Zeitschrift-Artikel: Erinnerungen an H.A. Ironside

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Titel: Erinnerungen an H.A. Ironside
Typ: Artikel
Autor: William MacDonald
Autor (Anmerkung):

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Titel

Erinnerungen an H.A. Ironside

Vortext

Leider fehlt der Beginn des Artikels auf Seite 13!

Text

...wenn sieben Engel ihnen vom Himmel her widerspre­chen würden.

Es wurde berichtet, daß er sich am Tag des Herrn morgens immer mit einer kleinen Gruppe Geschwister zum Mahl des Herrn traf. Ich kann das nicht bestätigen, aber ich weiß, daß er mich bei jeder Begegnung dazu ermunterte, bei den Versammlungen zu bleiben.

Wenn er bei einer Familie zu Gast war, und gebeten wurde, für die Mahlzeit zu danken, schaute er manch­mal schnell in die Schüsseln hinein. Dann dankte er dem Herrn für den Rostbraten, das Kartoffelpüree, die Erbsen, für die Karotten, und für die anderen Speisen auf dem Tisch.

Überzeugungskraft durch Schlichtheit

An seinem Dienst fiel besonders auf, daß er so einfach war. Er war in der Lage, die Schriften von Darby, Kelly und von anderen aus jener Zeit herzunehmen, und sie in einfacher Sprache auszudrücken, die der normale Christ heutzutage verstehen kann, und das Ganze dann mit "Petersilie garniert" zu servieren.

Da war noch der jüdische Vertreter, der Oxford Bi­beln an Ironsides Buchladen verkaufte. Der Geschäfts­führer bat ihn inständig, doch einmal Ironside anzuhö­ren, wenn er durch Chikago kommen würde. Der Ge­schäftsführer hoffte darauf, daß der Vertreter sich be­kehren würde, aber dieser entschuldigte sich immer damit, daß er zu viel zu tun habe. Als er jedoch eines Sonntagabends nichts zu tun hatte, entschloß er sich, einmal hinzugehen und sich den "großartigen Prediger" anzuhören. Gleich nach dem Gottesdienst stand er auf und ging. Auf seinem Weg ins Freie sagte er zu sich selbst: "Uff, das war aber nichts Besonderes. Ich habe jedes Wort verstanden, das er gesagt hat." Dann däm­merte es ihm, daß dies das Großartige an dem Prediger war. Alles war verständlich. Aber zusammen mit der Einfachheit waren auch Ernsthaftigkeit und Liebe in der väterlichen Stimme des Predigers.

Seine Lieblingsbotschaft war "Rechne das mir zu" -die Geschichte von Philemon und Onesimus. Er hat ein bißchen geheiligte Vorstellungskraft benutzt und die Geschichte so lebhaft beschrieben, daß die Zuhörer sich auf die Veranda von Philemons Haus versetzt fühlten, um dort mitzuerleben, wie der unnütze Sklave zurück­kehrte, der jetzt ein Bruder in Christo war.

Wahre Größe zeigt sich in Demut

Einmal hat er auf der Keswick-Konferenz erzählt, wie er etwas über Zerbruch gelernt hat.
Ironside und seine Frau waren Sonntags in aller Frühe über die Bucht von Oakland nach San Franzisko gefah­ren. Es war ein Sonntag, der mit Terminen bis zum Rand gefüllt war. Er predigte um 9.00, nahm um 11.00 am Brotbrechen teil, sprach in einer Zusammenkunft am Nachmittag, dann in einer weiteren, danach hielt er eine Freiversammlung ab und noch eine im Versammlungsraum. Und dann folgte die Abendversammlung. Auf dem Heimweg war er erschöpft.
In jenen Tagen war es bei den Predigern üblich, ihre schwachen Nerven zu genießen. So verkroch er sich in seine Ecke im Zug und bemitleidete sich selbst. Als seine Frau ihn etwas fragte, antwortete er so, wie man­che Ehemänner das öfters tun. Sie wandte sich ihm zu: "Was hältst Du davon, mich so anzufahren, gleich nach­dem Du die Versammlung verlassen hast. Du stehst auf dem Podium und siehst so heilig aus, daß man den Eindruck hat, die Butter würde in Deinem Mund zer­schmelzen ohne gebissen zu werden. Und dann bist Du auf dem Heimweg so bissig zu mir. Ich habe Dir nur eine einfache Frage gestellt. Was würden Deine Zuhö­rer jetzt von Dir denken?" Er war überführt und quetschte eine Art Entschuldigung heraus: "Liebling. Es tut mir so leid. Ich wollte Dich nicht so anfahren, aber Du weißt doch, daß ich ganz erschöpft bin. Ich habe heute mehr als fünfmal gepredigt und ich bin mit meinen Nerven total am Ende." Seine Frau sagte: "Ja, und ich mußte Dir heute fünf­mal zuhören. Ich bin genauso müde wie Du. Wenn ich noch freundlich sein kann, dann kannst Du es sicher auch." Später hat Dr. Ironside erklärt: "Ich habe damals gelernt, eine schlechte Laune nicht einfach zu entschul­digen und auf meine Nerven zu schieben."
Aber nur ein wahrhaft großer 'Mann kann so eine Geschichte erzählen. Es schadet dem Ansehen. Man müßte dazu seinen eigenen Stolz überwinden.

