Zeitschrift-Artikel: Die Sonne - Macht und Mittelpunkt (2.Teil)

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Titel: Die Sonne - Macht und Mittelpunkt (2.Teil)
Typ: Artikel
Autor: Matthias Kremer
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Titel

Die Sonne - Macht und Mittelpunkt (2.Teil)

Vortext

Text

Vor Diogenes, dem bescheiden in einer Tonne lebenden Philosophen, stellte sich breitbeinig Alexander der Große auf, um ihm einen freien Wunsch zu gewähren und zu erfüllen. Ohne großes Zögern nannte Diogenes sein dringendstes Anliegen: "Bitte tritt einen Schritt zur Seite; du versperrst mir das Sonnenlicht!" Was für eine Beschämung für den großen Imperator, der Reichtum und Macht hätte geben können! Doch Diogenes wußte, daß das, was am meisten wert ist, nicht von Menschen angeboten werden kann und nicht erkaufbar ist. Gott läßt sich den Sonnenschein nicht bezahlen und doch ist er das nach zeitlichen Maßstäben kostbarste und wertvollste Gut. Die Sonne verdeutlicht die Herrlichkeit der Gnade Gottes, die in dem Herrn Jesus erschienen ist, heilbringend für alle Menschen.

Die Anziehungskraft der Sonne

Aufgrund ihrer Masse hat die Sonne eine ungeheure Anziehungskraft, mit der sie alle Planeten unseres Sonnensystems auf bestimmten Umlaufbahnen hält. Wie mit einem unsichtbaren "Seil" bindet sie die Planeten an sich. Allein die Erde hat ein Gewicht von ca. 6,6 mal 10 hoch 32 Tonnen. Wie gewaltig muß diese unsichtbare Gravitationskraft sein, durch welche die Erde mit all ihren Bewohnern "im Nichts" an die Sonne "gehängt" ist (Hi 26,7). Würde die Erde nicht von der Sonne angezogen, würde sie verloren durchs All gleiten, und niemand könnte auf ihr leben.

So wie das unsichtbare Band der Gravitation die Erde bei der Sonne hält, so möchte auch der Herr Jesus alle Menschen auf der Erde durch Seine Liebe zu sich ziehen: "Kommt her zu mir ..." (Mt 11,28). Die Grundlage für dieses Ziehen hat Er am Kreuz von Golgatha durch Seine unermeßlichen Leiden gelegt: "Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Dies sagte er, andeutend, welches Todes er sterben sollte" (Joh 12,32-33).

Er - von dem die ganze Schöpfung und Menschheit "abhängig" ist - ließ sich, scheinbar hilflos, zu unseren Gunsten an ein Kreuz nageln (Gal 3,13f; Apg 5,30; 10,39). Die Menschen sollten sich nun in Gegenliebe an Ihn hängen und die Christen sich gegenseitig zu ungeteiltem Anhängen an den Herrn ermutigen (1Kor 6,16; 1Kor 7,35). Denn ein Leben, das nicht "an Ihn gehängt" ist, das nicht bei Ihm Halt sucht, trudelt wie ein verlorener Satellit durch das leere, dunkle, kalte und tote All. Für den Ungläubigen wird dies schließlich im ewigen Verlorensein enden.

Worin besteht nun die Anziehungskraft des Herrn Jesus? In 2Kor 13,4 lesen wir, daß Er - obwohl der allmächtige Schöpfer - "in Schwachheit" gekreuzigt wurde. Es gab nur eine Kraft, die so unermeßlich groß war, daß sie dieses Anziehungs-Werk vollbringen konnte: Seine Liebe, die bereitwillig auf den Gebrauch Seiner Macht verzichtete bzw. noch den Feinden die Kraft für die Schläge geben und auch Kreuz und Nägel zusammenhalten mußte.

Die Anziehungskraft der Sonne beruht auf ihrer Masse und damit auf ihrer Größe. Und so ist es die Größe der Liebe des Herrn Jesus, durch die Er uns zu sich ziehen konnte. Und diese Größe Seiner Person sollen wir immer mehr begreifen - "erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus" (Eph 3,19). So können wir immer tiefer eindringen in das unerforschte Geheimnis der Anziehungskraft (die auch in der Physik bis heute ein Rätsel bleibt), und je mehr wir uns mit Ihm beschäftigen, desto mehr werden wir von Ihm angezogen.

