Zeitschrift-Artikel: "Schnorren" und "anschaffen" - Zigeunerleben ist nicht lustig ...

Zeitschrift: 80 (zur Zeitschrift)
Titel: "Schnorren" und "anschaffen" - Zigeunerleben ist nicht lustig ...
Typ: Artikel
Autor: Laura B.
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 204

Titel

"Schnorren" und "anschaffen" - Zigeunerleben ist nicht lustig ...

Vortext

Text

1952 wurde ich in eine katholische Familie hineingeboren. Doch wir waren keine praktizierenden Gläubigen und ich wuchs ganz gottlos auf. Schon früh lernte ich in einer Diskothek meinen jetzigen Mann, einen Zigeuner, kennen. Kann eine Beziehung und eine Ehe zwischen einer Deutschen und einem Sinti gutgehen? Von beiden Seiten der Verwandtschaft wurde ernsthaft gewarnt. Aber ich heiratete doch!

Diebeszüge

Da ich schon als junges Mädchen öfter etwas aus den Geschäften mitgehen ließ, fiel es mir nun in unserer Ehe auch nicht besonders schwer, alles zusammenzuklauen, was wir brauchten. Wir haben uns mit allem "bedient", was uns gefiel und was wir an unsere Sippe weitergeben konnten. Mein Gewissen habe ich damit beruhigt, daß ich ja für meine Lieben ranschaffen mußte. Es galt ja einem "guten Zweck", wenn z.B. ein Verwandter aus dem Gefängnis kam und mittellos dastand. Und wer sollte schließlich unsere Kinder versorgen. Nicht, daß mir das Klauen leichtfiel, ich hatte immer Angst dabei. Ich war ein gequälter Mensch - gefangen im Bösen - und fand Tag und Nacht keine Ruhe. Und dieses Leben hinterließ Spuren - ich sah aus wie eine alte Frau, blaß, abgemagert, knochig.

Wenn ich nachts abgezehrt von den langen Autotouren nach Hause kam und das Geklaute nicht den Vorstellungen meines Mannes entsprach, gab es psychischen Terror. Meistens war noch Alkohol im Spiel, und ich konnte als "gute Gastgeberin" oft noch die betrunkenen Freunde bekochen und beherbergen. Es war ein elendes, gebundenes Leben. Meistens fuhren wir zu zweit, eine andere Zigeunerin und ich, durch ganz Deutschland. Wir hatten es in unseren großen Städten wie Berlin, Düsseldorf, München, usw. auf die Pelzgeschäfte abgesehen, auch auf wertvolles Porzellan wie "Meißener". Zu diesem Zweck schafften wir uns "Klauhosen" an, enge Miederhosen, welche die Ware ganz eng an den Körper preßten. In Windeseile hatte ich einen langen Pelzmantel zusammengewickelt und unter dem Rock verschwinden lassen. Weniger als eine Minute dauerte dieses Geschäft. Einmal ließ ich einen Baby-Luchs-Mantel im Wert von 140.000 DM verschwinden. Verkaufen konnten wir ihn nur für 8.000 DM, und das wurde noch geteilt; denn wir waren immer zu zweit. Manchmal war unser Auto mit mehreren wertvollen Pelzmänteln beladen, dazu mit Lederbekleidung, teuren Kindersachen und Porzellan. Da meine "Mitstreiterin" nicht lesen konnte, mußte ich die ganze Zeit fahren. Kann man sich vorstellen, auf diese Weise 14 Jahre zu verbringen, ohne erwischt zu werden?

Gott greift ein

Es ist mir heute noch unverständlich, wie während all dieser Jahre des Elends eine ganz andere Linie in mein Leben trat, die mich verfolgte, nicht mehr losließ und schließlich siegte. Der lebendige Gott hatte schon lange Ausschau nach mir gehalten, er wollte mich da herausführen, befreien und mir seine Liebe zeigen - er wollte sich um eine wie mich kümmern!

