Zeitschrift-Artikel: "Bruder Rodney" pfiff und alle tanzten...

Zeitschrift: 72 (zur Zeitschrift)
Titel: "Bruder Rodney" pfiff und alle tanzten...
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 327

Titel

"Bruder Rodney" pfiff und alle tanzten...

Vortext

Text

Eindrücke vom Kongress "Erweckung beginnt mit deiner Freisetzung" mit Rodney Howard-Browne vom 16. - 20. Oktober 1995 in Frankfurt

Rodney Howard-Browne, der sich selbst gerne "Bruder Rodney" nennen läßt, ist mir als einer der "Väter" des "Toronto-Segens" aus der Literatur und durch Video-Aufnahmen bekannt. Sein seltsamer Predigtstil, seine Publizität und die eigenartigen Manifestationen und Publikumsreaktionen, die sein Auftreten bisher begleiteten, hatten meine Besorgnis geweckt und so nutzte ich seinen ersten Auftritt in Deutschland, um einen Eindruck aus erster Hand zu bekommen.

Die Einladung zu diesem Kongreß war vielversprechend:

"Der südafrikanische Evangelist Rodney Howard-Browne ist von Gott berufen, die biblischen Zusammenhänge von Erweckung zu erklären und Menschen in die Gegenwart des Heiligen Geistes zu führen. In den Veranstaltungen, Konferenzen und Diensten von Rodney Howard-Browne geschehen weltweit erstaunliche Dinge. Ganze Gemeinden werden durch die Kraft Gottes verwandelt, erneuert und von einer radikalen Liebe zu Jesus erfaßt. Menschen werden errettet, geistgetauft und immer wieder geschehen Zeichen und Wunder durch die erfahrbare Gegenwart Gottes.
Die Aufbruchstimmung seiner Erweckungsveranstaltungen erinnert an die großen Erweckungen der Kirchengeschichte mit ihren ungewöhnlichen und zeichenhaften Manifestationen. Seine einfache und klare Verkündigung biblischer Wahrheiten mit Jesus im Mittelpunkt gibt dem Geschehen ein solides geistliches Fundament."'

Als ich mit etwas Verspätung am 19.10. um ca. 11.00 Uhr die Ballsporthalle in Frankfurt betrat, war die Halle etwa zu 60% gefüllt - man sprach von ca. 3.000 Teilnehmern - , von denen die meisten unter 40 Jahre alt zu sein schienen, also ein auffallend junges Publikum.

Auf den großen Tischen im Eingangsbereich lagen ausschließlich Bücher, Videos und Cassetten von Howard-Browne, und der neu gegründete Verlag "Mega Medien", Frankfurt, präsentierte die ersten neun in deutscher Sprache erschienenen Bücher und Broschüren dieses Mannes, der sich selbst gelegentlich "Barmixer des Heiligen Geistes" nennt, seine Veranstaltungen mitunter als "Joels Kneipe" bezeichnet, in welcher der "neue Wein" ausgeschenkt und das Publikum in entsprechende Stimmung versetzt wird.

Auch hier in Frankfurt war die Stimmung bereits im Vorprogramm recht aufgeheizt. Eine ziemlich laut- und bewegungsstarke Band mit ihren Sängern begeisterte mit teilweise bekannten und neueren Songs die Teilnehmer, die zur Musik tanzten, jubelten, klatschten usw.

Nachdem ich Platz genommen hatte, sang man folgendes Lied, dessen Text auf einer Projektionswand zu sehen war:

"Hallelujah, Jesus du lebst in mir doo bndoo doo doob, doob doob Ich stehe auf und seh mich in deinem Licht Ich blicke jetzt total durch Mein Vater liebt mich so wie ich bin Yeah, yeah, yeah..."

Klatschen, tanzen, jauchzen, Zungensingen...

"Dies ist der Tag der Ernte..."

Um etwa 11.30 erschien "Bruder Rodney" auf dem Podium und verkündete: "Dies ist der Tag der Ernte, in dieser Woche bläst der Wind, dies ist der Tag der Freiheit und des Jubels..."

Nachdem diese "Prophezeiung" mit entsprechendem Jubel quittiert wurde, gab es einen musikalischen Stilbruch und Howard-Browne sang mit einem weiteren Sänger wirklich gekonnt die englische Version des alten Erweckungsliedes "Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt...", womit die soeben noch ausgelassene Menge in eine stille und andächtige Zuhörerschaft verwandelt wurde.

