Zeitschrift-Artikel: Anbetung und Gefühle

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Titel: Anbetung und Gefühle
Typ: Artikel
Autor: Benedikt Peters
Autor (Anmerkung):

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Titel

Anbetung und Gefühle

Vortext

Text

Haben Gefühle einen Platz im Glaubensleben und damit in der Anbetung? Auch wenn die Frage überflüssig scheinen mag, muss sie doch gestellt werden. Unter einigen Christen besteht die Ansicht, die Höhe oder Hitze der Gefühle sei der Gradmesser für die Echtheit der Anbetung. Bei anderen gilt umgekehrt, dass man wahre Anbetung daran erkennen könne, dass sie ganz emotionslos verlaufe. Vom britischen Evangelisten Martyn Lloyd- Jones berichtet sein Biograph Iain Murray:

„Ich (Martyn Lloyd-Jones) erinnere mich, wie während einer Groß-Evangelisation, die vor Jahren in London stattfand, einer der führenden Männer in den kirchlichen Kreisen zu mir kam und mich fragte, ob ich sie schon besucht habe. Als ich verneinte, sagte er: ‚Es ist ganz wunderbar! Zu Hunderten kommen Leute nach vorne. Keine Emotionen, verstehen Sie? Wunderbar!‘ Immer wieder betonte er: ‚Keine Emotionen!‘ Das war für ihn das Wunderbare an der ganzen Sache, dass die Menschen dem Aufruf folgten und ganz ohne Emotionen nach vorn gingen.“ Nachdem Lloyd-Jones einen Abend diese Evangelisation besucht hatte, konnte er bestätigen, dass alles ganz ruhig und ohne Gefühlsausbrüche verlief. Aber das führte ihn zu einer ganz anderen Schlussfolgerung: Weder in der Bibel noch aus der ganzen Kirchengeschichte wusste er von irgend einer Periode, in welcher der Heilige Geist in Kraft gewirkt hätte und die von der Kraft des Geistes Ergriffenen ganz emotionslos geblieben wären. ‚Kann ein Mensch‘, fragte er, ‚sich selbst als einen unter Gottes Verdammungsurteil stehenden Sünder sehen und gefühlslos bleiben? Kann jemand in die Hölle blicken ohne Emotionen? Kann jemand die Donner des Gesetzes hören und dabei nichts fühlen? Oder umgekehrt: Kann man wirklich die Liebe Gottes in Christus betrachten und dabei keine starken Gefühle haben?“(1)

