Zeitschrift-Artikel: Wenn Führer zu Verklägern der Brüder werden... oder: Von der Schwäche eines "guten" Charakters (4. Teil)

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Titel: Wenn Führer zu Verklägern der Brüder werden... oder: Von der Schwäche eines "guten" Charakters (4. Teil)
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Wenn Führer zu Verklägern der Brüder werden... oder: Von der Schwäche eines "guten" Charakters (4. Teil)

Vortext

Text

"Oder wißt ihr nicht, was die Schrift bei Elias sagt? Wie er vor Gott auftritt wider Israel: Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben und sie trachten nach meinem Leben." (Röm 11,2-3)

Fast immer deckt Gott den Mantel des Schweigens über die Sünden und Schwächen seiner alttestamentlichen Heiligen, wenn sie im Neuen Testament erwähnt werden. Selbst ein farbloser Mitläufer wie Lot, von dem im ersten Buch Mose auch nicht eine positive Tat berichtet wird, bekommt zu unserem Erstaunen das Zeugnis, daß er gerecht war und "Tag für Tag seine gerechte Seele" in der gottlosen Umgebung Sodoms quälte. (2Petr 2,7-8)

Wenn nun die Sünde eines der gewaltigsten Propheten des Alten Bundes in Römer 11 ausdrücklich beim Namen genannt wird, sollte uns das zu denken geben!

Nun sind wir allerdings keine "Männer Gottes" wie Elia und so scheint es fast an Vermessenheit zu grenzen, wenn wir uns als geistliche Winzlinge über die Schwächen dieses Glaubenshelden Gedanken machen. Wir wollen mit dem nötigen Respekt die Achillesferse dieses Mannes besehen und dabei nicht vergessen, daß er nicht eines natürlichen Todes starb, sondern von Gott in einem Triumphzug von dieser Erde entrückt und in seine Gegenwart gebracht wurde.

Der Sieg auf dem Karmel

Diese großartige Geschichte ist uns von klein auf gut bekannt. Wir sehen Elia hier auf dem Zenit seines Lebens. Der rückgratlose König Ahab, der ein Kopfgeld auf den verhaßten Propheten ausgesetzt hatte, mußte auf den Befehl Elias seine 850 gekauften Staatspropheten samt dem Volk Israel auf den Berg Karmel versammeln, wo es zu der bekannten Feuerprobe kam. Dort stand Elia furchtlos und allein gegen eine gewaltige Menschenmenge und kämpfte für die Ehre Gottes. Und Gott bekannte sich zu seinem treuen Zeugen: Auf das Gebet des Elia fiel Feuer vom Himmel und verzehrte das Brandopfer.

Als Reaktion darauf fiel das erschütterte Volk auf die Knie und rief immer wieder: "Der Herr ist Gott!", was in der hebräischen Sprache so etwa geklungen haben muß wie "Elija", denn das war die Bedeutung seines Namens.

Spontan darauf folgte eine radikale Abkehr von dem Baal-Kult: alle Propheten des Baal wurden getötet. Ahab, dem offensichtlich nach diesem Ereignis der Appetit noch nicht vergangen war, ging auf den Befehl Elias "hinauf, um zu essen und zu trinken", während Elia auf den Gipfel des Berges stieg, um dort Regen für das ausgedörrte Land zu erbitten. Wie so oft erhörte Gott das inbrünstige Gebet seines Propheten. Bald wurde der Himmel schwarz vor Wolken und es goß in Strömen als Zeichen dafür, daß die dreieinhalbjährige Gerichtszeit nun beendet war - "der Himmel gab Regen, und die Erde brachte Frucht hervor" (Jak 5,18).

Welch ein denkwürdiger Tag in der Geschichte Israels und im Leben des Elia! Eine neue Epoche schien begonnen zu haben: Die Götzenpriester waren gerichtet, das Volk gab Gott die Ehre und Gott antwortete mit Segen.

Elia, ein Mann, der "vor Gottes Angesicht stand", eine Persönlichkeit, wie aus Granit gehauen, ohne Menschenfurcht für Gottes Ehre kämpfend, ein glaubensvoller, vollmächtiger Beter, ein Mann Gottes!

Der Tag danach

Doch "der größte Glaube und der schwächlichste Unglaube sind oft nicht weit voneinander entfernt" (Jakob Kröker). Nur wenige Stunden später sehen wir Elia, wie er fluchtartig das Land verläßt und in die Wüste flieht.

Die gottlose Königin Isebel hatte die Nachricht vom Tod ihrer Lieblingspropheten bekommen und sofort reagiert: Sie schwor blutige Rache und schickte einen Boten zu Elia mit der Botschaft, daß seine Stunden gezählt seien.

"Als er das sah, machte er sich auf und ging fort um seines Lebens willen..."

