Zeitschrift-Artikel: Letzte Worte großer Männer... Thomas Cranmer (1489 -1556)

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Titel: Letzte Worte großer Männer... Thomas Cranmer (1489 -1556)
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Letzte Worte großer Männer... Thomas Cranmer (1489 -1556)

Vortext

Text

Es ist unmöglich, das Leben und die Bedeutung dieses englischen Märtyrers mit wenigen Zeilen zu beschreiben. Daher werde ich versuchen, die wichtigsten Stationen seines Lebens kurz zu skizzieren, um seinen Tod etwas ausführlicher beschreiben zu können.

Als Schüler des berühmten Humanisten Erasmus studierte er in Cambridge und öffnete sich zunächst dem humanistisch-reformatorischen Christentum. Nach dem Studium der ersten Schriften Luthers vertiefte er sich drei Jahre in das Studium der Heiligen Schrift und erkannte nach und nach die Wahrheit.

Obwohl Cranmer nicht durch einen kämpferischen Charakter ausgezeichnet war, sondern als stiller Gelehrter eher die öffentliche Auseinandersetzung scheute, wurde er fast wider Willen in den Vordergrund der damaligen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen geschoben.

Erzbischof von Canterbury

1533 wurde Cranrner von dem berüchtigten und sittenlosen Heinrich VIII. zum Erzbischof von Canterbury ernannt und nutzte diese Position, um einerseits die Wünsche des Königs zu erfüllen, aber andererseits den König für die Reformation zu gewinnen. Mit dieser Haltung setzte er sich zwischen alle Stühle und schuf sich damit eine starke Opposition.

In dieser Zeit heiratete Cranmer während eines Deutschlandbesuchs die Nichte des bekannten Theologen Osiander, und erst unter der kurzen Regierung Eduard VI. konnte er seine Überzeugungen durchsetzen. Ein Ergebnis davon war das bekannte "Common Prayer Book", für dessen erste Fassung Cranmer verantwortlich war.

Thomas Cranmer war ein Mann, dessen Überzeugungen mit den Jahren reiften und der den Mut und die Aufrichtigkeit besaß, frühere Meinungen über Bord zu werfen, wenn er sie als falsch erkannt hatte.

Als die "blutige Maria" den englischen Thron bestieg, war Cranmers Vernichtung beschlossene Sache. Wahrscheinlich hat sie mit Ausnahme von Hugh Lahmer keinen weiteren Protestanten mit mehr Wut und Haß verfolgt als ihn. Bald wurde er eingekerkert, verhört, und - obwohl er die besseren Argumente hatte - der Ketzerei für schuldig befunden, verdammt, abgesetzt und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Sein Widerruf- ein Sieg der römischen Kirche

Während seiner Gefangenschaft - umschmeichelt und überredet durch raffinierte Freundlichkeiten katholischer Priester und andererseits erschreckt durch die Aussicht auf einen grauenvollen Tod - wurde Cranmer schwach und ein Opfer dieser Versuchung. Er unterschrieb insgesamt sechs Erklärungen, in denen er alle Grundsätze der Reformation verwarf und widerrief, für die er jahrelang gekämpft hatte. In der letzten Erklärung unterschrieb er, "daß er allen Ketzereien Luthers entsage und den Papst als den Statthalter Christi auf Erden anerkenne."

Während alle papsttreuen Katholiken jubelten, war die Bestürzung der Protestanten groß, als dieser bekannte Führer zum Verräter der Reformation wurde. Nun machten aber die Katholiken einen großen Fehler: Anstatt Cranmer aus dem Gefängnis in die Freiheit zu entlassen, waren sie in ihrer Grausamkeit entschlossen, Cranmer trotz seines Widerrufs zu verbrennen. Dieser Umstand führte dazu, daß Cranmer in der Stille des Gefängnisses - von der Öffentlichkeit unbemerkt - Buße über sein Versagen tat.

Als er am 21. März 1556 aus dem Gefängnis in die Sankt Marienkirche in Oxford überführt wurde, hielt zuerst ein Dr. Cole eine lange Rede, während welcher der greise Bischof Cranmer weinend dasaß und Tränen der Buße und der Trauer auf seinen weißen Bart flossen. Anschließend sollte Cranmer zum Triumph der Katholiken vor vielen Zuhörern seine Sinnesänderung und sein Festhalten an der römischen Kirche bezeugen.

