest, was sie für die höchste Tugend halten,
würden neunzehn von ihnen die Antwort geben: ‚Selbstlosigkeit‘. Aber nahezu jeder der großen
Christen der Vergangenheit hätte auf diese Frage geantwortet: ‚Liebe‘!“(1)
Mit dieser fiktiven Umfrage begann C.S.Lewis eine seiner berühmtesten Predigten. Heute – 65 Jahre später – wundert man sich vielleicht über die Antwort, die Lewis von seinen Zeitgenossen
erwartete, aber ungeachtet dessen ist die von C.S. Lewis gestellte Frage zu jeder Zeit hochaktuell. Denn die Frage nach der höchsten Tugend führt letztendlich in die entscheidende
Frage des christlichen Lebens – die Frage nach Ziel, Inhalt und Sinn unseres Daseins. Wonach
streben wir wirklich? Was hat in unserem Leben größte Priorität?
Kein Wunder, dass diese Frage schon vor ca. 2000 Jahren gestellt – und glücklicherweise vom Herrn des Lebens selbst beantwortet wurde. Zu finden in Mk 12,28-34.

Die Vorgeschichte
Nach dem Einzug Jesu in Jerusalem und der Tempelreinigung (Mk 11,1-18) wird Jesus von vier
verschiedenen Gruppen attackiert. Zuerst wird er von den Hohepriestern und Ältesten angegriffen:
„Wer hat dir die Vollmacht gegeben, dies zu tun?“ (Mk 11,28) Nach dieser „juristischen“ Frage – die rechtliche Legitimation betreffend – schließt sich eine politische Auseinandersetzung mit den Herodianern an (Mk 12,13-17).
Diese recht unbekannte Gruppe versucht Jesus mit einer Fangfrage bezüglich der Steuer „aufs Glatteis“ zu führen: „Ist es erlaubt dem Kaiser die Steuer zu geben, oder nicht?“
Die nächste Gruppe, die Sadduzäer, bemüht sich in Mk 12,18-27, Jesus mit einer paradoxen Argumentation festzunageln. Ihre Frage lässt sich vielleicht in einen philosophischen Bereich
eingliedern: Welche Weltanschauung vertritt Jesus?
Abschließend tritt in Mk 12,28-34 nun die Gruppe der Pharisäer und Schriftgelehrten mit ihrer Fangfrage auf den Plan: Diese letzte Frage ist theologischer Natur: „Welches ist das erste Gebot unter allen?“ (Mk 12,28).
So unterschiedlich diese vier Fragen auch sein mögen, sie alle hatten eine Absicht – sie sollten den Herrn bloßstellen. Jesus sollte sich derart positionieren, dass man einen greifbaren Anklagegrund gegen ihn hätte. Er begegnet jedoch all diesen Angriffen so weise, göttlich vollkommen und souverän, dass alle Gruppen letzten Endes unverrichteter Dinge zurücktreten
müssen.

