Zeitschrift-Artikel: Hiskia

Zeitschrift: 138 (zur Zeitschrift)
Titel: Hiskia
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang B
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hiskia

Vortext

Bibeltext: 2Kö 19,1-37; 2Chr 32,20-21;Jes 37,1-38

Text

Ein schwerer Gang
Mit zerrissenen Kleidern, hängenden Köpfen und schweren Herzen machten sich Eljakim, Schebna und Joach – drei vertraute Mitarbeiter des Königs – auf den Weg, um Hiskia den Inhalt der Hetz-Rede des assyrischen Rabsaken mitzuteilen.
Hiskia musste sich sagen lassen, dass der Feind zunächst ihn selbst als machtlosen, ohnmächtigen König beschimpft und ihn auch als einen Verführer des Volkes Gottes bezeichnet hatte. Aber der Assyrer begnügte sich nicht mit seinen bösartigen, verletzenden Attacken Hiskia gegenüber, sondern schmähte im zweiten Teil seiner Rede auch den „Gott Jerusalems“ und stellte ihn den hilflosen Göttern der Völker gleich, die von den Assyrern besiegt worden waren: „Welche sind es unter allen Göttern der Länder, die ihr Land von meiner Hand errettet haben, dass der Herr Jerusalem aus meiner Hand erretten sollte?“ (2Kö 18,35); „Und sie redeten von dem Gott Jerusalems wie von den Göttern der Völker der Erde, einem Machwerk von Menschenhänden.“ (2Chr 32,19)
Nachdem Hiskia diesen niederschmetternden Bericht zur Kenntnis genommen hatte, zerriss er als Zeichen seiner Bestürzung seine Kleider, hüllte sich in Sacktuch und ging in das Haus des Herrn (2Kö 19,1).
Es war noch nicht so lange her, als Hiskia nach seiner ersten Begegnung mit Sanherib ebenfalls in das Haus des Herrn gegangen war.
Aber damals suchte er nicht mit zerrissenen Kleidern die Gegenwart Gottes, um sein Herz vor ihm auszuschütten, sondern blieb bei den Türen und Säulen des Tempels stehen, die er selbst mit Gold überzogen hatte. Dieses Gold ließ er damals abbrechen, um es reumütig als Tributzahlung dem König von Assyrien zu überreichen.
Es war jener dunkle, folgenschwere Tag in seinem Leben, an dem ihm das Vertrauen auf den Herrn verloren ging.
Damals musste er schmerzlich lernen, dass Vertrauen auf eigene Kraft und Schläue sich immer als Dummheit entlarven und mit schmerzlichen Verlusten verbunden sind. Sanherib hatte zwar das Gold kassiert, dachte aber nicht im Traum daran, sein Wort zu halten und die Belagerung Jerusalems aufzugeben.

Aus Fehlern lernen …
Diese demütigende Erfahrung hatte Hiskia nicht vergessen und wir sehen, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat. Er blieb nun bei seinem Gang zum Tempel nicht an den „entgoldeten“ Türflügeln und Säulen stehen, sondern ging ins Innere des Hauses, um Gott zu nahen.
Bekanntlich sind die dümmsten Fehler diejenigen, die man zweimal macht. Abraham und einige seiner Nachkommen – aber wahrscheinlich auch viele von uns – haben das schmerzlich erfahren müssen. Doch wir haben die Möglichkeit, aus den Fehlern anderer in der Vergangenheit unsere Lektionen für die Gegenwart zu gewinnen.
Zweimal lesen wir in 2Kö 19, dass Hiskia die Gegenwart Gottes aufsuchte: In Vers 1 nach der Rede des Rabsaken und in Vers 14 – nachdem er eine weitere Schmährede des Assyerers in Form eines Briefes zur Kenntnis nehmen musste: „Und Hiskia nahm den Brief aus der Hand des Boten und las ihn; und er ging in das Haus des Herrn hinauf und breitete ihn vor dem Herrn aus.“
(2Kö 19,14)
Wie gehen wir mit Verleumdungen und Verletzungen um? Wie sehen unsere Reaktionen auf bösartige Unterstellungen und öffentliche Beleidigungen aus? Arbeiten wir fieberhaft an einer Rechtfertigung oder schmieden einen Rache-Feldzug?
Unsere Reaktionen auf derartige Angriffe zeigen, ob wir in der Nachfolge unseres Herrn gelernt haben, was er einmal seinen Jüngern sagte: „Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch wider euch reden um meinetwillen. Freut euch und frohlockt …“ (Mt 5,12)
Als William Booth, der Gründer der Heilsarmee, auf einer Rundreise durch die Midlands von einem Straßenjungen angespuckt wurde, hielt er einen seiner hilfsbereiten „Soldaten“ mit den Worten zurück: „Wisch es nicht ab! Es ist eine Tapferkeits-Medaille.“(1)
Der begnadete Erweckungsprediger George Whitefield, der sein Leben lang angefeindet und verleumdet wurde, schrieb einmal der Gräfin Huntingdon, die ihn gemahnt hatte, sich vor
einem gewissen Prediger in acht zu nehmen:
„Ich preise Gott für die zahlreichen Zurücksetzungen, die ich erfahren habe. Es ist gut für mich, dass ich durch meine nächsten und liebsten Freunde hintergangen, verachtet, kritisiert, verleumdet, verurteilt und abgesondert worden bin. Dadurch habe ich die Treue dessen kennengelernt, der der Freund der Freunde ist, und habe gelernt, mich mit dem Wissen zu begnügen, dass Er, vor dem alle Herzen offen und dem alles Begehren bekannt ist, jetzt alles
sieht …“(2)

