Zeitschrift-Artikel: Ekstase oder Ergebung - Was ist Anbetung?

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Titel: Ekstase oder Ergebung - Was ist Anbetung?
Typ: Artikel
Autor: Benedikt Peters
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ekstase oder Ergebung - Was ist Anbetung?

Vortext

Text

 1. Anbetung - ein besonderes Kennzeichen des Volkes Gottes

Als Gott zum ersten Mal ein ganzes Volk erlöst und zu Seinem Eigentum gemacht hatte, sagte er ihm:

"Ihr sollt mein Eigentum sein aus allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein; und ihr sollt mir ein Königtum von Priestern sein..." (2Mo 19,5.6)

Seine Priester zu sein, dazu hatte Er sie erlöst. Der Apostel Petrus sagt uns, daß alle, die zu Jesus Christus gekommen sind, von Ihm zu einem geistlichen Haus, einem heiligen Priestertum aufgebaut werden (1Petr 2,5) und Johannes bestätigt, daß dies Gottes Absicht der Erlösung ist:

"Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in seinem Blut und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen." (Offb 1,5.6)

Danksagung, Lob und Anbetung gehören zur Berufung und Bestimmung des Volkes Gottes. Das umfangreichste aller biblischen Bücher heißt Sefwr Tehillim -Buch der Lobpreisungen, das ist das Buch der Psalmen. Kein anderes Buch wird im Neuen Testament so häufig zitiert und dieses Buch befindet sich gerade in der Mitte unserer Bibeln. Lobpreis soll auch im Zentrum des Volkes Gottes stehen. Lobpreis ist einmal der Beweis für vollkommene Erlösung; denn nur der Erlöste, der Gott als Seinen Retter und sich darum als ewig gerettet weiß, kann freimütig anbeten. Und Anbetung ist Vorwegnahme noch ausstehender Vollendung, Ausdruck der Gewißheit kommender Verherrlichung.

Die Heiden haben keine Lobgesänge!

Lobgesänge, die sich mit dem Gesang und der Anbetung des alttestamentlichen und neutestamentlichen Gottesvolkes vergleichen liessen, kennen die Angehörigen anderer Religionen nicht. Die Hindus haben ihre Mantras und die Muslime ihre im Namen Allahs gemurmelten arabischen Sprüche. Der Gott Israels aber thront unter den Lobgesängen Israels (Ps 22,4). Alle Erlösten, die sich Ihm unterworfen haben und sich um Seinen Thron scharen, rühmen und erheben Ihn ohne Unterlaß (Offb 4,8.11; 5,6-10). Was sie einst als vollendete Gerechte im Himmel tun werden, haben sie schon hier auf Erden begonnen.

Ich las einmal die Geschichte eines jungen Moslems im muslimischen Pakistan. Eines Tages hörte er zum ersten Mal in seinem Leben pakistanische Christen Loblieder singen. Das wühlte ihn in einer nie gekannten Art auf und es ließ ihm so lange keine Ruhe, bis er selbst jenem Christus begegnet war, den die Christen in ihren Liedern erhoben hatten und auch er in diesen Lobgesang einstimmen konnte.

Als junger, noch suchender Mann lernte ich die einfachen, aber innigen Lobgesänge der armen Christen im Punjab kennen. Diese vertonten Psalmen in Punjabi hatten eine Art, mein Herz zu ergreifen, die ich kaum zu beschreiben weiß. Ich begegnete hier einer für mich ganz neuen Sache, einer Wirklichkeit, die mich nicht mehr losließ, bis ich selbst diesem Gott singen und Sein Heil rühmen konnte.

2. Anbetung - ein aktuelles Gesprächsthema

Anbetung ist seit verhältnismäßig kurzer Zeit ein Schlagwort der evangelikalen Christen geworden. Wir meinen heute, die Anbetung erst richtig entdeckt zu haben. Das ist natürlich eine falsche Selbsteinschätzung, einer der zahlreichen Beweise für das, was C. S. Lewis "chronological Snobbery" (chronologischen Snobismus), nannte. Damit meinte er die ziemlich beschränkte Einstellung, wir Heutigen seien erst richtig verständig und so wie wir handeln und urteilen sei der Art unserer Eltern und Voreltern in jeder Beziehung überlegen.