Das größte Gebot
Bei dem Bericht in Mk 12 scheint es nicht um eine Fangfrage zu gehen. Ausdrücklich wird erwähnt, dass der fragende Schriftgelehrte Jesus ansprach, „weil er sah, dass er [Jesus] ihnen [den Sadduzäern] gut geantwortet hatte“. Nach Jesu Antwort stimmt der Schriftgelehrte Jesus voller Emphatie zu und Jesus attestiert ihm – „weil er sah, dass er verständig geantwortet hatte“: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“ (Mk 12,34). Dieser Schriftgelehrte steht also in einem ausgesprochen positiven Licht da und man hat den Eindruck, dass er diese Frage eher aus brennendem persönlichen Interesse stellte, als mit der kalten Absicht, Jesus zu versuchen.
Dennoch scheint genau dies in der Parallele in Mt 22 vermittelt zu werden: „… einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, stellte ihm eine Frage, um ihn zu versuchen“ (Mt 22,35).(2)
Ob und wie diese Diskrepanz schlüssig aufgelöst werden kann, soll hier nicht umfassend erläutert werden. Möglicherweise kam der Schriftgelehrte als einer, der versuchen wollte – und ging als einer, der überzeugt wurde. Vielleicht kam er auch in einer gewissen inneren Zerrissenheit zwischen Wohlwollen und Skepsis.
Inwiefern überhaupt die Frage, die der Schriftgelehrte stellt, als Fangfrage zu verstehen ist, bleibt verborgen. Während es bei den Juden Strömungen gab, das Gesetz nahezu endlos zu erweitern und zu verfeinern, gab es auch Richtungen, die versuchten das Gesetz auf seinen Kern zu reduzieren und in eine handhabbare Form zu pressen.
So ist überliefert, dass die rabbinische Tradition das Gesetz auf 613 Einzelgebote zurückführte(3) Zum Beispiel wird berichtet, dass der Rabbiner Hillel von einem Proselyten gebeten wurde, ihn in der Zeit, in der dieser auf einem Bein stehen könne, mit dem Gesetz vertraut zu machen. Hillel wird mit folgenden Worten zitiert: „Was dir selbst verhasst ist, füg’ auch deinem Nächsten nicht zu.“(4) Das diese Aussage schon stark an den zweiten Teil der Antwort Jesu erinnert, ist offensichtlich. An einer solchen Antwort (und an denen anderer Rabbiner) wird aber vor allem deutlich, dass die Problematik bei den Schriftgelehrten diskutiert wurde. Möglicherweise ist die Frage des Theologen daher insofern als Fangfrage zu verstehen, als er von Jesus erwartete, sich einer der konkurrierenden rabbinischen Schulen und Traditionen anzuschließen und damit natürlich die anderen zu verwerfen.
Vielleicht ist es aber noch einfacher: Je nachdem, welches Gebot Jesus als das erste genannt hätte, bekämen die Schriftgelehrten die Möglichkeit, Jesus nachzuweisen, dass er ein ‚falsches‘ Gebot nannte. Nach der Antwort folgt keine weitere Frage
und da sich auch sonst keiner mehr traute eine Frage zu stellen (Mk 12,34), der Schriftgelehrte
darüber hinaus die Antwort zufrieden unterstreicht, ist es schwer auszumachen, was das bedrohliche Element dieser Frage war. Wie auch immer – Jesus bekommt eine bemerkenswerte
Frage gestellt, auf die er eine brillante Antwort gibt.

Eine bemerkenswerte Frage
Aber was ist an dieser Frage so herausragend?
Nun, letztendlich ist es eine Vertiefung der Frage, die im Eingangs-Zitat von C.S. Lewis gestellt wurde: „Was ist die höchste Tugend?“ – Diese Frage zielt auf das, was unser Leben auf das Wesentliche reduziert: „Was ist das größte Gebot?“ – „Was ist das Wichtigste im Leben eines Christen?“
In der Quintessenz lautete die Frage: „Was ist für Gott das Wichtigste?“ Wenn aber etwas für Gott das Wichtigste ist, dann muss das auch für uns das Wichtigste sein! Wir werden schließlich nach Gottes Maßstäben beurteilt, nicht nach unseren eigenen. Wenn ein Christ sein Leben lang z.B. nach Perfektion strebt, für Gott aber die Liebe entscheidend ist – dann ist das Streben nach Perfektion möglicherweise berechtigt, aber nebensächlich! Wenn wir nicht das als Allerwichtigstes akzeptieren, was Gott als Hauptsache bestimmt, dann leben wir am Ziel vorbei – und verschwenden unser Leben mit Nebensächlichkeiten. Insofern sollten wir diesem Schriftgelehrten
für seine Frage danken – wir erfahren dadurch aus Gottes Mund, was für ihn das Wichtigste ist – worauf es wirklich ankommt!

