Zeitschrift-Artikel: Ein Sinti findet Jesus

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Titel: Ein Sinti findet Jesus
Typ: Artikel
Autor: Sebastian Weiß
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 199

Titel

Ein Sinti findet Jesus

Vortext

Text

"Sohni" ist mein Sinti-Name, den man mir gab, als ich 1930 in Berlin auf die Weit kam. Da ich noch drei weitere lebhafte Geschwister hatte und meine Mutter am Sonntag ihre Ruhe haben wollte, schickte sie uns in den Kindergottesdienst.

Das einzige, was ich aus dieser Zeit behalten habe, ist das Lied: "Gott ist die Liebe, läßt mich erlösen, Gott ist die Liebe, er liebt auch mich."

Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich nach Oberschlesien verschickt. Dort kam ich in eine gottesfürchtige, katholische Familie, wo die Mutter mich das Beten lehrte.

"Betbruder" und Dieb

Von dieser Zeit an wurde mir das Gebet zum Bestandteil meines Lebens. Wenn ich des Nachts meine Einbrüche verübte - ich war ein rechter Klettermax und Fassadenkletterer - betete ich um Bewahrung.

Klauen und "Beten", das war der Zweiertakt meines Lebens und das machte Spaß. Da ich ein stämmiger Kerl war, habe ich mich oft zur Wehr gesetzt, wenn ich erwischt wurde. Heute bin ich dankbar, daß ich damals bei diesen Schlägereien keinen umgebracht habe.

Aber ich konnte nicht immer entwischen, manchmal hielt man mich fest, die Polizei wurde gerufen und ich wurde eingesperrt. Doch kaum war ich wieder auf freiem Fuß, stahl ich alles, was nicht niet. und nagelfest war.

1947 ging ich von der DDR schwarz über die Grenze nach Westdeutschland und lernte in Hamburg unter einem falschen Namen Lieschen, meine jetzige Frau, kennen. Ich gab ihr einen Kuß und damit waren wir auf Sinti-Weise verheiratet.

Doch mit dem Stehlen ging es unverändert weiter und so dauerte es nicht lange, bis ich als junger Ehemann wieder einmal im Knast saß. Weil ich aber Übung hatte, konnte ich ausbrechen. Fünf Jahre lang machte ich dann Deutschland durch viele Diebstähle und Einbrüche unsicher, während ich mit Pferd und Wagen, mit Kind und Kegel immer auf der Flucht vor der Polizei war.

"Bärentanz" mit Wolfgang Dyck

Doch in Braunschweig war eines Tages meine Flucht zu Ende. Wir wurden geschnappt und ich wurde wegen 48 registrierter Einbrüche mit schlimmen Körperverletzungen zu drei Jahren Zuchthaus in Hamburg-Fuhlbüttel verurteilt.

Dort saß ich nun zusammen mit Wolfgang Dyck, dem späteren Straßenevangelisten, auf der Rabauken-Station. Der zwanzig-minütige "Bärentanz" (Luftschnappen) im Gefängnishof war die einzige Abwechslung in dieser Zeit, sonst häkelte ich Netze zum Einkaufen und Fischen und studierte "Knastrologie" und "Bretterkunde" - ein dumpfes Anstarren der Bretter und Mauern meiner Zelle.

Nach drei Jahren hätte ich rauskommen können, aber es gab noch einmal zusätzlich sechs Monate dazu wegen schwerer Körperverletzung.

Alles versoffen

Nach der Entlassung habe ich zwar immer noch krumme Dinger gedreht, aber ich war doch entschlossen, nicht mehr "berufsmäßig" weiterzubucksen, sondern einer geregelten Arbeit nachzugehen. So wurde ich Vorarbeiter im Hafen. Hier aber ergab sich eine andere Gefahr: Jeden Freitag, wenn es Lohn gab, gingen wir Kumpels auf Sauftour. In Finkenwerder ging es los, und in Hamburgs Hafengegend ging es weiter von Kneipe zu Kneipe. Das Kostgeld für Lieschen rührte ich allerdings nicht an, sondern bewahrte es im Schuh auf.

