Zeitschrift-Artikel: Fragenbeantwortung

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Titel: Fragenbeantwortung
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Fragenbeantwortung

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Text

Jephta's Gelübde

Richter 11, 30.31 u. 34-40:

"Und Jephtha gelobte Jahwe ein Gelübde und sprach: Wenn du die Kinder Ammon wirklich in meine Hand gibst, so soll das was zur Tür meines Hauses herausgeht, mir entgegen, wenn ich in Frieden von den Kindern Ammon zurückkehre, es soll Jahwe gehören, und ich werde es als Brandopfer opfern! . . . Und als Jephtha nach Mizpa, nach seinem Hause kam, siehe, da trat seine Tochter heraus, ihm entgegen, mit Tamburinen und mit Reigen; und sie war nur die einzige; außer ihr hatte er weder Sohn noch Tochter. . . . es wurde zum Gebrauch in Israel: Von Jahr zu Jahr gehen die Töchter Israels hin, um die Tochter Jephthas, des Gileaditers, zu preisen vier Tage im Jahre."

Beim Lesen dieses Abschnitts der Heiligen Schrift bewegt eine Frage die Herzen vieler Gotteskinder:

"Hat Jephtha nun seine Tochter tatsächlich getötet?" Und wenn nicht, wie soll man dann diesen Ausdruck verstehen: "Und er vollzog an ihr das Gelübde, das er gelobt hatte." Wir sind uns bewußt, daß diese Frage nicht ganz einfach zu beantworten ist, zumal selbst geschätzte und begabte Schriftausleger darin verschiedener Auffassung sind. Dennoch möchten wir hier zwei einfache und nicht zu sehr ins Detail gehende Erklärungsversuche vorlegen, die unserer Meinung nach eine Hilfe zum Verständnis dieses schwierigen Abschnitts sein können.
A.Wagner

I. L. Jensen:

"Die große Frage war immer: Hat Jephtha seine Tochter getötet? Bei oberflächlicher Betrachtung scheint der Bericht in Richter 11,30-40 diese Annahme zu rechtfertigen. Die Verse 31b und 39a weisen scheinbar daraufhin. Die Vertreter dieser Ansicht erklären das Beweinen ihrer Jungfrauschaft (Verse 37.38) als die Trauer darüber, kinderlos sterben zu müssen - eine große Schande für eine hebräische Frau.

Die andere Auffassung ist die, daß Jephtha seine Tochter nicht getötet, sondern dauernder Jungfrauschaft geweiht hat, wahrscheinlich um vor der Stiftshütte zu dienen. Es gibt einige gute Gründe, die für die letztere Ansicht sprechen.

Erstens mußte Jephtha als gottesfürchtiger Mann (vgl. 11,11) gewußt haben, daß im Gesetz Moses absolut kein Platz für Menschenopfer war. Jemand sagte einmal, er hätte "ein frommes, aber unerleuchtetes Gewissen" gehabt; aber ein Israelit, auch wenn er in den Büchern Moses nur äußerst unvollkommen unterwiesen war (und Jephtha war mit ihnen sehr vertraut, 11, 12-27!), konnte kaum so "unerleuchtet" sein, daß er ein Menschenopfer brachte.

Zweitens beweint Jephthas Tochter nicht ihren Tod, sondern ihre Jungfrauschaft (11,37). Sie trauert nicht darüber, daß sie sterben muß, sondern darüber, daß sie den Rest ihres Lebens unverheiratet bleiben mußte, was bei jeder Frau der Fall gewesen wäre, die sich dem Dienst des Herrn an der Tür der Stiftshütte geweiht hatte (vgl. 2. Mo. 38,8; 1. Sam. 2,22).

Drittens sagt der Abschnitt nicht, daß Jephtha sie tatsächlich tötete. Und wenn er es getan hätte, auf welchem Altar und durch welchen Priester wäre ein solches Opfer dem Jahwe gebracht worden? So böse Israel auch geworden war, so waren sie dennoch nicht auf ein solches Niveau herabgesunken, Menschenopfer vor Gott darzubringen. (Selbst der gottlose König Joram von Israel (2. Kön. 3.1-3) hatte eine solche Abscheu vor Menschenopfern, daß er angesichts eines solchen seinen aussichtsreichen Feldzug gegen Moab abbrach (2. Kön. 3,26.27).

Gleason Archer jr. (A Survey of Old Testament Introduction, Chicago 1964, S. 267) schreibt:

"Die Tragik der Situation lag in diesem Fall nicht darin, daß Jephthas Tochter sich dem Dienst Gottes weihte, sondern vielmehr in dem sicheren Auslöschen von Jephthas Geschlecht, denn sie war sein einziges Kind. Deshalb beweinten sowohl er (V. 35) als auch sie (V. 3 8) ihre Jungfrauschaft. Es handelt sich hier nicht um ein Menschenopfer".

