Zeitschrift-Artikel: Bücher durch die ich gesegnet wurde

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Titel: Bücher durch die ich gesegnet wurde
Typ: Artikel
Autor: Alois Wagner
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 2003

Titel

Bücher durch die ich gesegnet wurde

Vortext

Text

„Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt“ – steht auf der Kunststofftasche, die gestern die örtliche Bibliothekarin meiner Tochter für ihre Leihbücher mitgab. Auf einer ähnlichen Tüte bei uns zu Hause prangt der Spruch: „Bücher sind Erfahrungen, die man kaufen kann.“ Beide Aussagen sind in vieler Hinsicht wahr – besonders wahr und wichtig für uns Christen, die wir vom Koran (zusammen mit den Juden) als „ahl-al-kitab“, als „Leute des Buches“, bezeichnet werden. Es sind Bücher, welche die Menschen und ihre Geschichte mehr als jede andere Erfindung oder Kulturtechnik geprägt haben (warum ist ausgerechnet Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks, zum „Mann des Jahrtausends“ gewählt worden?!). Sogar Gott hat in seiner Weisheit das Mittel des Buches gewählt, um uns „alles in betreff des Lebens und der Gottseligkeit“ und seine „größten und kostbaren Verheißungen“ und vor allem die „Erkenntnis“ seiner selbst in seiner „Herrlichkeit und Tugend“ zu vermitteln. Selbst der ewige Sohn Gottes nennt sich zu Beginn der Johannes-Schriften „das Wort“ und am Ende das „Alpha und das Omega“. Er ist das Alphabet, durch das allein Gott und Mensch, Geschichte und Natur, das äußere und das innere Universum „gelesen“, verstanden und erfasst werden kann. Schande deshalb über jeden Menschen, der nicht liest, obwohl er könnte, und dreimal Schande über uns Christen, wenn (und dass!) wir nicht lesen – d a s Buch zuerst und vor allem, dann aber auch Bücher, die uns die unerschöpflichen, ewig beglückenden Schätze des e i n e n Buches aufschließen, illustrieren und in unser Leben übersetzen helfen. Aus den zahlreichen Büchern, die mir geholfen haben, einerseits Gott selbst und seine Wege besser zu erkennen, aber auch seine vielfältigen Werke im konkreten Leben von Frauen und Männern überund umgesetzt zu sehen, will ich einige herausgreifen, die im Rückblick für mich besonders markant erscheinen.

