Zeitschrift-Artikel: Puerto Lempira

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Titel: Puerto Lempira
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Puerto Lempira

Vortext

Text

„Wenn Ihr Weißen dort ankommt, werden die weißen Drogenfahnder Euch erschießen, weil sie Euch nicht kennen und für Drogenhändler halten, oder die Drogenfahnder werden Euch für weiße Drogenhändler halten und Euch deshalb erschießen“, hatte Omar scherzhaft geäußert, bevor wir am 20.2. dieses Jahres in das kleine Propeller-Flugzeug stiegen, das uns von La Ceiba aus in das riesige Regenwald-Gebiet „Mosquitia“ im Nord-Osten von Honduras bringen sollte. Nur per Schiff oder Flugzeug kann man die „Hauptstadt“ dieses mit ca. 80.000 Bewohnern dünn besiedelten Gebietes erreichen, wo die „Misquitos“ wohnen, die neben ihrer eigenen Sprache nur gebrochen Spanisch sprechen und kaum Kontakt zur Außenwelt pflegen können. Omar Ortiz, der vor drei Jahren zum ersten Mal diese Gegend besucht und dann von Haus zu Haus evangelisiert hat, hatte uns von der Unmoral, dem Okkultismus und der Kriminalität dieses Drogenumschlagplatzes erzählt. Er begleitete uns als langjähriger Freund auf dieser Reise. Entsprechend gespannt landeten wir nach 75 Minuten auf einer Lehmpiste, die mehr einem Marktplatz, als einem Flughafen ähnelte. Keine Absperrungen, keine Sicherheitsmaßnamen, keine Kontrollen … Nur ein altes Schild mit dem verwitterten und „beruhigenden“ Hinweis: „Waffen bitte nicht im Handgepäck transportieren!“ war als Warnung zu lesen.

Geistlicher, moralischer und materieller Notstand

Puerto Lempira kann man eigentlich nicht als Stadt bezeichnen, denn die ca. 34.000 Einwohner leben weit zerstreut in meist jämmerlichen Holzhütten. Nur am Hafen sieht man eine Anzahl ungeteerter Straßen, die von Häusern gesäumt sind, wo man das Nötigste kaufen und verkaufen kann. Dort sahen wir auch eine Kirche der „Herrnhuter Brüdergemeine“, die hier vor 200 Jahren als erste Missionare dieses Land betreten haben. Doch von ihrem hingegebenen, geistlichen Leben ist leider nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil – obwohl das Emblem der Herrnhuter (Lamm und Kreuz) von weitem zu sehen ist – wird erzählt, das die beiden rivalisierenden Pastoren sich gegenseitig angesichts der Gemeinde mit Pistolen bedroht haben sollen und als Folge die Gemeinde geteilt wurde. Überhaupt scheint das religiöse Klima hier recht ungewöhnlich zu sein. Das „Christentum“ an diesem Ort besteht aus einer Mischung von Stammesriten, Okkultismus und christlichen Traditionen. Wenn – wie wir noch berichten werden – gelegentlich Drogenpakete „vom Himmel fallen“ und in die Hände von Bewohnern geraten, steigen von den Kanzeln Dankesgebete für diesen „göttlichen Segen“ zum Himmel auf! Auch fordern die Pastoren der verschiedenen Pfingst- und charismatischen Gemeinden von ihren Mitgliedern energisch den „Zehnten“, den sie dann als persönliches Gehalt für ihren Dienst einstreichen und damit nicht selten verhältnismäßig reich werden. Natürlich sind damit Neid, Streit und Trennungen vorprogrammiert.