In seinem folgenden Gebet und der anschließenden Ansprache war dann die Rede davon, daß "Deutschland nach dieser Veranstaltung nie wieder dasselbe" sein würde und eine "Atomexplosion des Heiligen Geistes" bevorstünde.

Neu für mich war die darauf folgende wirkungsvolle Methode, Bücher und Videos bekannt zu machen: "Bruder Rodney" schritt - von einem Mitarbeiter begleitet -die Zuschauerränge und -blöcke ab und schmiß gezielt seine Produkte in das kreischende und schreiende Publikum, das sich wie kleine Kinder um diese Geschenke balgte.

Von 11.45 bis 12.40 Uhr folgte dann eine Kollektenrede, bei der keine Bibel aufgeschlagen, kein Bibeltext ausgelegt wurde, sondern eine Story und ein Witz den anderen ablöste. Howard -Browne schritt hier -wie bei allen Predigten - von seinem Übersetzer begleitet vor dem Zuhörerblock auf und ab, die eine Hand in der Tasche, die andere am Mikrofon. Obwohl er sehr richtig bemerkte: "Was Gott bestellt, das bezahlt er auch", scheute er sich nicht, sehr deutlich um ein Opfer zu bitten und auch wirkungsvoll zu begründen: "Wenn Mangel in deinem Leben ist, dann gib!...schreibt eure Schecks aus...!"

Erstaunlich war, daß bis dahin die erwarteten Manifestationen und "Freisetzungen des Heiligen Geistes" ausblieben, von vereinzeltem Gelächter abgesehen.

Nachdem das Opfer eingesammelt war, predigte Howard-Browne über "Drei Bilder der Gemeinde", wobei er über die besiegte, die kämpfende und siegreiche Gemeinde sprach. Auch hier fiel auf, daß die Bibel weder aufgeschlagen noch zitiert wurde und beim Thema "Die kämpfende Gemeinde" sogar ziemlich abfällig über Praktiken wie "Geistliche Kriegsführung" gesprochen wurde. Daß an dieser Stelle selbst Peter Wenz, der als Pastor der "Biblischen Glaubensgemeinde Stuttgart" jahrelang "Geistliche Kriegsführung" praktiziert hat, Beifall klatschte, war für mich eine weitere Kuriosität des Tages.

"Erweckung ist wie eine Menge Schweine, die den Abhang hinunterstürzen..."

Ab 14.30 Uhr sprach Rodney Howard-Browne dann zu den anwesenden Pastoren, die ca. ein Drittel der Besucher ausmachten. Thema: "Führung des Heiligen Geistes in der Erweckung." Jetzt wurden auch Bibelstellen aus Joh 14 und 16 und aus 1Jo 2 vorgelesen, in denen die Rede von dem Wirken und der Salbung des Heiligen Geistes ist. Aber vergeblich wartete man auf eine Auslegung der Bibelstellen, sondern "Bruder Rodney" erzählte aus seinem Leben: welches Verlangen er nach Erweckung hat, was er unter Erweckung versteht und wie er an sich und in seinem Dienst Erweckung erlebt hat.

So berichtete er, daß er im Jahr 1979 zu Gott geschrieen habe: "Gott, heute ist mein Abend. Herr, entweder kommst Du jetzt herunter und rührst mich an, oder ich sterbe und komme zu Dir hinauf und berühre Dich."

In einer seiner Broschüren kann man nachlesen, was dann geschah:

"Plötzlich traf mich die Kraft Gottes wie ein Schlag am Kopf und strömte hinunter bis zu meinen Füßen! Es fühlte sich an wie flüssiges Feuer - als hätte jemand Benzin über mir ausgeleert und mich angezündet. Es prickelte am ganzen Körper...Eine Minute später weinte ich, ohne einen Grund zu haben. Ich war betrunken im Geist, wie die Menschen am Pfingsttag. Ich lief herum, lachte ohne Grund, weinte ohne Grund und sprach in anderen Zungen. Das Feuer brannte in meinem ganzen Körper. Wenn ich zu jemand hinging und ihn berührte, fiel diese Person auf den Boden. Dann weinte ich noch mehr, weil die Kraft Gottes noch stärker auf mich kam..." 2

Interessant war, daß er an diesem Nachmittag die Bedeutung der Manifestationen gering einstufte und die Lebensveränderung durch den Heiligen Geist sehr betonte. So sagte er z.B., daß in Erweckungsveranstaltungen drei verschiedene Arten von Manifestationen festzustellen seien: 1. vom Heiligen Geist, 2. vom Fleisch, und 3. vom Teufel. Dennoch würde er lieber in eine Gemeinde gehen, in der sich der Teufel und das Fleisch manifestieren, als in eine Gemeinde, in der gar nichts passiert, weil die Leute Angst haben vor Manifestationen.