Größe im Umgang mit "Kleinen"

Mir ist bewußt, daß ich diesem geliebten Mann Got­tes sehr viel verdanke. Als mein Bruder und ich noch kleine Jungs waren, saß er einmal bei uns im Wohnzim­mer, während meine Mutter in der Küche das Abendes­sen herrichtete. Mein Bruder und ich wagten uns hinein, um diesen heiteren Freund der Familie zu sehen. Er fragte uns, "Kennt ihr den Chorus Römer zehn Vers neun?" Wir waren froh, daß wir bejahen konnten. "Bit­te; singt ihn mir vor." So standen mein Bruder und ich vor ihm und wir sangen mit unseren kindlichen Stimm­chen: "Römer zehn Vers neun ist mein Lieblingsvers. Ich bekenne Christus als Herrn und bin durch Gnade gerettet. Denn hier steht die Verheißung, sie leuchtet uns mit goldnen Buchstaben entgegen, aus Römer zehn Vers neun". Nachdem er uns unverdienterweise sehr gelobt hatte, fragte er weiter, "Kennt ihr auch den Chorus Römer zwölf Vers eins?" Diesmal mußten wir zugeben, daß wir den nicht kannten. "Das macht nichts. Ich will ihn euch vorsingen." "Römer zwölf Vers eins ist ein Vers, den ich nicht vermeide. Ich gehöre dem allein, der auf dem Thron sitzt. Wenn er nicht Herr von allem ist, so ist er gar nicht Herr. Römer zwölf Vers eins."
Seitdem sind fast siebzig Jahre vergangen, aber ich erinnere mich noch immer an diese Worte. Sie hinterlie­ßen einen bleibenden Eindruck auf meinem jungen, unbekehrten Herzen.

Eltern erkennen nur selten, wie junge Herzen für Gott geformt werden, wenn sie Diener des Herrn nach Hause einladen. Meine Eltern wußten, daß sie einen "Engel" beherbergt hatten. Viele Jahre später. als ich auf der Hochschule war, gab ich einem Theologiestudenten Zeugnis. Das Ergeb­nis frustrierte mich. Jedesmal, wenn ich die Bibel zitier­te, sagte er, "Ich glaube der Bibel nicht." Ich habe es immer wieder versucht, und jedesmal erhob er seine Stimme: "Ich habe es Dir schon gesagt. Zitiere die Bibel nicht. Ich glaube nicht daran." Als ich an diesem Abend heimkam, war Ironside zu Gast. In einer der seltenen Gesprächspausen erzählte ich mein Erlebnis und fragte: "Dr. Ironside, was tun Sie, wenn Sie die Schrift zitieren und die Leute sagen, daß sie nicht daran glauben?" Mit einem freundlichen Blin­zeln antwortete er: "Ich zitiere einfach noch mehr da­von."

Das war eine wichtige Lektion für mich. Nur weil die Leute nicht glauben, daß Dein Schwert aus Stahl ist, steckt Du es doch nicht zurück in die Scheide. Du stößt noch einmal kräftig zu und zeigst ihnen, daß es Stahl ist. Das Wort ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

"... bei den Bescheidenen aber ist Weisheit"

Wenn er nach Kalifornien kam, fuhr ich ihn zu seinen Verabredungen. Dabei hat er die Zeit immer benutzt, um mir zu dienen, ohne daß ich es merkte. Eines Tages brachte er 1 Korinther 6 zur Sprache, wo die Christen dagegen gewarnt werden, gegen Geschwister vor Ge­richt zu gehen. Dann sagte er zu mir: "Was meinst Du, was Vers vier bedeutet, 'Wenn ihr nun über Dinge dieses Lebens zu richten habt, so setzet diese dazu, die gering geachtet sind in der Versammlung'?"