Die richtige Perspektive
Nach seinem ersten Gang zum Haus Gottes beauftragte Hiskia eine Abordnung seiner Knechte, den Propheten Jesaja aufzusuchen und ihn mit ergreifenden Worten um Gebetsunterstützung zu bitten: „… vielleicht wird der Herr, dein Gott, alle Worte des Rabsaken hören, den sein Herr, der König von Assyrien, gesandt hat, um den lebendigen Gott zu verhöhnen, und wird die Worte bestrafen, die der Herr, dein Gott, gehört hat. Erhebe denn ein Gebet für den Überrest, der sich noch vorfindet.“ (2Kö 19,4)
Die Knechte Hiskias kehrten mit einer ermutigenden Botschaft Gottes durch den Mund des Propheten zurück: Gott wird dafür sorgen, dass der Assyrer durch ein Gerücht beunruhigt in sein Land zurückkehrt, wo Gott ihn töten wird. (2Kö 19,6-7)
Bevor sich Sanherib allerdings von Jerusalem zurückzog, um in sein Land zu eilen, ließ er Hiskia durch Boten einen Brief übergeben, in dem er neue Angst vor seiner Rückkehr zu schüren versuchte, auf seine Macht und scheinbare Unbezwingbarkeit hinwies und zudem den Gott Hiskias den Göttern der Heiden gleichstellte.
Mit diesem Drohbrief „aus der Hand der Boten“ ging Hiskia nun ein zweites Mal in den Tempel und „breitete ihn vor dem Herrn aus“.
Ab Vers 15 lesen wir dann, wie Hiskia nun im persönlichen Gebet den direkten Weg zu seinem Gott suchte und den Ausgang der Auseinandersetzung in die Hände Gottes legte.
Es ist ermutigend zu sehen, dass nach seinem anfänglichen Versagen der Glaube und das Vertrauen Hiskias mit seinen Prüfungen wuchs.
Er begann sein ergreifendes, mutiges und glaubensvolles Gebet mit den Worten: „Herr, Gott Israels, der du zwischen den Cherubim thronst, du allein bist es, der der Gott ist von allen Königreichen der Erde; Du hast den Himmel und die Erde gemacht! Herr neige dein Ohr und höre! Herr, tue deine Augen auf und sieh! Ja, höre die Worte Sanheribs, die er gesandt hat, um den lebendigen Gott zu verhöhnen …“
Hiskia hatte die richtige Perspektive zur Beurteilung der Situation gewonnen: „Hiskia schaute über seinen eigenen Thron und über den Thron des ‚großen Königs‘ Sanherib hinweg und richtete seine Augen auf den Thron Gottes, der über den Cherubim thront … Wenn wir uns mehr mit dem Herrn beschäftigen und ein wenig mehr von seiner Größe sehen, dann hilft uns dies, unsere Probleme im Bezug zu seiner gewaltigen Größe zu sehen.“(3)
Hier wird deutlich, dass Hiskia gelernt hat, Gott seine demütigende Lage und die Hilflosigkeit seines Volkes vorzustellen und Ihn daran zu erinnern, für Seine Ehre zu kämpfen: „… damit alle Königreiche der Erde erkennen, dass du, Herr, allein Gott bist!“ (Vers 19)

