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Zeitschrift-Artikel: Eutychus

Zeitschrift: 125 (zur Zeitschrift)
Titel: Eutychus
Typ: Artikel
Autor: William Kaal
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 2446

Titel

Eutychus

Vortext

„… Ein gewisser Jüngling aber, mit Namen Eutychus, saß im Fenster und wurde vom tiefen Schlaf
überwältigt, während Paulus noch weiterredete; und vom Schlaf überwältigt, fiel er vom dritten
Stock hinunter und wurde tot aufgehoben …“
(Apg 20, 7-12)

Text

Am ersten Tag der Woche – einem Sonntag – war die Troas-Gemeinde in einem Obersaal versammelt, um das Abendmahl zu feiern. Dies ist einer der wenigen Hinweise, dass die ersten Christen sich regelmäßig als Gemeinde sonntags zum Brotbrechen trafen, und diese Treffen offensichtlich auch zur Predigt nutzten. Vielleicht war das der Grund, warum Paulus gerade eine Woche in Troas blieb: um die Gemeindestunde noch mitzuerleben. Da der Sonntag aber kein arbeitsfreier Tag war, mussten die Christen sich spät am Abend zu ihren Gemeindeversammlungen zusammenfinden. Sie waren ihnen offensichtlich so wichtig, dass sie bereit waren, dafür auf ein wenig Schlaf zu verzichten.
Lampen und Licht statt Rampenlicht
Der detailgetreue Arzt Lukas berichtet interessanterweise davon, dass viele Lampen brannten, bevor er auf die eigentliche Geschichte mit Eutychus zu sprechen kommt. Man könnte meinen, dieser Hinweis solle lediglich als medizinische Erklärung dafür dienen, warum Eutychus später einschlief, da Öllampen ja Sauerstoff verbrauchen.
Aber da Eutychus am offenen Fenster vom Schlaf überwältigt wurde, hätte er als letzter von mangelndem Sauerstoff betroffen gewesen sein müssen. Es muss also andere Gründe geben, warum Lukas dieses Detail erwähnt. Einerseits zeigen die Christen mit offenen Fenstern und einem hell erleuchteten Saal während ihrer Zusammenkünfte, dass sie nichts zu verbergen hatten. Entgegen frühen Gerüchten über die Christen gab es also keine obskuren Rituale und keine verheimlichungswürdigen Praktiken. Andererseits wird aber auch deutlich, dass das geschriebene Wort, die Bibel, im Mittelpunkt ihrer Treffen stand. Zum einen braucht der Redner eine Lampe, damit er seine Predigt im Wort Gottes festmachen kann. Aber auch die Zuhörer brauchen Licht, um der Predigt mit der Bibel folgen zu können. Schade, wenn in Gemeinden eine Atmosphäre entsteht, in der Licht überflüssig wird, weil Shows die Gemeinde zur Passivität verleiten.
In der Grauzone …
Auf der Fensterbank sitzt Eutychus. Das griechische Wort ‚nenias‘ lässt keine genauen Rückschlüsse auf sein Alter zu – ob es ein Junge oder ein junger Mann war bleibt letztlich ungeklärt. Die Tatsache, dass er auf der Fensterbank sitzt, unterstreicht jedenfalls den Eindruck eines risikofreudigen, wagemutigen Kerls. Vielleicht war die räumliche Enge der Grund, warum Eutychus auf der Fensterbank Platz nahm. Erfahrungsgemäß gibt es aber auch bei vielen freien Plätzen immer solche, die gerne möglichst weit am Rand sitzen und durch ihre Platzwahl innerliche Distanz ausdrücken. Solche Leute kennt wohl jede Gemeinde. Sie sind nicht richtig dabei, hängen mit einem Bein in der Gemeinde, mit dem anderen draußen in der Welt. So sitzt Eutychus da, am Rand der Gemeinde, an der Schnittstelle zwischen Licht und Finsternis.
Dann passiert das Dramatische: Eutychus stürzt ab – und landet auf der Straße. Sein Sturz vom Licht in die Finsternis, vom Leben in den Tod muss die Gemeinde schockiert haben. Es ist immer dramatisch, wenn gerade junge Leute aus der Gemeinde abstürzen. Aber der Fall des Eutychus („der Glückliche“) sollte sich nicht nur für ihn, sondern für die ganze Gemeinde als „Glücks-Fall“ erweisen.
Der Gestürzte und die Bestürzten
