Zeitschrift-Artikel: Die Einheit des Geistes wie kann sie bewahrt werden? (Teil 1)

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Titel: Die Einheit des Geistes wie kann sie bewahrt werden? (Teil 1)
Typ: Artikel
Autor: Herbert Briem
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Titel

Die Einheit des Geistes wie kann sie bewahrt werden? (Teil 1)

Vortext

Text

Die Einheit wiedergeborener Christen ist ein entscheidend wichtiges Thema, leiden wir doch alle mehr oder weniger darunter, daß in der Praxis oft so wenig davon zu sehen ist. Ein gut bekanntes Thema - und doch scheint es so viele Mißverständnisse darüber zu geben! Woran könnte das liegen? Diese Einheit aber war Jesus Christus sehr wichtig, denn er starb auch dafür am Kreuz, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (Joh 11,52). Er hat diese Einheit zustande gebracht und möchte, daß schon jetzt, in unserer Zeit, bei seinen Jüngern etwas davon zu sehen ist. Wir wollen im folgenden versuchen, dieser alten Frage einmal neu nachzugehen.

Einleitung

Bei der Untersuchung einer solchen Frage sollte es für Christen selbstverständlich sein, daß sie die Bibel zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen machen. Die Erfahrung zeigt aber, daß gerade das leider gar nicht so selbstverständlich ist. Wir sind als Christen alle mehr oder weniger geprägt durch bestimmte Auffassungen unseres christlichen Umfeldes oder durch die Auslegungstraditionen des Gemeinschaftskreises, in dem wir vielleicht aufgewachsen sind. Durch unsere Vorväter sind in guter Absicht manche Grenzen gezogen oder auch beseitigt worden; und wir müssen uns neu fragen, ob der heutige Standort solcher Begrenzungen so noch dem Willen Gottes entspricht oder ob Korrekturen notwendig sind. Wenn Gott uns zu unserem Thema etwas in der Bibel mitgeteilt hat, dann sind wir auch dazu in der Lage, ja verpflichtet, solche Fragen zu prüfen. Dabei wollen wir einmal bewußt versuchen, unsere Vorstellungen (und Bibelkommentare) hintenan zu setzen und unseren Herrn bitten, daß er uns eine neue Aufgeschlossenheit für seine Gedanken schenkt. Nur so können wir etwas hinzulernen, neu Klarheit gewinnen und uns, wo nötig, von unserem Herrn korrigieren lassen. Vielleicht ist es notwendig, langjährige Vorurteile abzubauen und in Lehre und Praxis zu biblischen Verhaltensweisen zurückzufinden. In dem ersten Teil wollen wir uns die Frage stellen, was mit der Einheit der Christen gemeint ist; im zweiten Teil, wie diese Einheit heute verwirklicht werden kann.

Die Einheit seiner Jünger - ein Wunsch unseres Herrn

In Joh 11,49-52 wird von dem Hohenpriester Kajaphas eine Weissagung über Jesus Christus ausgesprochen: Er sollte als einzelner Mensch für die Nation Israel sterben.

Diese Weissagung stammte von Gott, obwohl Kajaphas ein Feind Jesu war und danach trachtete, ihn umzubringen. Kajaphas' Weissagung wird von Gott in unserem Text mit der Aussage ergänzt, daß er nicht nur für Israel allein sterben würde, sondern auch, um alle zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln. In eins versammeln - hier haben wir bereits die erste Andeutung der Einheit der Kinder Gottes, die zu bewirken Jesus gekommen war. Kurze Zeit später bestätigt unser Herr selbst seine Absicht, durch seinen Kreuzestod alle zu sich zu ziehen (Joh 12,31-33). Noch später, kurz vor seiner Gefangennahme, redet der Herr Jesus in Joh 17 sehr deutlich vor den Ohren der Jünger mit seinem Vater auch über die kommende Einheit. Einheit war unserem Herrn ein so wichtiges und großes Anliegen, daß er in seinem Gebet dreimal mit seinem Vater darüber spricht (Joh 17,11 und V.20-21 sowie V.22-23).

Wenn wir unser Verhältnis als Christen untereinander betrachten, können wohl Zweifel daran aufkommen, ob der Vater das Gebet seines Sohnes betreffs der Einheit seiner Jünger schon erhört hat. Und es gibt Christen, die aufgrund ihrer mangelhaften Praxis die Erhörung dieses Gebetes gern in die Zukunft verlegen möchten. Wie wir u.a. Joh 17,4 entnehmen können, redet unser Herr hier mit seinem Vater vorausschauend über die Auswirkungen seines vollbrachten Werkes am Kreuz. Deshalb können wir jetzt mit Bestimmtheit wissen: Gott, der Vater, hat das Gebet seines Sohnes erhört. So sicher, wie das Werk des Herrn Jesus jetzt vollendet ist, so sicher ist auch das Gebet Jesu erhört.

Was ist das für eine Einheit, die Jesus als Folge seines Sterbens am Kreuz (vgl. Joh 17,4) von seinem Vater erbat? Wie wir sehen werden, ist es eine wahre, umfassende und vollkommene Einheit, wie sie unseres Herrn und seines großen Erlösungswerkes würdig ist.