Nicht ein Gebot – sondern zwei!
„Welches ist das erste Gebot unter allen?“ – Die Antwort ist unerwartet: Jesus nennt nicht ein Gebot, er nennt zwei!
„Das erste ist: ‚Höre Israel: Der Herr, unser Gott, ist Herr allein; und du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft.‘“ Und ohne Unterbrechung fährt Jesus fort: „Das zweite ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Größer als diese ist kein anderes Gebot.“
Es fällt sofort auf, dass beide Gebote im Aufbau nahezu gleich sind: Beide beginnen mit „Du sollst“. Beide haben ein Objekt, mit dem man in einer Beziehung steht (einmal „den Herrn, deinen Gott“ und das andere Mal „deinen Nächsten“). Beide haben eine Handlungs-Aufforderung
(„lieben“) und beide beschreiben, wie man das entsprechende Objekt lieben soll („aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft“ und „wie dich selbst“).
Neben den Gemeinsamkeiten im Aufbau und den Unterschieden im Objekt und der Andersartigkeit im Ausdruck der Liebe lässt sich jedoch eine ganz entscheidende Differenz nennen: Das erste Gebot unterscheidet sich vom zweiten durch einen einleitenden Satz: „Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist allein Herr!“
Auf Hebräisch heißt „Höre Israel“ „Schema Israel“ und unter dieser Bezeichnung ist dieser Vers – das gesamte Gebot ist ein Zitat aus dem fünften Buch Mose (5Mo 6,4.5) – tief in der jüdischen Anbetung verwurzelt.(5) Dieses „Schema Israel“ war zwingender Bestandteil des täglichen Morgen- und Abendgebetes des frommen Juden. Der Schriftgelehrte, der Jesus diese Frage stellte, betete also selbst jeden Tag dieses Gebot mindestens zweimal. Vielleicht war er daher gar nicht so überrascht, als Jesus dieses Gebot als das Wichtigste nannte – diese Worte waren dem Schriftgelehrten vermutlich vertrauter als alle anderen.
Was ihn aber möglicherweise überrascht haben dürfte, war die Gleichstellung mit dem zweiten Gebot! Jesus war vermutlich der erste, der beide Gebote nebeneinander stellte.(6)
Es ist auffällig, dass Jesus nur wenige Verse weiter in Mk 12,38 sagt: „Hütet euch vor den Schriftgelehrten, […] welche die Häuser der Witwen fressen“ – ganz sicher nicht eine Umschreibung von gelebter Nächstenliebe!
Aber auch um ihre Liebe zu Gott war es nicht so großartig bestellt. Die Worte Stephanus sollen stellvertretend als Beleg reichen: „Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren! Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr!“ (Apg 7,51)
Die Bibel zeichnet ein Bild von den Pharisäern und Schriftgelehrten, aus dem man schließen kann, dass diese Menschen sehr liebevoll waren – zu sich selbst! Ihr Gottesdienst war hauptsächlich ein Dienst am eigenen Ego (vgl. z.B. Mt 5,20; 23,5-7). Jesu Antwort war also eine
Doppel-Lektion für den Schriftgelehrten. Genauso ist seine Antwort auch für uns eine Doppel-Lektion. Wir sind gleichermaßen sehr „liebevolle“ Egoisten. Aber Christus wendet unseren Blick weg vom Ego. Das „Wichtigste“, das Ich, verschwindet völlig!