Aber der Herr Jesus lenkt nicht allein das Leben einzelner Menschen, die sich "an ihn hängen"; er bestimmt darüber hinaus sogar die globale Bahn der Menschheit: "Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen", und: "Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist" (Mt 24,35; 5,18). Der Herr hat nämlich ein Ziel mit der Erde. Und zu diesem Ziel wird Er kommen, indem Er den Lauf der Geschichte letztlich nach Seinem Plan dirigiert. Nichts und niemand wird Ihn "aus der Bahn werfen" können. Dabei ist interessant, daß gerade im letzten Buch der Bibel, in dem uns der Herr als der kommende Richter gezeigt wird, der Herr mit einem "Angesicht wie die Sonne" zur Erde kommt ... (Offb 1,16f; 10,1).

Die Sonne als Mittelpunkt

Die Anziehungskraft der Sonne bewirkt also, daß die Erde auf ihrer Umlaufbahn gehalten wird, wobei die Sonne selbst der Mittelpunkt ist. Diese für die Erde so segensreiche Bahn läßt sich nicht trennen von der gleichzeitigen Mittelpunktstellung der Sonne. Von der Erde aus scheint es, als ob die Sonne "auf- und untergeht", d.h. als ob sie sich um die Erde dreht. Als vor einigen hundert Jahren Kopernikus und Galilei sich mit der Erkenntnis an die Öffentlichkeit wagten, daß nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt sei, um den sich alles dreht, löste das zunächst eine Welle der Empörung aus. Und doch hatten sie recht! Diese grundlegende Erkenntnis brachte ein gewaltiges Stück Ordnung und Vernunft in unser naturwissenschaftliches Denken.

Genauso müssen wir Menschen lernen, daß nicht die Erde mit all ihren Geschöpfen und Angeboten der Mittelpunkt für alles Denken und Handeln ist, sondern der Herr Jesus - von dem auch in Kol 1,16 deutlich gesagt wird, daß Er das Ziel, Mitte und Sinn alles Geschaffenen ist. Das bedeutet, daß ohne Ihn letztlich keine Existenz Sinn macht.

Diese beeindruckende Wahrheit - Er als der große Mittelpunkt - in Verbindung u.a. mit der Sonne als Mittelpunkt schenkte uns der Herr in eindrücklicher Weise durch das "Schauspiel" auf dem Hügel Golgatha: Es war tatsächlich ein "Schauspiel", denn das Wort, das die Elberfelder Bibel hierfür in Lk 23,48 verwendet (griech.theoria), kann auch übersetzt werden mit "Anschauungsunterricht".

Als der Herr Jesus am Kreuz hing, setzte Gott verschiedene Mittelpunkte in Szene, um uns eine Botschaft zu vermitteln.

Da war einmal die Sonne. Darüber hinaus benutzte Er weitere Mittelpunkte mit herausragendem Symbolcharakter, die Er zur Zeit des Alten Testamentes auf diese Erde plazierte: Israel als "Nabel" der Welt und Mittelpunkt der Erde - siehe Hes 38,12! Auch Jer 10,16 zeigt die Bedeutung Israels für den Schöpfer des gesamten Alls. Und der Mittelpunkt Israels ist die Stadt Jerusalem mit dem Berg Zion (Ps 132,13) - der Ort, den Gott schon in 5. Mose 12 als von Ihm erwählten irdischen Wohnort angekündigt hatte. Und innerhalb Jerusalems war natürlich der Tempel als Wohnung Gottes das Zentrum, und im Tempel wiederum die Bundeslade, das Symbol für Gottes Gegenwart.

Was geschah nun in diesem Zusammenhang damals auf Golgatha? Der Herr ging zuvor aus Jerusalem hinaus und setzte damit den geographischen und religiösen Mittelpunkt beiseite. Dann ging Er auf den Hügel und ließ sich dort in der Mitte zwischen zwei Verbrechern (horizontal) und gleichzeitig zwischen Himmel und Erde (vertikal) ans Kreuz nageln - wie das Zentrum einer Zielscheibe.

Insgesamt sechs Stunden hing der Herr am Kreuz. Zur Mitte dieser Zeitspanne (nach den ersten drei Stunden) - als es gerade Mittag war - verfinsterte Gott die Sonne, den Mittelpunkt des Sonnensystems, die zu dieser Zeit im Zenit stand. Durch diese Handlung setzte Er die Sonne als Mittelpunkt beiseite.

