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Zeitschrift-Artikel: Das Gedächtnis des Gerechten ist zum Segen

Zeitschrift: 121 (zur Zeitschrift)
Titel: Das Gedächtnis des Gerechten ist zum Segen
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1784

Titel

Das Gedächtnis des Gerechten ist zum Segen

Vortext

Text

Damals in Bethel …

40 Jahre ist es ungefähr her, als ich zum ersten Mal auf William MacDonald aufmerksam wurde. Damals war ich „Zivi“ in Bethel, in den „von Bodelschwinghschen Anstalten“ bei Bielefeld. Eines Tages tauchte dort ein bis dahin unbekannter junger Evangelist auf und führte ein Seminar über Evangelisation für die Diakone und Mitarbeiter Bethels durch, das viel Staub aufwirbelte. Die teilweise traditionelle und manchmal auch sehr selbstgerechte Frömmigkeit von uns Mitarbeitern wurde schonungslos bloßgestellt und ließ keinen neutralen Zuhörer zurück. Die meisten Zuhörer waren empört. Das war Wolfgang Dyck, der ehemalige Schwerverbrecher, der mit großer Leidenschaft und Begabung predigte und provozierte. Er sprach Kopf, Herz und Gewissen an und forderte zu einer konsequenten Nachfolge und zum glaubwürdigen Christsein heraus. Zu den wenigen Büchern, die dieser feurige Evangelist immer bei sich trug, aus denen er zitierte und die er auch zum Kauf anbot, gehörten „Wahre Jüngerschaft“ und „Denk an deine Zukunft!“ von einem gewissen MacDonald. Der Name sagte mir nichts und die bekannte Restaurant-Kette gab es damals in Deutschland auch noch nicht.

Die Macht geschriebener Worte

Tief getroffen von dem was und wie Dyck predigte und lebte, kaufte ich damals diese beiden Bücher – nicht ahnend, was sie in meinem Leben bewirken würden. Obwohl ich in einer Familie aufwuchs, die schon seit Generationen in den sog. „Brüderversammlungen“ beheimatet war, erlebte ich im Alter von etwa 15 Jahren zunächst durch die Bücher und später auch durch die Bekanntschaft mit Pastor Wilhelm Busch meine geistliche Erweckung. Wilhelm Busch war es auch, der mein Interesse für die Erweckungs-Bewegungen der letzten Jahrhunderte weckte und mich für Biographien und Predigten von Charles Haddon Spurgeon, Gottfried Daniel Krummacher, Paul Humburg usw. begeisterte. Diese Namen waren in den „Brüderversammlungen“ nur wenigen bekannt, weil man damals die Schriftausleger der „Brüder“ bevorzugte. So waren mir von klein auf die Namen John Nelson Darby, William Kelly, C.H. Mackintosh, Rudolf Brockhaus usw. vertraut. Da ich aber als aufmüpfiger Jugendlicher meinte, die Versammlungsfrömmigkeit als heuchlerisch, verlogen und überheblich aburteilen zu können, standen die eben genannten Autoren bei mir nicht hoch im Kurs: Sie wurden nämlich laufend von solchen Brüdern zitiert, deren materialistische Lebenseinstellung mich abstieß. Ihre einseitige Betonung von Absonderung – ohne gelebte Hingabe und Nachfolge – erschien mir als Heuchelei. Nun las ich also damals die beiden kleinen Bücher von diesem neu entdeckten William MacDonald, der mit prägnanten und herausfordernden Sätzen, Zitaten und Beispielen genau das ansprach, was ich in den Versammlungen und im Alltagsleben der „Brüder“ bisher so sehr vermisst hatte: konsequente Nachfolge Jesu. Und zwar auch in den Bereichen, wo es weh tut: Geld, Besitz, Zeit, Ehe, Familie, Evangelisation und Mission. In diesen Büchern wurde kompromisslose Absonderung mit einer auf die Ewigkeit und auf den Herrn ausgerichteten Hingabe verbunden. „Der ist kein Tor, der hingibt, was er nicht behalten kann, auf dass er gewinne, was man nicht verlieren kann“ – dieses Zitat von Jim Elliot begegnete mir hier zum ersten Mal und überzeugte mich.

