Zeitschrift-Artikel: "Soli Deo Gloria"? Gedanken zu Billy Grahams neuer Autobiographie "So wie ich bin"

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Titel: "Soli Deo Gloria"? Gedanken zu Billy Grahams neuer Autobiographie "So wie ich bin"
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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"Soli Deo Gloria"? Gedanken zu Billy Grahams neuer Autobiographie "So wie ich bin"

Vortext

Text

"Er war ein christlicher Staatsmann für die ganze Welt, ein Katalysator, der Einzelpersonen und Bewegungen zusammenbringen und einen Prozeß der Verschmelzung in Gang setzen konnte" - so wurde Billy Graham in der älteren autorisierten Biographie von John Pollock charakterisiert.

In dieser neuen, mit einem großen Werbeaufwand angekündigten Autobiographie, an der auch John Pollock mitgearbeitet hat, wird Graham als jemand vorgestellt, "dessen Name 37mal auf der jährlich veröffentlichten >GaIlup 's Liste der zehn meistbewundertsten Menschen der Weit< stand" und den Peter Hahne, als "Freund der Präsidenten und Päpste und dem, der in der letzten Reihe sitzt" bezeichnet.

Wenn man sich durch die 700 Seiten dieses Buches hindurchgekämpft hat und die mehr oder weniger ausführlichen Beschreibungen seiner Freundschaften und Begegnungen mit den Präsidenten der USA, den Politikern und prominenten Persönlichkeiten in aller Welt gelesen hat, wundert man sich über sein Bekenntnis auf Seite 627 "...achtundneunzig Prozent meiner Zeit habe ich mit Menschen verbracht, die niemals im Licht der Öffentlichkeit standen. Offen gesagt widerstrebt es mir etwas, von den anderen zwei Prozent zu sprechen. Ich möchte einfach nicht, daß man mir vorwirft, ich wolle mich aus Wichtigtuerei mit berühmten Namen schmücken."

Tatsache ist allerdings, daß man nach der Lektüre des Buches eher den Eindruck hat, daß Billy Graham nahezu 98% dieses Buches mit den Aufzählungen seiner prominenten Freundschaften und Bekanntschaften gefüllt hat.

Doch bevor ich auf einige dieser fragwürdigen Freundschaften konkreter eingehe, möchte ich zunächst auf positive Aspekte dieses Buches aufmerksam machen.

"Ich habe oft versagt und würde heute einiges anders machen..."

"Zum einen würde ich weniger reden und mehr lernen und ich würde mehr Zeit mit meiner Familie verbingen... Ich würde auch mehr Zeit damit verbingen, geistlich zu wachsen und Gott besser kennenzulernen. lch würde mehr beten, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere. Ich würde mich intensiver dem Bibelstudium widmen -nicht nur zur Predigtvorbereitung, sondern auch, um ihre Botschaft auf mein Leben wirken zu lassen. Allzu leicht neigt man als Prediger dazu, die Bibel nur im Hinblick auf zukünftige Predigten zu lesen und dabei zu übersehen, was Gott einem persönlich sagen will..."(S. 66 7)

Dieses offene Bekenntnis am Ende des Buches ist sicher wert, von jedem beachtet und beherzigt zu werden, der dem Herrn dienen möchte. Das möchte ich mir auf jeden Fall von Billy Graham sagen lassen.

Das "Modesto-Manifest"

Diese "gemeinsame Verpflichtung, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um den biblischen Maßstab der absoluten Integrität für Evangelisten aufrechtzuerhalten", ist sicher eine Erklärung dafür, daß man BHW Graham nie einen berechtigten Vorwurf finanzieller Veruntreuung oder moralischer Entgleisung machen konnte.

"Wir hatten alle von Evangelisten gehört, die sich, fernab von ihren Familien, schuldig gemacht hatten. Darum versprachen wir einander, jede Situation zu meiden, die auch nur einen zweifelhaften Anschein erwecken könnte. Von diesem Tag an bin ich nie wieder mit einer anderen Frau als Ruth alleine gereist, zusammen gewesen oder essen gegangen."(S. 154)

Das sind klare, biblische Verhaltensweisen, von denen man wünschen würde, daß sie jeden Evangelisten kennzeichnen.

Leider vermisst man aber diese klaren Prinzipien in anderen Lebens- und Dienstbereichen, und das scheint mir der Knackpunkt in Billy Grahams Leben zu sein. Er hat leider in anderen Bereichen Situationen gesucht und Bewegungen eingeleitet, die nicht nur einen zweifelhaften Anschein erweckt haben, sondern nach meiner Einschätzung zu folgenschweren unbiblischen Weichenstellungen bei den Evangelikalen geführt haben.

Merkwürdige Freundschaften

Jedem aufmerksamen Leser dieses Buches fällt auf, wie positiv Billy Graham seine teilweise recht umstrittenen Freunde beurteilt. Aus der Fülle der Personen einige Beispiele:

Da ist ein Ehebrecher wie Martin Luther King jr., den er als "Freund" bezeichnet (S. 302), da sind die Präsidenten Johnson und Nixon, dem der die "Echtheit seines geistlichen Anliegens" bescheinigt (5. 422). Auch mit Carter "spürte er einen Geist der Einheit und Liebe" (S. 422) und Ronald Reagan war ihm ein "warmherziger, treuer Freund" (S. 507). Als letzter in der Reihe der Präsidenten erscheint natürlich Bill Clinton, mit dem er gemeinsam vor dem Krankenbett von Pastor Vaught betete (S. 596) und den er allen Skandalgeschichten zum Trotz "sehr schätzt, welche Ansichten er auch vertreten möchte" (S.597).

