Zeitschrift-Artikel: "Dreck" (Phil. 3,8-9)

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Titel: "Dreck" (Phil. 3,8-9)
Typ: Artikel
Autor: Charles Haddon Spurgeon
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1014

Titel

"Dreck" (Phil. 3,8-9)

Vortext

Text

  Paulus sitzt in der Wachstube des Prätoriums zu Rom, wo er Gefangener ist. Die Ketten umschließen sein Handgelenk, während er schreibt. Er hat nichts mehr in der ganzen Welt. Seine alten Freunde hat er verloren, seine Verwandten verleugnen ihn, seine Landsleute verabscheuen ihn, und selbst seine Brüder bereiten ihm oft Schmerz.
  Kein Name läßt die Juden boshafter mit den Zähnen knirschen als der Name Saulus von Tarsus. Er wird als der schändlichste aller Renegaten betrachtet. Er hat allen Grund zum Rühmen verloren. Er hat keine eigene Gerechtigkeit mehr, deren er sich rühmen kann. Ihm ist jeder Rest einer gesetzlichen Hoffnung genommen.
  Christus ist sein alles, und er hat nichts anderes.
  Er hat kein irdisches Eigentum, er hat keine Vorräte für seine normalen Bedürfnisse. Seine Worte sind sehr wahr: " ... um dessentwillen ich alles eingebüßt habe."
  Laßt uns in das Gefängnis treten und ihm eine persönliche Frage vorlegen:
  "Paulus, dein Glaube hat dich in völlige Dürftigkeit und Freudelosigkeit gebracht. Wie schätzt du ihn jetzt ein? Die Theorie ist ja gut, aber bewährt sie sich in der Praxis? Was willst du antworten, Paulus?"
  "Wohl", sagt er, "ich bekenne, ich habe den Verlust aller Dinge erlitten."
  "Bedauerst du das, Paulus?"
  "Bedauern", sagt er, "bedauern den Verlust meines Pharisäismus, meiner israelitischen Würde? Bedauern? Nein", sagt er, "ich bin froh, daß all das fort ist, denn ich halte es für eine große Befreiung, daß ich das alles nicht mehr habe."
  In den Versen vorher nannte Paulus seine früheren Gewinne Verlust, aber nun nennt er sie "Dreck". Er kann kein stärkeres Wort verwenden. Das Wort bezeichnet etwas, was wertlos ist. Man gebraucht es, um die Hefe des Weins, den Bodensatz, zu bezeichnen. Eigentlich bezeichnet das ursprüngliche Wort Dinge, die den Hunden vorgeworfen werden: Hundekost, Knochen von den Tellern, Krumen und trockene Stücke, die vom Tisch abgeräumt werden, sowie alles, was man gern los wird. "Aus dem Geschlecht Israel, vorn Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern" - er schüttet alles vor die Hunde und ist froh, es um Christi willen loszuwerden.
  Dann fügt Paulus hinzu: " ... und in ihm erfunden werde." Er sehnt sich danach, in Jesus verborgen zu sein und in Ihm zu bleiben. Er wünscht, in Christus hineinzugelangen, wie ein Flüchtling sich in seinem Zufluchtsort verbirgt. Er strebt danach, so in Christus zu sein, daß er nie mehr herauskommt, und wenn jemand ihn sucht, er ihn in Jesus findet.
  Er wünscht, in Christus erfunden zu werden, aber er fügt hinzu: "Daß ich nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, habe." Nein, er will nichts damit zu tun haben; er hat sie schon als Verlust erachtet und als Unrat über Bord geworfen und will sie nun überhaupt nicht mehr haben oder sein eigen nennen.
  Er leugnet seine eigene Gerechtigkeit ebenso, wie andere ihre Sünden leugnen. Er achtet aber die Gerechtigkeit hoch, die uns Christus erworben hat und die uns durch den Glauben zugeeignet wird. Er nennt es "die Gerechtigkeit aus Gott auf Grund des Glaubens", und er schätzt sie sehr, ja, sie ist alles, was er wünscht.
  Meine Brüder, das ist es, wonach wir suchen sollten. Wir sollten uns immer mehr bewußt werden, daß wir Christus haben und in Ihm beständig werden. Wir sollten Ihm immer ähnlicher werden, selbst in Seinem Leiden und Tode, und wir sollten die volle Kraft Seines Auferstehungslebens in uns wirksam werden lassen.
  Möge Gott uns Gnade geben, das zu tun; und je mehr wir es tun, desto mehr werden wir mit dem Apostel übereinstimmen, daß alles andere gering zu schätzen ist.

Nachtext

Quellenangaben

Aus C.H. Spurgeon: "Hast du mich lieb?"