Die Süd-Ost-Europa-Mission arbeitete seit Jahren in Hamburg unter Zigeunern. Die Missionarinnen besuchten die Sintis und stärkten gläubig gewordene durch Bibellehre und Gebet. In unserer Nähe wohnten liebe, vorbildlich lebende Zigeuner-Eheleute. Diese erzählten mir immer wieder aus der Bibel und lebten ihren Glauben vor meinen Augen aus. Sie waren mir wie Eltern. Nun, ich war noch weit davon entfernt, mein Leben zu ändern, aber gehört hatte ich genug. Ich wußte einiges über Jesus Christus, den Sohn Gottes, über sein vergossenes Blut am Kreuz, über Vergebung -aber es hatte noch keine Bedeutung für mich persönlich.

Als wir etwa sechs Jahre verheiratet waren, wurde ein Verwandter zuckerkrank. Andere Komplikationen kamen hinzu. Unsere Verwandten besannen sich auf einen "Pendler", der angeblich Kranke heilen konnte. Die Sitzung kostete 1.000 DM. Und da es mehrere Sitzungen sein mußten, bei denen bependelte Tücher auf den Kranken gelegt wurden, mußte ich das Geld dafür ranschaffen. Inzwischen hatte ich mehr Kontakt zu gläubigen Zigeunerfamilien bekommen. Diese warnten mich sehr: "Laura, du gehst für den Teufel klauen. Der Teufel belastet dich und deine Kinder bis hin ins dritte und vierte Glied!" Das saß! Nie wieder wollte ich klauen gehen. Ich entschloß mich, ganze Sache mit Gott zu machen.

Die Krise

Seitdem der Pendler in unserer Wohnung war, fing es bei uns an zu spuken. Der Teufel schläft nicht, wenn er seine Beute entschwinden sieht. Er schickte einen "Engel des Lichts", einen Verwandten, der mich beruhigte: "Laura, wir haben einen großen Gott (Barodewel). Sollte der das bißchen Klauen nicht vergeben. Der weiß doch, daß du deine Familie damit versorgst." "Du hast recht", sagte ich erleichtert, und der ganze Druck und die ganze Angst fielen von mir ab. Weitere neun Jahre der Sünde und des Elends folgten. Die Zeit für Gott war noch nicht reif.

Als Folge einer schweren Schlägerei kam mein Mann ins Gefängnis, und ich mußte für meine Kinder ranschaffen. In lichten Momenten begann ich ein Zwiegespräch mit mir selbst: "Laura, der Herr Jesus will nicht, daß du so weitermachst. Er wird schon eines Tages dafür sorgen, daß du das nicht mehr brauchst." Es bestätigte sich schon nach ein paar Wochen: Unser Baby wurde ernstlich krank. Das konnten wir doch jetzt nicht gebrauchen! Wir wollten doch Geld verdienen! Aber unser Kind ging uns vor, und so wurde aus einer größeren Reise nichts. Als das Geld knapp wurde, mußte ich mich schweren Herzens wieder auf eine Tour nach Frankfurt begeben. Ich hatte an diesem Tag Todesangst. "Herr Jesus", bat ich, "mein Kind ist zu Hause, hilf ihm! Eines Tages will ich aufhören!" Ich hatte an diesem Tag "gut geschnorrt" und kam mit vier Mänteln nach Hause - aber völlig entnervt und kaputt.

Erwischt!

