Zeitschrift-Artikel: "Wie ratet ihr . . .?"

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Titel: "Wie ratet ihr . . .?"
Typ: Artikel
Autor: Kurt Becker
Autor (Anmerkung):

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Titel

"Wie ratet ihr . . .?"

Vortext

Text

1. Kön. 12, 6-11

Nachdem Salomo 40 Jahre das Volk Israel regiert hatte, berichtet uns die Schrift von seinem traurigen Ende. Ein Mann, der sich einst von Gott nichts anderes als "ein verständiges Herz" (wörtl. ein Herz, welches hört) erbat, wandte sein Herz zuletzt von Gott ab (1. Kön. 11,8). Wie konnte es dazu kommen?

Er war nicht nur Verbindungen eingegangen, vor welchen Gott ihn gewarnt und ihm gesagt hatte, daß er sein Herz dadurch von Gott abwenden würde (1. Kön. 11,2), nein, er wandte sich auch nicht davon ab, nachdem Gott deutlich mit ihm sprach und ihm betreffs dieser Sache gebot (1. Kön. 11,10). Im Gegenteil, wir lesen: "An diesen hing Salomo mit Liebe" (1. Kön. 11,2).

Die Gnade gibt ihn nicht auf, selbst wenn diese Dinge das Gericht Gottes hervorrufen müssen: "Doch in deinen Tagen will ich es nicht tun" (1. Kön. 12,12). Aber er verliert ein großes Vorrecht: der Friede wird ihm genommen.

"Und der Herr erweckte Salomo einen Widersacher, Hadad, den Edomiter" - "Und Gott erweckte ihm einen Widersacher, Reson, den Sohn Eljadas . . . und er wurde ein Widersacher Israels alle Tage Salomos, und zwar neben dem Übel, das Hadad tat" (1. Kön. 11,14; 23-25).

Die Spaltung des gewaltigen Reiches ließ nicht lange auf sich warten. Nach dem Tode Salomos regierte Rehabeam, sein Sohn, nur 3 Tage, bis das Wort Gottes eintraf und ihm das Königreich, wie angekündigt, entrissen wurde (siehe 1. Kön. 11,12).

Bei oberflächlichem Lesen möchte man sich fragen, ob dieses Gericht Rehabeam gegenüber nicht etwas ungerecht war. Was konnte Rehabeam schon tun, wenn diese "Wendung von Seiten Gottes" bewirkt war (Kap. 12,15), und das Gericht schon feststand (Kap. 11,12)?

Wer so denkt, vergißt die Weisheit und Allwissenheit Gottes, Der unsere Wege kannte, noch bevor wir geboren wurden. So zeigt uns Gottes Wort erst den Herzenszustand Rehabeams (Kap. 12,6-14), bevor uns der Heilige Geist in Vers 15 mitteilt, daß der Allmächtige die Dinge so gelenkt hatte. Er wußte, daß Rehabeams Herz nicht verständig sein würde, und hier teilt er uns mit, daß es auch wirklich so war. Gottes Handeln ist nicht ungerecht, sondern " . . . vollkommen ist sein Tun, alle seine Wege sind recht . . . gerecht und gerade ist er!" (5. Mo. 32,4).

Welche praktischen Winke können wir aber aus dem Verhalten Rehabearrs entnehmen? Und welche Belehrungen finden wir darin, die wir in so vielen Umständen den Willen des Herrn suchen, und dabei oftmals ratlos Menschen fragen: "Wie ratet ihr?". Gottes Wort verbietet nicht, sich von Menschen Rat zu erbitten. So lesen wir unter anderem:

"Wo keine Führung ist, verfällt ein Volk; aber Heil ist bei der Menge der Ratgeber." (Spr. 11,14); oder: "Der Weise hört auf Rat" (Spr. 12,15) usw.

Wer aber den Willen des Herrn tun möchte, kann niemals den Rat eines Menschen annehmen, wenn dieser im Gegensatz zu Gottes Wort steht. Jeder Gott wohlgefällige Rat wird sich auch auf Gottes Wort gründen. Denn:
"Deine Zeugnisse sind auch . . . meine Ratgeber" (Ps. 119,24), und weiter: "Durch deinen Rat wirst du mich leiten" (Ps. 73,24).