Drogenhandel und Fisch

Die Leute hier leben vor allem vom Fischfang, bei dem die Männer meist 12 Tage unterwegs sind, um anschließend 9 Tage ausgiebige und abscheuliche Orgien zu feiern. Auffallend war, dass uns recht viele Männer im besten Alter begegneten, die querschnittsgelähmt oder sonst wie erkrankt waren und sich mit selbst gebastelten, handangetriebenen Fahrzeugen fortbewegten. Auf unsere Nachfrage erklärte uns ein Betroffener, der inzwischen Christ geworden ist, dass man ihn und viele andere angeworben hatte, in bis zu 120 m Tiefe nach Langusten zu tauchen. Nur mit einer Taucherbrille, einem Druckschutz und einer Sauerstoff- Flasche, die für 45 Minuten reicht, wurden sie täglich oft 6 – 8 mal in die Tiefe geschickt, wobei sie angewiesen wurden, den Sauerstoff bis zur letzten Minute zu nutzen, um dann so schnell wie möglich aufzutauchen. Diese häufigen und hektischen Tauchgänge lösen im Körper Schädigungen aus, die Lähmungen zur Folge haben und damit eine Familie auch wirtschaftlich ruinieren, denn Versicherungen oder gar Renten kennt man hier nicht. Was die Mosquitia als Drogenumschlags- „Paradies“ betrifft, funktioniert es im Allgemeinen so: Des Nachts kommen kleine Flugzeuge meist aus Kolumbien und werfen an bestimmten Stellen Pakete mit Kokain ab, die sofort von bereitstehenden und mit modernsten Navigationsgeräten ausgerüsteten Schnellbooten eingesammelt und dann über Mexiko oder andere Länder weitergereicht werden. Manchmal werden die Drogen auch per Schiff in die Mosquitia gebracht und dort von Drogen-Kurieren aufgegriffen und an Händler verkauft. Wenn es gelegentlich zu Notlandungen oder Unfällen kommt und die Piloten oder Bootsführer fluchtartig vor der Polizei verschwinden müssen, strömen die Einheimischen sofort aus, um so viel Kokain wie möglich zu ergattern, zu verstecken und zur rechten Zeit an die Händler zu verkaufen. So geraten sie dann für kurze Zeit an sehr viel Geld, dass sie aber meist aus Mangel an Möglichkeiten oder aus Dummheit nicht vernünftig einsetzen.

Erschütternde Armut

Solche Leute, die durch die persönliche Evangelisation unserer Brüder zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen sind, können sich natürlich nicht mehr an diesem schmutzigen Geschäft beteiligen und leben in teilweise bitterster Armut. Als wir in diesen Tagen alle Geschwister kurz besuchten, wurden wir tief beschämt und erschüttert beim Anblick ihrer auf Pfählen gebauten Holzhütten, meist nur ein Zimmer ohne Strom- und Wasseranschluss, von Kanalisation ganz zu schweigen. Unvergesslich der Besuch bei der jungen Schwester Celina, die sich nach ihrer Bekehrung von ihrem Lebensgefährten getrennt hat und mit seiner alten Mutter in einer brüchigen Hütte haust. Unter dieser grunzte eine fette, an einen Pfosten angebundene Sau – der einzige Besitz dieser Schwester. Sie kann auch abends nicht zu den Versammlungen der Christen kommen, weil sie das Schwein vor Diebstahl bewachen muss! Nach diesen erschütternden Eindrücken haben wir am anderen Morgen als erstes Säcke mit Reis, Bohnen, Margarine, Zucker, Nudeln und Seife gekauft und an alle diese Familien verteilt.

