Zeitschrift-Artikel: Wenn Führer von ihrer eigenen Größe berauscht sind ...

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Titel: Wenn Führer von ihrer eigenen Größe berauscht sind ...
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Wenn Führer von ihrer eigenen Größe berauscht sind ...

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Text

Saul - und die Schwäche eines "guten" Charakters

Saul, der erste König Israels, schien alle Qualitäten zu besitzen, um ein idealer Führer des Volkes Gottes zu sein. Er kam aus "gutem Haus", sein Vater war ein wohlhabender Mann (1Sam 9,1) und wahrscheinlich auch ein gottesfürchtiger Israelit, denn er nannte seinen Sohn "Saul", d.h. "Erbeten".

Die Bibel berichtet, daß Saul durch sein attraktives Äußeres auffiel, er übertraf alle Männer Israels an Schönheit und Körpergröße.

Demut und Bescheidenheit

Trotz seiner Attraktivität scheint Saul ein bescheidener und demütiger Mann gewesen zu sein. Samuel stellte ihm später das schöne Zeugnis aus, daß er zum Zeitpunkt seiner Salbung zum König "klein in seinen Augen" war (15,17). Psychologen hätten ihm damals wahrscheinlich mangelndes Selbstwertgefühl oder Minderwertigkeitskomplexe bescheinigt.Tatsächlich schien ihn seine vornehme Herkunft nicht stolz gemacht zu haben, wie seine erstaunte Reaktion auf seine Berufung deutlich macht (9,21).

Positiv fällt weiter auf, daß er die großartige Erfahrung der Salbung zum König Israels und seine erste "Geisterfahrung" (10,9-10) für sich behielt. Auf die Frage seines Onkels berichtete er wohl von seinem Besuch bei Samuel, verriet aber mit keinem Wort das Geheimnis seiner Salbung.

In einer Zeit, in der viele Christen ihre kleinen und großen, wirklichen oder eingebildeten Gotteserfahrungen prahlerisch an die große Glocke hängen, um damit auf sich aufmerksam zu machen, ist es wohltuend, die Bescheidenheit und Zurückhaltung Sauls zu beobachten, der offensichtlich auf den Zeitpunkt seiner öffentlichen Anerkennung geduldig warten konnte.

Als schließlich kurze Zeit später Samuel das ganze Volk nach Mizpa versammelte, um durch Los-Entscheid den König zu ermitteln, mußte Saul aus seinem Versteck gezerrt werden, als das Los auf ihn fiel. Wir können gut verstehen, daß das Volk jauchzte, als Samuel begeistert ausrief: "Habt ihr gesehen, wen der Herr erwählt hat? Denn keiner ist wie er im ganzen Volk" (10,24).

Sein guter Charakter leuchtete auch auf, als sich die Opposition formierte und einige "Söhne Belials" ihre Verachtung Saul gegenüber offen aussprachen: "Sollte der uns ret ten?", spotteten sie und verweigerten ihm demonstrativ das obligatorische Geschenk "Aber er war wie taub"(10,27).

Nicht nachtragend

Den Charakter eines Menschen kann man sehr gut an seinen Reaktionen erkennen. Wie reagieren wir, wenn man uns nicht beachtet, uns verachtet oder beleidigt? Saul überhörte die verächtlichen Sätze seiner Gegner und notierte sie auch nicht in einem "Notizbuch für spätere Zeiten". Denn als man nach seinem ersten großen Sieg über die Ammoniter die Todesstrafe für jene "Männer Belials" forderte, zeigte Saul seine innere Größe und bewies, daß er nicht nachtragend war: "Niemand soll an diesem Tag getötet werden, denn heute hat der Herr Rettung geschafft in Israel" (11,13).

Kein Wunder, daß damals große Freude in Israel war (11,15). Sie hatten einen König, dessen Führerqualitäten mit Bescheidenheit und Demut verbunden waren.

Aber damit erschöpft sich auch die Aufzählung der guten Charakterzüge Sauls, denn ab Kap. 13 geht es mit ihm Schritt für Schritt abwärts. Bald hegte er Mordgedanken gegen seinen Sohn Jonathan und gegen David und es dauerte nicht lange, bis er seinen Spieß gegen diese beiden Männer schleuderte, zu deren Glaubenstaten Gott sich bekannt hatte. Man erkennt eine unsinnige Gesetzlichkeit (14,24) und geheuchelte Entschiedenheit in seinem Verhalten seinen Soldaten gegenüber (14,44), wie zu allen Zeiten Heuchelei und Gesetzlichkeit Hand in Hand zu gehen scheinen.

