Zeitschrift-Artikel: "Bringt ihr das Kreuz?"

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Titel: "Bringt ihr das Kreuz?"
Typ: Artikel
Autor: Richard Caspari
Autor (Anmerkung):

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Titel

"Bringt ihr das Kreuz?"

Vortext

Text

Silvester in Sarajewo

Etwas mulmig war uns schon (obwohl es dazu ja eigentlich keinen Grund gab ...) als wir uns entschlossen, den Jahreswechsel über 14 Tage in Sarajewo zu verbringen, um dort einen Missionseinsatz durchzuführen. "B+M" (Brot und Mission) war der Titel dieser Aktion, die von dem Missionsteam in Kroatien und der BMO geplant und durchgeführt wurde. Durch wirklich großzügige finanzielle Unterstützung, sowie Lebensmittel- und Kleiderspenden vieler Geschwister wurde sie möglich.

Teilnehmer waren 15 meist junge Leute aus Deutschland sowie einige Geschwister aus Zagreb, die zusammen mit Uwe Müller eine Woche später zur geplanten Evangelisation nachkamen.

Sarajewo

Trostlos ist wohl das richtige Wort, um den Eindruck zu beschreiben, den man hat, wenn man diese Stadt besucht. Das erste, was man von Sarajewo zu sehen bekommt, sind größtenteils bis zur Unbewohnbarkeit zerschossene Vororte und das Militär der Internationalen Streitkräfte (IFOR). Man fragt sich, wo die ganzen Menschen jetzt sind, die vorher hier friedlich gewohnt haben.

Auch die Randgebiete der eigentlichen Stadt, sowohl Ein-und Mehrfamilien-, als auch Hochhäuser sind durch Artillerie-und Granatenbeschuß sehr zerstört.

Die meisten Bauten in der Innenstadt stehen noch und sind bewohnbar, obwohl auch hier deutliche Spuren des serbischen Beschusses zu sehen sind. Es gibt z.B. kaum eine heile Fensterscheibe. Alles ist notdürftig mit von der UNO verteiltem Folienmaterial abgedichtet. Überall Straßenbarrikaden und mit Sandsäcken und ähnlichem geschützte Fußgängerwege.

Auf Schritt und Tritt begegnet man den schrecklichen Spuren dieses an Blutrunst, Grausamkeit und Brutalität wohl kaum zu überbietenden Krieges. Riesige, neu angelegte Friedhöfe sind stumme Zeugen davon, daß tausende Menschen nur deshalb ermordet wurden, weil sie zu einer bestimmten Volksgruppe gehörten. Was die Leute hier in den letzten dreieinhalb Jahren durchgemacht haben, kann man - sicherlich ohne zu übertreiben - als äußerst realistischen Vorgeschmack auf die Hölle bezeichnen.

Gibt es Hoffnung für diese Stadt? Gibt es Trost und Heilung für diese leidgeprüften, zerschundenen Menschen? Gibt es ein Gegenmittel gegen den Haß, die Verbitterung und die Enttäuschung in ihren Herzen? Was will man eigentlich dort als Außenstehender aus dem wohlhabenden, fetten, "christlichen" Deutschland?

Gott sei Dank nehmen wir nicht nur uns selbst mit, wenn wir dorthin fahren. Wir haben ihnen die Botschaft zu bringen, daß da einer ist, der mehr als alle Menschen der Welt zusammen nachempfinden kann, wie ihnen zumute ist - die Botschaft von dem "Mann der Schmerzen", der "mit Leiden vertraut" ist. Wir haben ihnen die Nachricht zu bringen, daß Gott sie nicht vergessen hat, sondern daß ihre Situation eine Chance ist, neu auf ihn zu hören. Jemand muß ihnen sagen, daß Gott sie liebt und er deshalb in Christus selbst in dieses Elend hinabgestiegen ist, so tief wie niemand sonst. Sie müssen hören von dem Gott, der Wehklage in Reigen verwandelt und statt Trauerkleidern Freude schenkt. (Ps 30,11)

Wenn diese Liebe nicht Fuß fassen kann in ihren Herzen, welche Hoffnung gäbe es dann noch?