Zerrissene Kleider und demütiges Gebet
Hiskias Waffen waren – wie ein alter Ausleger treffend bemerkt – „eine Rüstung aus dem Heiligtum“: zerrissene Kleider und demütiges Gebet! „Mit einem solchen Gegner war Sanherib niemals zusammengetroffen […] einem Mann, der anstatt sich einen Panzer anzulegen, sich in einen Sack hüllte, und der, anstatt auf seinem Wagen ins Schlachtfeld zu fahren, im Tempel auf den Knien lag.“(4)
Beim Nachdenken über diese Szene wird man an Daniel erinnert, der in einer ähnlich lebensbedrohlichen Krise – ausgelöst durch Intrigen seiner Kollegen – keine menschliche Taktik zur Lösung der Situation suchte. Wie es seine Gewohnheit war, suchte er in seinem Haus das Obergemach auf, wo er bei offenem Fenster in Richtung Jerusalem dreimal des Tages kniend zu beten pflegte.
Wie viele Sorgen, schlaflose Nächte, vergebliche Gänge, stundenlange Diskussionen, teure Telefongespräche und oft auch hohe „Rechnungen“ könnten wir uns ersparen, wenn wir von Hiskia und Daniel lernen würden, allein auf Gott zu vertrauen und Hilfe von dem Gott Jakobs zu
erwarten!
„Glückselig der, dessen Hilfe der Gott Jakobs, dessen Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott, ist!“ (Ps 146,5)
In 2Chr 32,20 lesen wir noch ein weiteres Detail der „Geistlichen Kampfführung“ Hiskias,
welches weder im Buch der Könige noch in dem Bericht des Propheten Jesaja erwähnt wird:
„Und der König Jehiskia und Jesaja, der Sohn des Amoz, der Prophet, beteten deswegen und schrien zum Himmel. Da sandte der Herr einen Engel, der alle tapferen Helden und die Fürsten und Obersten im Lager des Königs von Assyrien vertilgte.“
Hiskia hat in den verschiedenen Prüfungen seines Lebens beten gelernt. Aber hier sehen wir ihn vereint mit dem Propheten Jesaja, wie sie in ihrer Not einmütig und gezielt zu Gott „schreien“.
Einmütiges gemeinsames Gebet hat nach Mt 18,19 eine besondere Verheißung. Welch ein Segen ist damit verbunden, wenn wir als Ehepaar, als Mitarbeiter und Freunde gemeinsam unsere Nöte und Anliegen vor unserem Herrn Jesus aussprechen können.

Gott antwortet
Gott reagierte auf die Gebete mit zwei verheißungsvollen Botschaften durch den Propheten Jesaja. In der ersten Botschaft wird Hiskia angekündigt, dass Sanherib in sein Land zurückkehren
und dort durchs Schwert fallen wird (2Kö 19,6-7).
In der zweiten Botschaft wird Gottes Urteil über den Hochmut und die Arroganz der Assyrer sehr ausführlich ausgesprochen, aber auch Segen für Hiskia und sein Volk angekündigt.
Hiskia soll wissen, dass sowohl in diesem Jahr wie auch in den folgenden geerntet werden kann und das sein Volk auch in Zukunft „Wurzeln schlagen“ und „Frucht tragen“ wird: „Und das Entronnene vom Haus Juda, das übrig geblieben ist, wird wieder wurzeln nach unten und Frucht tragen nach oben. Denn von Jerusalem wird ein Überrest ausgehen, und ein Entronnenes vom Berg Zion. Der Eifer des Herrn wird dies tun.“ (2Kö 19,31)
In der gleichen Nacht – aus 2Chr 32,20 könnte man schließen: nach dem gemeinsamen Gebet von Hiskia und Jesaja – ging der Engel des Herrn aus und tötete im Lager der Assyrer 185.000 Mann. Sanherib zog sich darauf „mit Beschämung seines Angesichts“ in sein Land zurück und wurde dort von seinen eigenen Söhnen ermordet (2Kö 19,37).
Erinnern wir uns: In 2Kö 18,23 hatte Sanherib Hiskia verspottet, indem er durch seinen Rabsaken
sagen ließ: „Ich will dir 2000 Pferde geben, wenn du Reiter darauf setzten kannst. Und wie willst du einen einzigen Befehlshaber von den geringsten Knechten meines Herrn zurücktreiben?“
Jetzt geht e i n „Befehlshaber“ (der Engel des Herrn) aus und tötet in einer Nacht 185.000 Soldaten. Aber selbst diese vernichtende Niederlage konnte den Hochmut und Stolz Sanheribs
nicht brechen. Anstatt sich vor dem Gott Israels zu beugen, kniete er in Ninive vor seinem Gott Nisrok nieder und wurde auf der Stelle von seinen Söhnen mit dem Schwert getötet. Während er sündigte, wurde er gerichtet …
Gott lässt sich nicht spotten!

Nachtext

Quellenangaben

(1) R. Collier: „Der General Gottes – William Booth“, Johannis, S. 99
(2) B. Peters: „George Whitefield“, CLV, S. 347
(3) W.W. Wiersbe: „Sei anders“, CV, S. 180
(4) C.H. Mackintosh: „Hiskia – Josia“, Paulus Verlag, S. 17