Zeitschrift-Artikel: Roat

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Titel: Roat
Typ: Artikel
Autor: Peter L
Autor (Anmerkung):

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Titel

Roat

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Text

Eine schöne, arme Insel
Die Schifffahrt von La Ceiba nach Roatán dauert nur 90 Minuten, dann sind wir auf der Insel. Sie
liegt etwa 65 km nördlich vor der honduranischen Küste. Roatán ist mit 125 km² Fläche die
größte der Islas de la Bahía – ihre Länge beträgt 60 km und ihre Breite 8 km. Hier gibt es traumhafte Sandstrände und einzigartige Korallenriffe.
Sonst ist alles wunderschön einfarbig tropischgrün. Insgesamt leben hier etwa 50.000 Menschen, die meisten leben von der Fischerei, doch die wichtigste Einnahmequelle ist der Tourismus – 2006 kamen ca. 250.000 Touristen. Mittlerweile legen jede Woche zwischen drei und fünf Kreuzfahrtschiffe auf der Insel an, die dann von Touristen überflutet wird. Taucher lieben die große Korallen-Vielfalt rund um Roatán. Das kristallklare, warme Wasser, die spektakulären Farben und die vielen kleinen Canyons sorgen für einzigartige Tauch-Erlebnisse. Den Einheimischen allerdings geht es durch die Zunahme des Tourismus immer schlechter. Die Energiekosten sind mittlerweile genauso hoch wie in Deutschland, zudem wird die Fischerei stark
eingeschränkt, um den Touristen genügend Attraktionen bieten zu können.
Das sind also auch die Lebensumstände der Geschwister hier. Seit vielen Jahren besuchen wir sie jährlich und sind beeindruckt davon, wie der Herr unter ihnen wirkt. Obwohl die Armut spürbar ist und viele Geschwister ums tägliche Überleben kämpfen müssen, gehen sie im Glauben mutig voran.

Eine vorbildliche Familie
Antonio, einer der Ältesten aus der Gemeinde in Los Fuertes, holte uns mit dem Taxi von einem
der Häfen ab, von denen es hier Hunderte gibt. Wir fuhren zu ihm nach Hause, wo er mit seiner Frau und drei Söhnen in einem einfachen Heim lebt. Wenn man durch die Tür kommt, sieht man
links die Küche und rechts einen Plastiktisch mit ein paar Plastikstühlen.
Diese Familie hat uns aus verschiedenen Gründen sehr beeindruckt. Zum einen, weil Antonio seiner Maxime treu bleibt: „Ich mache keine Schulden!“ Er möchte immer in seinem finanziellen Rahmen bleiben. Dafür hat er einen Teil seines Hauses vermietet und lebt von der Miete. Da der Strom fast unbezahlbar ist, wurde auch die Klimaanlage seinem Sparwillen geopfert.
Ebenso der Kühlschrank, was bei der Hitze nicht einfach ist. Aber noch mehr beeindruckte uns die fröhliche Atmosphäre in diesem Haus. Es war die erste Familie, in der wir gesehen haben, dass die Jungs den Tisch abräumen und nachher abspülen. Man spürt, dass die Beziehung zwischen Eltern und Söhnen intakt ist und von Vertrauen und Nähe geprägt wird.

Eine gut besuchte Vortragsreihe
Auf der Insel gibt es drei Gemeinden und einige Hauskreise. Im Westen ist eine Gemeinde in Sandy Bay, im Osten in French Harbour und in der Mitte der Insel in Los Fuertes. Alle Gemeinden
haben untereinander eine herzliche Gemeinschaft und wachsen stark.
Momentan denken die Brüder über eine weitere Gemeindegründung in Flughafennähe nach, weil es dort etliche Bekehrungen gegeben hat und neue Hauskreise entstanden sind.
Das alles ist ein großer Grund zur Freude. Leider haben wir aber auch festgestellt, dass es viele der Christen in Honduras kaum gelernt haben, selbständig die Bibel zu studieren und zu verstehen. Oft wird gedacht, dass dies die Aufgabe der Gemeindeleiter sei. Bei den Älteren fehlt häufig auch die Schulbildung, was ihnen das Lesen schwer macht. Wegen dieser Umstände fiel uns die Themenwahl dieses Jahr nicht schwer: „Bibelstudium!“ Für die Abende hatten die Ältesten alle Brüder nach Los Fuertes eingeladen, wo wir gemeinsam den Titusbrief studieren wollten. Die Teilnehmerzahl wuchs von Abend zu Abend, so dass wir am letzten Abend etwa 100 Personen waren. Für eine Einheit hatten wir immer 2,5 Stunden Zeit. Das Ganze war eine ungewohnte Herausforderung für die Älteren und eine große Entdeckungsreise für die Jüngeren. Mit nur wenig Hilfestellung und etwas interaktivem Arbeiten haben die Männer hilfreiche und interessante Entdeckungen machen können. „Ich kann die Bibel tatsächlich selbst verstehen!“ stellten viele am Ende begeistert fest. In ihnen ist ein Hunger geweckt worden, ihre Bibel weiter zu studieren und das gelernte Handwerkzeug an weiteren Bibelbüchern anzuwenden.
So Gott will möchten wir im nächsten Jahr das Thema „Zweierschaften“ behandeln: „Wie leite ich junge Geschwister im Glauben an?“, „Wie kann ich andere zu Jüngern machen?“ etc. Über die Jahre ist ein so gutes Vertrauensverhältnis zu den Brüdern entstanden, dass wir immer das Gefühl haben, nach Hause zu kommen.
Es freut uns sehr, dass wir den Geschwistern auf der Insel dienen dürfen.