Ich hatte natürlich nicht die geringste Idee, was das bedeuten könnte, aber ich verstand das Problem. War­um sollte man die Meinungsverschiedenheiten in der Versammlung vor die bringen, die am wenigsten dazu in der Lage sind, sie zu lösen? Als ich zugab, daß ich nicht in der Lage war, die Frage zu beantworten, sagte er, "Denkst Du, daß es vielleicht eine Frage sein sollte, 'Setzet ihr diese dazu (zum Richten), die gering geach­tet sind in der Versammlung?' Mit anderen Worten, tragt ihr eure Schwierigkeiten vor ungläubigen Rich­tern (Vers 1) aus, die in der Gemeinde überhaupt nichts zu sagen haben?
Es hörte sich so vernünftig an, aber warum habe ich es vorher nie entdeckt? Na ja, ich habe seine Erklärung jedenfalls nie mehr vergessen.
Bei einem seiner Besuche erzählten wir ihm von einem Problem, das wir hatten. Einige Kunden kritisier­ten uns ernsthaft, weil wir die Bücher von E.Stanley Jones, einem Missionar in Indien, verkauften. Sie sag­ten, er verkündige darin ein soziales Evangelium. Als wir H.A. Ironside fragten, was er davon hält, antwortete er, "Es ist möglich, daß jemand wirklich gerettet, aber nur wenig belehrt ist. Aber um niemand ein Anstoß zu sein, laßt die Bücher hinter dem Ladentisch, und wenn jemand danach fragt, könnt ihr sie verkaufen." Er hatteJones richtig eingeschätzt. Die folgenden Bücher, be­sonders eines über Bekehrung, haben keinen Zweifel zurückgelassen, ob er ein wahrer Gläubiger ist. Neben­bei gesagt, waren seine Bücher ein großer Segen für mich und ich habe oft daraus zitiert.
Noch auf andere Weise habe ich von Bruder Ironside gelernt. Als wir eines Tages von San Franzisco nach Oakland zurückfuhren, fragte er mich, " Was ist für heute Abend geplant?" "Du fährst zurück nach San Franzisco, um bei Familie Grunigens zu essen." "Wie komme ich dorthin?" Ich erklärte ihm, daß Frau D., die früher seine Sekretärin und nun die Geschäftsführerin seines Buchladens war, ihn hinfahren würde. Ich konn­te an seinem Gesicht erkennen, daß er nicht so glücklich darüber war. "Warum", fragte ich, "ist das nicht in Ordnung?" "Bill", antwortete er, "stell Dir mal vor, wir hätten auf der Brücke einen Unfall. Siehst Du denn die Schlagzeilen nicht vor Dir? DR. IRONSIDE HAT UNFALL MIT EX-SEKRETÄRIN." Ich habe an die­sem Tage gelernt, das ein Diener des Herrn nicht vor­sichtig genug sein kann, jeden Anschein des Bösen zu meiden.

Ein Bruder unter Brüdern

Viele werden sich an den gütigen Mann seines Tro­stes und seines Mitgefühls wegen erinnern. Missionare, die aus Afrika auf Heimaturlaub kamen, hatten unter­wegs ihre Tochter verloren. Sie wurde in Argentinien begraben. Als die Mutter durch Chicago reiste, schaute sie bei Dr. Ironside vorbei, der ein lebenslanger Freund der Familie war. Als sie sein Büro betrat, brach sie in Tränen aus. Er trat an ihre Seite, und mit seiner sanften, volltönenden Stimme sagte er, "Liebe Ella, es ist doch gar nicht so schlecht, eine Tochter im Himmel zu ha­ben."
Diese einfachen Worte halfen ihr, ihren Kummer los­zuwerden. Als er während einer Konferenz die Nach­richt erhielt, daß sein ältester Sohn gestorben war, sagte er: "Jetzt habe ich einen Sohn im Himmel." Als meine Mutter heimging, kamen viele Freunde und versuchten uns mit Worten zu trösten, aber nichts hat uns so gehol­fen wie ein handgeschriebener kurzer Brief von H.A. Ironside. Der vielbeschäftigte Mann war nicht zu be­schäftigt, um einer unbedeutenden Familie in Neueng­land zu schreiben. Am Schluß des Briefes schrieb er: " Psalm 30,5: Am Abend kehrt Weinen ein, und am Morgen ist Jubel da." Damit war alles gesagt.
Dr. Ironside starb in Neuseeland, als er seine Halb­schwester, Frau Laidlaw, besuchte. Als ich viele Jahre später in Aukland war, bestand ich darauf, zu dem Friedhof zu gehen, wo sein Leib zur Ruhe gelegt wor­den war. Dort fand ich eine einfache Metallplatte mit seinem Namen, dem Geburts- und Sterbedatum, und den Worten "Allezeit bei dem Herrn." Ich dachte mir: Wie passend! Kein kunstvolles Monument. Kein Grab­stein aus Granit. Nur eine einfache Platte für einen Mann, der nie mehr sein wollte als ein einfacher Bruder.
Und doch schien es so, daß etwas für Gott geschah, wann immer sein Leben mit anderen in Berührung kam.

Nachtext

Quellenangaben