Am Ende dieser sechs Stunden zerriß Gott den Vorhang des Tempels von oben nach unten, so daß der Weg zur Bundeslade, dem religiösen Mittelpunkt Israels, frei war. Doch was wurde hinter dem Vorhang sichtbar? Auch dieser Mittelpunkt, die Bundeslade, war gewissermaßen längst beiseite gesetzt; sie befand sich zu diesem Zeitpunkt ja überhaupt nicht mehr an ihrem Platz im Tempel, denn sie war seit der Wegführung Israels nach Babylon verschwunden.

Dadurch, daß Gott zu Beginn der letzten drei Stunden die Sonne verfinsterte und am Ende dieser Zeit den Vorhang zur Bundeslade zerriß, benutzte Er diese zwei gewaltigen Mittelpunkte, die für Ihn bis dahin eine so wesentliche Bedeutung hatten, nur noch als eine Art "Rahmen"! Wenn etwas jedoch als Rahmen dient, dann wird dadurch etwas Wichtigeres hervorgehoben. Und was wurde in diesen drei Stunden der Finsternis eingerahmt: Der Sohn Gottes am Kreuz in Gottes Gericht über die Sünde!

Von daher glaube ich, daß Gott zu diesem Zeitpunkt die Szenerie eines "Schauspiels" aufbaute, um folgendes zu veranschaulichen:

" Der Herr ist besonders wegen Seines Erlösungswerks die große Mitte; alles andere muß vor Ihm verblassen, selbst die bis dahin in der Schöpfung und in der Bibel bedeutendsten Mittelpunkte.

" Der Herr wurde dort zur Zielscheibe für die Pfeile Gottes: stellvertretend für uns Sünder, die wir eigentlich absolute Distanz von Ihm verdient hätten! Er litt als Mittelpunkt

" umgeben von feindlichen Menschen (Ps 57,4; 22,16-17)

" in der Mitte zweier Gesetzloser (Mk 15,27-28)

" umringt nicht von himmlischen Heerscharen, sondern von Mächten der Finsternis (1Mo 3,15)

" der Zielscheibe Gottes (Hi 16,12c / Kla 3,12f),

umgeben und umringt von

" Bitterkeit und Mühsal (Kla 3,5)

" Zorngluten, Schrecknissen (Ps 88,16f)

" Wassermassen (Jon 2,4.6).

Dort hing die wahre Sonne als Mittelpunkt - nicht in glänzender Pracht und Macht in der Mitte von Herrlichkeiten, sondern entkleidet, blutüberströmt und entstellt inmitten von haßerfüllten und grausamen Geschöpfen. Dort litt Er unter größten Qualen das Strafgericht Gottes über unsere Sünden in drei Stunden tiefster Finsternis: "Er (Gott) hat Seinen Bogen gespannt und mich wie ein Ziel dem Pfeile hingestellt. Er ließ in meine Nieren dringen die Söhne Seines Köchers" (Kla 3,12-13). "Er stellte mich hin sich zur Zielscheibe. Seine Schützen umringten mich, er spaltete meine Nieren ohne Schonung ... Mein Angesicht glüht vom Weinen, und auf meinen Wimpern ist der Schatten des Todes - obwohl keine Gewalt in meinen Händen, und mein Gebet lauter ist." (Hi 16,12-17)

Das alles nahm der Herr in Seiner Liebe auf sich, weil wir das Ziel - Ihn selbst - verfehlt haben - denn "Sünde" bedeutet nichts anderes als "Zielverfehlung" (das zuerst in der Bibel vorkommende Wort für "Sünde" - hebr. "chattath" - in 1Mo 4,7 bedeutet "Zielverfehlung").

Sünde ist demnach schon, wenn wir in unserem Herzen den Herrn Jesus als den Mittelpunkt verschoben haben!

Wenn Gott selbst schon solche bedeutsamen Symbole wie die lebensspendende Sonne und die heilige Bundeslade beiseite setzte - wieviel mehr sollten wir alle zweitrangigen Mittelpunkte in unseren Herzen für den Herrn beiseite schieben!