Schließlich trieb sein böses Herz ihn zu der Hexe von Endor, um sich von ihr Rat zu holen, weil Gott nicht mehr zu ihm redete. Wenige Stunden später wurde Saul im Streit mit den Philistern verwundet und beendete sein Leben mit einem tragischen Selbstmord.

Woran scheiterte Saul?

In 1Sam 13,4 lesen wir eine kurze Bemerkung, die tief blicken läßt. Damals hatte Jonathan die Philister geschlagen, aber Saul hatte sich mit Jonathans Sieg geschmückt und im ganzen Land ausposaunen lassen: "Saul hat die Aufstellung der Philister geschlagen..." Hier ist von Bescheidenheit und Demut keine Spur mehr vorhanden.

Wenige Verse später lesen wir, daß Saul neben der Bescheidenheit auch seine Geduld verloren hatte. Er sollte Israel nach Mizpa versammeln, wo Samuel opfern und sein Königtum bestätigen wollte. Samuel ließ Saul warten und als das Volk ungeduldig wurde und sich langsam aus dem Staub machte, wollte er eigenmächtig die Situation retten und seine Autorität unter Beweis stellen, indem er selbst opferte. Seine frühere Zurückhaltung und Abhängigkeit, die sich im Warten-können zeigte, war einem fromm scheinenden Aktivismus gewichen.

Schließlich lesen wir in Kap. 15, wie Saul offensichtlich Gottes Befehl mißachtete, indem er nach seinem Sieg über die Amalekiter gegen Gottes deutliche Anweisung den König Agak und das Beste vom Vieh für sich behielt. Natürlich hatte er für diesen Ungehorsam eine fromm scheinende Begründung zur Hand: man hatte das Beste vom Vieh verschont, um es dem Herrn zu opfern! Auch in diesem Kapitel geben zwei kurze Bemerkungen über den wahren Charakter Sauls Aufschluß. Zum ersten wird erwähnt, daß Saul sich nach seinem Sieg ein Denkmal errichtet hatte (15,12). Zweitens lesen wir, daß Saul, nachdem er aus dem Mund Samuels das Urteil Gottes über seinen Eigenwillen und seine Widerspenstigkeit hörte, nur noch einen Wunsch hatte: "Nun ehre mich doch vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel" (15,30).

Der Mann, der sich damals bei seiner Berufung zum König versteckt hatte, zeigte jetzt nur noch das Verlangen, sich selbst durch ein Denkmal im Bewußtsein des Volkes zu halten und sein angekratztes Image durch eine öffentliche Ehrung aus dem Mund des Propheten aufzupolieren.

Nach dem wunderbaren Sieg Davids über Goliath (Sauls Körpergröße und früherer Mut war angesichts dieses Riesen inzwischen jämmerlich zusammengeschrumpft!), hörte Saul den Jubelgesang der israelischen Frauen: "Saul hat seine Tausende erschlagen, David seine Zehntausende." Unmittelbar danach lesen wir die inhaltsschweren Worte: "Da ergrimmte Saul sehr...und Saul sah scheel auf David von jenem Tag an und hinfort" (18,8-9).

Von dieser Stunde an war der Tod Davids in Sauls Herzen beschlossen und von Neid, Eifersucht und Mordgedanken geplagt jagte er von nun an dem "Mann nach dem Herzen Gottes" nach, wie einem "Rebhuhn auf den Bergen", um den zu beseitigen, der "besser war als er" (15,28).

Was ist aus Sauls "guten" Charakterzügen geworden?

Echte Demut und Niedriggesinntheit beweist sich nicht in Situationen, wo wir wie Saul im Mittelpunkt der Volksgunst stehen. Sich zu verstecken, wenn alle uns begehren, ist nicht so schwer. Doch dann, wenn wir sehen, daß Gott andere als uns zum Segen des Volkes Gottes gebrauchen kann, zeigt sich, ob wir von dem gelernt haben, der "von Herzen demütig" ist und ob uns Gottes Ehre und das Wohl Seines Volkes wichtiger sind als wir selbst.

