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Zeitschrift-Artikel: "In einem Ziegenstall erblickte ich das Licht der Welt..."

Zeitschrift: 72 (zur Zeitschrift)
Titel: "In einem Ziegenstall erblickte ich das Licht der Welt..."
Typ: Artikel
Autor: Lieschen Weiß
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 162

Titel

"In einem Ziegenstall erblickte ich das Licht der Welt..."

Vortext

Text

Nachdem wir in der Ausgabe 2/95 von "Fest und Treu" die Bekehrungsgeschichte von "Sohni" (Sebastian Weiß) veröffentlicht haben, bringen wir in dieser Ausgabe das Zeugnis seiner Frau Lieschen, die nach langer und schwerer Krankheit (allein im letzten Jahr fünf Schlaganfälle!) vor einigen Wochen zu Ihrem Erlöser heimgehen durfte.

Als Lieschen Langeloh erblickte ich am 29.5.1930 in einem Ziegenstall in Stormarn (Schleswig-Holstein) das Licht der Welt.

Mein Vater war Pferdehändler und Mutter verdiente durch Hausieren und manchmal auch durch unlautere Geschäfte dazu, um meine sechs älteren Geschwister und mich ernähren zu können.

Wir waren keine seßhafte Familie, sondern durchzogen nach Zigeunerweise Deutschland, bis wir 1939 ins KZ eingeliefert wurden. Zuerst führte man die Männer ab, später die Frauen und schließlich auch meine Mutter und mich. Damals war ich neun Jahre alt.

Fünf Jahre verbrachten wir in zwei polnischen KZs, wo schließlich meine Mutter starb. Die schrecklichen Bilder des Grauens werde ich wohl nie vergessen und daß ich lebend diese Lager verlassen habe, ist ein Wunder.

Zigeuner sollten wie Juden ausgerottet werden...

Die Kinder wurden wie Abfall auf einen Lastwagen geworfen, und auch ich sollte dabei sein, um für immer aus dem Leben zu scheiden. Zigeuner sollten ebenso ausgerottet werden wie die Juden. Aber ich erkannte die Todesgefahr und versteckte mich unter einer Baracke. Doch der Wagen fuhr nicht eher los, bis man mich gefunden hatte. Eine SS-Frau zerrte mich hervor und fragte mich nach meiner Nationalität. Als sie erfuhr, daß ich ein Zigeunermädchen war, ließ sie die weiteren fünf Zigeunerkinder vom Lastwagen holen und rief: "Heute werden nur Judenkinder abtransportiert!"

Als dann endlich das Ende des Krieges kam und wir von der Besatzungsmacht befreit wurden, war ich bereits 14 Jahre alt. Bisher hatte ich weder Lesen noch Schreiben gelernt. Die Nöte, Ängste, Qualen und Entbehrungen im KZ hatten mich schwer herzkrank gemacht. Später kam noch ein Nierenleiden hinzu, so daß mein Taillen-umfang zeitweise vier Meter umfaßte.

Mit Pferd und Wagen auf der Flucht vor der Polizei

Bis zu meinem 17. Lebensjahr blieb ich bei meinem Vater und dann wurde ich mit Sohni verheiratet. Die Zeit, die nun folgte, war ebenso schwer wie die vergangenen Jahre. Wir lebten von den Einbrüchen und Diebstählen meines Mannes, denn das war sein Beruf. Als immer größer werdende Familie waren wir in den ersten Jahren ständig auf der Flucht vor der Polizei. Mit gefälschten Papieren durchzogen wir mit Pferd und Wagen Deutschland.

Das meiste Geld vertrank mein Mann, wie es bei den Sintis Sitte ist. Im betrunkenen Zustand schlug er mich oft bei den kleinsten Vergehen. Er war so streng, daß ich nicht aufsehen durfte, wenn andere Männer bei uns zu Besuch waren und sich unterhielten. Auch kam es vor, daß er sich weiße Handschuhe anzog und damit über die Möbel strich, um Staub zu entdecken. Dann mußte ich oft vor seiner Wut flüchten und mich unter den Wohnwagen verstecken. Mit einem gebrochenen Herzen und zitternd vor Angst und vor Schmerzen verbrachte ich dort die Nächte.

Die große Wende

Mitten in den 50er Jahren, während unsere Wagen in der Nähe der Reeperbahn standen, bahnte sich die entscheidende Wende meines Lebens an. Meine Kinder spielten gerade auf der Straße, als Schwester Margitta von der SüdOst-Europamission dort entlangging, meine Kinder ansprach und mich um Erlaubnis bat, eine Kinderstunde in unserem Wohnwagen beginnen zu dürfen. Gastfrei, wie wir Sintis sind, hatte ich nichts dagegen. Aber ich selbst wollte nichts davon wissen. Wo war Gott denn, als wir im KZ zu ihm schrien und meine Mutter starb? Wo war Gott denn in all dem Grauen und Morden?

