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Zeitschrift-Artikel: Franz Huber

Zeitschrift: 83 (zur Zeitschrift)
Titel: Franz Huber
Typ: Artikel
Autor: Alois Wagner
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 170

Titel

Franz Huber

Vortext

Text

FRANZ HUBER

(* 1945 - ** 1981 t 1998)

"Acta probat exitus" lese ich auf einem Grabstein des Friedhofs am Perlacher Forst, als wir Franz Hubers Leib von der Aussegnungshalle zum Grab geleiten -"Für unsere Taten der Prüfstein ist unser Ausgang". Nach diesem "Ausgang", dieser Beerdigung mit über 300 Trauergästen (der größten, die ich je erlebt habe) zu urteilen, muß Franz ein ganz Großer gewesen sein, der in seinem äußerst bedeutenden Leben gewaltige Taten vollbracht hat. Ein ganzseitiger Artikel in "Deutschlands größter Tageszeitung" auf Seite 3 (2cm hohe Schlagzeile: "Ein Junkie im Dienste Jesu Christi", Untertitel: "Franz Huber: von der Gosse zu Gott") zu seinem Tod - vielen "großen" Politikern, Medienstars und Wirtschaftsbossen widmet die Presse bei ihrem Ableben nicht mehr als eine Randnotiz.

An seiner Wiege wurde Franz nicht gesungen, daß er einmal ein "Fürst vor Gott" werden würde, der wie kaum ein anderer in seinem Leben greifbar gezeigt hat:

"Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen... das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, auf daß er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, auf daß er das Starke zuschanden mache; und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, und das, was nicht ist, auf daß er das, was ist, zunichte mache, damit sich vor Gott kein Fleisch rühme" (IKor 1,25-28).

Unmittelbar nach dem Krieg im zerbombten München erblickte Franz "das Dunkel der Welt", wie er selbst immer sagte. Die Geburtsurkunde spricht Bände: "Die Fabrikarbeiterin Elisabeth Maurer, ...verwitwet, ... hat am 5.August 1945 zu München einen Knaben geboren ... Eingetragen auf schriftliche Anzeige der Vorstandschaft des Mütterheimes, München, Taxisstraße 3". Franz bekommt den Namen des Großvaters, wächst als "Schlüsselkind" auf, kommt auf eine Sonderschule, beginnt eine Metzgerlehre, aus der er mit 16 - es ist 1961, das Jahr des Berliner Mauerbaus - in die Rauschwelt der Drogen flüchtet, die ihn 20 Jahre lang versklaven und ruinieren: Haschisch zunächst, dann Amphetamine, LSD und Kokain, schließlich der absolute Absturz in die Heroinsucht. 20 Jahre Leben unter Gelegenheitsdieben und Prostituierten, Zuhältern und Einbrechern und anderen Kriminellen und Gescheiterten, das Ganze notdürftig glorifiziert mit markigen Sprüchen wie "Sex, Drugs and Rock'n'Roll" und "Live fast, love hard, die young!" Franz pendelt zwischen München und Amsterdam, oft auf der Flucht vor der Polizei und dem Sicherungshaftbefehl. Seine Freundin Trixi springt aus dem Fenster in den Tod. Fünf von diesen 20 Jahren verbringt Franz im Gefängnis wegen Diebstählen und Apothekeneinbrüchen. Diese Zeit dokumentiert er ausführlich in seiner Autobiographie "Tanz mit dem Tod", enthalten in dem Buch "Sehnsucht der Betrogenen".