Vor Beginn seiner Rede kniete er nieder und betete laut:

"0 himmlischer Vater! 0 Sohn Gottes, Erlöser und Heiland der Welt! 0 heiliger Geist! Habe Erbarmen mit mir armen, elenden, gefangenen Menschen und verdammlichen Sünder! Ich habe so gesündigt gegen den Himmel und vor dir, daß es keine Zunge aussprechen kann! Wohin soll ich gehen? Wohin soll ich fliehen? Ich schäme mich, 'gen Himmel meine Augen aufzuheben, und auf der Erde finde ich keine Stätte, wohin ich meine Zuflucht nehmen könnte. Zu Dir, o Herr, eile ich darum; vor Dir will ich mich demütigen, Herr, mein Gott, und sprechen: Meine Sünden zwar sind groß, aber Deine Gnade ist noch größer. Erbarme Dich meiner!"

Und zum Entsetzen der Priester und zum Erstaunen der versammelten Menge endete Cranmer seine lange Rede mit einem Widerruf seines Widerrufs, einer Warnung an das Volk und der deutlichen Erklärung, daß der Papst der Antichrist und die katholische Lehre von der Realpräsens Christi im Abendmahl eine Irrlehre sei.

Seine letzten Sätze vor der erschütterten Zuhörerschaft lauteten:

"Ich widerrufe daher alle Zettel, Schriften und Papiere, welche ich mit meiner Hand seit meiner Degradation unterzeichnet und wo ich vieles Unwahre geschrieben habe. Und da meine Hand Ärgernis gegeben hat, als sie das schrieb, was meinem Herzen zuwider war, soll auch meine Hand zuerst gestraft werden. Wenn ich ins Feuer komme, soll sie zuerst verbrannt werden! 

Was den Papst betrifft, so verwerfe ich ihn als den Feind Christi und Antichristen mit seiner ganzen Lehre als einer falschen und ungöttlichen. In bezug auf das Sakrament glaube ich, was ich in dem Buch gegen den Bischof von Winchester gelehrt habe. In diesem Buch habe ich die wahre Lehre niedergelegt, die Bestand haben wird am letzten Tage vor dem Richterstuhl Gottes, wenn im Gegensatz dazu die päpstliche Lehre vor Scham ihr Angesicht verbergen muß."

Seine Verbrennung-ein Triumph der Reformation

"Stopfet dem Ketzer den Mund und führet ihn hinweg!" schrieen seine empörten Feinde und forderten nun seine sofortige Verbrennung. Auf dem Weg zum Scheiterhaufen wurde er besonders von den Mönchen mit Schimpf- und Schmähreden überschüttet, während er unentwegt zu der ihn begleitenden Volksmenge redete.

Wenige Stunden später, nachdem er am Richtplatz auf den Knien inbrünstig gebetet hatte, stand Thomas Cranmer tapfer und ohne zu wanken aufrecht auf dem Scheiterhaufen, den man dort errichtet hatte, wo kurz zuvor Nicholas Ridley und Hugh Latimer ihr Leben hingegeben hatten.

Während die Flammen loderten, hielt Cranmer seine ausgestreckte rechte Hand ins Feuer, mit der er seinen Widerruf unterzeichnet hatte, und rief: "Diese Hand hat Ärgernis gegeben. 0 du unwürdige rechte Hand!"

Er ließ den Arm nicht eher sinken, bis diese rechte Hand verbrannt war, während er seinen linken Arm zum Himmel erhoben hielt.

Er, der im Gefängnis von Schwäche und Versagen überfallen wurde, zeigte in seinen letzten Lebensminuten mehr Widerstandskraft als die anderen englischen Märtyrer, und mit Recht sagte J. C. Ryle, daß ihn nichts in seinem Leben so groß machte, wie die Art und Weise seines Sterbens.

Im Bewußtsein der Vergebung seiner Untreue und dankbar für die Gnade, als Zeuge für die Wahrheit sterben zu dürfen, waren Thomas Cranmers letzte Worte: "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!"

 

Nachtext

Quellenangaben

Benutzte Quellen:

J. C. Ryle, Fünf englische Reformatoren, CLV Bielefeld (erscheint 1995)

J. C. B. Mohr, Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 1

Andrew Miller, Kirchengeschichte, ErnstPaulus-Verlag Neustadt

Theodor Fliedner, Evangelisches Märtyrerbuch (vergriffen)