Eine neue Herausforderung
In vielen persönlichen Gesprächen und Besuchen wurde uns berichtet, dass etliche Jugendliche die Gemeinden verlassen haben. Diese Tendenz betrifft besonders die jungen Mädchen.
Wir haben uns Gedanken gemacht, warum es gerade die Mädchen sind und was man dagegen tun könnte. „Lehrerinnen des Guten“ wären bestimmt eine große Hilfe. Doch der Einzug der neuen Medien, der in diesen Ländern fast „über Nacht“ stattgefunden hat, reißt viele mit sich.
Vor einem Jahr hatten nur sehr wenige Menschen einen Internetzugang; dieses Jahr haben wir festgestellt, dass fast alle Geschwister einen haben. Das macht uns Sorgen, so dass wir auch
in unseren Vorträgen dieses Thema immer wieder mit eingeflochten haben. Trotz der großen
Armut haben viele junge Männer ihr Smartphone ständig bei sich und tippen darauf herum.
Hier liegt eine große Gefahr und Lähmung des geistlichen Zustands – hoffentlich wird es kein Kampf gegen Windmühlen! Bitte betet für die Leiter, dass sie angemessen auf diese neue Herausforderung reagieren können.

Ein besonderer Grund zur Freude
Letztes Jahr haben die Gemeinden hier ihre erste Missionars-Familie ausgesandt – ein besonderer Grund zur Freude. Diese Familie arbeitet jetzt auf dem Festland mit Juan Carlos Amaya zusammen in einer Neugründungsarbeit. Beeindruckend ist dabei besonders, dass die Geschwister diese Familie nicht nur ausgesandt haben, sondern auch alle Reisekosten übernehmen.
Das ist für uns sicher nichts Außergewöhnliches, aber in Honduras ist es leider üblich, dass die einheimischen Missionare nicht nur ihre eigenen Reisekosten tragen müssen, sondern überhaupt kostenlos dienen. „Die Ochsen dreschen mit verbundenem Maul“ – dies ist für die Missionare natürlich eine große Glaubensprüfung.
Daher hat es uns umso mehr gefreut, dass die Gemeinden die Familie nicht nur aussenden,
sondern auch für ihr tägliches Leben die vollen Kosten übernehmen und ihnen dafür monatlich
einen für ihre Verhältnisse sehr hohen Dollarbetrag überweisen. Das ist wirklich ein Vorbild und
unser Gebet ist es, dass dieser Eifer die Festlandgeschwister zu ähnlichem Handeln anreizt.
Ich wurde dabei an die Christen aus Mazedonien erinnert, von denen Paulus schreibt, dass „bei großer Drangsalsprüfung das Übermaß ihrer Freude und ihre tiefe Armut übergeströmt sind in den Reichtum ihrer Freigebigkeit. Denn nach Vermögen, ich bezeuge es, und über Vermögen waren sie von sich aus willig und baten uns mit vielem Zureden um die Gnade und die Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen“ (2Kor 8,2-4).

Natürlich hatten wir auch christliche Literatur bei uns. Von der druckfrischen spanischen Übersetzung des Buches „Das Gebetsleben Jesu …“ hatten wir 50 Exemplare mit, die bereits am dritten Abend alle verkauft waren! Der Hunger ist groß, die Herzen sind offen und die Geschwister freuen sich sehr über die Bücher, die wir ihnen mitbringen. Genauso schätzen sie unsere Besuche, weil sie außer von Bruder Omar Ortiz aus Tela, der sie auch regelmäßig aufsucht, wenig Besuch bekommen. Von daher freuen wir uns schon sehr auf das nächste Wiedersehen!

Nachtext

Quellenangaben