Elia, der bisher vor Gott gestanden und niemals Menschenfurcht gezeigt hatte, flieht hier vor der Drohung einer Frau, die - wie es scheint - in ihrer maßlosen Wut recht unklug handelt, indem sie Elia vor ihrem Mordanschlag noch eine Warnung zukommen läßt und ihm damit die Möglichkeit zur Flucht gibt. Oder wollte sie nur seine Standhaftigkeit und seinen Mut testen?

Deutlich wird in dieser Geschichte jedenfalls, daß unsere schwache Stelle sich oft genau dort befindet, wo wir unsere Stärke vermuten.

"Der Mann, der vor Königen und Generälen, vor Priestern und Pfaffen, der einer gegen zehntausend gestanden hat wie ein Fels, wird weich in den Knien vor dem Billet einer tyrannischen Despotin...So endet der gewaltige Tag auf dem Karmel mit dem alles vernichtenden Haß einer Frau, die entschlossen ist zum Äußersten und mit der jämmerlichen Flucht eines Eiferers, der Gott aus der Schule läufta(Hans Dannenbaurn).

Deprimiert und lebensmüde

Mit sich und der frommen Welt fertig, legt sich Elia in der Einsamkeit der Wüste unter einen Ginsterstrauch und spricht ein Gebet, das tief blicken läßt, aber von Gott dieses Mal nicht erhört wird: "Es ist genug; nimm nun, Herr, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter."

(Leider haben wir keine Zeit und keinen Platz, um Gottes wunderbare und weise Seelsorge an seinem müden Knecht zu betrachten. Hier schickt er keine Raben, um die Not seines Propheten zu beheben, sondern er selbst kümmert sich um ihn, gibt ihm zu essen und zu trinken und gönnt ihm etwas Ruhe.

Erst später, auf dem Berg Horeb, in seiner Gegenwart stellt Gott ihm Fragen, die sein Inneres aufdecken und seinen verdrehten Seelenzustand offenbaren, indem er sich selbst, seine Umgebung und das Volk Gottes falsch beurteilt.

Elia, der bisher für Gottes Ehre eintrat ist nun nur noch mit sich selbst beschäftigt: "Ich habe sehr geeifert für den Herrn...ich allein bin übriggeblieben...sie trachten danach, mir das Leben zu nehmen..."(1Kö 19,10 und 14).

Er hat nur noch einen Spruch aufzusagen, den er zweimal wehleidig als Klage lied ableiert. Ich, meiner, mir, mich!

Immer dann, wenn wir uns zu viel mit uns selbst beschäftigen, werden wir entweder hochmütig oder depressiv.

Falsche Selbsteinschätzung

Wenn wir jetzt kurz über die Schwachpunkte dieses Mannes nachdenken, fällt uns zuerst auf, daß sein Gebet unter dem Ginsterstrauch deutlich macht, in welchem Dünkel er bisher gelebt hatte, nämlich besser zu sein als seine Väter.

Ob ihm der Sieg auf dem Berg Karmel zu Kopf gestiegen war?

Hatte sich sein Herz erhoben, als er sah, wie Gott auf seine Gebete antwortete?

Bildete er sich aufgrund der Wunder Gottes in seinem Leben ein, etwas Besonderes zu sein?

Es scheint bis in unsere Tage die Gefahr aller Männer und Frauen Gottes zu sein, die zu scharfem Urteil, zur Askese und zum Einzelgängertum neigen, daß ihr Horizont verengt ist, sie ihre eigenen Herzen zu wenig kennen und sich daher im Vergleich mit anderen Christen überschätzen.

Elisa, der Nachfolger des Elia, war im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein Gemeinschaftsmensch, der immer junge Männer um sich scharte, unter dem Volk Gottes lebte und sich um die Probleme anderer Leute kümmerte. Ihm blieb diese demütigende Lektion des Elia erspart, weil er keinen Grund sah, sich "besser als seine Väter" einzuschätzen.

Im Zusammenleben mit dem Volk Gottes schleifen wir uns gegenseitig Ecken und Kanten ab und die vielfachen Demütigungen haben zum Ziel, uns nüchtern und bescheiden in der Selbsteinschätzung zu machen.

Für aufkeimenden Stolz und Überheblichkeit hat der Herr ein wirksames Heilmittel bereit: er überläßt uns einige Augenblicke uns selbst, damit wir aus Erfahrung lernen, daß in uns nichts Gutes wohnt und kein Grund für Selbstvertrauen vorhanden ist.

"Alle Erziehungswege Gottes mit uns zielen auf die Erkenntnis jener großen Wahrheit hin: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (Jakob Kröker)

Welch ein Segen geht von Männern und Frauen aus, die - bei aller Begabung -in der Schule Gottes Demut und Bescheidenheit gelernt haben.