Man glaubt allerdings seinen Augen kaum zu trauen, wenn er nach einem Besuch bei Clinton im Jahr 1996 schreibt:

"Es waren herzliche Stunden mit einem Mann, der nicht immer Zustimmung bei seinen Mitchristen findet, jedoch im tiefsten Herzen den Wunsch hat, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun" (5. 600).

Bill Clinton - ein Diener Gottes? Die Straßenpresse scheint da weniger Sand in den Augen zu haben, als der zur Zeit prominenteste Evangelikale.

Aber nicht nur Politiker in Ost und West, sondern auch Theologen wie Karl Barth und den liberalen Ökumeniker Michael Ramsey (S. 638-639) zählt er zu seinen Freunden.

Den Irrlehrer und falschen Propheten Oral Roberts bezeichnet er als seinen "langjährigen Freund, weltbekannt für seinen Predigt- und Heilungsdienst" (S. 514). Schließlich wundert man sich nicht mehr, wenn auch Norman Vincent Peale, der Vater des "Positiven Denkens", in der Reihe der Bekanntschaften auftaucht, über den er trotz seiner katastrophalen esoterischen und an Magie erinnernden Irrlehren schreibt:

"Obwohl wir in unserer Verkündigung unterschiedliche Schwerpunkte setzten, lernte ich ihn als einen gläubigen Mann kennen, dem es am Herzen lag, daß Männer und Frauen ihr Leben Christus anvertrauen" (5. 302).

Das Vertrauensverhältnis zum Vatikan und zu Papst Johannes Paul II. wird an vielen Stellen deutlich und auch mit einem Foto dokumentiert, das Billy Graham wenige Tage vor "Pro Christ '93" im vertrauten Gespräch mit dem Papst abbildet. Doch leider scheint man sich in evangelikalen Kreisen solcher Bilder und Berichte nicht mehr zu schämen, die vor wenigen Jahrzehnten noch Empörung unter Protestanten und allen bibeltreuen Christen ausgelöst hätten.

Die Grenzen der Toleranz

Während Graham Politiker, Kirchenführer und Prominente aller Couleur zu seinen Freunden zählt, stößt seine Toleranz anscheinend nur dort an Grenzen, wo es um bibeltreue Christen geht, die bereits in den 50er Jahren versucht haben, ihn zu korrigieren und auf unbiblische Prinzipien aufmerksam zu machen.

Dort wo Bob Jones, seine Bibelschule oder auch sonst "Fundamentalisten" genannt werden, spürt man die trennende Kluft und Grahams Unbehagen solchen gegenüber, die aus biblischer Überzeugung Einwände gegen seine katholisierende und "zunehmend ökumenische Haltung" erhoben (S. 290).

Die entscheidende Weichenstellung

Im Jahr 1955 scheint die entscheidende Weiche im Dienst von Billy Graham gestellt worden zu sein. Trotz aller Warnungen seiner früheren fundamentalistischen Freunde schreibt er:

"Ich vertrat den Standpunkt, daß wir mit jedem zusammenarbeiten sollten, der mit uns zusammenarbeiten wollte. Unsere Botschaft war klar: Christus allein ist der Weg zur Errettung. Wenn also jemand, der theologisch anders dachte als wir, dennoch bereit war, uns bei einer Evangelisation zu unterstützen, dann war er es, der seine persönlichen Überzeugungen kompromittierte, und nicht wir." (5. 291)

Während das NT eindeutig vor einer geistlichen Arbeitsgemeinschaft mit Ungläubigen, in moralischen Sünden lebenden Christen, Irrlehrern und Sektierern warnt (vgl. Röm 16,17-18; 1Kor 5,9-12; 2Kor 6,14-16; 2Thes 3,6; 2Tim 2,16-21; 2Jo 10-11 usw.) hat Graham keine Probleme, mit jedem Irrlehrer zusammenzuarbeiten, der dazu bereit ist.

Nur so läßt sich seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Männern wie Robert Schuller und David Yonggi Cho - die allerdings in diesem Buch nicht erwähnt werden - erklären.

Mit dieser unbiblischen Weichenstellung hat Billy Graham einen großen Teil der Evangelikalen auf ein Gleis gebracht, das in Richtung Rom und Genf führt.

Die praktischen Auswirkungen dieser Vermischung und Vernebelung haben wir jetzt schon vor Augen, wenn wir an "Pro Christ" und die "große Koalition für Evangelisation", an "Jesus Marsch 2000" und weitere Aktionen der Ev. Allianz in Deutschland denken.

Bei allem Respekt vor der guten Motivation und dem Bemühen Billy Grahams, Menschenmassen mit dem Evangelium zu erreichen, bei aller Anerkennung der persönlichen Integrität in Bereichen, wo viele bekannte Evangelisten gefallen sind, komme ich nach der Lektüre dieser Autobiographie nicht umhin, die unbiblischen Prinzipien und Arbeitsweisen Billy Grahams als eine große Gefahr für biblisches Christentum zu bezeichnen.

Wichtiger als alle Auszeichnungen, Preise, Orden und Ehrentitel von Menschen sollte uns die Frage sein, ob wir von dem Herrn aller Herren das Prädikat "Gott bewährt" (2Tim 2,15) erhalten.

Nachtext

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