Zeitschrift-Artikel: Das gr

Zeitschrift: 138 (zur Zeitschrift)
Titel: Das gr
Typ: Artikel
Autor: Christoph Grunwald
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1062

Titel

Das gr

Vortext

Text

Der erste Teil dieses Artikels behandelte die Frage eines Schriftgelehrten nach dem größten Gebot in Mk 12,28-34. Im Fokus stand dabei der erste Teil der Antwort Jesu – das erste Gebot und insbesondere der Einleitungssatz: „Höre Israel, der Herr dein Gott ist einer“ – wobei dieser
Einleitungssatz schon als konzentrierte Formulierung des eigentlichen Gebotes verstanden werden kann. Das Gebot, Gott zu lieben, drückt eben genau das aus: Gott ist einer, es gibt nichts, was Ihm vergleichbar und niemanden, der ebenso liebenswert wäre. Gott zu lieben heißt, seine Einzigartigkeit anzuerkennen und deutlich zu machen, dass er unser wertvollster Besitz ist und wir Ihn allem anderen vorziehen.

Maria – „die Verschwenderische“
Verdeutlicht wird dies durch die bekannte Begebenheit aus Joh 12,1-8, wo uns berichtet wird, dass Maria ein Gefäß mit kostbarem Nardenöl nahm, die Flasche zerbrach und den ganzen Inhalt über die Füße des Herrn goss.
Man kann sich lebhaft vorstellen, wie den Jüngern – allen voran Judas – das Entsetzen in die bleichen Gesichter gezeichnet war. Maria – die Wahnsinnige! Ein ‚Jahresgehalt‘ ausgegossen – über Füße! Verschwendet! Was für einen generösen Hilfsfond für die Hungrigen hätte man mit dem Erlös einrichten können …! Aber Maria kalkulierte nicht – ihre Wertmaßstäbe waren andere. Sie nahm ihren größten Schatz – das, was alle anderen für unglaublich wertvoll hielten – und goss diese Kostbarkeit über die Füße des Herrn. Maria ließ keinen Zweifel daran, was ihr wirklich wertvoll war. Sie zeigte durch ihre Tat, dass der Herr ihr Schatz war. Selbst ein immenser materieller Wert bedeutete ihr nichts im Vergleich zu Christus!

„Maximale“ Liebe
Wenn es das höchste Ziel unserer Liebe zu Gott ist, seine Einzigartigkeit und Kostbarkeit darzustellen, wird auch klar, warum Jesus deutlich sagt, wie wir Gott lieben sollen: aus ganzem
Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Verstand und aus ganzer Kraft.
Gott möchte nicht nur unser Herz, er will auch unseren Verstand. Er will nicht nur unsere Seele, sondern auch unsere körperliche Kraft.
Er gibt sich nicht mit Halbem zufrieden. Alles an und in uns muss mit der Liebe zu Gott erfüllt sein. Gott will die absolute Liebe und kein bisschen weniger! Eine andere Liebe als eine totale,
ganzheitliche, alles durchdringende ist seiner nicht würdig. Weil Gott allein Herr ist, ist es nur recht und richtig, dass wir ihn mit allem lieben, was uns als Person ausmacht.(a)
Tozer formulierte – zwar in einem anderen Kontext, aber auch in diesem Zusammenhang passend: „Wir schulden ihm jede Form der Ehrerbietung, deren wir fähig sind; etwas Geringeres ist seiner nicht würdig.“(1)

