Zeitschrift-Artikel: Aus alten Briefen: George Whitefield

Zeitschrift: 44 (zur Zeitschrift)
Titel: Aus alten Briefen: George Whitefield
Typ: Artikel
Autor: Georg Whitefield
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 204

Titel

Aus alten Briefen: George Whitefield

Vortext

Text

George Whitefield (1714 - 1770) gehört zu den eindrucksvollsten Gestalten der Erweckungsbewegung in England und Amerika.

Mit außergewöhnlicher Beredsamkeit begabt (der Schauspieler Garrik äußerte, je nachdem Whitefield das Wort "Mesopotamien" ausspräche, könne er seine Zuhörerschaft zum Zittern oder zum Weinen bringen) und mit glühender Hingabe an seinen Erlöser erfüllt, begann er mit einundzwanzig Jahren die große Aufgabe seines Lebens.

Nachdem die Staatskirche vorsichtshalber dem jungen Erweckungsprediger die Türen verschloß, knüpfte er an die Gewohnheit der Apostel an und wählte die Straßen, Marktplätze und Kohlenhalden zur Evangeliumsverkündigung. Zu seinen Predigten, die teilweise von unvorstellbaren Widerständen und handgreiflicher Feindschaft begleitet wurden, strömten Zehntausende.

Weder fanatischer Haß, noch glühende Verehrung, konnten diesem demütigen Mann schaden, weil er "tot für die Welt und willens war, als Kehrricht und Auswurf behandelt zu werden, wenn er nur Christus gewönne".

Allein seinem Herrn verantwortlich und deshalb nicht nach der Gunst der Menschen schielend, erwies er seinen Zuhörern die Liebe, bis ins Letzte wahr zu sein und die Wahrheit Gottes ohne Abstriche vor ihre Gewissen zu stellen. Er lebte ganz nah bei der Ewigkeit und sehnte sich schon in jungen Jahren danach, bei seinem geliebten Herrn und Heiland zu sein.

Sein Arbeitstag begann morgens um vier Uhr damit, daß er die Bibel betend auf seinen Knien las. Vielleicht liegt hier das Geheimnis der erschütternden Gewalt seiner Predigten, "denn" - wie Riecker treffend ausdrückt - "wer droben ganz daheim ist, hat hier gut predigen.

Die Lebensgeschichte Whitefields macht sehr deutlich, daß alle theologische Bildung und Schulung unseren erschreckenden Mangel an geistlicher Kraft, Demut, Hingabe und Liebe zum Herrn nicht ausgleichen kann.

Aus dem neu aufgelegten Buch von 0. Riecker: "Ruf an alle" (Das Leben George Whitefields, siehe Buchbesprechung) geben wir einen Bericht Whitefields über eine seiner ersten Freiversamrrlungen auf den Londoner "Moorfields" wieder.

"Schlacht um London"

Ich muß bemerken, daß Moorfields ein weites, geräumiges Gelände ist, von einer Frau Moore für alle Arten von Unterhaltung zur Verfügung gestellt. Schon seit Jahren wurden hier Buden für Marktschreier, Schausteller, Puppentheater und dergleichen errichtet . . .

Von einer großen Versammlung betender Menschen erwartet, wagte ich es, am Ostermontag um 6 Uhr früh, im Namen Jesu von Nazareth, hier ein Panier aufzuwerfen. Ungefähr Zehntausend standen da und warteten nicht auf mich, sondern auf des Teufels Werkzeuge zu ihrer Unterhaltung. Glücklich war ich darüber, daß ich diesmal augenscheinlich des Satans Start getroffen hatte. Ich bestieg meine Feldkanzel. Sofort umringten mich nahezu alle. Ich predigte über die Worte: "Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muß des Menschensohn erhöht werden." Sie gafften, sie lauschten, sie weinten; und ich glaube, daß viele in der Tiefe ihrer Seele ihrer vergangenen Sünden überführt und wie von einem Stachel getroffen waren. Alles war still und feierlich.

Hierdurch ermutigt, wagte ich mich um neun Uhr wieder hinaus. Aber welch ein Bild bot sich nun!
Das Feld, das ganze weite Feld schien nicht für den Erlöser, sondern für den Teufel reif zur Ernte zu sein. Alle seine Handlanger waren in voller Tätigkeit: Trommler, Trompeter, Hanswurste, Puppenspieler, Tierbändiger, Schauspieler usw., alle hatten sie ihr Publikum. Ich denke, es waren nicht viel weniger als zwanzig- oder dreißigtausend Menschen.

Meine Kanzel wurde auf der entgegengesetzten Seite aufgestellt, und zum großen Mißvergnügen der Schausteller waren die Reihen ihrer Anhänger im Augenblick gelichtet. Ich dachte, ich hätte nun wie St. Paulus weiland in Ephesus sozusagen mit wilden Tieren zu kämpfen, und nahm den Text: "Groß ist die Diana der Epheser!" Sie können leicht ermessen, daß kein geringer Lärm unter den Budenbesitzern entstand und daß ich die Ehre hatte, mit Steinen, Dreck, faulen Eiern und Stücken von toten Katzen beworfen zu werden. - Aber bei weitem der größte Teil der großen Versammlung schien für eine Weile in Lämmer verwandelt zu sein.