„Höre Israel …“
„Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist allein Herr;“ („ist ein Herr“ oder „ist der einzige Herr“).
Der Schriftgelehrte selbst hilft beim Verstehen: „Es ist in Wahrheit so, wie du sagst, dass es nur einen Gott gibt und k e i n e n a n d e r e n a u ß e r i h m .“ Es ging und geht um Gottes
Einzigartigkeit!
Erst nach dieser Einführung folgt das eigentliche Gebot: „[…] und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.“
Warum diese Einleitung? Dem zweiten Gebot geht ein solcher Satz nicht voraus. Hätte Jesus diesen Satz weggelassen, wäre die Antwort noch kompakter, noch konzentrierter – aber er hat ihn nicht weggelassen. Was ist an diesem Satz so wichtig?
Zum einen bietet er eine Art Legitimation für das folgende Gebot. Zum anderen ist er eine Vorwegnahme dessen, was das eigentliche Gebot ausdrückt, er beschreibt sozusagen den Kern des Gebotes.
Die Tatsache, dass Gott allein Herr ist, bildet die Grundlage dafür, dass er die Autorität hat, uns Gebote zu geben! Wenn Jesus diesen Satz mitzitiert, ist das gleichzeitig ein „Wachmacher“.
Es heißt nicht umsonst: „Höre, Israel“. Merke auf! Hier spricht nicht irgendwer – hier gebietet der Allmächtige, der König der Könige, der über allem ist und dem keiner gleich ist. Hier spricht der Gewaltige, der Herr der Heerscharen, dem alles untertan ist. „Höre, Israel“ – ist der Posaunenstoß des Herolds. Der alleinige Gott des Universums gebietet dir. Weil Gott der alleinige, der einzige Gott ist, darf er gebieten und Gehorsam fordern. Wenn irgendjemand Gebote geben darf, dann er! Dieser Satz ist die Proklamation des Herrschaftsanspruchs und der Autorität Gottes über unser Leben! Insofern ist diese Einleitung die notwendige Grundlage für das Gebot.
Aber nicht nur das – provokativ ausgedrückt beinhalten diese Worte sogar das Gebot selbst. Das nachfolgende Gebot unterstreicht lediglich diesen Satz. Den Herrn, unseren Gott zu lieben, bedeutet nämlich nichts anderes, als darauf zu reagieren, dass er der einzige Gott ist. Wenn wir diesem Gebot Jesu nachkommen, dann bekräftigen wir die Aussage, dass Gott der alleinige Gott ist, mit unserem Leben. Und genau darum geht es in diesem Gebot. Gott sagt indirekt: „Ich bin Gott, der einzige Herr. Und diese Tatsache sollst du dadurch deutlich machen, dass du mich liebst, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Verstand und aus aller Kraft.“
„Die Einzigkeit und Hoheit dessen, der sich als der Herr geoffenbart und zum Gott seines Volkes gemacht hat, bindet die Liebe ganz an ihn und verbietet, etwas anderes über oder neben ihn zu setzen, woran das Herz sich hängen dürfte.“(7)

Warum sollen wir Gott lieben?
Wenn ein Mensch diese Forderung stellte, würden wir das als total egoistisch und selbstsüchtig empfinden, weil wir Menschen Liebe brauchen.
Unser Wohlbefinden, unser Glück und unsere Freude hängen davon ab, ob wir geliebt werden oder nicht. Eine Forderung nach Liebe ist für uns also gleichzeitig eine Bedingung für unser Wohlbefinden.
„Liebe mich – damit ich glücklich bin!“ Die Aufforderung, mich zu lieben, entspringt der Selbstliebe, dem Egoismus. Aber Gott ist kein Mensch! Gott ist Gott. Und das ändert alles!
Wenn Gott uns befiehlt ihn zu lieben, dann hat das nichts mit Selbstsucht zu tun, sondern eben damit, dass er allein Gott ist:

Gott lieben bedeutet anerkennen wer er ist
Alles hat seinen Anfang und sein Ende, seinen Beginn und sein Ziel bei und in Gott: „Alles ist durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kol 1,16) „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge.“ (Röm 11,36; s.a. Hebr 2,10a) Alles dreht sich um Gott. Wir sind nicht zum Selbstzweck geschaffen – wir sind für Gott geschaffen. Wenn Gott uns gebietet, dass wir ihn lieben sollen – dann geht es in erster Linie um ihn. Deswegen ist es vollkommen gut und richtig, wenn Gott uns gebietet ihn zu lieben. Er ist ohnehin Ziel und Ursprung von allem.
Aber gehen wir noch etwas weiter: Was hat Gott davon, wenn ich ihn liebe? Diese Frage ist eigentlich eine unsinnige Frage und zwar aus einem einfachen Grund: Gott braucht nichts! Wir
haben nichts, was er benötigt, wovon er abhängig wäre oder was ihm fehlen würde. Sonst wäre
Gott ja ein bedürftiges Wesen – ein Wesen, das etwas von außen braucht. Er wäre damit „unvollständig“ und nicht mehr vollkommen! Aber das ist Gott nicht, sonst wäre er nicht mehr Gott!
Gott profitiert nicht von unserer Liebe zu ihm. Das ist der Unterschied zwischen ihm und uns. Wir brauchen die Liebe anderer Geschöpfe. Wir sind unglücklich und freudlos, wenn uns niemand liebt – aber Gott braucht das nicht! Gott hat das schon! Er existiert seit Ewigkeiten in der fantastischsten Liebesbeziehung, die man sich vorstellen kann – in seiner Dreieinigkeit. Er hat
absolut keinen Mangel an Liebe. Gott braucht nichts (vgl. z.B. Apg 17,25).

