Zeitschrift-Artikel: Herr, öffne dem König von England die Augen!

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Titel: Herr, öffne dem König von England die Augen!
Typ: Artikel
Autor: William Tyndale
Autor (Anmerkung):

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Titel

Herr, öffne dem König von England die Augen!

Vortext

Text

Dies ist der letzte Brief William Tyndales (1494-1536) aus dem Gefängnis der Burg Vilvoorde (Belgien). Er war der Ketzerei angeklagt, weil er es gewagt hatte, als Erster das Neue Testament aus dem griechischen Grundtext in die englische Sprache zu übersetzen, sie in Deutschland drucken und auf geheimen Wegen nach England schmuggeln zu lassen. 1524 war er aus England geflohen, um dem Zorn Heinrichs VIII. zu entgehen. Er sah seine Heimat nie wieder und wurde 1535 während der Übersetzung des Alten Testamentes von einem „Freund“ mit Namen Henry Philips hinterhältig verraten, festgenommen und in die Festung Vilwoorde, nahe bei Antwerpen, gebracht.
Diese Kerkermonate bedeuteten ein langsames Sterben für den jungen englischen Reformator. Davon zeugt der letzte Brief, den er während einer Verhandlungspause an einen ungenannten Beamten der Burg richtete:

„Ich wende mich an Eure Lordschaft und an den Herrn Jesus, dem alle Herrschaft unterstellt ist:
Wenn ich hier den Winter über bleibe, möchten Sie den Kommissar bitten, so freundlich zu sein, mir von meinen beschlagnahmten Gütern eine warme Mütze zu geben. Mein Kopf leidet sehr unter der Kälte, und ich werde von einem unaufhörlichen Katarrh geplagt, der in der Zelle noch stark zugenommen hat.
Ich erbitte ebenso einen warmen Mantel; denn der, den ich jetzt habe, ist sehr dünn; dazu ein Stück Stoff, um meine Beine einzuwickeln. Meine Jacke ist sehr abgetragen, ebenso meine Hose. Er hat ein Wollhemd, das er, wenn er die Güte hat, mir senden möge. Ich habe auch eine Überhose von dickerem Stoff, die ich überziehen könnte; er hat auch wärmere Nachtmützen. Gleichfalls bitte ich, mir eine Lampe für den Abend zu genehmigen; es ist wirklich schrecklich, allein im Dunkeln zu sitzen.
Aber vor allem erbitte und erflehe ich Ihre Barmherzigkeit dahin gehend, dass Sie unbedingt mit dem Kommissar sprechen, er möge mir freundlichst erlauben, eine hebräische Bibel, die hebräische Grammatik und das hebräische Wörterbuch zu bewilligen, damit ich meine Zeit mit solchen Studien verbringen kann.
Dafür mögen Sie empfangen, was Sie am meisten begehren; aber nur, wenn es der Errettung Ihrer Seele dient.
Doch wenn irgendeine andere Entscheidung betreffs meiner Person gefallen ist, dass ich vor dem Winter verurteilt werde, will ich das geduldig tragen und in dem Willen Gottes bleiben zur Verherrlichung der Gnade meines Herrn Jesus Christus. [Mein Gebet] ist, dass sein Geist stets Ihr Herz leiten möge.
Amen.
W. Tindalus

Wir wissen nicht, ob seine Bitten erfüllt wurden. Tatsächlich blieb er jenen Winter über in dem Kerker. Sein Urteil wurde im August 1536 besiegelt. Er wurde offiziell als Ketzer verdammt und aus dem Priesterstand ausgestoßen.
Anfang Oktober wurde er dann auf dem Scheiterhaufen festgebunden, von dem Henker erwürgt und danach verbrannt. Foxe berichtet, seine letzten Worte seien gewesen: „Herr, öffne dem König von England die Augen!“
Er war ca. 42 Jahre alt, hat nie geheiratet und wurde nicht begraben.

 

 

Nachtext

Quellenangaben

Aus: John Piper „Gewürdigt zur Schmach“, CLV, S.67-69, siehe Buchbesprechnung S. 20