Sofort laufen die Gläubigen hinterher – eigentlich selbstverständlich, aber doch bemerkenswert. Sie registrieren, dass Eutychus abgestürzt ist. Vielleicht haben besorgte Geschwister ihn doch immer im Augenwinkel behalten. Als sie seinen Sturz bemerken warten sie nicht darauf, dass der Junge seinen Fehler einsieht und zurückkommt, sondern gehen hinterher, um nach ihm zu sehen. Beeindruckend hier eine Gemeinde zu sehen, die bereit ist, nachts auf die Straße zu gehen, um einen Menschen zu suchen. Als sie zu ihm kommen müssen sie feststellen, dass kein Lebenszeichen mehr zu erkennen ist. Als Arzt ist Lukas autorisiert, den Tod festzustellen, seine Aussage hat Gewicht. Die Geschwister der Gemeinde müssen angesichts dieser aussichtslosen Situation ziemlich entsetzt gewesen sein. Sicherlich haben etliche laut geweint, andere haben sich womöglich Vorwürfe gemacht, wenn sie den Jungen auf der Fensterbank zwar beobachtet, aber nicht gewarnt hatten. Vielleicht haben sich auch einige über die Gemeinde aufgeregt, ein neues Sicherheitskonzept diskutiert oder vergitterte Fenster gefordert, andere werden behauptet haben, die Gemeinde sei ohnehin zu offen und Fenster grundsätzlich überflüssig.
Keine Diskussion, sondern Gebet!
Doch dann tritt Paulus vor – er diskutiert nicht, sondern handelt. Er legt sich auf den leblosen Körper und bittet die Leute, sich zu beruhigen. Bibelkenner denken bei dieser sonderbaren Handlung sofort an die Geschichte aus dem Alten Testament, in der Elia den Sohn der Witwe auf ähnliche Weise wieder zum Leben erweckte. Dort wird deutlich, dass die äußerliche Handlung von intensivem Gebet des Propheten begleitet war und Gott das ernstliche Gebet erhörte (vgl.
1Kö 17). Ganz sicher hat auch Paulus ernsthaft gebetet und Gottes Kraft ließ den Jungen zum Leben zurückkehren. Leider neigen wir als Christen eher dazu, viel Lärm um Personen zu machen, von denen wir hören, dass sie abgestürzt sind, anstatt wie Paulus zu handeln, sich zu ihnen niederzubeugen und für sie zu beten. Gerade in der Arbeit an jungen Menschen sollten wir uns immer wieder anspornen, dafür zu beten, dass sie neues, geistliches Leben erfahren. Danach feiert die Gemeinde das Abendmahl – bestimmt eine einmalige, unvergessliche Abendmahlsfeier. Sie hatten gerade
buchstäblich erlebt, was es heißt, dass Jesus Herr über Leben und Tod ist, dass er Tote auferweckt. Jedem stand das gerade Erlebte noch plastisch vor Augen, und es wird keinem schwer gefallen sein, Christus für seinen Sieg über den Tod und die eigene geistliche Auferweckung aus den Toten zu danken. Wenn persönlich Erlebtes unsere Gemeindestunden
mitprägt, werden sie lebendig und ergreifend sein.
Lebendige Gemeinschaft
Anschließend gibt es noch etwas zu essen und Paulus unterhält sich mit ihnen. Die griechische Wortwahl deutet an, dass die Kommunikation nun nicht länger im Predigt sondern im Dialogstil stattfand. In gemütlicher, aber bestimmt ernster
Atmosphäre, redeten sie bei einem kleinen Imbiss noch bis Tagesanbruch. In der Gemeinde von Troas gab es offensichtlich Raum für Spontanität, für Gemeinschaft und gemeinsame Mahlzeiten. Und nicht zuletzt bewies in dieser Nacht der Gastgeber beachtliche Flexibilität.
Erweckt, erlebt, ermutigt
Der Bericht endet damit, dass sie den Jungen ebendig brachten und es ist nicht ganz eindeutig, wie Lukas diesen letzten Satz gemeint hat. Entweder hat man Eutychus wieder in die Gemeinde gebracht, oder aber nach Hause, wie einige Übersetzungen hinzufügen. Dass dieser Satz erst nach der Beschreibung des Fortgangs der Gemeindeversammlung steht, könnte zumindest ein Hinweis darauf sein. Vielleicht war Eutychus nur zu Besuch – umso größer die Freude, ihn wieder lebendig seinen Eltern zurückbringen zu können. Auf jeden Fall tröstete und ermutigte es alle, dass Eutychus lebendig war. Und bis heute ist ein von Gott zum Leben erweckter Mensch immer eine Ermutigung für
andere. Für Eutychus selbst wird dieses Erlebnis unvergesslich gewesen sein. Bestimmt hat er sich sein ganzes Leben lang an diese eine Nacht erinnert, in der ihm das Leben geschenkt wurde. Es ist unser Wunsch und Gebet, dass auch
die Arbeit an jungen Menschen von solchen unvergesslichen Erlebnissen geprägt ist, wodurch sie zu wirklich „Glücklichen“ werden und wir sie dann den Eltern innerlich und äußerlich gesund und wohl behalten zurückgeben können.

Nachtext

Quellenangaben