Die Einheit der Familie Gottes

In Joh 17 sind die zurückbleibenden Jünger der Gegenstand des Gebetes unseres Herrn zu seinem Vater. Damit sind sicher zuerst die elf Apostel gemeint (vgl. V.12), die ihn auf seinem Weg nach Gethsemane begleiteten (14,31 18,1) und seinem Gebet zuhören durften. In einem erweiterten Sinn sind aber auch alle damals lebenden Jünger des Herrn eingeschlossen, siehe z.B. Joh 17,6. In seinem Gebet zum Vater (Joh 17) spricht unser Herr in dreierlei Hinsicht über Einheit.

"Einssein wie wir"

Zum ersten Mal in Vers 11: "Und ich bin nicht mehr in der Weit, und diese sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater! Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, daß sie eins seien wie wir!"

Weil Jesus im Begriff stand, zu seinem Vater zurückzukehren, bittet er den Vater, die Jünger in seinem (des Vaters) Namen zu bewahren, so wie Jesus selber es getan hatte, solange er bei ihnen sein konnte (V.12). Sie alle sollten seine Freude völlig in sich haben (V.13) und vor dem Bösen bewahrt bleiben (V.15). Ihre Einheit sollte von der gleichen Übereinstimmung und Harmonie geprägt sein, wie die zwischen den göttlichen Personen es war, dem Vater und dem Sohn. Was der Vater wünschte, war auch das Verlangen des Sohnes (V.4); was dem Vater gehörte, war auch das Eigentum des Sohnes und umgekehrt (V.10).

So würde es auch bei den Jüngern eine Einheit in der persönlichen Kenntnis und Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn geben und deshalb auch untereinander eine Einheit in ihren Bestrebungen, Zielen, Zuneigungen und in ihrem gemeinsamen Zeugnis. Diese Einheit würde nicht das Ergebnis eigener Anstrengung oder menschlicher Übereinkunft sein, sondern eine Folge des Wirkens des Heiligen Geistes. Sehr schön sehen wir diese Einheit bei den ersten Christen verwirklicht. Sie war deutlich und für alle Menschen sichtbar zu erkennen, vgl. z.B. Apg 4,32-33.

Wenn das Gebet des Herrn erhört wurde, warum sollte dann diese Einheit heute nicht mehr sichtbar werden können? Wird sich, ja muß sich nicht auch heute (trotz mancher Kirchenmauem) in der Praxis dort echte geistliche Übereinstimmung und Gemeinschaft zeigen, wo Herzen für den Herrn Jesus brennen und Sein Wort, Sein Werk und die Verherrlichung Seines Namens zum Ziel haben? Ganz gewiß!

Joh 17,20 enthält eine wichtige Wendung im Gebet unseres Herrn: "Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben." Hier wird deutlich, daß Jesus nicht nur für die elf Apostel oder alle damals lebenden Jünger betet. Nein, sondern in sein Gebet bezieht er ausdrücklich auch alle die mit ein, die bis heute durch das von den ersten Jüngern weitergegebenen Wort an IHN glauben würden. Damit beziehen sich die Bitten und Aussagen Jesu sowohl in den Versen 7-19 als auch die von Vers 20-26 auf alle Christen durch alle Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit. Auch wir Christen heute dürfen uns darüber freuen, daß unser Herr in seinem Gebet zum Vater an uns gedacht hat.

"Einssein in uns"

Die zweite Bitte unseres Herrn um Einheit findet sich in Vers 21: "...damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast."

In diesem Vers ist zweimal vom Einssein die Rede: Zuerst geht es darum, daß alle Jünger eins sein sollen, das heißt, die damals lebenden Jünger sollten einmal mit allen Jüngern, die später noch an den Herrn Jesus glauben würden, eine unzertrennliche Einheit bilden. Also, alle Jünger, alle wahren Christen werden zu einer Einheit zusammengefügt, wie es Jesus auch in Joh 10,16 im Bild der einen Herde ausgedrückt hat.

Diese Einheit ist aber auch von einer bestimmten Art, sie hat eine bestimmte Qualität, nämlich: "...wie du Vater in mir und ich in FC dir, damit auch sie in uns [eins] seien..." Der Vater wohnte in dem Sohn und der Sohn in dem Vater. Das bedeutet eine völlige Einheit der göttlichen Personen. Wenn wir als Menschen auch nicht in der gleichen Weise an der Einheit der göttlichen Personen teilhaben können, so bleibt es doch wahr, daß alle Christen ihrer Stellung nach in Christus (bzw. in Gott) sind (z.B. Rö 8,1; 1Ko 1,30; 2Ko 5,17; 1Jo 4,15) und andererseits auch Christus in ihnen wohnt (Rö 8,10; 2Ko 13,5; Kol 1,27). Unser Herr sagte seinen Jüngern einmal, daß der Sohn und der Vater gern in Menschen wohnen wollen, nämlich bei solchen, die Jesus lieben und sein Wort bewahren (Joh 14,21+23). Die Einheit "in uns" (den göttlichen Personen) bedeutet also für uns als Gläubige, daß wir durch den Geist Gottes praktische Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn haben können
(1Jo 1,3).