Biographien

Das erste „Buch“, durch welches Gott zu mir gesprochen hat, war ein Lebensbild von Girolamo Savonarola (1452-98) in Reader’s Digest. Diese Kurzbiographie entflammte in mir ein Verlangen, Gott in ähnlich leidenschaftlicher Weise kennen zu lernen wie dieser florentinische Vor-Reformator inmitten einer korrupten und lasterhaften Zeit und Gesellschaft. Knapp ein Jahr später durfte ich durch Gottes Gnade mein Leben Jesus Christus anvertrauen. Bücher sind wirklich „Erfahrungen, die man kaufen kann“. Natürlich können sie nicht den Weg für uns gehen, aber sie können die Sehnsucht wecken, ohne die wir uns nie aufmachten, und sie können uns beispielhaft die Richtung weisen, damit wir nicht abirren und uns in der Welt und in uns selbst verlieren. So sind Biographien im Lauf meines christlichen Lebens immer wieder Marksteine und Wegweiser gewesen, die mich aus drohender Gleichgültigkeit und Selbstgefälligkeit herausrissen und mir am Beispiel von Männern und Frauen „von gleichen Gemütsbewegungen wie wir“ (und in oft weit notvolleren Umständen als ich) herausfordernd vor Augen führten, wie ein „normales“ Christenleben jenseits von Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit aussehen kann. Gut drei Jahrzehnte später wurde durch die Biographie von Bakht Singh mein geistliches Leben erschüttert. Sie entblößte meinen mangelhaften Umgang mit Gottes Wort, mein armseliges Gebetsleben und vor allem mein klein- und ungläubiges „Leben aus Glauben“ – gerade auch angesichts meiner Voraussetzungen und Verantwortungen. Aber ich durfte nach Buße und Umkehr auch zu neuer, tiefer Freude am vertrauten Umgang mit Gott in Gebet und im Wort zurückfinden und frische und erfrischende Glaubenserfahrungen machen. Unter den Lebensbildern, durch die mich Gott besonders herausgefordert hat, war zunächst Im Schatten des Allmächtigen, das Tagebuch Jim Elliots (1927-56). Dort antwortet Jim auf die Frage, warum er unbedingt in die Mission gehen und nicht sein Leben im Dienst unter den Gemeinden in der Heimat verbringen wolle: „Das Verdammungsurteil (der nordamerikanischen Christen) ist geschrieben in ihren Scheckbüchern und in der Staubschicht auf ihren ungelesenen Bibeln“ Das war etwa 1950. Was würde er heute, über ein halbes Jahrhundert später, über den europäischen und amerikanischen Evangelikalismus sagen? Mein Blick für Mission wurde besonders geprägt durch To the Golden Shore, Courtney Andersons Biographie über Adoniram Judson (1788-1850), den ersten nordamerikanischen Außenmissionar und „Apostel Burmas“. Als Judson wochenlang in Ketten in einem stinkenden Gefängnis in Burma lag, wurde er von einem Mitgefangenen spöttisch gefragt, wie denn die Zukunftsaussichten für die Bekehrung der Heiden wären. Er antwortete gelassen: „Die Zukunftsaussichten sind so herrlich wie die Verheißungen Gottes.“ Allein dieser – zutiefst wahre – Satz hat mich schon des öfteren angesichts scheinbar hoffnungsloser Situationen vor Depressionen bewahrt. Besonders gesegnet hat Gott mich auch durch die Biographie über William Carey (1761-1834), den Apostel Indiens und „Vater und Begründer der neueren Heidenmission“. Sein Motto „Erwarte große Dinge von Gott, unternimm große Dinge für Gott” steht jeder christlichen Unternehmung gut an, am meisten aber hat mich bei ihm die Szene in seiner Schusterwerkstatt beeindruckt (seine einzige formelle Ausbildung war die eines Schusterlehrlings, obwohl er später über 40 verschiedene Sprachen sprach und die Bibel oder Teile davon in weit über 30 Sprachen übersetzte und druckte!): Vor sich auf der Werkbank hatte er während der Arbeit immer eine aufgeschlagene Bibel liegen (daneben auch Grammatiken und Sprachlehrbücher), und an der Wand hatte er sich aus Lederresten eine riesige Weltkarte gefertigt, in die er präzise alle Informationen über Menschen, Völker, Kulturen und Sprachen, aber auch über Fauna, Flora und Klima eintrug, welche er durch Lesen gewonnen hatte. So lebte er ganz praktisch das Wort aus Jes 33,17: „Deine Augen werden den König schauen in seiner Schönheit (Jesus Christus in der aufgeschlagenen Bibel), sehen werden sie ein weithin offenes Land (der Blick geht über Jesus, den König, zu den weißen Erntefeldern des weithin offenen Landes, der Weltkarte und Welt mit ihren bisher unerreichten Völkern und Stämmen)“. Diese beständige Zwiesprache mit Gott, den Blick auf den König und auf die Welt gerichtet – während er dabei mit seinen Händen fleißig Schuhe reparierte – hat in den Jahren seiner Jugend den Mann geformt, den heute alle Welt als „Vater der modernen Mission“ kennt. Das Lesen guter Bücher wird oft als „The Great Conversation – Das Große Gespräch“ bezeichnet. Das will sagen, dass wir durch Bücher die überwältigende Möglichkeit haben, über Zeit-, Raum-, und Sprachgrenzen hinweg mit den Großen der Menschheitsgeschichte ins Gespräch zu treten, an ihren Erfahrungen teilzuhaben und uns ihren Rat und ihre Einsichten persönlich zunutze zu machen. Und erst recht werden wir Christen aufgefordert: „Gedenket eurer Führer, die das Wort Gottes zu euch geredet haben, und, den Ausgang ihres Wandels anschauend, ahmet ihren Glauben nach“ (Hebr 13,7). Wie können