Auch an diesem Nachmittag blieben die Manifestationen aus, weil sie - wie ich überzeugt bin - von "Bruder Rodney" nicht provoziert und gewünscht wurden.

Der "Heilig-Geist-Abend"

Ganz anders war die Stimmung am Abend, als Rodney - nachdem die Band die Atmosphäre angeheizt und Tanz und Jubel ausgelöst hatte - zungen singend die Bühne betrat und schließlich die Unbekehrten, die Abgefallenen und diejenigen, die keine Heilsgewißheit haben, aufrief, nach vorne zu kommen. Unter den Klängen der Musik und unter dem massiven Drängen des Predigers kamen schließlich etwa 200 Personen nach vorne, die ein Übergabegebet nachzusprechen hatten und dann unter dem Beifall der Zuschauer in einen besonderen Raum gebeten wurden. Am ersten Abend, so konnte man später lesen, sollen sie sogar abschließend folgende Worte nachgesprochen haben:

"Ich bin jetzt eine wandelnde Erweckung -paßt auf, wenn ich nach Hause komme!"

Interessant war, daß der "Altarruf" nicht im Anschluß an eine evangelistische Botschaft erfolgte, sondern sozusagen im Vorprogramm stattfand, ohne daß von Sünde, Verlorensein, von der Notwendigkeit mit Gott versöhnt zu werden, gepredigt worden war.

Zur Überraschung aller Teilnehmer stellte Howard-Browne nun das Ehepaar Bonnke vor, die inzwischen das Podium als Ehrengäste betreten hatten. "Ich fühle mich geehrt, daß Bruder und Schwester Bonnke unter uns sind... das ist für mich so, wie wenn der Apostel Paulus in der Versammlung ist..." Es folgte ein donnernder Applaus und eine minutenlange stehende Ovation für Reinhard Bonnke, der darauf betonte, daß er Rodney schon lange kennt als einen, der Jesus mehr als alles andere liebt. Er freue sich, das Rodney nun auch in Deutschland diene... "Deutschland steht auf Gottes Tagesordnung. Gott liebt Deutschland. Deutschland kommt vom Minus ins Plus!"

Damit war auch das Stichwort gegeben, um nach großem Jubel und Applaus von der Aktion "Vom Minus zum Plus" zu berichten. 34.000 Entscheidungskarten wären bereits schon eingegangen, es wäre eine "Ernte ohne Ende".

Jetzt war der richtige Zeitpunkt für eine lange Kollektenrede zu Gunsten von R. Bonnke gekommen. Howard-Browne wollte selbst 10.000 Dollar aus seinem Missionswerk und 5.000 Dollar aus seiner Tasche in die Kollekte geben und mahnte das Publikum, sich nicht an Gottes Geld zu vergreifen und an das tragische Ende von Ananias und Saphira zu denken.

"Ich habe doch keinen Druck gemacht?"

"Nein!", war das vielstimmige und brave Echo der Menge. Immerhin wurden an diesem Abend 132.000 DM eingesammelt.

"Gott kitzelt gerne seine Kinder..."

Inzwischen war es fast 22.00 Uhr, als Rodney endlich mit seiner Predigt über die blutflüssige Frau begann um in Verbindung damit die "Freisetzung des Heiligen Geistes" zu demonstrieren. Nun kam es zu all den Phänomen des "Toronto-Segens", die mir bisher aus Büchern und von Video-Aufnahmen her bekannt waren, jetzt aber um mich herum geschahen: "Heiliges Lachen", "Ruhen im Geist", "Trunkensein im Geist", Zittern, Schütteln, Hüpfen, Brüllen, Tanzen usw.

Jetzt schien Rodney in seinem Element zu sein und es manifestierte sich tatsächlich das Fleisch und sicherlich auch dämonische Mächte.

Während allem Geschrei und Tumult ging Rodney durch die Reihen, um den Leuten die Hände aufzulegen mit den Worten "drink the new wine", "fill, fill", usw.

Das "heilige Lachen" begründete er übrigens so: "Gott kitzelt gerne seine Kinder!"