Wenn ich dann einen auf die Lampe gekippt hatte, gab es Schläge für Lieschen, und  die Kinder versteckten sich in den Schränken und unter den Betten. Ja, so habe ich alles versoffen, jedes Wochenende einen durchgezogen und meine Familie ins große Unglück gestürzt.

"Himmelsziegen in Aktion!"

Dann kam 1957 Lieschen zum Glauben an Jesus Christus. Dagegen hatte ich nichts. Nur die gläubigen Frauen störten mich gewaltig, wenn sie meine Frau im Wohnwagen besuchten. Dann riß ich voller Wut die Wohnwagentür auf und schrie: "Sind die Betschwestern und Himmelsziegen schon weg?"

Doch etwa ein Jahr später, am 8. März 1958 , wurde auch mein Leben völlig verändert. Major Thomas, ein Evangelist der "Fakkelträger", hielt einen Vortrag in der Freien Evangelischen Gemeinde am Holstenwall, in der Nähe der Reeperbahn. Auf Drängen von Schw. Gertrud Wehl - eine dieser "Himmelsziegen" - und auch meiner Frau, doch wenigstens einmal eine Predigt zu hören, machte ich mich auf. Schließlich war ich auch neugierig geworden, weil Lieschen sich so verändert hatte.

Zum ersten Mal hörte ich an diesem Abend die Botschaft von Sünde und Vergebung durch Jesus Christus. Das packte mich und riß mich vom Stuhl! Was für eine Botschaft, was für ein Angebot der Liebe Gottes für solch einen dreckigen Kerl wie mich! Am Ende der Ansprache fragte Major Thomas: "Wer will den Herrn Jesus annehmen?"

Ich sprang von meinem Stuhl auf und rief: "Ich will den Herrn Jesus annehmen!" und rannte nach vorne. Der Prediger und ich knieten nieder und ich gab dem Heiland mein ganzes verpfuschtes, sündiges Leben und tauschte es gegen sein reines, neues, herrliches Leben ein. Dann ging ich nach Hause, glücklich wie noch nie.

Lieschen lag auf dem Sofa, ich sagte kein Wort. Sie sah mich an und rief: "Du hast Jesus aufgenommen, ich sehe es, ich weiß es!" Meine treue Frau hatte eineinhalb Jahre Tag und Nacht für mich gebetet.

Eine neue Leidenschaft

Nun hatte ich den brennenden Wunsch, meinen ehemaligen Knastbrüdern die Botschaft von Jesus zu sagen. Weil ich weiß, wie sie denken und was ihr Herz bewegt, kann ich mit ihnen in der Knastsprache reden. Diese Sprache ist ihnen vertraut und öffnet ihr Ohr für das, was ich ihnen vom Heiland erzählen möchte.

Auch in meiner Familie hatte das neue Leben mit Jesus große Auswirkungen. Es waren ja in Hamburg noch fast keine Sintis gläubig, denn eine Zigeuner-Gemeinde entstand ja erst 1962 nach der großen Flut. Eines Nachts wurden wir von Lieschens Bruder aus tiefem Schlaf geweckt. Voller Erregung rief er: "Ist das wahr mit Jesus?"

Lieschens Vater, meine Mutter und Brüder fanden zum Herrn. In unserem winzigen Wohnwagenzimmer hielten wir Bibelstunden und erzählten den Leuten von der herrlichen Errettung.

Jetzt, nachdem über drei Jahrzehnte vergangen sind und Lieschen im letzten Jahr fünf Schlaganfälle erlitten hat, pflege ich meine schwerkranke Frau rund um die Uhr. Die Gnade des Herrn reicht für jeden Augenblick und ist jeden Morgen neu. Er ist da, Er ist treu und Er trägt uns durch!

Nachtext

Quellenangaben