Zu Besuch bei der Zauberin „Doña Berta“

Als wir am Ende noch einen Rest an Nudeln, Zucker und Seife übrig hatten, beschlossen wir auch „Doña Berta“ zu besuchen, der bekannten und gefürchteten Zauberin am Ort, die sich aber unserem Bruder Omar immer als sehr gastfrei und offen gezeigt hatte. Es war eine wohlbeleibte ältere Dame, die offensichtlich das Kommando über ihre Sippe führte und uns mit großer Freundlichkeit empfing. Sie umarmte Omar und sagte lachend zu ihm: „Brüderchen, ich hatte extra eine schöne lange Rinderzunge für Dich gekauft und aufbewahrt, aber sie ist nun leider verfault. Dann hatte ich kleine Kuchen für Dich gebacken, aber diese Burschen dort haben sie verzehrt. Und nun habe ich nichts, was ich Euch anbieten kann.“ Nachdem wir ihr die Lebensmittel geschenkt hatten, befahl sie ihren beiden Neffen im Teenie- Alter, am Abend in die Versammlung der Christen zu gehen. Tatsächlich erschienen sie und zwei weitere Jungen aus ihrer Sippe pünktlich und hörten aufmerksam zum ersten Mal das Evangelium aus dem Mund von Alois. Zwei Töchter von Doña Berta besuchen übrigens bereits seit längerer Zeit die Gemeinde und eine von ihnen hat sich bekehrt und möchte nun getauft werden.

Der „Brückenkopf“

Nur etwa 200m vom „Flughafen“ entfernt steht nun seit einigen Monaten ein stabiles Versammlungs-Haus, von einem Trupp Brüder aus Honduras in Eigenleistung und mit finanzieller Hilfe von „fest&treu“-Lesern gebaut. Von dem 10x15m großen Saal ist ein kleiner Raum von ca. 1,5x3m provisorisch abgetrennt. Das ist das Wohn- Arbeits- und Schlafzimmer von Ceferino, einem 28 Jahre jungen honduranischen Bruder, der sich von Gott gerufen weiß, hier in dieser Umgebung das Evangelium zu verkündigen und die junge Gemeinde zu betreuen, die durch den Dienst von unseren Brüdern Walter Altamirano und Omar Ortiz in den vergangenen beiden Jahren entstanden ist. Ohne finanzielle Absicherung, in größter Bescheidenheit, aber im Vertrauen auf den Herrn verrichtet er schlicht, aber unter dem Segen Gottes seinen Dienst.

Dunkle Mächte müssen weichen

Erst Anfang Februar sind noch vier Personen von Omar getauft worden. Darunter eine Mutter, Glenda, die von ihrem Lebensgefährten betrogen und ausgeraubt wurde und ihrem Elend ein Ende bereiten wollte. Sie hatte schon den Strick in der Hand, um zuerst ihre drei Kinder und dann sich selbst zu erdrosseln. Im letzten Augenblick schoss ihr der Gedanke durch den Kopf: „Wenn es einen Gott gibt, dann möge er sich jetzt irgendwie zeigen!“ Danach hatte sie keinen Mut mehr ihr Vorhaben durchzuführen und am frühen Morgen erschien unerwartet Omar zu Besuch, der ihr das Evangelium verkündigte. Das Großartige geschah: Gott bewirkte eine sofortige und gründliche Bekehrung! Ein weiterer Täufling war ihr 15 Jahre alter Sohn Josué. Er zeigte in letzter Zeit ein gestörtes Verhalten und in Gesprächen mit Ceferino gaben fremde Stimmen aus ihm Lästerungen und Obszönitäten von sich, die offensichtlich durch okkulte Belastungen verursacht waren. Nach Gebeten von Ceferino verabschiedeten sich die „Stimmen“ mit den Worten „Wir kommen wieder!“ Aber seitdem ist Josué frei von diesen Belästigungen und wir lernten ihn als einen aufmerksamen und fröhlichen Christen kennen. Es ist wirklich eine bunte Schar, die 30 – 60 Leute, die sich wöchentlich fünf Mal unter dem Wort Gottes, zum Gebet und zum Brotbrechen treffen: Arme, bedrängte und behinderte Menschen, deren Herzen aber durch das Licht des Evangeliums erreicht, erleuchtet und erwärmt wurden. Unser Wunsch und Gebet ist, das von hier aus in Zukunft – vielleicht per Boot – das Evangelium auch in die kleinen, verstreuten Dörfer der Umgebung getragen werden kann.

Nachtext

Quellenangaben