Die Verteilaktion

Während der 14 Tage, die wir in der Stadt waren, wurden 60.000 Traktate und ca. 50.000 Einladungen zur geplanten Vortragsveranstaltung verteilt, sowie einige hundert Plakate aufgehängt.

Während der größte Teil der Mannschaft in den Wohnbereichen unterwegs war versuchten wir, mit einigen Leuten im Zentrum der Stadt präsent zu sein, um hier Einladungen zu verteilen und möglichst mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Die Fußgängerbereiche sind mittlerweile wieder sehr stark frequentiert von Menschen, die einkaufen oder auch nur durch das Gewirr von Marktständen, Buden, Geschäften und Menschen bummeln, um sich die Zeit zu vertreiben.

Die Literatur fand durchweg reißende Abnahme. Wegen der Sprachbarriere waren eingehendere persönliche Gespräche eher selten.

Einige radikale Moslems meinten, durch mittelprächtige Handgreiflichkeiten und bösartige Drohungen ihrem Unmut Luft machen zu müssen. "Bringt ihr das Kreuz?", wollten sie wissen.

Ehrlicherweise konnten wir diese merkwürdig treffende Frage nicht verneinen und stießen damit offensichtlich nicht auf besondere Sympathie. Bis auf eine blutige Nase und ein weiches Knie ist allerdings nichts vorgekommen, obwohl wir anfangs Schlimmeres befürchtet hatten. Vorfälle wie diese blieben aber die Ausnahme. Der Herr hat seine Hand über uns gehalten und damit auch auf Gebete geantwortet.

Es ist bedeutend, daß man jetzt hier ungestört eine so groß angelegte evangelistische Aktion durchführen kann, denn sehr wahrscheinlich ist eine solche die erste seit vielen Jahrhunderten. Verfolgungen, Kommunismus und der Islam haben den vielen lebendigen Gemeinden, die es vordem hier gab, den Garaus gemacht.

Wir hatten 20.000 Exemplare von "Jesus unser Schicksal" mitgebracht, von denen ca. 10.000 sofort verteilt wurden. Sie waren jeweils mit einem Literaturgutschein versehen. Dadurch erhoffen wir, die Adressen der Interessierten zu erhalten. Diese können dann bei Wunsch auch über Bibelfernkurse betreut oder sogar besucht werden. Auch diese Bücher wurden gern genommen. Die Menschen sind erstaunlich freundlich und tolerant, besonders die jüngeren. Auf fast allen Gesichtern sind deutliche Spuren des durchlebten Schreckens zu sehen. In Gesprächen kommt immer wieder diese Not zur Sprache . Die meisten haben in diesem Krieg jemanden aus Familie oder Verwandtschaft verloren, viele haben hohe materielle Verluste zu beklagen.

Der Hilfstransport

Da es schwer ist, einem hungrigen Magen von Gottes Liebe zu erzählen, wurden wir von vier Trucks und einem PKW mit Anhänger mit ca. 65.000 kg Hilfsgütern von der BMO in die Stadt begleitet. Sie hatten eine sehr problematische Anfahrt hinter sich. Sieben Tage benötigten sie insgesamt. Über drei Tage mußten sie an der Grenze zu Herzegowina warten, weil irgendwelche Zöllner nicht in "Abfertigungsstimmung" waren. Die Trucker, von denen einige echt auf heißen Kohlen saßen, weil sie zum 2. Januar 1996 wieder zu Hause sein mußten, zeigten wirklich kühles Blut und rückten trotz allem Streß mit bester Laune in Sarajewo ein.

Unter Mithilfe von 20 Soldaten luden wir die Güter in Ermangelung von Gabelstaplern o.ä. von Hand ab, begleitet von großem Hallo der umstehenden Neugierigen, darunter vielen Kindern, die offensichtlich immer noch am besten "drauf" sind. Wir hatten eine Menge Spaß mit den "Banausen".

