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Zeitschrift-Artikel: Ich liebte das freie Zigeunerleben ...

Zeitschrift: 73 (zur Zeitschrift)
Titel: Ich liebte das freie Zigeunerleben ...
Typ: Artikel
Autor: Morschla Kirsch
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 178

Titel

Ich liebte das freie Zigeunerleben ...

Vortext

Text

1921 wurde ich in Köll (Elsaß) als Zigeunerkind geboren - man nannte mich Morschla. Mein Vater war Korbhändler und Mutter ging in die Dörfer, um zu handeln. Wie es bei uns Zigeunern üblich war, ver-diente sie das meiste Geld durch Wahrsagen.

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im Wald und auf Reisen. Im Sommer hatten wir einen Handwagen, den wir Kinder schoben und der unsere wenigen Habseligkeiten beförderte: Zelte, Decken und Kochgeschirr. Im Winter kaufte Vater ein Pferd und das zog einen Wagen, den Vater selbst gezimmert hatte. Wir wohnten alle in einem Raum. Oben die Eltern und wir Kinder darunter auf Strohsäcken.

Wenn auch bei strenger Kälte unser Bettzeug an der Wand festfror, war es für uns Kinder doch eine herrliche Zeit. Wir liebten das freie Zigeunerleben in den Wäldern, am Lagerfeuer, in der schönen Natur der abwechslungsreichen Landschaft des Rheingebietes. Früher konnten wir mit unserem Wagen überall stehen, heute ist alles verboten. Weil wir Kinder nicht zur Schule gingen, habe ich nie lesen und schreiben gelernt.

Als ich etwa neun oder zehn Monate alt war, passierte etwas, was mein Vater mir erst erzählte, als ich zwölf Jahre alt war: Während Mutter im Dorf unterwegs war, um Brot zu verdienen, hatte Vater im Wald ein Feuer gemacht, um Fleisch darauf zu braten. Mich hatte er auf eine Wolldecke neben das Feuer gesetzt. Nun brauchte er noch einen Stock, um das Fleisch aufzuspießen. Als er ein paar Schritte in den Wald ging, war es schon geschehen: Ich war zur Glut gekrabbelt und hineingefallen. Voller Entsetzen wickelte mein Vater mich in ein Tuch und rannte mit mir zum nächsten Dorf, um Hilfe zu holen. Weit und breit gab es keinen Arzt, wohl aber Frauen, die besprechen konnten. Sie waren dann für uns Zigeuner oft Retter in der Not.

Eine dieser Frauen war gerade bei der Kartoffelernte, als sie meinen Vater mit dem Kind laufen sah. Sie rief ihn zu sich, murmelte ein paar Gebete über mir, machte ein paar Kreuze und beruhigte meinen dankbaren Vater, daß jetzt alles gut werden würde. Tatsächlich heilten die Brandwunden ohne Salbe schnell ab. Mein Vater wußte aber nicht, daß dieses Besprechen mit satanischen Kräften in Verbindung stand.

Kurz nachdem mein Vater mir diese Geschichte erzählte, passierte wieder ein Unglück am offenen Feuer. Beim Unterlegen des Holzes fiel ein Topf mit kochendem Wasser auf mein Knie und Bein. Als sie mir den handgestrickten Strumpf abzogen, klebte die ganze Haut daran. Wieder war eine alte Zigeunerin auf dem Platz zur Stelle, die über mir Gebete murmelte und Kreuze schlug. Das zweite Mal in meinem Leben wurden finstere Mächte zur Hilfe angerufen.

Als Wahrsagerin unterwegs

Als junges Mädchen ging ich oft mit Mutter und anderen Zigeunerinnen hausieren und wahrsagen durch Handlinien-lesen. Eine Frau konnte das besonders gut und ich dachte: "Morschla, das wäre nicht schlecht, wenn du das auch könntest." Mit den Jahren lernte ich das Wahrsagen immer besser und verdiente mir damit mein Brot. Ich habe Leute belogen und betrogen, wo ich nur konnte. Aber ich hatte keine Ahnung, in welch finstere Geschäfte ich mich eingelassen hatte. So wurde ich eine Wahrsagerin.