Dienen heißt nicht automatisch lieben …
Warum heißt das erste Gebot nicht „Du sollst Gott dienen, aus deinem ganzen Herzen, aus
deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft“?
Weil die Liebe am meisten über die Person aussagt, die geliebt wird. Wenn wir jemanden lieben, macht das immer gleichzeitig eine Unterscheidung, eine Abstufung, eine Rangfolge deutlich. Wir lieben eine Person – eine andere aber nicht. Wir ziehen eine Person einer anderen vor. Die ‚Motivation‘ oder ‚Ursache‘ hinter unse er Liebe ist immer die Person, die geliebt wird.
Zum Dienen kann es ganz verschiedene
Motivationen geben: um Geld dafür zu bekommen, um Schulden abzuzahlen, weil wir sonst bestraft würden oder weil jeder um uns herum dient usw. Dienst an sich sagt nichts über den Dienstherrn. Das ist genau das, was der Schriftgelehrte klar macht: „Ihn zu lieben […] ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ Das reine Opfern von Brand- und Schlachtopfern sagt noch nichts über denjenigen, für den sie bestimmt sind. Sie können mit einem kalten
Herzen dargebracht werden, oder weil jeder es tut – aber niemand sieht, was der Opfernde von
demjenigen hält, dem er sie darbringt.
Liebe ist immer eine Sache des Herzens – Dienst kann eine Sache des Herzens sein, kann aber auch lediglich in einer äußerlichen Form bestehen, getrieben von Selbstbeherrschung, Disziplin oder Tradition: „Ich hasse, ich verachte eure Feste und mag eure Festversammlungen nicht riechen! Wenn ihr mir auch euer Brandopfer und Speisopfer darbringt, so habe ich doch kein Wohlgefallen daran […] Tue nur hinweg von mir den Lärm deiner Lieder, und dein Harfenspiel mag ich nicht hören.“ (Am 5,21-23)
„Es soll doch lieber gleich jemand von euch die Türen [des Tempels] schließen, damit ihr nicht vergeblich mein Altarfeuer anzündet! Ich habe kein Wohlgefallen an euch, spricht der HERR der
Heerscharen, und die Opfergabe, die von euren Händen kommt, gefällt mir nicht!“ (Mal 1,10)

Der eifersüchtige Gott
Es mag uns erstaunen – aber Gott bezeichnet sich selbst öfters als eifersüchtigen Gott. Wenn wir Gott nicht aus ganzem Herzen und ganzer Seele lieben, hat irgendetwas anderes seinen Platz eingenommen. Wir Menschen sind so geschaffen, dass wir immer einen Gott haben wollen, den wir lieben können. Es gibt dieses Vakuum in uns. Irgendetwas werden wir immer lieben, irgendetwas immer anbeten. Wenn es nicht Gott ist, dann unser Besitz, unsere Arbeit, unsere Hobbys, unsere Familien, unseren Lieblings- Musiker usw. Ohne einen Gott können wir nicht leben – die Frage ist nur, welchen Gott wir wählen …
Vollkommen begeistert und fasziniert von etwas sein, ständig darüber nachdenken zu müssen, immer mehr davon haben und unsere Zeit damit verbringen wollen, anderen davon erzählen müssen und uns damit glücklich fühlen – dafür gibt es ein Wort: Liebe.
Und nur aus einer tiefen und leidenschaftlichen Liebe kann Anbetung werden!
Etwas anderes als Gott anzubeten bedeutet letzten Endes, etwas anderes zu unserem Gott zu machen. Jeder Mensch hat seine Götter!
C.S.Lewis beobachtete in seinem bemerkenswerten Essay „Vom Loben“: „Die Welt hallt von Lobpreis: Liebende preisen die Dame ihres Herzens, Leser ihren Lieblingsdichter, Wanderer die
Landschaft, Spieler ihr Lieblingsspiel – Wetter,Weine, Gerichte, Schauspieler, Motoren, Pferde, Schulen, Länder, Persönlichkeiten der Geschichte, Kinder, Blumen, Berge, seltene Briefmarken, seltene Käfer, manchmal sogar Politiker oder Gelehrte: alles wird gepriesen.“(5)
Wie oft preisen wir Lächerliches, Vergängliches, Nebensächliches – dass uns trotzdem mehr begeistert als Gott! Aber damit zeigen wir gleichzeitig, dass Gott eben nicht so wertvoll, so wunderbar, so unendlich schön und herrlich für uns ist. Und wir zeigen, dass er uns nicht genügt!
Es ist wie in einer Ehe, in der die Frau sich einem Liebhaber zuwendet, weil sie das, was sie sucht – was auch immer das sein mag – bei ihrem Mann nicht findet! Wenn wir Gott nicht so lieben, wie er es wert ist, dann sind wir wie eine solche Frau: „Ihr Ehebrecherinnen, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft gegen Gott ist? […] Oder meint ihr, die Schrift rede umsonst? Ein eifersüchtiges Verlangen hat der Geist, der in uns wohnt;“ (Jak 4,4.5; s.a. Mk 8,38)
Gott will als Herr aller Herren anerkannt werden. Und er erwartet, dass wir ihn mehr alles andere lieben, bestaunen, auf ihn zeigen, ihn preisen und mehr als von allem anderen von ihm begeistert sind. Er steht als der erhabene, große, wunderbare, herrliche Gott über allem!
Es gibt nichts, was ihm gleicht. Es gibt nichts, was an ihn heranreicht. Es gibt nichts, was ihm an Schönheit und Güte gleich wäre, niemand, der es an Weisheit und Macht mit ihm aufnehmen
könnte. Er ist anders als alles andere. Er ist über allem. Weit über allem. Unendlich weit über
allem. Denn er ist Gott – der alleinige Gott.
Deshalb sollen und dürfen wir ihn lieben.
Alles andere gleicht dem Trinken des fauligen, verseuchten Wassers aus einer rissigen Zisterne
statt des reinen, sprudelnden, erfrischenden aus einer Bergquelle.
„Mein Volk hat eine zweifache Sünde begangen: (1) Mich, die Quelle des lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich (2) Zisternen zu graben, löchrige Zisternen, die kein Wasser halten!“ (Jer 2,13).
Es schmerzt Gott so sehr, wenn wir das tun. Es schmerzt ihn zutiefst, weil es ihn beleidigt, weil es ihn herabsetzt wenn wir ihn mit Dingen gleichstellen, die wir noch nicht einmal im gleichen Atemzug wie seinen Namen nennen sollten. Und es schmerzt ihn zutiefst, weil er weiß, dass es für uns nur Verlust ist.