Da wir aber oft in Umständen und Situationen Rat suchen, über die Gottes Wort letztlich keine konkreten Aussagen macht, kann es hilfreich sein, uns anhand der Ereignisse aus 1. Kön. 12, 1-15 zeigen zu lassen:

1. Wen wir in solchem Fall um Rat bitten sollten

2. Wie wir um Rat bitten sollten

3. Welche Kennzeichen ein guter Rat hat

Um uns den Zusammenhang vor Augen zu führen, geben wir die Verse 6-10 aus 1. Kön. 12 wieder:

"Und der König Rehabeam beriet sich mit den Alten, die vor seinem Vater Salomo gestanden hatten, als er noch am Leben war, und sprach: Wie ratet ihr, diesem Volk Antwort zu geben? Und sie re-deten zu ihm und sprachen: Wenn du heute dieses Volkes Knecht wirst, und ihnen dienst, und sie er-hörst, und gütige Worte zu ihnen redest, so werden sie deine Knechte sein alle Tage. Aber er verließ den Rat der Alten, den sie ihm geraten hatten; und er beriet sich mit den Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren, die vor ihm standen. Und er sprach zu ihnen: Was ratet ihr, daß wir diesem Volke zur Antwort geben, welches zu mir geredet und gesagt hat: Erleichtere das Joch ..."

" . . . Und die Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren, redeten zu ihm und sprachen: So sollst du zu diesem Volke sprechen . . ."

Zunächst möchte ich bemerken, daß ein guter Rat nicht davon abhängig ist, ob "Alte" oder "Junge" uns raten. Obwohl uns Gottes Wort sagt:

"Vor grauem Haar sollst du aufstehen, und die Person eines Greises ehren" (3. Mo. 19,32), und weiter: "Bei Greisen ist Weisheit, und Einsicht bei hohem Alter" (Hiob 12,12).

Der Rat hingegen, der nicht aus der Gemeinschaft mit dem Vater, sondern aus unseren Überlegungen hervorgeht, hat es fast immer eilig zur Durchführung zu gelangen. Jetzt.. .; s o f ort... fordert er meistens; siehe z.B. 1. Mose 25,31: "Verkaufe mir heute dein Erstgeburtsrecht" oder 1. Sam. 2,16: "Nein, sondern jetzt sollst du es geben . . ." usw. Auch in unserem Abschnitt finden wir ähnliche Worte, die aufdringlich wirken. Keine Möglichkeit, die vorgestellt wird; keine Begründung, die gegeben wird. Nur ein "so sollst du...".

Möchte der Herr Gnade schenken, daß wir ein feines Empfinden für diese Dinge bekommen; nicht dem Eigenwillen ergeben zu sein, auch nicht irgendwelcher Menschen Knechte zu werden, sondern Seinen Willen zu erfragen und zu tun!

Wir sehen auch in unserem Schriftabschnitt, daß der Rat der "Alten", im Gegensatz zu dem der "Jungen" durchaus im Sinne der Schrift war. Aber in Lukas 22,26 lesen wir, daß "der Leiter wie der Dienende" sein soll, und das war genau das, was die Alten Rehabeam rieten: "Wenn du heute dieses Volkes Knecht wirst, und ihnen dienst .. .". Kannte er denn nicht die Sprüche der Weisheit, die aus dem Munde seines Vaters hervorgingen, als er in der Furcht Jehovas stand, und der Segen dieser Gemeinschaft mit Gott auf dem ganzen Lande ruhte? Hätte er darauf gehört, so würde er gewußt haben, daß "eine gelinde Antwort den Grimm abwendet" und "ein kränkendes Wort den Zorn erregt" (Spr. 15,1). Aber auch, daß "Hoffart dem Sturz, und Hochmut dem Fall vorausgeht" (Spr. 16,18). Rehabeam aber wandte sich ab von den Alten und suchte bei den Jungen Rat. Laßt uns zunächst die Kennzeichen derer sehen, die ihm gut geraten hatten, um unsere erste Frage beantworten zu können:

1. Wen sollten wir um Rat bitten?

Abgesehen davon, daß es "Alte" waren, die ihm recht rieten, was, wie bereits erwähnt, nicht alleine dafür bürgt, daß solcher Rat immer ein rechter Rat ist, finden wir bei ihnen noch ein weiteres Kennzeichen: es waren solche, die vor "seinem Vater" gestanden hatten (Vers 6).

Ist es nicht einer der wichtigsten Punkte, die wir beachten sollten, wenn wir uns an Menschen wen-den: daß sie nicht vor unserem irdischen, sondern vor unserem himmlischen Vater stehen?

Die Schrift berichtet uns von vielen Personen, die standen. Doeg, der Edomiter, stand bei den Knechten Sauls und verriet David (1. Sam. 22,9); Tobija, der Ammoniter, stand bei Sanballat und spottete mit ihm über die Mauer, welche der treue Überrest aufgebaut hatte (Neh. 4, 1-3); das Volk stand vor dem Kreuz und sah zu, wie der Sohn Gottes hohnvoll starb (Luk 23,35) usw. Aber nur von wenigen wird uns wie von Elia berichtet, daß sie vor dem Angesicht Gottes standen (1. Kön. 17,1).