Doch gerade als Franz am tiefsten Tiefpunkt und scheinbar unausweichlichen Schlußpunkt seines Lebens angelangt ist, da erreicht in die rettende Liebe Jesu: Über einen Freund kommt er in Holland zu einer christlichen Gemeinschaft, der "Stiftung Jesus Kinderen" in Kloosterburen, wo er eine gründliche Entziehungskur macht, deren furchtbare Qualen er aber nur durch die Kraft des Evangeliums durchstehen kann, welches er hier konkret als "Gottes Kraft zum Heil (und zur Heilung) für jeden auf Jesus Vertrauenden" erfährt. Ein Jahr arbeitet er dort, bleibt "clean". Am 6.10.1981 wird vom Landgericht München der Sicherungshaftbefehl aufgehoben, denn "es bestehen derzeit keine hinreichenden Gründe mehr für die Annahme, daß die bedingte Aussetzung widerrufen werden wird. Der Verurteilte hat nunmehr wieder Kontakt zu seinem Bewährungshelfer. Er befindet sich derzeit in Holland seit 10.10.1980 in einem Heim, das bestätigt hat, daß "der Verurteilte absolut drogenfrei ist und sich im übrigen gut führt".

Franz kommt zurück nach München, wo wir ihn kennenlernen, zieht mit in unsere Wohngemeinschaft im "Haus Laim", wo er sofort anfängt, sein Leben weiter in Ordnung zu bringen. Trotz "Weichteildefekten an den Fußsohlen als Folge einer chronischen Durchblutungsstörung, die ihm keine längere mechanische Belastung der Füße erlauben" , so das Attest seiner Ärztin, beginnt er zu arbeiten, als Schneeräumer bei der Stadt, als Pizzabäcker, als Tellerwäscher in einem Schwabinger Steak-Haus, als Palmenbauer, schließlich als zertifizierter "Auskunftsassistent/VVerkschutzmann", wo er bei einem Veranstaltungsdienst Kontroll-, Ordnungs- und Wachaufgaben wahrnimmt.

Kaum jemand kann ermessen, was regelmäßige, ehrliche Arbeit bei einem ehemaligen Junkie bedeutet: Vielleicht mehr als alles andere ist das der unwiderlegbare Beweis, daß sich in seinem Leben ein unbegreifliches, allen Erfahrungen und natürlichen Erklärungen widersprechendes Wunder vollzogen hat (Franz selbst sagte: "Arbeit und Religion, das waren die absoluten Brechmittel für einen süchtigen 68er"). Ein Arbeitszeugnis vom 31.10.1987 lautet:

"Besonders hervorzuheben war Herrn Hubers enormes Geschäftsinteresse und sein starker Arbeitswille. Wenn Herr Huber gebraucht wurde, war er stets für die Firma da, auch wenn dies außerhalb der normalen Geschäftszeit fiel. Herr Huber hat die ihm übertragenen Arbeiten zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt. Er war fleißig, pünktlich und gewissenhaft. Sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Vorgesetzten war einwandfrei." Ein anderes sagt: "Herr Huber erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit. Er war pünktlich, ehrlich und korrekt und hatte zu Vorgesetzten und Mitarbeitern ein gutes Verhältnis."

Das verdiente Geld aber nutzt Franz zum großen Teil zur Wiedergutmachung. "Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, auf daß er dem Dürftigen mitzuteilen habe." Im Leben von Franz wird auch dieses Bibelwort Fleisch, wird von ihm konsequent praktiziert. Aktiv sucht er, wo alte Schulden und Forderungen da sind aus Sachbeschädigungen, Mietrückständen, Apothekeneinbrüchen, Diebstählen. In oft kleinen Raten, aber konsequent und über Jahre hinweg zahlt Franz zurück, bis er schließlich sagen kann "Schuldenfrei!".

Manchmal erlebt Franz sein verändertes Leben in Momenten augenfälliger göttlicher Ironie: etwa wenn er 1988 bei der Beerdigung von Franz Josef Strauß als Ordner in Uniform eingesetzt wird und Polizisten, seine ehemaligen Erzfeinde, ihn als "Herr Kollege" ansprechen und zur gemeinsamen Brotzeit einladen, wie er mir im Anschluß begeistert erzählt. Oder wenn er, der ehemalige Apothekeneinbrecher, 1990 bei einer Pharma-Messe als Wachmann hochwertige Psychopharmaka bewachen muß!