Wenn also jeder einzelne von uns persönlich mit dein Vater und dem Sohn Gemeinschaft haben kann, dann kann und muß das auch zu wahrer Gemeinschaft der Gläubigen untereinander führen, wie 1Jo 1,3 u. 6-7 klarmachen. Diese Gemeinschaft wird dann auch sichtbare praktische Auswirkungen haben, in einem gemeinsamen geistlichen Leben, Dienst und Zeugnis. Denn die Folge davon soll sein: "... damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast" (Joh 17,21b). Müssen wir uns nicht über unser schlechtes Zeugnis vor der Welt schämen, daß sie so wenig von der Realität der Einheit der Christen gesehen hat, weil wir so wenig in praktischer Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn gelebt haben?

"In eins vollendet"

Das dritte Mal wird in den Versen 22-23 von Einheit gesprochen: "Und die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, daß sie eins seien, wie wir eins sind -ich in ihnen und du in mir - daß sie in eins vollendet seien, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast."

Hier geht es um die Vollendung unseres Einsseins, ein Ziel, das erst in der Herrlichkeit erreicht wird, wenn wir bei dem Herrn Jesus sein werden. Als ein Ergebnis seines vollbrachten Erlösungswerkes am Kreuz wollte Jesus den Jüngern seine Herrlichkeit gehen (vgl. Joh 17,22 mit 17,5), eine Herrlichkeit, die er als Mensch vom Vater als Belohnung seines Leidens empfangen würde. Da unser Herr jetzt bereits verherrlicht ist, haben wir sie in einem vorläufigen Sinn schon empfangen, siehe Kol 1,27 und Rö 8,30. Dennoch steht die vor aller Welt sichtbare Erfüllung noch aus. Dann wird die Einheit aller Christen in jeder Hinsicht vollkommen sein, wir werden ein vollkommenes Einssein in der Gemeinschaft untereinander und mit dem Sohn und dem Vater erleben.

Diese Einheit zwischen Jesus und seinen Heiligen wird bei seinem Kommen in Herrlichkeit vor den Augen der ganzen Welt offenbart werden (2Thes 1,10), "damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast" (Joh 17,23). Die enge Liebesbeziehung zwischen Christus, dem Vater und uns wird einmal der ganzen Welt gezeigt werden. Die Herrlichkeit der Gemeinde im tausendjährigen Reich wird in der Offenbarung in den Bildern einer Braut und einer Stadt beschrieben: "sie hatte die Herrlichkeit Gottes", lies dazu bitte Offb 21,9b-11 und 21,23-24.

Wenn unsere zukünftige Einheit in Herr-lichkeit so wunderbar, vollkommen und auch für alle Menschen sichtbar sein wird, sollte dann diese Aussicht und Hoffnung nicht jetzt schon in unseren Herzen leben und unser Verhalten untereinander ent-scheidend beeinflussen?

Die Einheit der ersten Christen - alle einmütig

Hat Gott, der Vater, das Gebet seines Sohnes um Einheit in Joh 17 erhört? Wenden wir uns der Apostelgeschichte zu. Von welcher Art die Einheit der ersten Christen war, wird uns dort deutlich genug beschrieben!

Apg 1,14 "Diese alle verharrten einmütig im Gebet... "

Apg 2,42 u.44-45 "Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemein-schaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. Alle Gläubiggewordenen aber wa-ren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer bedürftig war. Täglich verharrten sie einmü-tig im Tempel..."

Apg 4,24 "Sie aber, als sie es hörten, erhoben einmütig ihre Stimme zu Gott..."

Apg 4,31 "Und als sie gebetet hatten... und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit. Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele (oder: Herz und Seele der Menge war eins); und auch nicht einer sagte, daß etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen."

Apg 5,12 "Aber durch die Hände der Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk; und sie waren alle einmütig in der Säulenhalle Salomons."

Hier wird praktisch sichtbar, wie das Gebet unseres Herrn um Einheit in Erfüllung ging. Was war das für eine wunderbare und kraftvolle Einheit unter den ersten Christen! Sie waren einmütig im Gebet, eins in der apo-stolischen Lehre, eins in der praktischen Gemeinschaft, eins in der gemeinsamen Nutzung und Verteilung der Güter und eins im Brechen des Brotes. Sie waren von Gott ab-hängig, vom Bösen getrennt und warteten einmütig auf Gottes Wirken. Alle waren mit dem Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit. Alle hatten ein Bewußtsein von der großen Gnade Gottes. Diese Christen damals waren auch eins im Dienst und im Zeugnis, kurz, sie waren alle ein Herz und eine Seele. Was für ein Vorbild sind sie für uns heute!

Einige Jahrzehnte später herrschte in der Gemeinde zu Korinth ein ganz anderer Zustand, so daß der Apostel Paulus genötigt war zu schreiben: "Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern daß ihr alle in demselben Sinn und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seiet. " (1Ko 1,10)

Würde der Apostel das nicht auch heute an uns schreiben?

(Wird fortgesetzt)

Nachtext

Quellenangaben