Gottes Allgenügsamkeit

Gott ist ein Gott überfließender Fülle, ein Gott, der aus dieser Fülle gibt – nicht ein Gott, dem wir etwas geben könnten.
Sind wir nicht im Stillen oft der Meinung, dass Gott ohne uns ein ziemlich trauriges Dasein fristen würde? Was würde Gott wohl ohne uns machen …?
Die Realität ist – Gott ist im Himmel genauso glücklich mit uns, wie ohne uns. Wenn wir davon
ausgehen, dass Gott ohne uns unglücklich wäre, dann würde das wiederum bedeuten, dass Gott
von uns abhängig ist, dass ihm etwas gefehlt hätte, als es den Menschen noch nicht gab. Aber Gott hat nie etwas gefehlt. Gott ist immer derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit. Er wäre ohne einen einzigen Menschen vollkommen glücklich. Er braucht uns nicht. Er hat sich selbst – und das genügt ihm, um für alle erdenklichen Ewigkeiten unendlich glücklich und zufrieden zu sein.
Erst vor diesem Hintergrund kann Gnade wirklich Gnade sein. Würde Gott uns benötigen, wäre seine Zufriedenheit in der Ewigkeit an unsere Errettung geknüpft, wäre doch das Geschenk des ewigen Lebens eine Notwendigkeit.
Gott müsste sozusagen einigen das ewige Leben geben, um seine eigene Zukunft zu verbessern.
Er würde nicht mehr souverän, frei und uneingeschränkt handeln. Gerade weil das aber eben nicht der Fall ist, erscheint es noch viel unbegreiflicher, dass er sich dazu entschlossen hat, Menschen zu retten!