Außerdem waren wir doch religiöse Leute. Wir beteten zu den Toten, zu Heiligen, zu Bildern, zu Maria und beteten das Kreuz an. Von Jesus hatte ich nie etwas gehört. Das Kreuz war für mich ein Gott, ein Wunderzeichen für Schutz und Bewahrung. Aber Gott hat sich meiner Unwissenheit erbarmt.

Als Schwester Margitta mich in die wöchentliche Bibelstunde einlud, war das für mich ein willkommener Anlaß, von zu Hause wegzukommen. Aber das Wort Gottes berührte mich zunächst nicht. Doch nach etwa eineinhalb Jahren kam der wichtigste Tag meines Lebens. Es war um die Osterzeit. Schwester Margitta kam mit Flanelltafel und Bildern in den Wohnwagen und erzählte die Kreuzigungsgeschichte. Ich war allein zu Hause und weil mich die Bilder so ansprachen, hörte ich gegen meine Gewohnheit zum ersten Mal richtig zu. Mir wurde klar, daß der Herr Jesus für die Sünden der Menschen gekreuzigt wurde und daß Er auch für mich gestorben war.

Mein für göttliche Dinge versteinertes und durch Leid verschlossenes Herz wurde plötzlich weich und Fragen kamen auf. Als ich Schwester Margitta auf dem Heimweg zur U-Bahn begleitete, wollte ich vieles von ihr wissen: Was ist Sünde? Nein, ich war doch keine Sünderin, sondern in meinen Augen ein gutmütiger Mensch, der gelernt hatte, ohne Aufbegehren und Murren über allem Leid zu stehen.

Doch sie fragte mich: "Lieschen, hast Du immer Gott den ersten Platz in Deinem Leben gegeben, Ihn von ganzem Herzen geliebt, Sein Wort gelesen und Seine Gebote gehalten?" Da erkannte ich, daß ich in allen Punkten Gottes Gebote übertreten hatte. Im Licht Gottes erkannte ich auf einmal meine Verlorenheit und suchte die Vergebung meiner Sünden.

So knieten wir beide auf der Seilerstraße (eine der Nebenstraßen der Reeperbahn) nieder, während die Leute an uns vorbeiströmten. Aber das war mir egal, denn die Errettung durfte nicht aufgeschoben werden.

Ich betete etwa folgende Worte: "Herr Jesus, vergib mir meine Schuld, ich bin eine große Sünderin, ich habe alle Gebote übertreten, rette mich, komm in mein Herz!"

Erste Gebetserhörungen

Es war bitter kalt, als wir uns vom Gebet erhoben, aber in meinem Herzen wurde es hell und warm und ich spürte die Gegenwart Jesu. Doch sofort kam die Stimme der Versuchung: Dein Mann wird Dich schlagen, weil Du zu spät nach Hause kommst! Noch einmal beteten wir zusammen, und ich kann mich noch genau an meine Worte erinnern: "Lieber Heiland, halte doch seine Hände fest, damit er mir nichts tun kann. Du kannst das doch, Du hast die Kraft!"

Als ich nach Hause kam, lag mein Mann auf dem Sofa, die Hände hinter dem Nakken verschränkt und schmunzelte nur. Mir ging es durch den Kopf: Ist der oder bin ich verrückt? Aber dann wußte ich: "Lieschen, Du hast doch dafür gebetet. Das hat doch Jesus gemacht."

Schwester Margitta schenkte mir eine Bibel mit folgender Widmung: "Stärke das andere, das sterben will." Abends, nach getaner Arbeit, setzte ich mich auf die Stufen des Wohnwagens und betete: "Lieber Heiland, ich kann doch meine Bibel nicht lesen, aber jetzt habe ich Dich. Nun lehre Du mich lesen..." Es dauerte gar nicht lange, da habe ich lesen gelernt.

Ein halbes Jahr später kam meine Schwiegermutter zum Glauben und 1959 geschah das nächste Wunder - auch mein Mann gab seine Rebellion gegen Gott auf und wurde ein fröhlicher Christ und ein fürsorgender Ehemann.

Bis heute darf ich dem Herrn Jesus folgen und ich weiß, daß Er mich durchträgt, bis ich bei Ihm zu Hause bin.

Nachtext

Quellenangaben