Nein, Christen haben die Anbetung schon immer als ein Herzstück des Christenlebens angesehen. Es ist sogar denkbar, daß sie in früheren Zeiten in dieser Sache besser Bescheid wußten als wir heute. Es ist kein Zufall, daß mit der Reformation auch der Gemeindegesang eingeführt wurde. Bis dahin hatten einfache Christenmenschen nur Mönche lateinische Oratorien dröhnen oder lispeln hören. Jetzt aber erwachte das Volk Gottes und aus den Herzen stieg das Lob zu Gott auf. Gottes Volk begann für Gott zu singen, und dann auch noch auf Deutsch, Französisch, Englisch und Schwedisch! So wurde wenigstens ein Teil des reformatorischen Bekenntnisses zum allgemeinen Priestertum eingelöst.

Wenn man heute meint, man habe die Anbetung erst entdeckt, dann meint man eine besondere Art "Anbetung": Man tritt in Gemeinderäume und sieht aufwendige Musikanlagen auf einer Bühne. Fragt man nach der Bedeutung dieser Gerätschaft, bekommt man als Antwort, sie diene der Anbetung. Man hört von "Anbetungsleitern". Das ist etwas Neues; und man redet in fast allen Gemeinde- und Gemeinschaftskreisen inzwischen von "Lobpreisgottesdiensten".

Das Wort "Lobpreisgottesdienst" ist ein Pleonasmus, eine Wortbildung von der Art wie weißer Schnee, ein reicher Krösus. Oder empfinden wir es nicht so? Das rührt daher, daß wir uns die Bezeichnung "Gottesdienst" für etwas angewöhnt haben, das eigentlich gar kein Gottesdienst ist: der sonntägliche Gang an einen Ort, wo Christen zusammenkommen. Dort singt man ein Lied oder zwei, jemand spricht ein Gebet und man hört eine Predigt. Und dieses ganze Geschehen nennt man traditionell "Gottesdienst". Eigentlich ist das aber zur Hauptsache ein Predigtdienst, oder schärfer ausgedrückt: Ein Dienst am Bruder -also ein "Bruderdienst" und kein Gottesdienst. Gottesdienst sollten wir eigentlich erst sagen, wo wir als Priester vor Gott treten und Ihm unsere Opfer des Lobes darbringen (Hebr 13,15). Wenn also erst Lobpreis Gottesdienst ist, ist "Lobpreis-gottesdienst" eine ziemlich törichte Wortfügung. Törichte Begriffe bezeichnen vielfach auch ziemlich törichte Inhalte. Ich glaube also nicht, daß unsere Zeit erst begriffen hat, was Anbetung ist; womöglich hat die Christenheit seit den Tagen der Reformation nie ein so jämmerliches Verständnis von Anbetung gehabt.

3. Anbetung - warum und wozu?

Wir wollen wissen, wozu wir anbeten sollen und was denn Anbetung überhaupt sei. Was können wir in der Bibel über den Stellenwert der Anbetung erfahren?

a)        Wir sind erschaffen, um Gott zu preisen:

David wußte das. Darum sagte er im Gebet zu Gott:

"Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; im Scheol, wer wird dich preisen?" (Ps 6,6)

Wenn wir nicht mehr leben, preisen wir Gott nicht mehr. Das ist für David ein Argument, das er Gott vorbringt, um Ihm damit zu sagen: "Laß mich leben; denn so lange ich lebe, preise ich dich. Sterbe ich, preise ich Dich nicht mehr." An anderer Stelle sagt der Psalmist:

"Kommet, lasset uns anbeten und uns niederbeugen, lasset uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat?" (Ps 95,6)

Der inspirierte Dichter wußte gut, daß der HERR ihn gemacht hatte, damit er Ihn anbete. Es war ein christlich inspirierter Dostojewski, der zu sagen wußte:

"So lange als der Mensch frei bleibt, strebt er nach nichts so unablässig wie nach jemandem, den er anbeten kann." (F. Dostojewski, Die Brüder Karamasov)

Und ein nicht nur christlich Angehauchter wie der russische Schriftsteller, sondern ein Christ sagte einmal:

"!nquietum est cor nostrum donec requiescat in te - Unstet ist unser Herz, bis daß es ruht in Dir."