Und damals wie heute sind die, die wirklich vor Gott stehen, in der Minderheit. Es gibt so manche, die stehen viel mehr vor dem Spiegel als vor Gott. Solche sind so sehr damit beschäftigt ihre eigene Person, ihr eigenes Image zu pflegen, daß wir von ihnen keinen Rat erwarten dürfen, der uns wirklich weiterhilft. Wenngleich sich solche auch freuen wenn man sie aufsucht, sehen sie doch nur ihre Person dadurch geehrt und fühlen sich geschmeichelt. Ihre Ratschläge jedoch werden uns entweder nach dem Mund geredet sein, oder Paradebeispiele ähnlicher Situationen ihres Lebens enthalten, die letztlich doch nur wieder ihre eigene Person in den Mittelpunkt rücken. Sie stehen vor sich selbst und nicht vor unserem himmlischen Vater. Daher kennen sie auch nicht Seine Gedanken in all ihrer Tiefe.

Solche, die nicht in praktischer Gemeinschaft mit dem Vater leben, gleichen den 25 Männern, die nur "an dem Eingang des Tores" stehen (Hes. 11,1). Sie sinnen nicht auf das, was droben ist, und alles andere Sinnen ist "Unheil, und ihr "Raten böse".

Dann finden wir aber auch solche, die, anstatt vor Gott, vor anderen Menschen stehen. In Augendienerei und falscher Unterwürfigkeit buhlen sie um die Gunst der Menschen und lechzen nach deren Anerkennung. Jenachdem, in welcher Beziehung wir zu ihnen stehen, werden solche uns entsprechend raten. Ihre größte Sorge wird immer sein: was wird aber der und der dazu sagen! Was werden die Leute wohl denken . . . usw. Können wir solche um Rat bitten?

Zuletzt laßt uns noch eine vierte Gruppe von "Ratgebern" betrachten: solche, die vor uns stehen. Vielleicht sind sie die größte Gefahr für uns, weil wir uns sehr eng mit ihnen verbunden sehen. Das war auch die Gruppe von Leuten, deren Rat Rehabeam gefolgt ist: "Er beriet sich mit den Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren, die vor ihm standen . . ." - "und er redete zu ihnen (dem Volk) nach dem Rate der Jungen" (Kap. 12, 8 u. 14).

Solche, die "mit uns aufgewachsen" sind, die ein Stück unseres Lebens, unsere Freuden oder unsere Krisen mit uns geteilt haben, sind in irgendeiner besonderen Weise mit uns verbunden. Man hat ge-meinsam so manches durchgestanden und ist in den meisten Dingen zur gleichen Ansicht gelangt. Aber gerade dieser Punkt birgt eine Gefahr in sich: wenn man selbst einer Situation nicht objektiv gegenübersteht (und das ist meistens der Fall), so wird der Rat derer, die "vor uns stehen", wahrscheinlich nur ein Aussprechen unserer eigenen Gedanken sein!

Wir finden auch bei Rehabeam eine Andeutung in der Formulierung seiner Frage, daß er nicht unvor-eingenommen um Rat gebeten hat, sondern bereits an eine Antwort dachte, die er nunmehr auch als Rat ausgesprochen haben wollte. So fragt er nicht mehr, wie wir in Vers 6 lesen: w i e ratet ihr? sondern jetzt heißt es: w a s ratet ihr?

Solange wir nicht nur um Rat bitten, sondern auch offen sind jeden Rat anzunehmen und zu befolgen, der uns im Lichte der Schrift als recht, und in unseren Gebeten als richtig gezeigt wird, lautet die Frage unserer Herzen:
wie? Haben wir uns aber schon abgegrenzt, was für uns "eventuell in Frage käme" und was wir nicht bereit sind zu tun, so wird unsere Frage lauten:was?

Wir haben dann bestimmte Vorstellungen, die wir vor uns ausbreiten, und fragen uns nur noch, was ist am besten? Letztlich werden wir dann solange um Rat fragen, bis man uns das rät, was schon zu Beginn in unseren Herzen war. Was uns gut schien und recht dünkte. Und da wir diese Antwort am schnellsten bei denen finden, die "vor uns stehen", handeln wir törichterweise oftmals wie Rehabeam: "Er verließ den Rat der Alten, den sie ihm geraten hatten, und er beriet sich mit den Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren" (Kap. 12,8).

