Zeitschrift-Artikel: G.A. Pritchard:Willow Creek - die Kirche der Zukunft?

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Titel: G.A. Pritchard:Willow Creek - die Kirche der Zukunft?
Typ: Buchbesprechung
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

G.A. Pritchard:Willow Creek - die Kirche der Zukunft?

Vortext

Text

Diese sorgfältige, faire und scharfsinnige Darstellung von Bill Hybels und Willow Creek scheint mir eine der wichtigsten und aktuellsten Veröffentlichungen der letzten Monate zu sein.

Der Autor - Soziologe, Historiker und Theologe - hat ein Jahr in Willow Creek gelebt, in dieser Zeit alle Gottesdienste und sonstigen Veranstaltungen besucht und aufgezeichnet und viele Gespräche mit leitenden Mitarbeitern, Mitgliedern und Besuchern geführt und ausgewertet, bevor er dieses Buch (eine Dissertation) herausgegeben hat.

Pritchard hat als Wissenschaftler und Christ vorurteilsfrei Willow Creek untersucht und es ist überaus wohltuend, eine solch faire, im Geist der Achtung, Liebe und Aufrichtigkeit geschriebene Arbeit zu lesen, die im Grunde nicht nur eine Analyse und Beurteilung von Willow Creek, sondern auch der Evangelikalen unserer Tage ist.

Im ersten Teil des Buches - der etwa zwei Drittel des Inhalts ausmacht - schildert der Autor die Geschichte Bill Hybels und Willow Creeks, das Anliegen, die Methoden, die verschiedenen geistlichen und geistigen Einflüsse, die Willow Creek geprägt haben, die Resultate der Arbeitsweise, die Krisen, Rückschläge und Erfolge.

Dieser erste Teil wird wahrscheinlich bei Willow Creek-Freunden erstaunte Zustimmung finden und bei Kritikern Stirnrunzeln hervorrufen. Pritchard zeigt, was jeder Christ von Willow Creek lernen kann und lernen sollte und kommt zu dem Ergebnis: "Bill Hybels und seine Mitarbeiter und Helfer sind für ihre hingegebenen Anstrengungen, das Evangelium weiterzusagen, sehr zu loben...Wir sollten sie in Ehren halten für ihre Anstrengungen und wegen der Frucht, die aus ihrer Arbeit hervorgegangen ist. Der Herr hat sie gebraucht und braucht sie noch" (S. 198).

Mir scheint es wichtig zu sein, daß gerade die Kritiker Willow Creeks diese Kapitel lesen, denn "bevor wir unsere evangelikalen Verwandten kritisieren, sollten wir sie verstanden haben" (5.12).

Umgekehrt wird die Reaktion der Leser sein, wenn der Autor im zweiten Teil die Fakten analysiert und auswertet. Hier kommt Pritchard zu einem schockierenden Ergebnis:

"Während Hybels einerseits die Menschen aus der Welt zum Christentum evangelisiert, evangelisiert er ironischerweise anderseits auch Christen zur Welt" (S. 232).

"Das Evangelium ist kein BigMac, und Jesu Sterben war nicht der erste Schritt einer Markteroberung...Gottes Liebe wird von den Machenschaften einer globalen Marktstrategie verdunkelt. Das ist eine moderne Mutation des Evangeliums" (S. 243)

"Die unbequemen oder unbeliebten Aspekte der christlichen Botschaft werden von der Marketingmethode glattrasiert" (5. 246).

"Die Evangelikalen haben zu weiten Teilen ihren Blick für die Heiligkeit des Herrn verloren. In unserer pragmatischen Zeit und Kultur stehen wir in der Versuchung, Gott lediglich als Mittel zum christlichen Leben zu sehen" (5. 267),

Diese Zitate machen deutlich, daß es hier nicht nur um eine Beurteilung von Willow Creek geht. Im Grunde wird dem Evangelikalismus unserer Tage ein Spiegel vorgehalten, der deutlich den Substanzverlust und die Abkehr von einem biblischen Christentum deutlich macht. Pritchard zeigt, wie wir uns alle mehr oder weniger in einem Morast von Psychologie befinden, dem Zeitgeist erliegen und von einem unbiblischen Subjektivismus benebelt sind.

Pritchard beendet seine Analyse mit folgendem bedenkenswerten Satz: "Ohne die Erneuerung unseres Denkens zu einem konsequenten, bisweilen schwierigen christlichen Denken werden wir uns weiter unbewußt, aber tiefgreifend von der uns umgebenden Kultur der breiten Masse prägen lassen" (S. 284).

Mir hat dieses Buch Klarheit über die Ursachen und Hintergründe mancher aktueller Entwicklungen in evangelikalen Gemeinden gegeben und ich kann diese wichtige Arbeit - ein Musterbeispiel für geistliche Kritik und Beurteilung - mit großem Nachdruck jedem empfehlen, dem die Ehre Gottes und das Wohl

Seiner Gemeinde auf dem Herzen liegen.

Nachtext

Quellenangaben

CLV, Pb., 318 S., DM 24,80