Mose konnte sich freuen, als er hörte, daß plötzlich einige junge Männer in dem Lager weissagten, das er selbst verlassen hatte. Paulus konnte sich sogar im Gefängnis freuen, als er hörte, daß einige Brüder das Evangelium predigten, um ihn zu ärgern. Johannes der Täufer war von Freude erfüllt, als seine Jünger ihn verließen, um dem Herrn Jesus nachzufolgen: "Er muß wachsen, ich aber abnehmen."

Wie wohltuend ist es, wenn wir in unserer Zeit des Gaben-Neides bei begabten Brüdern und Schwestern feststellen können, daß sie sich über die Fähigkeiten und Erfolge anderer Geschwister selbstlos und von Herzen freuen können.

Was fehlte in Sauls Entwicklung?

Wie mir scheint, ist Saul in seinen jungen Jahren nie durch die schmerzliche Schule der Demütigung und des Zerbruchs gegangen. Wohlbehütet aufgewachsen wurde er praktisch über Nacht mit Ehre und Ruhm überschüttet und das ist mehr, als ein Mensch normalerweise ertragen kann.

Führer des Volkes Gottes wie Mose, Josef, David usw. wurden von Gott in der Wüste und Einsamkeit geschliffen und zubereitet. Gott benutzte Verleumdung, Ablehnung und Verfolgung von seiten ihrer Brüder, um diese Männer von Eigendünkel, Hochmut und Selbstvertrauen zu befreien. Sie lernten in der Wüste Juda oder im Gefängnis des Pharao die Abgründe ihrer eigenen Herzen kennen. Dort verloren sie ihre Ambitionen nach Macht und Anerkennung und das bewahrte sie davor, in späteren Zeiten die ihnen verliehene Autorität zu mißbrauchen, um ihre eigene Macht zu festigen und sich selbst Denkmäler zu bauen.

Der wohl größte Erweckungsprediger der letzten Jahrhunderte, George Whitefield, schrieb vor etwa 250 Jahren:

"Ich stelle fest, wie die Liebe zur Macht oft sogar Gottes geliebte Kinder vergiftet und sie verleitet, Leidenschaft mit Eifer und herrisches Gebaren mit göttlich gegebener Autorität zu verwechseln. Ich für meinen Teil finde es weit besser, zu gehorchen, als zu regieren, und daß es sicherer ist, niedergetreten zu werden, als die Macht zu haben, andere niederzutreten."

Es entsprach der Grundeinstellung des Reformators Johannes Calvin, daß er anordnete, sein Grab unbeschriftet und damit unerkennbar zu lassen. Der bekannte Erweckungsprediger C.H. Spurgeon wünschte, daß nur die Initialen C.H.S. sein Grab kennzeichnen sollen und von Pastor Wilhelm Busch wissen wir, daß er ausdrücklich wünschte, daß man nach seinem Tod keine Biographie über ihn verfassen möchte.

In dankbarer Erinnerung des Volkes Gottes bleiben nur solche Männer und Frauen, die Gott in Seiner Erziehungsschule zu solchen gemacht hat, deren Herzensanliegen es ist, Gott zu ehren, ihre Mitgeschwister höher zu achten und sich selbst dabei zu vergessen.

"Die mich ehren, werde ich ehren und die mich verachten, werden geringgeachtet werden" (1Sam 2,30).

"Mein Name soll vergessen und von allen Menschen niedergetreten werden, wenn nur Jesus dadurch verherrlicht wird,

Mein Name möge allenthalben sterben, meine Freunde mögen mich vergessen, wenn dadurch die Sache des gepriesenen Jesus vorangetrieben wird.

Ich will Seelen nicht zu einer Partei führen, sondern zu einem Empfinden ihrer Verlorenheit und zum wahren Glauben an Jesus Christus.

Was ist Calvin, was ist Luther? Laßt uns über alle Namen und Parteien hinwegblicken und laßt uns in Jesus unser ein und alles sehen, damit Er gepredigt werde. Was kümmert 's mich, wer obenauf schwimmt? Ich weiß, welches mein Platz ist: der Diener aller zu sein. Ich will keine Leute haben, die sich nach meinem Namen nennen."

George Whitefield (1714 - 1770)

Nachtext

Quellenangaben