Dabei ist Franz aber stets voll in die Gemeinde integriert, ist begeistert vom Wort Gottes und von Jesus, dem er alles verdankt, das weiß er nur zu gut, wahrscheinlich besser als wir alle. Und Franz vergißt nicht seine alten Freunde und Bekannten, ob innerhalb oder außerhalb der Drogenszene, ob obdachlos oder künstlerisch arriviert und wirtschaftlich gut situiert. Mit unglaublicher Treue geht er ihnen nach, besucht sie, telefoniert, schreibt Postkarten (eine ehemaliger Junkie sagte uns, er hätte von Franz in zwei Jahren an die 50 (!) Karten erhalten). Er will ihnen bedingungslos Freund sein, weil sein großer Freund - Jesus, der Freund der Sünder - auch der Freund seiner Freunde werden soll.

Aber Franz lebte auch für die Einheit der Christen. Weil er Jesus liebte, liebte er die Gläubigen, ohne Ausnahme und über alle Grenzen und Lager hinweg, und deswegen litt er stark unter den vorhandenen Trennungen und Spaltungen. Franz war nie Parteigänger für irgendeine Gruppe, ja, er war Partisan, aber nur für Jesus, und das bedingungslos. Und weil er mit seinem großen Herzen unaufdringlich zwischen und über den Parteien stand, war er wirklich - zurecht und im besten Sinn des Wortes - "everybody's darling", "jedermanns Liebling", der das Vertrauen aller Seiten genoß und in seiner Person vielen persönlichen und gemeindlichen Differenzen die Schärfe nahm - und schließlich ganz entscheidend zur Heilung von Spaltungen beitrug, die wir anderen mit heißen Köpfen und kaltem Herzen verursacht hatten. Wir messen Größe oft nach Schädelumfang, aber Franz' Größe lag nicht in seinem Kopf -dafür hatten ihm 20 Jahre Drogensucht zu viele Gehirnzellen durchgebrannt - seine eigentliche Größe, glaube ich, lag in seinem großen und heißen Herzen: ein Herz brennend für Jesus, deswegen ein Herz voll von Jesus, und daher ein Herz, überfließend von der Liebe Jesu - für andere.

Dieses brennende Herz war auch die Triebfeder, der Motor für seinen bis zur Selbstentäußerung gehenden Einsatz für das Reich Gottes, besonders für die Kaputten und Ausgestoßenen und Hoffnungslosen. "Jesus liebt die Schwachen, darum lieb ich Ihn" stand mit Filzstift an der Wand seines Badezimmers. "De stad in Gods ogen" - "Die Stadt in Gottes Augen" lautete ein Aufkleber an seiner Wohnzimmerwand: Franz sah hinter allem Äußeren die Nöte derer, die nach einem Retter schreien -und von vielen von uns elegant überhört und übersehen werden. "Discovering the treasures of the cities" - ein Flugblatt auf seinem Schreibtisch: mit dem Blick Jesu kannte Franz die unentdeckten und ungehobenen wirklichen Schätze der Städte: Menschenseelen, die gerettet werden mußten und müssen, um als Edelsteine in der Gegenwart Gottes ewig zu leuchten.

Diese Vision und das große Herz voll von der Liebe Jesu gaben diesem schwachen ausgemergelten Körper mit seinen kaputten Füßen, seiner Hepatitis C und Dutzenden anderer Krankheiten die unglaubliche Energie, bis zum letzten Atemzug durchzuhalten, ohne je zu jammern. Liebe war seine Motivation, um hinzugehen an die Wege und Zäune unserer Gesellschaft mit praktischer Hilfe für den Leib, mit freundschaftlichem Trost und Verständnis für die Seele, vor allem aber mit der Botschaft von der glühenden Retterliebe Jesu, die Franz verkörpert hat wie kaum ein anderer.

Ein wahrhaft Großer ist heimgegangen zu seinem Herrn, und der Himmel salutiert. Möge dieser Nachruf ein Aufruf an uns sein: "Den Ausgang seines Wandels anschauend, ahmt seinen Glauben nach" -denn "acta probat exitus".

Nachtext

Quellenangaben