Nach zwei Tagen ging's mit der Freundin nach West-Deutschland. Aber mein Gewissen war längst erwacht, das Wort Gottes hatte seine Wirkung getan. Immer deutlicher wurde mir: "Es ist Sünde, Laura, was du da tust, hör auf!" So kam zu der Angst, erwischt zu werden, auch noch der Schrecken Gottes über mich und die Sorge um mein Kind. An diesem Tag war ich entsprechend niedergeschlagen, aber das Geschäft gelang trotzdem. Der ganze Wagen war voll von wertvollen Artikeln. Es war bereits 18 Uhr, da sagte meine Freundin: "Laß uns doch noch in dieses Geschäft gehen, wenn wir schon hier sind!" Und an diesem Abend passierte es. Ich hatte wieder einen Pelzmantel "geschnorrt", als mir beim Rausschleichen aus dem Geschäft ein junger Mann gebot: "Halt! Bleiben Sie stehen!" Ich war erwischt und es ist kaum zu glauben - erleichtert. Endlich erwischt, endlich offenbar, endlich hat Jesus eingegriffen! So empfand ich es. Warum ich damals nur mit einer Geldstrafe von 300 DM weggekommen bin, warum sie unser Auto nicht beschlagnahmten, ist mir heute unverständlich. Von diesem Tag an hatte ich eine große Scheu zu klauen. Es kam hin und wieder vor, aber der lebendige Gott gewann immer mehr Raum in meinem Denken. Ich begann, regelmäßig einen christlichen Kalender zu lesen, und dann hieß es in mir: "Laura, wenn du das Blatt lesen kannst, warum liest du nicht in der Bibel?" Während des Lesens im Wort Gottes fand ich mich überall schuldig: "Laura, das bist du: eine Diebin, Lügnerin, gottlos, in jeder Beziehung schuldig vor Gott und vor Menschen; von Kopf bis Fuß nichts Gutes an dir, alles trifft auf dich zu!" Nun begann ein schrecklicher Kampf in mir. Eines Morgens saß ich in der Küche und ließ meine Augen ringsum schweifen: Alles, was ich sah, war geklaut. "Laura, selbst das, was du anhast, ist gestohlen. Kann Gott einem solchen Menschen überhaupt vergeben? Wie willst du überhaupt zu Gott kommen, dir gehört rechtmäßig nicht ein Faden!" 

Dann kam die Stimme des Bösen: "Laura, steck das Haus an, dann verbrennt der ganze Plunder, dann bist du wenigstens diese Sorge los! Und das sündhafte Zeug ist von deinen Augen weg!" Ich nahm Streichhölzer und stand vor dem Gasofen im Keller. Wieder eine Stimme: "Laura, wenn du das tust und es als Unfall meldest, ist es Versicherungsbetrug und du bringst außerdem noch andere Menschen in Gefahr. Laura, wenn ich dir vergebe, dann bist du frei!" Das war die Stimme Gottes, und ich wurde ruhiger. In der Nacht setzte wieder ein Kampf ein: "Laura, wenn du dich bekehrst, wird dein Mann sich von dir trennen!" Doch Gottes Stimme wurde eindringlicher: "Hör nicht auf Menschen, Laura, sondern vertrau mir! Ich mache alles gut."

Die Wende

Als meine Tochter von der Schule kam, las ich auf ihrem T-Shirt: "Heute ist dein Tag!" Ich wußte, Gott ermutigt mich damit, den Schritt zu Ihm gleich sofort zu wagen, nicht mehr länger zu warten. Ich lief zu meinen lieben gläubigen Nachbarn und bekannte vor Gott und Menschen meine ganze Schuld. Ich brauchte mich vor ihnen nicht zu schämen, weil sie vor ihrer Bekehrung ähnliches durchgemacht hatten.

Das war der Anfang eines ganz neuen Lebens, ein Leben mit dem Herrn Jesus- die Chance, noch einmal neu zu beginnen! Viel Hilfe habe ich in den ersten Jahren noch gebraucht, aber nun kann ich mit Freude sagen: "Die Wüste und Einöde wird sich freuen, und die Steppe wird frohlocken und blühen wie ein Narzissen feld" (Jes. 35,1). Der Herr hat aus einer durchtriebenen und unglücklichen Diebin eine vollkommen neue Kreatur gemacht. Jetzt darf ich Ihn lieben und Ihm dienen ich bin der Hölle entronnen, meine Füße stehen auf einem Felsen. Und der Fels heißt: Jesus Christus.

Nachtext

Quellenangaben