Damit sind wir auch bei unserer zweiten Frage angelangt:

2. Wie sollten wir um Rat bitten?

Nach dem oben Gesagten wird klar, daß wir die Bereitschaft haben müssen, jeden Rat ehrlich vor dem Herrn zu prüfen.

Wenn wir bewußt ein Leben unter der Herrschaft Gottes führen möchten, wird uns auch klar, daß nichts in unserem Leben als Zufall gedeutet werden kann. Es sei denn, man versteht darunter, daß ER uns alles in unserem Leben "zufallen" läßt.

Gleichwie wir niemals ermattet und verzagt fragen sollten: WARUM läßt der Herr dies oder je-nes in meinem Leben zu; sondern immer zuversichtlich danach streben sollten, zu erkennen WOZU diese oder jene Dinge dienen, sollten wir auch anstelle eines übereilten " WAS ist jetzt zu tun", immer entleert von allem eigenen Wollen bereit sein zu fragen, WIE ER mich führen möchte.

Die Frage Rehabeams an die Alten, die vor seinem Vater gestanden hatten, lautete: " WIE ratet IHR, diesem Volk Antwort zu geben?" Die Frage aber, die er den Jungen, die vor ihm standen, stellte, hieß: " W a s ratet ihr, daß w i r diesem Volke zur Antwort geben?"

Wir sehen daraus nicht nur, daß er sich mit den letzteren mehr verbunden fühlte, indem er sich mit ihnen eins machte, sondern der Geist Gottes gebraucht hier auch ein anderes Fragewort, um uns zu zeigen, was im Innern Rehabeams vorgegangen war. Es kommt dabei natürlich nicht darauf an, welches Wort wir benutzen, sondern in welcher Gesinnung wir fragen. Ob wir einen wahren Rat suchen oder nur eine Lösung. Wenn wir unsere Ohnmacht eingestehen und uns völlig auf IHN geworfen wissen, dann wird die Gesinnung, in der wir Ihn und solche, die vor Ihm stehen, um Rat bitten, stets in einem alles erwartenden w i e zum Ausdruck kommen.

Sind wir jedoch von unserem eigenen Wollen nicht völlig gelöst, dann werden wir, wenn Ereignisse unsere Pläne durchkreuzen, unser Vorhaben nur teilweise oder gar nicht aufgeben. Unser Fragen ist dann nicht mehr als ein Suchen nach der besten Möglichkeit, die Dinge wieder in dieselben oder ähnliche Bahnen zu lenken.

Laßt uns daher, wenn wir um Rat bitten, von allem Eigenen losgelöst sein, in der Bereitschaft, alles, was Ihm und Seinem Wort entspricht anzunehmen, selbst wenn uns nicht geraten wird wie wir

meinten, daß es gut für uns wäre. Wir wollen nichts ausklammern, ohne zu prüfen und zu erwägen, ob es Sein Ruf ist, der uns näher zu Ihm bringen möchte. Hüten wir uns davor, einen solchen Rat zu verlassen!

Zuletzt möchten wir noch kurz sehen:
3. Welche Kennzeichen hat ein guter Rat?

Es mag gute Ratschläge geben, die anders erteilt werden, als wir es in unserem Text finden. Aber wir wollen uns anhand dieser Stelle in 1. Kön. 12 ansehen, welche Kennzeichen der Rat hatte, der in diesem Fall der rechte war, gegenüber dem Rat, der vom Eigensinn geprägt war.

Wir lesen von den Ersteren:

"Und sie redeten zu ihm und sprachen: W en n du heute dieses Volkes Knecht wirst und ihnen dienst und sie erhörst, und gütige Worte zu ihnen redest, s o w erden sie deine Knechte sein alle Tage." (12,7).

Und von den Letzteren:

"So sollst du zu diesem Volke sprechen . . . ". (12.10).

Nicht allein, daß der erste Rat sich durchaus auf die Gedanken Gcttes in Seinem Wort stützt (wie wir bereits zu Beginn gesehen haben); es ist ein weiteres Kennzeichen, daß dieser Rat im wahrsten Sinne e r t e i l t wurde und nicht befohlen! Das heißt, daß dem Fragenden die Folgen v o r g e s t e l l t werden. In unserer Begebenheit nur die positive Seite, in anderen Fällen stellt die Schrift auch die negativen Folgen vor ("Wenn nicht, so . . . "; siehe im Buch der Sprüche). Aber immer wieder finden wir das Prinzip, daß ein guter Rat vorgestellt, begründet und dann dem Fragenden zur Entscheidung vorgelegt wird.

Nachtext

Quellenangaben