Die Verteilung geschah unter der Leitung der örtlichen Hilfsorganisation, mit der die BMO in Verbindung steht. Alles wird von einer zentralen Stelle für humanitäre Hilfe überwacht und koordiniert, so daß die Güter möglichst gerecht verteilt werden und nichts in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwindet.

Die Evangelisation

Ab dem 2. Januar begann dann die eigentliche Evangelisation. Im Kulturzentrum der Stadt war von einer Vorhut Anfang November ein großer Saal angemietet worden. Leider konnte derselbe, obwohl es ein sehr komfortabler und auch sonst kulturell genutzter Raum ist, nicht beheizt werden. Ich habe noch nie bei einem Vortrag eine so kalte Nasenspitze bekommen.

Trotzdem kamen im Durchschnitt pro Abend ca. 100 Leute, um Uwe Müller zuzuhören, der ihnen mit viel Umsicht und Taktgefühl die Botschaft zu vermitteln suchte. Er wird übersetzt von Thomas, einem Sprachstudenten aus Zagreb - er ist einer der Ersten, die sich dort bekehrt haben. Thomas macht die Übersetzungsarbeit vorbildlich und mit viel Engagement. Er ist Uwe eine unentbehrliche Hilfe. Ohne ihn könnte er wohl nichts ausrichten.

Anschließend wurden die Leute zu einer Fragerunde nach vorne eingeladen, und trotz der Kälte nahm immer eine große Gruppe von Leuten dieses Angebot an. Alle bekamen ein auf kroatisch übersetztes NT, ein Exemplar von "Jesus unser Schicksal" sowie einen Zettel, auf dem Name und Anschrift, Meinungen über die Veranstaltung und der Wunsch nach Teilnahme an einem weiterführenden Bibelkreis notiert werden konnten. Die Resonanz war erstaunlich. Nach der dritten Veranstaltung hatten sich schon ca. 50 Interessierte angemeldet! Man konnte feststellen, daß dieselben Leute immer wiederkamen, um zuzuhören. Viele ernsthafte Gespräche ergaben sich mit Leuten, die wirklich interessiert waren. Eines davon ist besonders bemerkenswert.

Mohammed, ein junger Student islamischer Theologie, offenbarte sich als einer, der vom Islam restlos enttäuscht und von der Botschaft sehr angesprochen war. Was ihn noch davon zurückhält zu konvertieren und Christ zu werden ist die Furcht vor Bekannten und Verwandten, die diesen Schritt höchstwahrscheinlich mit Repressalien quittieren würden. Er braucht dringend unser Gebet, damit er den Mut findet, die Entscheidung seines Lebens zu treffen. "Uwe, du mußt mich so lange besuchen, bis ich die Wahrheit angenommen habe", sagte er. Er steht stellvertretend für viele andere. Verfolgung durch strenge Moslime droht hier jedem, der sich offen vom Islam ab- und Christus zuwendet.

Da wir wußten, daß diese Veranstaltung bei etlichen radikalen Moslems große Verärgerung hervorgerufen hatte, befürchteten wir massive Störungen der Vorträge von dieser Seite. Aber auch hier waren unsere Sorgen überflüssig. Nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil: Jeden Abend gab es zwei Soldaten, die, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, vor und in dem Saal Wache standen und gleichzeitig offensichtlich interessiert der Botschaft lauschten. "Preis dem Herrn!"

Am letzten Abend wurde ein auf kroatisch synchronisierter Film über das Leben des Herrn Jesus nach dem Lukasevangelium gezeigt. Ca. 250 Leute kamen! Leider setzte nach der ersten Hälfte des Filmes einer der häufigen Stromausfälle ein und die Sache mußte in dem stockfinsteren Saal abgebrochen werden. Man muß den Film später noch einmal anbieten.