Hier sah ich auch zum ersten Mal in Deutschland ein Phänomen, das mir bisher nur aus Ungarn bekannt war: Ein "Renner im Geist" raste zwei Runden um den Teilnehmerblock der Hallenmitte, um sich dann auf die Erde zu werfen.

Als ich um 23.30 Uhr langsam die Halle verließ, machte ein Mann in mittleren Jahren immer noch Kängeruhsprünge, die ich schon von 23.00 Uhr an bei ihm beobachtet hatte. Ein junger Mann schüttelte immer noch seine rechte Hand, die "sehr heiß" wäre. Pastoren lagen auf oder unter den Stühlen und "ruhten im Geist", andere mußten "trunken im Geist" weggetragen werden, weil sie nicht mehr gerade stehen konnten und einige wälzten sich immer noch "lachend im Geist" über den Boden, während ich "ergrimmt im Geist" den Ausgang suchte.

Vielleicht hatte der Apostel Paulus ähnliche Gefühle, als er in Athen die Götzenverehrung vor Augen hatte (Apg 17,16). Doch mehr als aller Spektakel erschütterte mich die Tatsache, eine Anzahl älterer Absolventen einer von mir sehr geschätzten Bibelschule zu treffen, die mit dem Stil und den Inhalten dieser Veranstaltung keine Probleme hatten.

Ist Rodney Howard-Browne ein frommer Scharlatan?

Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist er ein guter Schauspieler, der zum richtigen Zeitpunkt wirkungsvoll zu lachen und zu weinen versteht. Er ist ein guter Sänger, der ein Gespür dafür hat, wann welches Lied zu welchem Rhythmus dran ist. Offensichtlich ist er auch ein guter Geschäftsmann, der sich selbst gut und teuer verkauft und ein geschickter Redner, der die Massen zu manipulieren und zu begeistern versteht. Sein Dienst brachte Manifestationen des Fleisches und der Dämonen hervor. Wirkungen und Früchte des Heiligen Geistes, dessen Aufgabe es ist, unseren Herrn Jesus zu verherrlichen (Joh 16,14) und an Seine Worte zu erinnern (Joh. 14,26), waren für mich nicht erkennbar.

Die Unterzeichner der "Berliner Erklärung" schrieben 1909 angesichts ähnlicher Phänomene: "Der Geist in dieser Bewegung bringt geistige und körperliche Machtwirkungen hervor; dennoch ist es ein falscher Geist. Er hat sich als solcher entlarvt. Die häßlichen Erscheinungen wie Hinstürzen, Gesichtszucken, Zittern, Schreien, widerliches, lautes Lachen usw. treten auch diesmal in Versammlungen auf. Wir lassen dahingestellt, wieviel davon dämonisch, wieviel hysterisch oder seelisch ist, - gottgewirkt sind solche Erscheinungen nicht."

Diese Beurteilung läßt sich ohne Einschränkung auf die Manifestationen übertragen, die in Frankfurt zu sehen waren.

Wie weit muß man sich von unserem Herrn Jesus und Seinem Wort innerlich entfernt haben, um dieses blasphemische Spektakel, diese häßliche Verzerrung biblischen Christentums für eine "Freisetzung des Heiligen Geistes" halten zu können!

Wie geht es weiter?

Der nächste Termin steht schon fest: Im Januar 1996 soll in Jerusalem eine Konferenz mit 5.000 Teilnehmern stattfinden. Hauptredner: Rodney Howard-Browne und die ihm geistverwandten Wolfhard Margies (Berlin), Peter Wenz (Stuttgart) und Sandor Nemeth (Budapest).

Fast schien es in den letzten Monaten so, als würde sich der "Toronto-Segen" im Sande verlaufen, da selbst zahlreiche Charismatiker ihre Kritik an den Phänomenen immer deutlicher geäußert hatten. Doch der Kongreß in Frankfurt scheint das Gegenteil anzudeuten. Die Sucht vieler Christen nach Zeichen und Wundern verlangt nach immer schrillerem Unterhaltungsspektakel und es scheinen genügend clevere "christliche" Entertainer vorhanden zu sein, die für weitere Abwechslungen sorgen werden.

"Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren zu den Fabeln hinwenden. Du aber sei nüchtern in allem, ertrage Leid, tu das Werk eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst!" (2Tim. 4,3-4)

 

 

Nachtext

Quellenangaben

Quellenangaben

1 Aus der Einladung zum Kongreß

2 R. Howard-Browne: "Das Wirken des Heiligen Geistes", Mega Medien 1995, 5. 17-18

3 Leserbrief in "idea" 43, 5. 32