Gesegnete Irritationen

Aber dann kam das für mich wirklich Erstaunliche: Dieser MacDonald, der mit seinen Sätzen bei mir ins Schwarze traf, zitierte doch tatsächlich Autoren wie Darby, Kelly, Grant, Mackintosh usw., gegen die ich aus den genannten Gründen Vorurteile hatte. Und ich musste erstaunt und etwas irritiert feststellen, dass der neu entdeckte und geschätzte Autor selbst zu den „Brüdern“ gehörte. Diese Erkenntnis revolutionierte vieles bei mir: Ich bekam langsam Vertrauen zu der bisher von mir recht gering geschätzten Literatur der „Brüder“. So griff ich in den folgenden Jahren vermehrt zu diesem literarischen Vermächtnis und profitierte von ihrer tiefgehenden Schriftauslegung, ihrer Einsicht in den Heilsplan Gottes, von dem, was die Bibel über die Gemeinde und ihre Aufgaben lehrt, über die Stellung und Verantwortung des Christen usw. Und so wurde ich von meinen oberflächlichen Vorurteilen befreit. Als ich später die bewegenden Anfänge der „Brüderbewegung“ im 19. Jahrhundert und neben den schon genannten Männern auch die Biographien über R.C. Chapman, Georg Müller, A.N. Groves, von Posek, Carl Brockhaus usw. kennen lernen durfte, lernte ich mehr und mehr schätzen, was ich bisher zu meinem Schaden verachtet hatte. Wie viel konnte man von diesen Brüdern lernen, die damals keine Bücher über Nachfolge schreiben brauchten, weil sie Nachfolge lebten und praktische Hingabe an Christus in der ersten Generation selbstverständlich war. Für diese Korrektur meiner geistlichen Ausrichtung bin ich nächst dem Herrn vor allem William MacDonald sehr dankbar. Wie gerne hätte ich als junger Christ diesen Autor persönlich kennen gelernt und ihm für seinen Dienst gedankt. Aber das schien mir damals – vor 40 Jahren – völlig utopisch zu sein.

Gut gemeint – schlecht gemacht

In dem damals gut gemeinten aber sicher sehr unreifen Eifer habe ich dann nach meiner Zeit als „Zivi“ die jüngeren und älteren Christen in meinem heimatlichen Umfeld mit den Büchern von William MacDonald „bombardiert“. Besonders einige ältere Brüder, die so etwas wie „Älteste“ in unserer Versammlung waren, habe ich durch mein unweises Auftreten vergrault, so dass sie nun ihrerseits mit entsprechenden Vorurteilen diese verdächtigen Bücher lasen, vor ihnen warnten und ich in gewissen Gesellschaftsschichten der „Brüder“ für einige Jahre ein Etikett als „Edel-Kommunist“ und „Unruhestifter“ weg hatte. Damals erschien die Broschüre „Denk an deine Zukunft“ – eigenartiger Weise im Verlag der Nazarener – und war bald vergriffen. Dank der Kontakte zu Klaus Gerth, der in dieser Zeit zum Glauben kam und in die Geschäftsführung des Hermann-Schulte-Verlages einstieg, wurde dieses kleine Buch dort neu aufgelegt. Einige wenige andere Bücher von MacDonald erschienen später beim Hänssler-Verlag und bei der CV – Dillenburg.

Frischer Wind aus dem Süden

Als wir dann Ende der siebziger Jahre einige frisch bekehrte und missionarisch sehr aktive Brüder aus München kennen lernten, unter denen Alois Wagner, Alois Böck und Andreas Lindner waren, bekamen wir durch sie auch Kontakt zu den neu entstandenen Gemeinden im Salzburger Land (Österreich). Neben Walter Mauerhofer waren sie vor allem von Fred Colvin geprägt, einem Schüler von William MacDonald. Es war eine wunderbare Zeit geistlichen Aufbruchs, vieler neuer Freundschaften und Aktivitäten. In diese Zeit fällt auch die Gründung des CLV-Verlages, in dem wir dann durch diese neuen Beziehungen im Laufe der Jahre die meisten der Bücher und Kommentare von W. MacDonald herausgeben und in verschiedenen Sprachen verbreiten konnten.