wir den „Ausgang des Wandels“ von Männern und Frauen Gottes anderer Zeitalter und Kulturen „anschauen“, wenn nicht – nebst den Lebensbildern der Bibel selbst – durch das Lesen von Biographien? Nur so können wir dann auch ihren Glauben nachahmen. Unter den vielen Männern und Frauen, die durch ihre Biographien im Lauf der Jahre in mein Leben „getreten“ sind und mich ermahnt, korrigiert, herausgefordert und ermuntert haben, war es neben den erwähnten vor allem Aurelius Augustinus (354-430) mit seinen Bekenntnissen, der ersten echten Autobiographie der Menschheit, wo zum ersten Mal ein Autor schonungslos und ohne Rücksichten und Seitenblicke – hier natürlich im Licht der erfahrenen Gnade Gottes – über sich selbst reflektiert. In den Soliloquia (I,7) drückt er seine tiefste und einzige Leidenschaft aus: „Gott und die (menschliche) Seele begehre ich zu erkennen! – Und sonst nichts? – Und sonst überhaupt nichts!“ Dann auch Martin Luther (1483-1546). Ich begegnete ihm in K. Alands, Die Reformation Martin Luthers, wo übrigens der bekannte deutsche Kirchengeschichtler und weltweit einflussreichste NT-Textwissenschaftler des 20. Jahrhunderts – obgleich von vielen als „liberal“ und „Feind des wahren Bibeltextes“ kritisiert – bekennt: „Ich würde meinen, dass der evangelische Christ, wenn er nach dem Inhalt seines Glaubens gefragt wird und ihn in wenigen Sätzen aussagen soll, noch immer gut tut, die Erklärung zum zweiten Artikel zu nehmen: Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit Seinem heiligen, teuren Blut und mit Seinem unschuldigen Leiden und Sterben; auf dass ich Sein eigen sei und in Seinem Reich unter Ihm lebe und Ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie Er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich war. Darüber geht nichts, wie überhaupt nichts über den Kleinen Katechismus geht, der vom evangelischen Christen als Zusammenfassung seines Glaubens regelmäßig gelesen und meditiert werden sollte“. Ein großer Klassiker über Gebet und Hingabe ist das Tagebuch David Brainerds (1718-1747). Er beeinflusste viele Hunderte, selbst in den Missionsdienst zu gehen, unter anderem auch William Carey, der 1805 im „Serampore Agreement“, den Grundprinzipien seiner Missionsarbeit, schrieb: „Lasst uns oft auf Brainerd schauen, in den Wäldern von Amerika, wie er seine innerste Seele vor Gott ausschüttet für die verlorengehenden Heiden, ohne deren Errettung ihn nichts glücklich machen konnte. Gebet, verborgenes, inbrünstiges, glaubendes Gebet ist die Wurzel aller persönlichen Frömmigkeit.“ Brainerd fordert mich durch sein Tagebuch auch nach Jahrzehnten immer wieder zu inbrünstigerem Gebet, tieferer Hingabe und mehr Disziplin in den Dingen Gottes heraus. Ebenso My Love Must Wait, David Bentley- Taylors Biographie über Henry Martyn (1781- 1812), den Apostel der Moslems in Indien, Pakistan und Persien, welcher große Teile der Bibel in Urdu, Persisch und Arabisch übersetzte und uns in seinen Journals einen Klassiker der Erbauungsliteratur hinterlassen hat. Schließlich mehrere Bücher über David Livingstone (1813-73), diesen großen Missionar, Entdeckungsreisenden und Kämpfer gegen die Sklaverei, der um des Evangeliums willen rund 50.000 km meist zu Fuß durch den afrikanischen Kontinent gereist ist. Man sagt, dass dieser große Missionar, Schriftsteller, Dichter, Sprachwissenschaftler, Naturwissenschaftler, Arzt und Geograph nicht nur Afrika entdeckt hat, sondern auch den Afrikaner, und dass Afrika ihm mehr verdankt als jedem anderen Menschen. Vor allem aufgrund seiner Berichte über den Sklavenhandel wurde noch während seiner Lebenszeit in der ganzen zivilisierten Welt die Sklaverei abgeschafft. Was er in sein Tagebuch schrieb, lebte er auch: „Nichts, was ich habe oder besitze, soll einen Wert für mich haben, soweit es nicht Bezug zum Reich Christi hat. Wenn irgend etwas der Förderung des Reiches dient, soll es weggegeben oder behalten werden, je nachdem, ob das Weggeben oder das Behalten mehr die Ehre dessen fördert, dem ich all meine Hoffnung in Zeit und Ewigkeit verdanke.“ Sein Leib ruht nun in der Westminster Abbey bei den Fürsten und Königen Englands, sein Herz aber in afrikanischer Erde. Über Jim Elliots Tagebuch lernte ich die Bücher der Indien-Missionarin und Kämpferin gegen die Tempelprostitution, Amy Carmichael (1867-1951), kennen – Autorin vieler Andachtsbücher und Gedichtbände voller leidenschaftlicher Hingabe an Jesus Christus und seine Sache. Durch ihr Buch Things as They Are wurden viele in den Missionsdienst gerufen. Schließlich haben mir C.S. Lewis’ Autobiographien Überrascht von Freude und Flucht aus Puritanien (letztere in Anlehnung an Bunyans Pilgerreise) sehr geholfen, meine Bekehrung einzuordnen und zu verarbeiten und auch die Welt, aus der ich kam und die neue Welt Gottes, zu der ich jetzt gehörte, besser zu verstehen. Wer sich übrigens einen Überblick über Biographien verschaffen möchte, ohne gleich in ein 500- oder 1000-Seiten-Werk einzusteigen, dem sei www.wholesomewords.org/biography/bio.html empfohlen, wo er ca. 150 Kurzbiographien von Männern und Frauen Gottes aller Epochen (allerdings in englischer Sprache) findet.