Der das sagte, war natürlich der spätantike Christ und Lehrer der Kirche, Aurelius Augustin. Wir sind auf Gott hin geschaffen und daher können wir nirgends Ruhe finden als in der Hingabe des Herzens an unseren Herrn und was anderes ist Anbetung in ihrem innersten Kern?

b)        Wir sind erlöst, um Gott anzubeten

Im Buch der Psalmen tragen elf Psalmen die Überschrift "Von den Söhnen Korahs" (z.B. Ps 42 bis 49). Der Name Korah hat keinen guten Klang, wir können ihn fast nicht aussprechen, ohne an die Rotte Korahs zu denken. Empörung gegen Gottes Gesalbten und freche Anmaßung, das sind die Dinge, die uns dabei in den Sinn kommen und Gottes furchtbares Gericht über die Sünde Korahs und seines ganzen Anhangs. 4. Mose 16 berichtet davon; in den Versen 31 bis 33 wird beschrieben, wie Korah mitsamt seinen Angehörigen vom Erdboden verschlungen wurde. Und dann erfahren wir etliche Kapitel weiter hinten anläßlich der zweiten Volkszählung in der Wüste:

"Und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang sie und Korah, als die Rotte starb, indem das Feuer die zweihundertfünfzig Männer verzehrte, und sie zu einem Zeichen wurden. Aber die Söhne Korahs starben nicht." (4Mo 26,10.11)

Es findet sich nirgends eine Begründung, warum die Söhne Korahs nicht starben; aber wir haben eine Erklärung, wozu Gott die Söhne Korahs verschonte, nämlich in Form der elf von ihnen geschriebenen Psalmen. Das heißt, sie wurden vom Gericht verschont, damit sie die Lobgesänge Gottes im Haus Gottes anstimmten. Das gleiche sagte König Hiskia, nachdem Gott ihn vom Tod erlöst hatte:

"Denn nicht der Scheol preist dich, der Tod lobsingt dir nicht; die in die Grube hinabgefahren sind, harren nicht auf deine Treue. Der Lebende, der Lebende, der preist dich, wie ich heute: der Vater gibt den Kindern Kunde von deiner Treue. Der HERR war bereit, mich zu retten; und wir wollen mein Saitenspiel rühren alle Tage unseres Lebens im Hause des HERRN." (Jes 38,18-20)

Der Herr hat uns in Seinem Blut gewaschen, um uns Seinem Gott zu Priestern zu machen (Offb 1,5.6).

c) Der Vater sucht Anbeter

"Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter." (Joh 4,23)

Der Vater sucht Anbeter. So wie der Menschensohn Sünder sucht, um sie zu erretten (Lk 19,10), so sucht der Vater Anbeter. Beides ist gleich wichtig. Sind wir errettet, müssen wir zu Anbetern werden. Freuen wir uns darüber, daß der Menschensohn uns gesucht und gerettet hat, sollten wir ebenso bedenken, daß der Vater uns gesucht hat, um uns zu Anbetern zu machen. Das Evangelium hat nicht die bloße Errettung des Sünders vom Verderben zum Ziel, sondern es hat sein Ziel erst erreicht, wenn der Sünder zu einem Priester Gottes geworden ist. Das wußte Paulus und entsprechend verkündigte er das

Evangelium:

"...um ein Diener Christi Jesu zu sein für die Nationen, priesterlich dienend an dem Evangelium Gottes, auf daß das Opfer der Nationen angenehm werde, geheiligt durch den Heiligen Geist." (Rom 15,16)

Paulus verkündigte das Evangelium mit dem Herzen eines Priesters. Er sah in den Heiden, welche die stummen Götzen priesen und mit ihrem Mund Gott, den Vater und Seinen Sohn lästerten, Menschen, die Gott zu Anbetern machen wollte. Ihm brannte das Herz, sie von den Götzen weg zum lebendigen Gott zu führen.