Dies ermutigte mich anzukündigen, daß ich um sechs Uhr abends noch einmal predigen würde. Ich kam, ich sah, aber was? Nun waren hier, wenn möglich, noch Tausende mehr als vorher und noch tiefer in ihre unglückseligen Lustbarkeiten verwickelt. Aber unter ihnen befanden sich auch einige Tausend, die gerade so ernst darauf warteten, das Evangelium zu hören.

Dies vermochte Satan nicht mit anzusehen. Einer fing an, auf einer großen Bühne die Trompete zu blasen. Aber als das Volk mich in meinem Talar auf meiner Kanzel stehen sah, verließen ihn wohl alle wie ein Mann und rannten zu mir herüber. Eine ganze Zeit lang konnte ich meine Stimme wie eine Trompete erheben. Gottes Volk ging nun zum Gebet über; die Helfershelfer des Feindes erhoben ein Gebrüll. Schließlich rückten sie immer näher. Ein Hanswurst kletterte auf die Schulter eines Mannes. Ihm folgten andere, die den Verlust vieler Pfunde Einnahme an diesem Tage über meiner Predigt zu beklagen hatten. Der Harlekin näherte sich meiner Kanzel und versuchte mehrmals, mir mit einer langen, schweren Peitsche eins aufzubrennen. Aber durch die heftige Bewegung fiel er beinahe vornüber. Dann erwischten sie einen Werbesergeanten und ließen ihn mit seiner Trommel und seiner Truppe durch die Versammlung marschieren. Ich gab Weisung, den Weg für den Beamten des Königs freizumachen. Die Reihen öffneten sich, während sie ruhig hindurchmarschierten, und schlossen sich dann wieder.

Als man sah, daß alle Mühe vergeblich war, versammelte sich noch einmal eine große Menge auf der gegenüberliegenden Seite. Diese Menschen erhoben eine große Stange wie eine Standarte und rückten in gleichmäßigem, schreckerregendem Marsch gegen uns an, bis sie den Rand der lauschenden, betenden und unerschrockenen Versammlung nahezu erreicht hatten. Ich sah es, warnte und rief den Herzog unserer Seligkeit um Hilfe und Befreiung an. Er hörte und antwortete. Gerade, als sie uns mit wuterfüllten Blicken erreicht hatten, wurden sie aus einem unbekannten Grund unter sich uneinig, warfen ihre Stange hin und gingen ihres Weges. Sie ließen viele aus ihrer Gesellschaft zurück, die, wie ich hoffe, noch bevor wir schlossen, dazu gebracht wurden, zu der belagerten Partei überzugehen. Ich fuhr dann noch etwa drei Stunden fort mit Beten, Predigen und vielem Singen, denn der Lärm war manchmal fürs Predigen zu groß.

Dann zogen wir uns zu unserem Tabernakel zurück. Ich hatte die Taschen voll mit Zetteln von bußfertigen Menschen. Ich verlas sie unter dem Lobpreis und den geistlichen Beifallsbezeugungen der Tausende, die sich mit den heiligen Engeln in der Freude vereinten, daß so viele Sünder an so unwahrscheinlichem Ort und auf so ungewöhnliche Art geradewegs dem Teufel aus dem Rachen gerissen worden waren.

Am nächsten Tage erneuerte ich meinen Angriff auf die Moorfields. Aber man sollte es nicht für möglich halten! Nachdem der Pöbel gemerkt hatte, daß Bewerfen, Lärmen und Drohungen nichts nützten, stieg einer der Hanswurste auf einen Baum dicht bei der Kanzel und enthüllte vor dem ganzen Volk seine Blöße. Dieses viehische Verhalten machte einen Teil meiner Hörer fassungslos. Andere gaben ihrem Beifall durch Gelächter Ausdruck. Ich muß gestehen, zuerst gab es auch mir einen Stoß. Ich dachte, Satan habe sich nun geradezu selbst aufgemacht. Aber als ich mich wieder gefaßt hatte, wandte ich mich an alle und fragte sie, angesichts dieses Schauspiels, ob ich wirklich der menschlichen Natur Unrecht getan hätte, wenn ich nach einem Wort des frommen Bischofs Hall gesagt hätte, "der Mensch, sich selbst überlassen, ist halb Tier, halb Teufel".

Dadurch wurde die Stille und Aufmerksamkeit wiedergewonnen, und ich endete mit einer herzlichen Ermahnung. Einige Knaben und Mädchen saßen während meiner Predigt rings um meine Kanzel und reichten mir die Zettel der Leute hinauf. Obwohl sie oft von den für mich bestimmten Eiern, Erdbrocken und ähnlichem getroffen wurden, gaben sie auch nicht ein einziges Mal nach. Im Gegenteil, jedesmal, wenn ich getroffen wurde, schienen sie den Wunsch zu haben, die Streiche für mich zu empfangen. Gott machte aus ihnen große und lebendige Zeugen für ihn, der sich aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge ein Lob zubereitet!

Nachtext

Quellenangaben