Erfüllung in der Liebe zu Gott
Wir haben über Gottes Seite nachgedacht – doch was bedeutet es für uns, wenn wir Gott lieben?
Gott ist ein guter Gott: Wenn Gott etwas fordert, dann entspricht das zwar immer seinem Wesen – aber nie auf unsere Kosten. Alles was er gebietet, alles, was er von uns erwartet, ist immer auch das Beste für uns.
„Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott von dir, als nur, dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, indem du die Gebote des Herrn und seine Satzungen hältst, die ich dir heute gebiete, z um B e s t e n f ü r d i c h s e l b s t ?“ (5Mo 10,12.13)
Gott hält nur Segen für uns bereit, wenn er uns auffordert, ihn zu lieben! Im ersten Teil wurde schon kurz angerissen, dass wir Menschen Liebe ‚brauchen‘. Wir sind auf Liebe angewiesen. Wir sehnen uns nach Glück und Freude und suchen das in Liebesbeziehungen – weil wir davon ausgehen, dass Glück und Freude dort zu finden sind: Liebe schenkt Glück, Liebe schenkt Frieden, Liebe schenkt Freude.
Edward T. Welch formulierte:
„Die größte menschliche Freude wird im Lieben und im Geliebtwerden gefunden.“(6)
Wenn Gott uns nun dazu auffordert ihn zu lieben, dann tut er das, weil er weiß, dass wir auf Dauer nur in ihm unser Glück, unsere Freude und unseren Frieden finden.
Jede andere Liebe wird enttäuscht. Irgendwie, irgendwann, irgendwo. Wer ehrlich ist wird zugeben, dass er auch in der perfektesten Liebesbeziehung nicht das letztendliche Glück, die endgültige Erfüllung findet. Wirkliches Glück, wirkliche Freude und wirkliche Erfüllung wird nur in der Beziehung mit Gott gefunden!
Das Tragische ist, dass wir immer wieder meinen, unser Glück in anderen Beziehungen zu finden. Wir lieben z.B. den Fußball und erwarten tiefe Erfüllung durch die Bundesliga oder die nächste WM. Wir sind so dumm! C.S.Lewis hat es treffend auf den Punkt gebracht:
„Wir sind halbherzige Geschöpfe, weil wir mit Alkohol, Sex und Ehrgeiz herumspielen, während uns unendliche Freude angeboten wird. Dabei gleichen wir einem unwissenden Kind in einem Elendsviertel, das weiter im Dreck spielt, weil es sich nicht vorstellen kann, was es bedeutet, Ferien am Meer angeboten zu bekommen. Wir sind viel zu leicht zufrieden zu stellen.“(7)
Wir geben uns mit Nichtigkeiten ab – suchen unser Glück in Bedeutungslosem, statt den einen zu lieben, der es wirklich wert ist, geliebt zu werden! Wir sind wie der Mond, wir brauchen die Sonne, um zu scheinen. Aber wir richten unseren Blick zum aufgeblähten Gasplaneten Jupiter. Zum Ach-so-schönen Saturn und wundern uns, warum uns nicht warm wird!