Wir fragen: Kann jemand einen leidenden und verblutenden Sünderheiland betrachten und dabei gelassen bleiben? Können wir den Gekreuzigten anbeten und nicht starke Gefühle dabei haben? Sicher nicht. Der große Theologe, Seelsorger und Prediger Jonathan Edwards (1703–1758) schrieb eine Abhandlung von mehreren hundert Seiten mit dem Titel „The Religious Affections“, (Die religiösen Empfindungen (oder Zuneigungen, Gefühle)). Indem er von 1Petr 1, 8 ausgeht und dazu zahlreiche Beispiele aus dem Alten und Neuen Testa- ment anführt, belegt er seine These: „True religion, in great part, consists in Holy Affections“ (Wahre Religion besteht zu einem großen Teil in heiligen Empfindungen...) „Die Heilige Schrift ortet Religion sehr viel in den Empfindungen oder Zuneigungen wie Furcht, Hoffnung, Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Kummer, Dankbarkeit, Mitleid, Eifer“(2). Zu den erwähnten „heiligen Empfindungen oder Zuneigungen“ betonte Edwards allerdings, dass sie durch Erkenntnis der Wahrheit über Gott, Sein Wesen und Seine Werke geweckt werden müssen, wollen sie mit Recht „heilig“ heißen. Das wird jeder feststellen, der Predigten oder Abhandlungen von Jonathan Edwards liest. Seine Betonung der Empfindungen geschah nie auf Kosten des Verstandes. Sogar körperliche Symptome, wie sie in den außergewöhnlichen Jahren der Erweckung von 1740 bis 1742 in Neuengland vorkamen, galten ihm nur dann als rechtens, „wenn sie durch die Predigt wichtiger Wahrheiten aus dem Wort Gottes und durch rechte Argumente und Motive hervorgebracht wurden“(3). Was die heiligen Empfindungen und Zuneigungen wirklich charakterisiert, lässt sich auf zweierlei zurückführen: Erstens, sie werden von Gott gewirkt; zweitens, sie haben Gott selbst zum Gegenstand. Die Heiligen, denen wir im Alten und im Neuen Testament begegnen, waren Menschen von tiefen Empfindungen (Jak 5,17). Wir lernen David als einen Mann kennen, der im Herrn frohlockt (Ps 35,9) und vor Gott jubelt (Ps 63,6.8). Es ist sicher falsch und unbiblisch, den Ausdruck starker Gefühle zu verurteilen. Ebenso falsch ist es aber auch, allein an den erkennbaren Gefühlen ablesen zu wollen, wie echt Anbetung sei. Wird die Seele vor Gott gestellt, dann wird sie häufig in lautes Lob ausbrechen, oder aber sie wird oft auch verstummen wie ein Hiob (Hi 39,4) oder gar wie tot niedersinken wie ein Johannes (Offb 1,17). Sie wird zuweilen stille werden und erkennen, dass Gott der HERR ist (Ps 46,11) oder schweigen, weil sie erkennt, dass der HERR in Seinem heiligen Tempel ist (Hab 2,20). Das ist das Entscheidende: Die Anbetung ist die Antwort der Seele auf Gottes Wirken an ihr und Gottes Reden zu ihr. Es ist auch eine Frage des Temperaments, wie ein Gläubiger darauf antwortet. Dazu ist es ein Unterschied, ob ich in der stillen Kammer oder in der öffentlichen Versammlung bin. Wenn ich meine, ich solle mich auf den Boden werfen oder laut jauchzen, wenn ich allein mit meinem Herrn bin, dann ist das recht. Aber in der Versamm- lung nehme ich Rücksicht auf die anderen Anwesenden. Wir verhalten uns nicht gleich im privaten und im öffentlichen Leben. Was zu Hause richtig ist, ist in der Versammlung nicht immer richtig. Ich persönlich bete fast immer lautlos, wenn ich allein bin, auch über Stunden. In der Versammlung wäre das nicht besonders intelligent; darum bete ich dort laut und für alle hörbar. Dass biblische Prinzip, dass wir einen Unterschied machen müssen zwischen Daheim und der Gemeindezusammenkunft, wird an Stellen wie 1Kor 11,21.22 und 14,34.35 deutlich. Es kann natürlich passieren, was in Erweckungszeiten immer wieder der Fall gewesen ist, dass eine ganze Versammlung gleichzeitig von heftigsten Gefühlen ergriffen wird. Während der walisische Erweckungsprediger Daniel Rowland, Zeitgenosse und Freund von Howell Harris (dem engsten Mitarbeiter George Whitefields) predigte, geschah es zuweilen, dass die Zuhörer von der Wirklichkeit Gottes und des Himmels so ergriffen wurden, dass sie alle gleichzeitig vor Freude aufsprangen und riefen: „Herrlichkeit, Herrlichkeit!“ Wer wollte darüber die Nase rümpfen? Aber wenn man meint, das nachahmen zu müssen, weil das ein Zeichen von besonderem Wirken des Heiligen Geistes sei, ist das nur peinlich. Und ein beklemmendes Gefühl bekommen wir, wenn man versucht, eine solche Begeisterung mit psychologischen Mitteln wie Musik und Klatschen und rhythmischem Schaukeln zu erzeugen. Da fragen wir uns zu Recht: Worin unterscheidet sich das vom Tanzen der Derwische, das diese regelmäßig in Ekstase zu versetzen vermag? Im Glaubensleben hängt alles an unserer Beziehung zum lebendigen Gott. Ihn wollen wir suchen, Ihm wollen wir anhangen, Seine Stimme wollen wir hören. Stehen wir vor Ihm, wird unsere Anbetung, ob laut oder leise, immer richtig sein.

Nachtext

Quellenangaben

1 Iain Murray: D. Martyn Lloyd-Jones. The Fight of Faith 1939–1981, S. 339)
2 Jonathan Edwards: The Religious Affections, S. 23
3 J. Edwards: Some Thoughts Concerning the Present Revival of Religion, zitiert in G. M. Marsden: Jonathan Edwards. A Life, S. 282

Auszug aus der Neuauflage: „Lasst uns anbeten!“ von Benedikt Peters, siehe Buchbesprechung in dieser Ausgabe S. 21, mit freundlicher Erlaubnis des Daniel Verlages