Lieben heißt wertschätzen
Gott ist die Quelle. Er braucht uns nicht – aber wir brauchen ihn! Ohne ihn gäbe es kein Leben, kein Licht, keine Freude – wir würden verdursten und verschmachten ohne ihn. Aber Gott will
nicht, dass wir mit einem Fingerhut voll Wasser zur Quelle laufen, um sie aufzufüllen! Wir sollen
bei der Quelle trinken. Wir sollen ihr frisches, reines Wasser genießen und allen von dieser prächtigen Quelle erzählen – mit anderen Worten: wir sollen die Quelle lieben!
Indem wir uns an der Quelle erfreuen, indem wir sie genießen, bringen wir der Quelle Wertschätzung entgegen. Wenn wir Gott lieben, ehrt ihn das – weil wir damit ausdrücken, dass
er wunderbar und wertvoll ist. Und genau das ist der springende Punkt!
Wird jemand etwas Wertloses lieben, etwas, das sich nicht zu lieben lohnt? Wenn wir Gott
lieben, aus unserem ganzen Herzen, aus unserer ganzen Seele, aus unserem ganzen Verstand
und aus unserer ganzen Kraft, dann machen wir damit deutlich, dass es nichts Vergleichbares
gibt, das sich zu lieben lohnt! Wir demonstrieren, dass es nichts gibt, was so herrlich und wunderbar ist wie Gott, dass es nichts gibt, was unser Verlangen so stillt wie er – wir bestätigen, dass er allein Gott ist – das nichts neben ihm existiert, was ihm gleich wäre und dass wir ihn zu
unserem Glück brauchen! Wir rufen mit David: „O Gott, du bist mein Gott; früh suche ich dich! Meine Seele dürstet nach dir; mein Fleisch schmachtet nach dir in einem dürren, lechzenden Land ohne Wasser. […] deine Gnade ist besser als Leben“ (Ps 63,2.4).
Gott will, dass wir ihn lieben, weil wir damit seine Größe, Unerreichbarkeit, Herrlichkeit, Einzigartigkeit und gleichzeitig unsere vollkommene Unfähigkeit, ohne ihn leben zu können, zum Ausdruck bringen.
In unserer Liebe zu Gott strahlen wir seine Herrlichkeit, seine Größe, seinen Reichtum, seine Schönheit zurück, die er uns offenbart hat. Wir sind wie der Mond, der die verborgenen Strahlen der Sonne reflektiert, und sie so selbst in der Nacht sichtbar macht. Der Mond hat keine
Leuchtkraft aus sich selbst – er ist ein „Hinweisschild“. Am Mond kann jeder sehen, dass es noch etwas Größeres, Helleres, Mächtigeres gibt, ohne das der Mond nur ein großer hässlicher, vernarbter Klumpen kosmischen Staubes wäre.
Wir können Gott nichts geben was ihm fehlt – aber wir können anerkennen, was er ist. Wenn die 24 Ältesten in der Offenbarung Gott anbeten, dann bringen sie ihm nicht „Weisheit,
Macht, Ruhm und Ehre“, sondern sie anerkennen, dass Gott das alles besitzt – und das es gut und richtig ist, dass er all das besitzt, weil nur er würdig ist (vgl. Offb 4,11; 5,12-14; 7,10-12).
Gott anbeten, Gott verherrlichen, Gott lieben ist ein Anerkennen der göttlichen Realität und unserer absoluten Abhängigkeit von ihm.
Wir bezeugen mit unserer Liebe – aus der ganz natürlich Anbetung entspringt –, dass wir nur ein Klumpen Staub sind, dass wir nicht zum Selbstzweck geschaffen wurden, sondern dass es einen Gott gibt, und dass jeder Schimmer, der von uns abstrahlt, von ihm kommt.
Wenn wir ihn aus ganzem Herzen lieben, dann wird jedem offenbar, dass dieser Gott ein so unschätzbarer Schatz sein muss, wie es sonst keinen gibt. Dann wird deutlich, dass er der Herr aller Herren und unendlich liebenswert ist – und dann wird Gott zutiefst geehrt und verherrlicht!
John Piper hat es folgendermaßen beschrieben:
„Gott wird über die Maßen geehrt, wenn Menschen wissen, dass sie vor Hunger und Durst sterben werden, wenn sie Gott nicht haben.
Nichts macht Gott überragender und zentraler in der Anbetung als die völlige Überzeugung, dass nichts – weder Geld, noch Ansehen, noch Freizeit, noch Familie, noch Arbeit, noch Gesundheit, noch Sport, noch Spielzeug, noch Freunde – nichts ihnen Befriedigung ihrer sündigen, schuldigen, schmerzenden Herzen gibt, außer Gott.“(8)

Nachtext

Quellenangaben

1) C.S.Lewis; The Weight of Glory; THEOLOGY, November 1941, eigene Übersetzung
2) Auch wenn das entsprechende Verb nicht zwangsläufig eine negative Bedeutung haben muss. Es kann auch vereinfacht mit „prüfen“ oder „testen“ wiedergegeben werden.
3) William Barclay, Auslegung des Neuen Testaments, Markus- Evangelium; Aussaat-Verlag; Sonderausgabe 2006 S. 262.
4) Ebd. S. 262
5) Alfred Edersheim, Sketches of the Jewish Social Life, Ch. 17; (in Accordance Bible V8.4.7; Oak Tree Software). Dort wird die Mishna als Quelle herangezogen.
6) James R. Edwards; „The Gospel according to Mark“; Eerdmanns Publishing; Michigan 2002; S. 372; Adolf Pohl vertritt eine gegensätzliche Position und führt Belege aus den Schriften der Essener und des jüd. Philosophen Philo an, die beide Gebote zusammen nennen (Wuppertaler Studienbibel; „Das Evangelium des Markus“; SCM R. Brockhaus Witten; 2. Sonderaufl. 2011; S. 444)
7) Adolf Schlatter; „Die Evangelien nach Markus und Lukas“; Calwer Verlag, Stuttgart; 1969; S. 126
8) John Piper; „Gods passion for his glory“; Crossway Wheaton; 2006; S. 41
9) http://www.payer.de/judentum/jud505.htm#2. (04.02.2012