Die „moderne“ Essenz des Gebotes
Die „Schriftgelehrten“, die vor ca. 400 Jahren den Westminster Katechismus zusammenstellten,
begannen ihr Werk mit der bedeutenden Frage: „Was ist das höchste und vornehmste Ziel des Menschen?“ Die Antwort, die sie darauf fanden ist – wie ich meine – nichts anderes als eine Auslegung des ersten Gebotes, welches Christus nannte: „Das höchste und vornehmste Ziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und sich auf ewig an ihm zu erfreuen.“

Wenn wir Gott lieben, wird er verherrlicht. Und indem wir ihn lieben, erfreuen wir uns an ihm. In dieser Liebesbeziehung empfinden wir unser tiefstes Glück und die tiefste Freude.
Gott zu lieben ist beides – seine Verherrlichung und unsere Freude.

Nachtext

Quellenangaben

a) Manche Ausleger versuchen den vier Substantiven (Herz, Seele, Verstand und Kraft) einzelne Lebens- oder Persönlichkeitsbereiche zuzuordnen. Diese Zuordnung ist z.B. für Verstand und Kraft recht einfach, aber eine Trennung zwischen Herz und Seele kann kaum befriedigend formuliert werden, da beide Begriffe an manchen Stellen nahezu synonym gebraucht werden und stark überlappende, wenn nicht gleiche Teile des Menschen ansprechen. Beispielhaft sei genannt, dass sowohl das Herz, als auch die Seele für den emotionalen Bereich stehen kann.
Es wundert daher nicht, dass die Ausleger teilweise zu völlig unterschiedlichen Zuordnungen kommen. James R. Edwards z.B. weist den vier Substantiven einzelne menschliche Bereiche zu (Herz: Emotionen; Seele: Geist; Verstand: Intelligenz; Kraft: Wille)2, während R.C.Sproul diese vier Substantive auf die Liebe selbst bezieht. Sie muss aus dem Herz als tiefster Wurzel unseres Seins entspringen, während die Seele für die Intensität der Liebe steht, die brennend heiß sein soll und nicht lauwarm; Stärke ist das Maß unserer Liebe, und der Verstand soll Gott durch den Versuch Gottes Wort zu verstehen und zu durchdenken, lieben3. Andere Ausleger kommen zu weiteren, abweichenden Urteilen (z.B. Walvoord, Wuppertaler Studienbibel).
Das Problem gewinnt auch dadurch an Komplexität, dass Jesus und der Schriftgelehrte für „Verstand“ zwei verschiedene Wörter benutzen, während dieser Aspekt in 5Mo 6 z.B. gar nicht erwähnt wird. In Mt 22,37 fehlt darüber hinaus der Verweis auf die Kraft.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass Markus als verbindende Präposition „aus“ (ek) benutzt, während Matthäus eine Präposition mit einer Fülle von Bedeutungsnuancen verwendet (en), die in diesem Zusammenhang sicher am sinnvollsten mit „durch“ übersetzt wird – auf jeden Fall aber nicht „aus“ bedeutet4. Insofern ist Jesu Aufzählung vielleicht am sinngemäßesten so zu verstehen, dass die vier Substantive sowohl Mittel, als auch Ausdruck und Ursprung sind.

1) A.W.Tozer; Die Nähe Gottes suchen, Hänssler Holzgerlingen; 2. Aufl. 2008; S.102, meine Hervorhebung
2) In James R. Edwards a.a.O. S. 370
3) R.C.Sproul; „Mark: He thought them as one who has Authority“; Reformation Trust Publishing; Sanford 2011; S. 318
4) Walter Bauer; Kurt und Barbara Aland (Hrsg); Wörterbuch zum Neuen Testament; de Gruyter; 6. Aufl. 1988; „en“ (S.
521-527)
5) C.S.Lewis; „Das Gespräch mit Gott – Gedanken zu den Psalmen“; Benziger Verlag Zürich; 1978; S.113
6) E.T. Welch; Running Scared“; New Groth Press, Greensboro; 2007; S. 165, eigene Übersetzung
7) C.S.Lewis; „The Weight of glory“; deutsch zitiert in Piper, John; „Sehnsucht nach Gott“; 3L Waldems; 2. Aufl. 2008; S. 99