I.L. Jensen, Studies in Judges and Ruth, Chicago 1968, S. 52f.

F.W. Grant:

"Was Jephthas Gelübde betrifft, so war sicher Übereiltheit und Versagen im Spiel, aber sicher handelt es sich nicht um das Menschenopfer, das viele darin gesehen haben. Die meisten neueren Kommentatoren stimmen darin überein und glauben, daß seine Tochter einfach Gott geweiht war, um ein unverheiratetes Leben zu führen wie die Verse 37-39 anscheinend deutlich zeigen.

Wir finden in ihrem Fall kein Wort über den Tod, außer was man in dem Ausdruck in Vers 31 "und ich werde es als Brandopfer opfern" zu erkennen glaubt.

Aber Jephthas Worte gegenüber dem König von Ammon zeigen, daß er mit dem Gesetz vertraut war; und in dem Gesetz waren solche Opfer als Greuel verboten (3. Mo. 18,21; 20, 1-5; 5. Mo. 12,31; 18,10). Kein Altar wäre dafür gefunden worden; kein Priester hätte es vollzogen; und die zwei Monate der Trauer auf den Bergen hätten reichlich Zeit gelassen, daß die Nachricht von dem in Betracht gezogenen Menschenopfer sich in Israel hätte weit ausbreiten können. Es ist reichlich unglaubhaft anzunehmen, daß Jephtha in diesen Umständen das Gesetz nicht gekannt haben oder - obwohl er es kannte - eine solche Leidenschaft zum Opfer seiner geliebten Tochter entwickelt haben soll, daß er trotz Kenntnis des Gesetzes darauf bestand, dem Jahwe einen Greuel zu opfern, den Er haßte.

Alles spricht gegen die Ausführung eines solchen Verbrechens; und das Hebräische erlaubt gewiß in Vers 31 die Übersetzung "oder" anstatt "und ich werde es als Brandopfer opfern".

"Die großen jüdischen Kommentatoren des Mittelalters", sagt Edersheim, "haben im Gegensatz zum Talmud darauf hingewiesen, daß diese letzten beiden Satzteile nicht identisch sind. Von einem Tier-Brandopfer wird niemals gesagt, daß es 'dem Jahwe gehört', aus dem einfachen Grund, weil es Ihm als Brandopfer ohnehin gehört. Aber wo Menschen  dem Jahwe geweiht werden, wird dieser Ausdruck verwendet, wie im Fall der Erstgeborenen Israels und Levis (4. Mo. 3,12.13). Aber in diesen Fällen ist nie jemand auf den Gedanken gekommen, es handelte sich um tatsächliche Menschenopfer".

Er argumentiert, ebenso wie andere:

"Wenn die geliebte Tochter sich tatsächlich dem Tod geweiht hat, so ist es nahezu unmöglich zu glauben, daß sie die zwei Monate ihres Lebens, die ihr noch zugestanden waren, nicht in Gemeinschaft mit ihrem Vater verbracht hat, dem das Herz gebrochen war, sondern mit ihren Freundinnen in den Bergen".

Schließlich bedeutet das Wort im Hebräischen nicht wörtlich 'Brandopfer' sondern einfach ein 'Opfer, das aufsteigt' - wobei alles aufsteigt -nämlich zu Gott. Und das ist ein großer Unterschied. Jephtha gelobte nicht, daß das Opfer verbrannt werden würde, obwohl die Verbrennung die Art und Weise wäre, in der ein Tier-Brandopfer 'aufsteigen' würde.

Auf jeden Fall bleibt die 'Geschichte ein Zeugnis über und gegen die schreckliche Gesetzlichkeit des menschlichen Herzens, das derartig die Freude über eine solche Befreiung im Augenblick ihrer Gewährung überschatten konnte. Derartige Gelübde sind jetzt von unserem Herrn ausdrücklich verboten:

"Wiederum habt ihr gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht fälschlich schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen. 1 c h  aber sage euch: Schwöret überhaupt nicht" (Matth. 5,33.34).

Gottes Wille braucht den Willen des Menschen nicht, um ihn zu ergänzen, sondern um ihm zu gehorchen. Sich einen unverlangten Gehorsam aufzuerlegen heißt nur, sich selbst der Knechtschaft der eigenen Schwachheit zu unterwerfen.

Als Jephtha jedoch durch die Konsequenzen seines Gelübdes geprüft wird, besteht er die Prüfung, ob-wohl bis ins Herz getroffen, und beweist seinen absoluten Gehorsam gegenüber Jahwe, einen Gehor-sam, der von seiner edel gesinnten Tochter völlig geteilt wird. Nicht nur findet sich ihr Name hier in der Geschichte, sondern sie hat völlig zu Recht ihren Platz unter den großen Frauengestalten der Geschichte Israels".

F.W. Grant, Nurr erical Bible, Bd. 2, New York' 1932/5, S. 235f.

Nachtext

Quellenangaben