Ihn anzuschauen und Ihm nachzujagen (Phil 3,14) - damit wir "das Ziel nicht verfehlen" - heißt auch immer mehr verstehen: der Herr und das Kreuz sind nicht nur die Mitte meines Lebens, sondern eben auch das Zentrum alles Weltgeschehens und der Weltgeschichte - ja, alles Geschaffenen. So ist nichts wichtiger als die Besinnung auf diese Mitte.

Welch wunderbarer Mittelpunkt ist Er doch, der versprochen hat, in unserer
Mitte zu sein (Mt 18,20)! Wie gesegnet ist ein Zusammenkommen von Gläubigen, wo man sich wirklich um Ihn versammelt und wo dann auch ein harmonisches gemeinschaftliches Kreisen um Ihn als die wahre Sonne möglich ist und Sein Segen gemeinsam genossen werden kann!

Die Ordnung im Sonnensystem

Mit ihrer Anziehungskraft sorgt die Sonne für eine unglaubliche Ordnung im Sonnensystem, die eine genaue Berechnung der Planetenbahnen ermöglicht. Der Umlauf der Erde um die Sonne dauert exakt 365 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten und 9,35 Sekunden. Das ist schon sehr beeindruckend, wenn man sich allein vergegenwärtigt, daß die Erde in ihrer Entfernung von 150 Millionen Kilometern zur Sonne mit einer Geschwindigkeit von ca. 100.000 km/h eine Strecke von ungefähr 900 Millionen Kilometern zurücklegen muß.

Genauso ordnet der Herr Jesus als die wahre Sonne auch mein bzw. unser Leben - sowohl individuell als auch im Zusammenspiel in der Gemeinde.

Doch in den Genuß des für uns bestimmten sinnerfüllten Lebens kommen wir nur dann, wenn wir bereit sind, unsere Lebensbahn auf Ihn als Mittelpunkt abzustimmen. Nur wenn wir unsere Lebensweise an Ihm ausrichten, ergibt unsere Lebenszeit einen Sinn, genau wie es für unseren Körper das Beste ist, wenn wir unsere Tageszeiten nach der Sonne abstimmen. Wir wissen ja, daß z.B. Nachtarbeit auf Dauer gesundheitsschädlich ist.

Die sichere und stabile Position der Erde

In Ps 104,5 lesen wir etwas von der Stabilität und Festigkeit der Erde: "Er hat die Erde gegründet auf ihre Grundfesten; sie wird nicht wanken immer und ewiglich." Zwar hat es schon viele Erdbeben (Gefahr von innen) und Meteoriteneinschläge (Gefahr von außen) gegeben (und die Bibel sagt, daß dies in der Endzeit vermehrt auftreten wird, Mt 24,7.29), doch der Erdkörper ist seit der Schöpfung um keinen Deut von seiner Umlaufbahn abgewichen. Und in diesem Zustand wird die Erde bis zum Ende dieser Schöpfung bleiben. Wodurch wird sie nun in dieser stabilen Position gehalten? Wiederum durch die gewaltige Anziehungskraft der Sonne!

Welch ein tröstliches Bild dafür, daß der Herr uns zu sich in den Himmel bringen wird. Wie die größten Erdbeben oder Meteoreinschläge die Erde selbst nicht aus der Sonnenbahn reißen können, so kann uns nichts aus Seiner starken Hand rauben, mit der Er uns gezogen hat und uns hält, - bis in alle Ewigkeit (Joh 10,28; Rö 8,35).

Wenn der Herr unser Mittelpunkt ist und wir unser Vertrauen auf Ihn setzen -dann werden wir als Gläubige nicht wanken (Ps 16,8). Aber auch hier ist unsere Verantwortung in einer abhängigen Glaubens- und Vertrauensbeziehung zum Herrn Jesus gefragt. In solch einer engen Beziehung zum Herrn kann es vielleicht hier und da zu einem Erzittern oder Erschüttern kommen, aber ein Herauswanken aus unserer Gottbezogenheit gibt es dann nicht. Deshalb ruft Er uns zu: "Wirf auf den Herrn, was dir auferlegt ist, und er wird dich erhalten; er wird nimmermehr zulassen, daß der Gerechte wanke!"(Ps. 55,22). Umstände lassen uns zwar manchmal verzweifeln, aber die Grundfesten unseres Glaubens bleiben davon unberührt.

So der Herr will, werden wir uns in der nächsten Folge mit weiteren Eigenschaften der Sonne beschäftigen.

Nachtext

Quellenangaben