Mit 17 Jahren verlobte ich mich. Bald bekam ich auch ein Kind, aber mein Verlobter wurde in der Hitlerzeit eingesperrt und erschossen , weil er Zigeuner war. 1940 wurden auch wir anderen Sintis aus der Rheingegend in Köll auf einem großen Platz mit unseren Wagen zusammengetrieben und von da aus nach Polen verladen.

Mutter fragte: "Wo kommen wir hin?" Die Antwort der Nazis lautete: "Sie können hier ruhig alles stehen lassen, Sie brauchen nichts mitzunehmen. Sie bekommen da, wo Sie hinkommen, Häuser, Vieh und Land."

"Ach, wie schön!", freute sich Mutter, "endlich ein eigenes Häuschen und Land!"

Voller Erwartung kamen wir in Polen an und wurden dort in Dörfer einquartiert. Bald lasen unsere Leute auf einem Plakat: "Wer sich hier länger als 24 Stunden aufhält, wird erschossen. Bitte beim Bürgermeister melden."

Der Bürgermeister sollte uns in Judenghettos bringen. Wir hatten vorher nie etwas davon gehört. Mutter begann zu weinen, aber andere beruhigten uns: "Wir kommen doch zu den Deutschen, die lassen uns nicht im Stich. Wenn wir dorthin kommen, steht schon das Essen für uns bereit. "

Fünf Jahre im Ghetto

Tausende von ahnungslosen Sintis sind damals in dieses hochumzäunte, strengbewachte Ghetto zusammengetrieben worden. Bis in den Oktober hinein standen wir unter der Aufsicht der SS mit nackten Beinen im Moorwasser beim Torfstechen. Wir ernährten uns von gekochten Kartoffelschalen und grünen Kräutern. Fünf Jahre lang haben wir in Hunger, Angst und Kälte gelebt, bis die Russen und die Polen einmarschierten. Was laufen konnte, lief zu den überfüllten Zügen der deutschen Soldaten. So kamen meine Verwandten und ich wie durch ein Wunder 1945 wohlbehalten in Hamburg an, während Tausende meines Volkes in den Ghettos umgebracht wurden oder gestorben sind.

In Hamburg lernte ich meinen Mann kennen, wir heirateten und ich bekam noch vier weitere Kinder dazu. Oft waren mein Mann und ich betrunken und dadurch gab es immer Zank und Streit. Ich wollte immer Recht haben und kannte keinen Frieden. Es kam vor, daß ich mich auch mit anderen Frauen und Männern prügelte.

Von Schuld und Sünde hatte ich kein Bewußtsein. Meine Vorfahren waren alle Wahrsager, gingen mit okkulten Dingen um und ich war da hineingewoben. Als richtige Geschäftsfrau, mit allen Mächten ausgerüstet, um den Leuten durch Lüge und Wahrsagerei das Geld aus der Tasche zu ziehen, ging es uns damals wirtschaftlich gut.

Jeden Tag betete ich meine Heiligtümer an

Damals kam unsere Familie in Kontakt zu einer alten, gläubigen Zigeunerin, die eine Missionarin der Süd-Ost-Europa-Mission kannte. Diese Frau las meinen Verwandten aus der Bibel vor und mein Mann bat sie, auch einmal in unser Haus zu kommen. Während dieser Zeit war ich schwer krank und suchte Hilfe bei Homöopathen und Schäfer-Ast, einem Heilpraktiker in der Heide. Es wurde über mir gependelt und abgeschnittene Haare besprochen. Aber die Angst in mir wurde immer größer und ich konnte Tag und Nacht keinen Frieden finden. Während ich mich in diesem Zustand befand, kam damals die Missionarin in unser Haus. Nachdem sie uns etwas aus der Bibel gelesen hatte, wovon ich nichts verstand, führte ich sie die Treppe hoch in mein Schlafzimmer. Dort befand sich mein "Heiligtum", eine Art Altar, auseschmückt mit Marienbildern und heiligen Gegenständen, dem Erbe meiner Eltern. Dort kniete ich jeden Tag nieder und betete meine Heiligtümer an. Stolz zeigte ich ihr diese Schätze und sagte: "Nun siehst Du meinen Glauben." Die Schwester mit der Bibel in der Hand sagte kein Wort dazu und das war sehr weise, denn bei einer abfälligen Bemerkung wäre ich in der Lage gewesen, sie die Treppe hinunterzustoßen.