Volles Haus …

Ende der achtziger Jahre geschah dann das, was ich als junger Christ nie für möglich gehalten hatte: Durch die Kontakte zu den Gemeinden in München und im Salzburger Land kam William MacDonald in Begleitung von Fred Colvin zu uns nach Meinerzhagen in unser Freizeitheim Schoppen. Ohne dass die Werbetrommel gerührt werden musste, war unser Versammlungsraum brechend voll mit vor allem jungen Christen, die bisher MacDonald nur aus Büchern kannten. Meine Frau Ulla und ich, sowie unsere inzwischen größer gewordene Familie waren überrascht von der Bescheidenheit, Freundlichkeit, Natürlichkeit und Gottesfurcht dieses Mannes. Normalerweise stellt man sich unter einem alten Junggesellen eine etwas skurrile, verschrobene Persönlichkeit vor. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Wir lernten einen Bruder kennen, der von einer „natürlichen Heiligkeit“ geprägt war, in dessen Gegenwart man sich aber dennoch ungezwungen bewegen konnte. Seine ansteckende Fröhlichkeit aber auch seine ernsthafte Teilnahme an den Fragen und Sorgen unserer Kinder werden wir nicht vergessen. Ebenfalls nicht seine freundlich – ironische Bemerkung, nachdem er mit einem „Augenzwinkern“ einen gebrauchten Teebeutel ausgedrückt und in die Höhe gezogen hatte: „… und den geben wir für die Missionare!“

Zu Gast bei einem alten Junggesellen

Einige Jahre später wurden meine Frau, unser ältester Sohn Michael und ich von ihm eingeladen, ihn eine Woche lang in San Leandro/ USA zu besuchen. In dieser Woche schlief er unkomplizierter Weise bei Freunden und überließ uns seine kleine, äußerst bescheiden eingerichtete Wohnung, in der er uns tagsüber bewirtete und wir ihn bei Ausflügen, gemeinsamen Besuchen und längeren Gesprächen – umgeben von seinen vollbeladenen Bücherschränken – sehr persönlich kennenlernen durften. In seiner Gegenwart und Wohnung konnte man lernen, wie sich „wahre Jüngerschaft“ im Alltagsleben praktisch manifestiert: Selbstlosigkeit, Gastfreundschaft, Herzenswärme und fröhliche Bescheidenheit kennzeichneten diesen Mann, der seinen Herrn über alles liebte und in dessen Gegenwart man unwiderstehlich auf den Herrn ausgerichtet wurde.

Der 11. September 2001

Das letzte Mal trafen wir unseren Bruder, als er – wenn ich mich recht erinnere – seinen letzten Besuch in Europa machte. Es war der Tag, „der die Welt veränderte“, als wir am Nachmittag mit ihm in Piding in der Wohnstube von Familie Andreas Lindner saßen und miteinander über weitere Literatur, Übersetzungen usw. sprachen. Plötzlich hörten wir im Radio die erste schockierende Meldung von dem Terror-Anschlag auf das „World Trade Center“ in Manhattan. Nach einer sprachlosen Minute faltete Bill MacDonald seine Hände und sagte bewegt: „Der Herr kommt bald!“ Am selben Abend sprach er vor einer großen Versammlung in Salzburg über „Die Faszination der Psalmen“. Sein Heimgang bedeutet für uns einen schmerzlichen, sehr spürbaren Verlust – aber dennoch gibt es viel Grund zum Danken, dass dieser geschätzte Bruder durch Gottes Gnade das Ziel erreicht hat, ohne in der letzten Runde seines Lebens die geistliche Kraft zu verlieren.

Grund zum Trauern?

Als ich die Nachricht von seinem Heimgang hörte, erinnerte ich mich an einige Zeilen aus seinem Andachtsbuch „Licht für den Weg“, wo er unter dem 5. Dezember schrieb: „Andrew Bonars Vater sagte immer zu seinem Sohn: ,Junge, bete darum, dass wir beide gut bis zum Ende durchhalten!‘ So wollen wir auch beten, dass wir unseren Lauf mit Freude zum Ziel führen können!“ So ist auch unser geliebter Bruder nach einem „Marathon-Lauf“ von über 90 Jahren reich gesegnet und von Gottes Gnade getragen am Ziel angekommen. Darüber können wir uns freuen und unserem Herrn von Herzen dankbar sein!

Nachtext

"Kein Goldsucher in der Zeit des großen Goldfiebers kann sich mehr über seine gefundenen Gold-Nuggets gefreut haben, als ich über neu entdeckte biblische Wahrheiten."

Quellenangaben