Ein Biograph schrieb über die Demut des gewaltigen, außergewöhnlich begabten Erweckungspredigers George Whitefield folgende Worte:

"Die Ursache dafür liegt in seiner niedrigen Einschätzung seiner selbst...Keiner war ärmeren Geistes als er; keiner sah sich mehr als Knecht aller an als er; keiner war mit größerer Dankbarkeit und Verwunderung erfüllt, wenn ihm die geringfügigste Freundlichkeit von der bescheidensten Person erwiesen wurde. Er dachte, es sei seine Sache, jedermann zu dienen, ihre Lasten zu tragen und über ihre Verluste zu weinen, aber er schien nie daran gedacht zu haben, daß sein Bruder ihm gegenüber unter der gleichen Verpflichtung stand..." siehe: B, Peters: George Whitefield, CLV, 5. 336).

Eine falsche Einschätzung des Volkes Gottes

Immer dann, wenn wir nicht mehr "vor Gott", sondern vor Menschen oder uns selbst stehen, schätzen wir auch unsere Umgebung falsch ein. Elia wird zum ungerechten Ankläger seiner Brüder. Seine falsche Selbsteinschätzung machte ihn blind für die Tatsache, daß ein Obadja da war, der "Gott sehr fürchtete" (1Kö 18,3) und unter Lebensgefahr 100 Propheten Gottes versteckte und versorgte, denen Elia bisher offensichtlich wenig Beachtung geschenkt hatte. Ganz zu schweigen von den 7000, die "ihre Knie nicht vor dem Baal gebeugt haben".

Er sieht nur noch Gegner und Feinde und unterstellt seinen Brüdern Götzendienst, Untreue und Mordabsichten, obwohl doch nur eine heidnische Königin nach seinem Leben trachtete und Elia vor wenigen Stunden noch Augenzeuge der Tatsache war, daß das Volk sich vor Gott gedemütigt und als Zeichen seiner Umkehr die falschen Propheten gerichtet hatte.

Wie hart, ungerecht und bitter urteilen wir, wenn wir die falsche Brille aufhaben!

Gott hat diese anklagende Haltung des Elia im Neuen Testament deutlich verurteilt, weil Elia in seiner falschen Herzenshaltung etwas tat, was der Teufel, der "Verkläger der Brüder", laufend praktiziert.

Welch ein Kontrast wird deutlich, wenn wir an Mose denken, der Jahrhunderte vor Elia auf dem gleichen Berg in der Gegenwart Gottes stand. Er hatte nicht das tatsächlich in Sünde und Götzendienst gefallene Volk Gottes verklagt, sondern für das Volk Fürbitte getan.

Auch er war bereit zu sterben, aber nicht weil er lebensmüde und enttäuscht war, sondern weil er sein Leben für das Volk Gottes opfern wollte (2Mo 32, 32).

Mose war dort in der Einsamkeit nicht mit sich selbst beschäftigt, sondern von dem Wunsch erfüllt: "Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen!" (2Mo 33,18). Gott offenbarte sich ihm darauf nicht im Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern in seiner Güte, Gnade und Barmherzigkeit. Der tiefe Eindruck der Gnade Gottes machte Mose zu dem sanftmütigsten Mann auf der Erde (4Mo 12,3), der nie blind wurde für die Sünden seines Volkes, aber in einer priesterlichen, demütigen Haltung für das Volk im Gebet eintrat.

Was wir lernen sollten

Wie nötig haben wir in unserer heutigen Situation, aus den Fehlern des Elia zu lernen! Gott bewahre uns vor einer überheblichen Selbsteinschätzung, die sehr schnell in Mutlosigkeit, Resignation oder Bitterkeit umschlagen kann.

Wie nötig sind heute Brüder und Schwestern, die im Bewußtsein ihrer eigenen Sündhaftigkeit einen klaren Blick für die Fehlentwicklungen im Volk Gottes haben. Die aber auch gelernt haben, damit zunächst in die Gegenwart Gottes zu gehen, um für das Volk Gottes Fürbitte zu tun und dann in der Lage sind, in einer demütigen, priesterlichen Haltung die Fehler und Sünden ihrer Mitgeschwister zu korrigieren.

Doch Gott hat Elia nicht aufgegeben. In der Gegenwart Gottes auf dem Berg Horeb bekam Elia eine neue Sicht für sich selbst und für Gott. Der Herr entläßt ihn nicht aus seinem Dienst, sondern gibt ihm neue Aufträge und die Kraft, zum Volk Gottes zurückzukehren. Und dort wartet eine Ermunterung auf ihn: Gott schenkt ihm in Elisa einen Diener und Weggenossen, der ihm nicht nur "Wasser auf die Hände gießt", sondern auch sein Herz öffnet und dem er ein geistlicher Vater wird (2Kö 2,12).

Nachtext

Quellenangaben