Nachdem wir eine größere Wohnung bekommen hatten, fragte mich diese Missionarin eines Tages. "Morschla, wärest Du bereit, Dein großes Zimmer für eine Kinderstunde freizugeben?"

Kinderstunde? - das hatte ich noch nie gehört. Ich konnte ja weder Lesen noch Schreiben und daher auch nicht in der Bibel lesen und so erklärte ich mich einverstanden, nahm meinen Stuhl und hörte gespannt zu, als die erste Kinderstunde begann. Ich war jedesmal gespannt auf die nächste Kinderstunde, neugieriger als die Kinder selbst. Für mich ging durch diese biblischen Geschichten eine neue Tür auf, ein Lichtstrahl fiel in mein dunkles Herz.

Sehnsucht nach Vergebung

Zum ersten Mal hörte ich von der Kreuzigung Jesu, davon, daß er sein Blut vergossen und sein Leben hingegeben hat für Sünder. Etwa drei Monate lang bewegte mich dieses gehörte Wort und es begann ein großer Kampf in mir. Der Herr Jesus sah mein Verlangen, ihn kennenzulernen, aber ich war regelrecht mit Satansketten gebunden. Immer mehr erkannte ich meine Verlorenheit, und mein Herz schrie nach Jesus und seiner Vergebung. Ich hatte eine solche Sehnsucht danach, daß keine Macht mich mehr aufhalten konnte. In dieser Auseinandersetzung war es, als wenn eine Stimme in der Zigeunersprache zu mir reden würde: "Morschla, Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch da."

Während diese innere Stimme zu mir redete und ich spürte, daß ich keine Angst haben brauchte, kam mein Mann von der Rennbahn, wo er fast jeden Sonntag sein Geld verwettete. Ich begrüßte ihn mit den Worten: "Ich möchte mein Leben heute mit Jesus Christus in Ordnung bringen. Ich kann nicht mehr so weiterleben, der Herr hat mich gerufen."

Mein Mann war völlig sprachlos und als kurz darauf die Missionarin mit der Bibel in der Hand zu uns kam, empfing ich sie mit den Worten. "Schwester, ich möchte gern mein Leben dem Herrn Jesus übergeben."

Nun machte auch sie große Augen und sagte: "Moschla, ist es Dir wirklich ernst?" Ich entgegnete mit fester Entschiedenheit: "Schwester, der Herr Jesus hat mich gerufen!" Und dann haben wir beide gebetet. Ich habe mein sündiges, dreckiges, schuldiges Leben dem Herrn Jesus übergeben und Vergebung erlangt. Ich wußte, daß ich aus der Finsternis in sein helles Licht gekommen war.

Das ist nun schon einige Jahrzehnte her, und ich habe es noch keinen Tag bereut. Meine Wohnung habe ich so ausgeräumt, daß Frauen- und Kinderstunden dort stattfinden können, und viele meiner Verwandten und Bekannten sind inzwischen zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus gekommen. Er errettet Menschen und ihm dienen ist die größte Freude auf dieser Erde. Ich danke dem Vater im Himmel, daß Er Seinen Sohn auf diese Erde gesandt hat, um zu retten, was verloren ist. Und dafür, daß der Herr Jesus sich hat senden lassen, habe ich ihn von ganzem Herzen lieb.

Nachtext

Quellenangaben