Zeitschrift-Artikel: Verfolgt und verbrannt (Das Leben und Sterben des Johann Huss)

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Titel: Verfolgt und verbrannt (Das Leben und Sterben des Johann Huss)
Typ: Artikel
Autor: John Foxe
Autor (Anmerkung):

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Titel

Verfolgt und verbrannt (Das Leben und Sterben des Johann Huss)

Vortext

Text

Johann Huss wurde etwa um 1370 in Hussenitz, einem Dorf in Böhmen, geboren. Seine Eltern ließen ihm die beste Ausbildung zukommen, zu der sie in der Lage waren. Als er an einer Privatschule ausreichende Kenntnisse in den klassischen Unterrichtsfächern erworben hatte, wurde er an die Prager Universität geschickt. Dort stellte er bald seine großen geistigen Fähigkeiten unter Beweis. Auch wegen seines Eifers und seiner Hingabe an die Studien wurde man auf ihn aufmerksam.

Der Einfluss von John Wycliff
Im Jahr 1396 erwarb Huss den Magister der Theologie, 1398 wurde er Professor und danach zum Pastor für die Bethlehemkirche in Prag ausgewählt. Später war er Dekan und Rektor an der Universität. Überall erfüllte er seine Pflichten in großer Treue. Bald aber wurde immer deutlicher, dass seine Predigten mit den Lehren Wycliffs übereinstimmten. So war es kein Wunder, dass er der Aufmerksamkeit des Papstes und seiner Anhänger nicht entgehen konnte, die er mit aller Schärfe anzugreifen pflegte.
Der englische Reformator Wycliff hatte das Licht der Reformation in einem solchen Maß entzündet, dass es anfing, die dunkelsten Ecken des Papsttums und dessen Torheiten zu beleuchten. Seine Lehren gelangten bis nach Böhmen und wurden von vielen Menschen gern
aufgegriffen – doch von keinem so deutlich wie von Johann Huss und seinem begeisterten Freund und Genossen im Martyrium, Hieronymus von Prag.
Als der Erzbischof von Prag bemerkte, dass die Zahl der Reformierten täglich zunahm, erließ er ein Dekret, durch das die weitere Verbreitung der Schriften Wycliffs verhindert werden sollte; aber das hatte einen völlig anderen Erfolg, als er erwartet hatte. Die Freunde dieser Lehren wurden umso eifriger, und beinahe die gesamte Universität tat sich zusammen, um sie zu verbreiten.
Weil sich Huss stark mit den Lehren Wycliffs verbunden fühlte, widerstand er dem Dekret des Erzbischofs. Der wiederum erwarb schließlich eine päpstliche Bulle, die ihm erlaubte, die Veröffentlichung der Wycliffschen Lehren in seinem Erzbistum zu verbieten. Mit Hilfe dieser Bulle verdammte er die Schriften Wycliffs, auch ging er gegen vier Doktoren vor, welche die Kopien dieser Lehren nicht abgeliefert hatten und verbot ihnen trotz der ihnen zustehenden Privilegien, in irgendeiner Versammlung zu predigen.
Zusammen mit einigen anderen Mitgliedern der Universität protestierte Huss gegen dieses Vorgehen und gegen die Anordnung des Erzbischofs. Als die Affäre dem Papst bekannt wurde, beauftragte er Kardinal Collonna damit, Johann Huss in persona vor das kirchliche Gericht in Rom zu zitieren. Dort sollte er sich wegen der gegen ihn erhobenen Anklagen verantworten. Diese lauteten auf Verbreitung sowohl von Irrtümern als auch von Ketzereien. Daraufhin begehrte Dr. Huss von einem persönlichen Erscheinen dispensiert zu werden. Er genoss in Böhmen ein so großes Ansehen, dass der König Wenzel, die Königin, der Adel und die Universität den Papst baten, davon abzusehen. Und sie baten auch, der Papst möge nicht dulden, dass das Königreich Böhmen unter die Anklage der Ketzerei geriete, vielmehr wolle er erlauben, das Evangelium in Freiheit an allen Orten öffentlichen Gottesdienstes verkünden zu dürfen.