Zu dem angebotenen Bibelkreis, der jetzt schon einige Male stattgefunden hat und weiterhin zunächst 14tägig stattfinden soll, kommen zur Zeit ungefähr 30 Leute.

Es ist nicht zu übersehen: Gott ist dort am Werk. Das Missionsteam in Kroatien möchte diese offenen Türen unbedingt nutzen mit dem Ziel, dort bald eine Gemeinde zu gründen.

Gebetsanliegen

Wichtige Gebetsanliegen dazu sind:

- eine gute Betreuung des entstandenen Bibelkreises

- echte Bekehrungen (besonders von Menschen wie Mohammed, die in einer neuen Gemeinde dort "Schlüsselpersonen" sein könnten)

- daß der Herr Menschen bereit macht und dorthin sendet

- ein dauerhafter Frieden in Ex-Jugoslavien

- daß die Regierung sich nicht gegen das Evangelium entscheidet (sie macht bisher keinen Hehl daraus, daß sie einen streng moslemischen Staat will)

Lepa und das Leben in Sarajewo

Während unseres Aufenthalts lebten wir in einer Wohnung, die uns eine Frau (eine Bekannte einer Schwester in Split) aus freien Stücken für diese Zeit komplett zur Verfügung gestellt hatte. Lepa, so heißt sie, erzählte uns ein wenig über die Stadt, die Menschen und die Verhältnisse dort: Noch vor einem Jahr kostete ein kg Zucker ca. 60 DM, Mehl und Öl ungefähr genausoviel. Ein Kubikmeter Brennholz 500 DM! Die meisten Leute haben in der Zeit der Belagerung kein Geld verdienen können und nur von der unzureichenden Lebensmittelrationierung gelebt. Lepa sagte, sie habe in dieser Zeit über 20 kg an (notwendigem) Körpergewicht verloren. Mittlerweile haben sich die Preise ungefähr auf dem uns von Deutschland bekannten Niveau eingependelt. Aber auch das ist ja für die meisten Menschen hier viel zu teuer. Nur die absoluten Grundnahrungsmittel sind billiger.

Nach ihren eigenen Aussagen glaubt sie an gar nichts. Trotzdem hat sie uns ihr Hab und Gut in dieser Zeit zur Verfügung gestellt und uns nach Kräften unterstützt. Ich denke, sie ist einer von den Menschen, die nicht fern sind vom Reich Gottes.

Sie hat sich gefreut über unser häufiges Singen und so manches Gespräch auch über Glaubensfragen konnte geführt werden. Ihre bisherige Einstellung zum Herrn Jesus ist in dieser Zeit, glaube ich, wirklich ins Wanken geraten.

Wir sind alle sehr beeindruckt von dem, was der Herr in Sarajewo tut. Daß wir dabei mithelfen durften, erstaunt uns und macht uns froh.

Abgesehen davon war die Gemeinschaft mit den vielen hervorragenden Leuten über die ganzen 14 Tage eine außerordentliche persönliche Bereicherung. Zeitweise waren wir zu 21 Leuten in einer 3-Zimmerwohnung einquartiert; 1 Bad, 1 WC, laufend Strom-, Gas- und Wasserausfall; trotzdem immer gute Laune, keine Maulerei, etc; das geht, glaube ich, wirklich nur, wenn die Liebe zum Herrn uns gemeinsam für das eine große Ziel zusammenschweißt und wir das Reich Gottes an die erste Stelle setzen. Die Freude, die dabei aufkommt, ist eine der herrlichen Zugaben, die unser Herr dann für uns "auf Lager" hat und die auf keinem anderen Weg zu erlangen ist.

Was sagte einer auf der Rückfahrt?: "Was ist schon ein Erholungsurlaub, wo man 14 Stunden am Tag die Füße bequem von sich streckt (oder anderweitig dem Phantom Freude nachjagt (d.V.)) im Vergleich zu solch einem Erlebnis - Nichts!"

Nachtext

Quellenangaben