Das Buch der Bücher

Noch wichtiger als alle Bücher über Männer und Frauen Gottes und ihre Erfahrungen mit Gott ist natürlich „ d a s B u c h “ – die Bibel selbst – und auch Bücher die helfen, Gott und Seine Reichtümer möglichst unmittelbar zu sehen. Bei meiner Bekehrung 1974 in Mexiko hatte ich meine dicke Jerusalemer Bibel (eine Studienbibel mit ausführlichen Anmerkungen römisch-katholischer Gelehrter) gegen eine handliche Scofield-Bibel eingetauscht, die ich noch heute für die beste Studienbibel halte, weil ihre Anmerkungen sehr tief in die Zusammenhänge des Wortes Gottes einführen, aber dennoch so knapp und präzise sind, dass sie nicht das eigene Forschen und Studieren vorwegnehmen, wie das bei ausführlicheren Studienbibeln oft der Fall ist. Fast auf den Tag genau neun Monate nach meiner Bekehrung lernte ich die Elberfelder Bibelübersetzung kennen. In der Münchner U-Bahn, kurz vor Mitternacht, war ich einem Christen begegnet, der mir 1Kor 13,8 vorlas, um mich von der Verkehrtheit des Zungenredens, das ich bis dahin praktizierte, zu überzeugen. Ich war von dem Mut, den Bibeltext so extrem wörtlich zu übersetzen – in der Schule hätte man uns das nie erlaubt! – und dabei gleichzeitig verständlich und präzise wiederzugeben, völlig überwältigt (ich hatte in der Schule Altgriechisch gelernt und kannte inzwischen auch das griechische NT ein wenig). Die Elberfelder Übersetzung ist (für mich) bis heute d i e Bibel geblieben und ist (meist als Perlbibel in der Version von 1905) ohne Frage das Buch, durch das Gott mich mehr gesegnet hat als durch alle anderen Bücher zusammen. Zu ihr habe ich auch eine recht emotionale Beziehung, weil sie die „Grammatik“ meines Umgangs mit Gott und meines geistlichen Denkens und Redens geworden ist.

(Fortsetzung in der nächsten Ausgabe)

Nachtext

Quellenangaben