d) Anbetung ist unsere höchste Bestimmung

Gott erwählte sich Abraham und berief ihn (1Mo 12). Er lehrte ihn, Ihm zu vertrauen (15,6) und vor Ihm zu wandeln (17,1). Das dauerte viele Jahre. Der unbestrittene Höhepunkt im Leben Abrahams war der Tag, an dem er bereit war, im Glauben an seinen Gott und im Gehorsam an dessen Befehl seinen geliebten Isaak auf den Altar zu legen. Damit hatte Gott das Ziel Seiner Erziehungswege mit Abraham erreicht. Abraham war ein Anbeter geworden. Ein Anbeter? Ja, denn als er seine Diener zurückließ, um allein mit seinem Sohn auf den Hügel Maria hinaufzugehen, sagte er:

"Bleibet ihr hier mit dem Esel; ich aber und der Knabe wollen bis dorthin gehen und anbeten und dann zu euch zurückkehren." (1Mo 22,5)

Als Jakob am Ende seines Lebensweges angelangt war, war auch er ein Anbeter:

"Durch Glauben segnete Jakob sterbend einen jeden der Söhne Josephs und betete an über der Spitze seines Stabes." (Heb 11,21)

Als Gott Israel erlöste, war das Werk der Erlösung erst abgeschlossen, als Israel aus Ägypten ausgezogen und zu Gott gebracht worden war:

"Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe, wie ich euch getragen auf Adlers Flügeln und euch zu mir gebracht habe." (2Mo 19,4)

Und Petrus sagt, daß Christus genau dazu litt und starb:

"Denn es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er uns zu Gott führe" (1 Petr 3,18).

Zu Gott gebracht, das ist eben ein priesterliches Geschlecht. Ein Priester ist jemand, der in Gottes Gegenwart treten kann und darf. Wir sind zu Königen und zu Priestern gemacht worden (1Petr 2,5.9; Offb 1,5.6). Wir werden von Ewigkeit zu

Ewigkeit mit Christus herrschen und wir werden in alle Ewigkeit als Priester den, der auf dem Thron sitzt und das Lamm anbeten. (Offb 5,9.10)

e) In der Anbetung bekommt Gott den Ihm gebührenden Platz

Als Priester treten wir vor Gott. Stehen wir vor Ihm, ist Er alles und wir sind nichts. In der Anbetung bringen wir in bewußter Weise zum Ausdruck, daß Gott der Erste und der Höchste und die Mitte der Welt ist, daß alles um Seinetwillen geschieht, daß Seine Verherrlichung Sinn und Ziel aller Dinge ist.

"Du bist würdig, o unser Herr und unser Gott, zu nehmen die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht; denn du hast alle Dinge erschaffen, und deines Willens wegen waren sie und sind sie erschaffen worden." (Offb 4,11)

Wie in der Schöpfung so ist auch in der Erlösung alles von Gott und durch Gott; daher muß auch alles für Gott sein:

"0 Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen? Wer hat ihm zuvor gegeben, und es wird ihm vergolten werden? Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen." (Röm 11,35.36)

Die Schöpfung predigt diese hohen Wahrheiten. Woher kommen die Flüsse? Aus dem Meer (Pred 1,7). Sie fließen alle dahin zurück woher sie gekommen sind.

"Wie alle Flüsse ins Meer fliessen, woher sie kamen, so gibt die gläubige Seele, da sie ja von Christus alles empfangen hat, Christus alles zurück." (Richard Sibbes, 1634)

In der Anbetung geben wir wie David dem Herrn alles zurück, was wir von Ihm empfangen haben:

"Dein, HERR, ist die Größe und die Stärke und der Ruhm und der Glanz und die Pracht; denn alles im Himmel und auf Erden ist dein. Dein, HERR, ist das Königtum und du bist über alles erhaben als Haupt; und Reichtum und Ehre kommen von dir, und du bist Herrscher über alles; und in deiner Hand sind Macht und Stärke, und in deiner Hand ist es, alles groß und stark zu machen ... Denn von dir kommt alles, und aus deiner Hand haben wir dir gegeben." (1Chr 29,1114)

Das Evangelium hat nicht die bloße Errettung des Sünders vom Verderben zum Ziel, sondern es hat sein Ziel erst erreicht, wenn der Sünder zu einem Priester Gottes geworden ist.

Nachtext

Quellenangaben