Exkommuniziert
Drei Anwälte erschienen wegen Huss vor Kardinal Collonna. Sie mühten sich, dessen Abwesenheit zu entschuldigen und boten sich an, an seiner Statt zu antworten. Aber der Kardinal erklärte Huss für halsstarrig und exkommunizierte ihn daraufhin. Die Anwälte appellierten an den Papst und boten an, dass vier Kardinäle die Anklage untersuchen sollten. Aber diese Beauftragten bestätigten das Urteil und dehnten die Exkommunikation nicht nur auf Huss, sondern auf alle seine Freunde und Anhänger aus. Wegen dieses ungerechten Urteils appellierte Huss an ein noch zukünftiges Konzil, doch ohne Erfolg. Ungeachtet eines so ernsten Entscheides und obwohl man ihn deshalb aus seiner Gemeinde in Prag hinausgeworfen hatte, fuhr er fort, seine neue Lehre sowohl von der Kanzel als auch schriftlich zu verkünden. Allerdings hatte er sich in seinen Geburtsort Hussenitz zurückgezogen.
Es gibt zahlreiche Briefe aus dieser Zeit. Auch verfasste er eine Schrift, in der er deutlich machte, dass man das Lesen der Bücher von Protestanten nicht völlig verbieten könne. Er schrieb
auch eine Verteidigung des Wycliffschen Buches über die Dreieinigkeit und sprach sich mutig gegen die Verderbtheit des Papstes, der Kardinäle und des gesamten Klerus aus. Noch viele andere Bücher schrieb er, deren starke Argumentation sehr zur Verbreitung seiner Lehren beitrug.

Das Konzil in Konstanz 1414
Im November 1414 wurde ein allgemeines Konzil in Konstanz einberufen – einzig, wie es hieß, um den Streit zwischen drei Personen (Johann XXIII, Gregor XII, Benedikt XIII) zu untersuchen,
die sich alle drei zeitgleich für den rechtmäßigen Papst hielten. Das wirkliche Motiv aber war die Unterdrückung der fortschreitenden Reformation.
Johann Huss wurde aufgefordert auf diesem Konzil zu erscheinen, und um ihn dazu zu ermutigen, gewährte ihm der Kaiser „freies Geleit“. Die Freundlichkeiten, ja, die Ehrfurcht, die Huss auf seiner Reise entgegen gebracht wurden, war unvorstellbar. Die Straßen in den Städten und manchmal sogar die Landstraßen waren von Menschen gesäumt, die mehr noch der Respekt als die Neugier zusammengeführt hatte.
Mit großem Beifall wurde er in der Stadt empfangen, und man kann seine Reise durch Deutschland schon als einen Triumphzug bezeichnen. Er selbst konnte nicht anders, als sein
Erstaunen über diese Behandlung auszudrücken.
„Ich dachte“, so sagte er, „ich sei ein Ausgestoßener. Und nun sehe ich, dass meine schlechtesten Freunde in Böhmen wohnen!“
Sobald er in Konstanz eintraf, nahm er Logis in einem abgelegenen Teil der Stadt. Kurze Zeit später kam ein Stephan Paletz, der vom Klerus in Prag dazu bestimmt war, das Gerichtsverfahren
gegen Huss zu leiten.
Später wurde Paletz von Michael de Cassis begleitet, der zum römischen Gerichtshof gehörte. Diese beiden erklärten sich selbst zu Anklägern und setzten eine Reihe von Anklagepunkten gegen ihn auf, die sie dem Papst und den Prälaten auf dem Konzil vorlegten.

Verhaftet und verurteilt
Als bekannt wurde, dass Huss in der Stadt angekommen sei, wurde er sofort verhaftet und in einer Kammer des Palastes festgesetzt. Die Verletzung des allgemeinen Rechts und der
Gerechtigkeit wurde besonders von einem seiner Freunde angemerkt, der sich auf die Einhaltung des kaiserlichen Freibriefes berief. Aber der Papst sagte, er habe niemals einen Freibrief ausgestellt, und an die Entscheidung des Kaisers fühle er sich nicht gebunden.
Während Huss in einem feuchten, engen, unterirdischen Gefängnis eingesperrt war, spielte das Konzil den Part des Anklägers. Sie verurteilten die Lehren Wycliffs und ordneten sogar an, seine sterblichen Reste auszugraben und zu Asche zu verbrennen, was auch gewissenhaft ausgeführt wurde.
Inzwischen hatte sich der Adel in Böhmen und Polen stark für Huss eingesetzt. Das brachte wenigstens den Erfolg, dass er nicht ungehört verurteilt wurde, was die Konzilsväter eigentlich über ihn beschlossen hatten. Als er vor das Konzil gebracht wurde, las man die gegen ihn erstellten Artikel. Es waren ungefähr vierzig an der Zahl und zum größten Teil seinen Schriften entnommen.
Johann Huss antwortete darauf: „Ich habe mich auf den Papst berufen, der bereits gestorben ist, aber in meiner Angelegenheit nicht entschieden hat. Ich appellierte ebenso an seinen Nachfolger Johannes XXIII., der meinen Rechtsanwälten auch innerhalb von zwei Jahren keine Gelegenheit
gab, meinen Fall vorzutragen. Darum appelliere ich an den Hohen Richter Christus!“
Als Johann Huss diese Worte gesprochen hatte, forderte man ihn auf zu sagen, ob er vom Papst Absolution erhalten habe oder nicht, Er antwortete: „Nein.“ Dann sollte er sagen, ob es Recht sei, sich auf Christus zu berufen oder nicht. Worauf Johann Huss antwortete:
„Wahrlich, ich versichere hier vor euch allen, dass es keine gerechtere oder erfolgreichere Berufung gibt als die auf Christus. Und das umso mehr, als das Gesetz sehr wohl bestimmt, dass die Berufung nichts anderes ist, als wenn man im Fall von Schmerz und angetanem Unrecht durch einen untergeordneten Richter seine Klage und sein Hilfeersuchen in die Hände eines höheren Richters legt. Und wer ist ein höherer Richter als Christus? Wer, bitteschön, kann einen Fall besser kennen und gerechter und mit mehr Unparteilichkeit beurteilen? Wenn in Ihm kein Betrug gefunden wird, kann auch Er nicht betrogen werden. Und wer kann den Elenden und Unterdrückten besser helfen als Er?“
Während Johann Huss in demütiger und nüchterner Haltung diese Worte sprach, wurde er vom gesamten Konzil verspottet und verhöhnt.

Verspottet und verbrannt
Diese beeindruckenden Worte hielt man ebenso für Verrat, und sie gereichten nur dazu, die Feinde umso wütender zu machen. Dem zufolge rissen ihm die am Konzil beteiligten Bischöfe seine priesterlichen Kleider vom Leib um ihn dadurch zu degradieren.
Dann setzten sie ihm eine Mitra aus Papier auf, die mit drei Teufeln bemalt war und die Unterschrift „Erzketzer!“ trug. Als Huss das sah, sagte er: „Mein Herr Jesus Christus musste meinetwegen eine Dornenkrone tragen, warum sollte ich dann nicht seinetwegen diese leichte Krone tragen,sei sie auch noch so schmachvoll. Gewiss will ich das tun, und zwar ganz willig“. Als sie ihm aufs Haupt gesetzt war, sagte ein Bischof: „Nun übergeben wir deine Seele dem Teufel“. „Aber ich“, antwortete Johann Huss – indem er die Augen aufwärts zum Himmel richtete – „übergebe in Deine Hände, O Herr Jesus Christus, meinen Geist, den Du erlöst hast!“
Als man auf dem Scheiterhaufen die Kette um ihn band, sagte er mit lächelndem Gesicht:
„Mein Herr Jesus Christus wurde meinetwegen mit einer härteren Kette gebunden, warum sollte ich mich dann dieser rostigen Kette schämen?“
Als die Reisigbündel bis zu seinem Hals aufgestapelt wurden, ging es dem Herzog von Bayern so nahe, dass er ihn bat, abzuschwören. „Nein“, sagte Huss, „ich habe nie eine Lehre gepredigt, die etwas Böses enthielt; und was ich mit meinen Lippen verkündigte, das besiegle ich jetzt mit meinem Blut!“ Dann sagte er zu dem Henker: „Du willst jetzt eine Gans verbrennen (Huss heißt auf Böhmisch „Gans“); aber in hundert Jahren werdet ihr einen Schwan haben, den ihr weder braten noch kochen könnt!“
Wäre er ein Prophet gewesen, müsste er Martin Luther gemeint haben, der ungefähr hundert Jahre später auftrat, und der einen Schwan im Wappen führte.
Dann wurden die Reisigbündel entzündet. Unser Märtyrer sang dabei so laut und freudig, dass man es trotz all des Knackens des Holzes und des Getöses der Menge hören konnte.
Schließlich versagte die Stimme wegen der Gewalt der Flammen, die bald seinem Leben ein Ende machten. Danach kratzte man mit großem Eifer die Asche zusammen, um sie in den Rhein zu werfen.
Damit auch die letzten Reste dieses Mannes nicht auf der Erde blieben, dessen Andenken dennoch nicht aus dem Gedächtnis der Gläubigen gelöscht werden kann – weder durch Feuer, noch durch Wasser, noch durch irgendeine Art des Martyriums.

Nachtext

Quellenangaben

Auszug aus dem „Buch der Märtyrer“ von John Foxe (1517-1587)

Übersetzt und bearbeitet von Hermann Grabe