Zeitschrift-Artikel: Leser fragen: Belasten uns die Sünden von Vorfahren?

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Titel: Leser fragen: Belasten uns die Sünden von Vorfahren?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Leser fragen: Belasten uns die Sünden von Vorfahren?

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Text

Frage

"In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an ihren Kindern bis ins dritte oder vierte Glied heimgesucht werden. Liegt ein Bann oder Fluch auf meinem Leben, wenn meine Vorfahren Okkultismus getrieben haben?" N.N. in H.

Antwort

Diese Frage hat in den letzten Jahren weltweit in vielen Gemeinden heftige Meinungsunterschiede, Auseinandersetzungen und auch Spaltungen hervorgerufen. Nicht nur in charismatischen Kreisen, wo der sog. "Befreiungsdienst" teilweise eine wichtige Rolle in der Seelsorge spielt, sondern auch in solchen Gemeinden, die man als "konservativ" und "bibeltreu" bezeichnen würde.

Fast immer wird als biblischer Beleg für dämonische Belastungen durch Vorfahren 2. Mose 20,5 oder 2. Mose 34,7 zitiert: "...der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern, am dritten und vierten Glied derer, die mich hassen."

Auf Grund dieser Aussage hat sich die sog. "Okkultseelsorge" oder der "Befreiungsdienst" verschiedenster Schattierungen entwickelt, der im allgemeinen besagt, daß wiedergeborene Christen einen "Befreiungsdienst" in Anspruch nehmen müssen, wenn in ihrer Ahnenreihe solche sind, die "okkulte" Sünden (d.h. sog. "Zaubereisünden" wie Kartenlegen, Besprechen, Handlinienlesen usw.) getrieben haben.

Geistliche, seelische und auch körperliche Probleme des betroffenen Christen werden dann oft mit diesen und anderen "Greuelsünden" der Vorväter in Zusammenhang gebracht.

Diese unbiblische Auslegung hat oft zur Folge, daß der Betroffene "Ahnenforschung" betreibt, dadurch die Ursache für seine Probleme nicht bei sich erkennt und so eine unnüchterne und falsche Blickrichtung für sein Leben bekommt: Er blickt auf sich oder seine Vorfahren, anstatt auf Christus, auf Sein vollkommenes Opfer und auf Seine Verheißungen zu schauen.

Die Folge dieser falschen Sicht ist in vielen Fällen ein Gefühl von Gebundenheit, ein Bedrücktsein, eine geistliche Kraftlosigkeit und Unfreiheit, welche die Freude am Herrn und an Seinem Wort hindert oder einschränkt.

Ich möchte zur Klärung der Frage einige Thesen aufstellen und diese anhand der Bibel kurz erläutern.

"I. Natürlich haben Sünden der Vorfahren Auswirkungen auf die

Nachkommen

Die Bibel lehrt deutlich, daß durch Adams Ungehorsam die Sünde und der Tod "zu allen Menschen durchgedrungen ist" (Röm 5,12 - 21). Das, was wir "Erbsünde" nennen, haben wir von unseren Eltern und letztendlich von Adam mitbekommen.

Nicht nur die sündige Natur, sondern auch gute und negative Eigenschaften, Begabungen usw. geben wir unseren Kindern weiter. Es scheint auch so zu sein, daß eine sog. "Medialität" über Generationen weitervererbt werden kann.

Aber auch das schlechte Vorbild der Eltern wird die Kinder prägen und kann sehr negative Folgen haben. Das Leben der Patriarchen bietet uns dafür jede Menge Anschauungsunterricht.

2. Mit einer echten Bekehrung oder Wiedergeburt sind die Sünden unserer Vergangenheit und Herkunft gesühnt

Bekannte Bibelstellen wie 2Kor 5,17; Kol 1,12 - 14, 2,13-15; Eph 1,7, 2,1-5; 1Jo 1,7+9 usw. machen deutlich, daß der Teufel keine Rechtsansprüche mehr an solche hat, die ihre Sünden Gott bekannt und deren Schuld durch den Glauben an den Erlöser Jesus Christus vergeben wurde.

Daraus folgt:

3.        Die Heimsuchung der Sünden der Väter an den Kindern wird also nur dann erfolgen, wenn die Nachkommen in den Sünden der Väter leben, d.h. Gott und seine Vorschriften hassen

Auch hier ist es wichtig, den Zusammenhang der Bibel zu kennen. In Hesekiel 18 wird die Frage der "Vätersünden" ausführlich behandelt und führt zu dem Ergebnis:

"Die Seele, welche sündigt, die soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Ungerechtigkeit des Vaters mittragen..." (Hes 18, 20)

Vorher ist die Rede von einem Sohn, der die Sünden seines Vaters sieht, sie aber selbst nicht tut, sondern Gottes Geboten folgt, "er wird nicht wegen der Ungerechtigkeit seines Vaters sterben." (Vers 17)

Ähnliche Aussagen finden wir in 5. Mose 24,16 und Jer 31, 29-34.

Beispiele für diese Wahrheit finden wir an vielen Stellen im AT. So waren z.B. die beiden Könige Hiskia und Jasia, die eine Erweckung in der Endzeit Israels erlebten, Söhne gottloser Väter, die Götzendienst schlimmster Art praktizierten. Aber weil die Söhne zu Gott umkehrten und sich nicht ihre leiblichen Väter, sondern David zum Vorbild nahmen (vgl. 2Chr 29,2 und 34,2), wurden sie zu Segensträgern.

Auf der anderen Seite sehen wir Könige wie Nadab, Baesa, Omri und Ahab, die in "den Sünden Jerobeams wandelten", also die Sünden ihrer Väter wiederholten und deswegen von Gott gerichtet wurden.

4.        Es ist nicht biblisch, in der Seelsorge mit sog. "Okkultsünden" anders als mit anderen Sünden umzugehen

Damit möchte ich auf keinen Fall Aberglaube und Götzendienst verharmlosen. Sünden gegen das erste Gebot haben sicher ein besonderes Gewicht, aber es ist einfach nicht schriftgemäß und nüchtern, wenn man einen Bordellbesuch oder Steuerbetrug für weniger gefährlich hält, als den Gang zur Wahrsagerin oder zum Irisdiagnostiker.

Sünde ist Sünde und hat verheerende Folgen, die verschieden aussehen können, wenn wir sie nicht vor Gott bekennen und bereinigen, egal ob es "Greuelsünden" oder "normale" Sünden sind.

5. Es gibt im NT weder ein Beispiel noch eine Anweisung für Exorzismus an Christen

Alle Beispiele von Besessenheit in den Evangelien und in der Apostelgeschichte handeln ausschließlich von solchen, die keine Christen bzw. an Gott Glaubende waren und es gibt an keiner Stelle eine Anordnung oder einen Befehl, bei Wiedergeborenen Dämonen auszutreiben oder einen Bann auf Grund von Sünden der Vorväter zu brechen.

Solche, die "Okkultseelsorge" an Christen praktizieren, stützen sich gerne auf Erfahrungswerte, können sich aber nicht auf das NT beziehen. Dabei ist die Gefahr groß, daß man im Wahn, Autorität über Dämonen ausüben zu können, selbst von Dämonen getäuscht und irregeführt wird.

Alle seelsogerlichen Anweisungen des NT zielen darauf hin, daß wir Sünde in unserem Leben ernst nehmen, bekennen, richten, töten, ablegen und "Christus anziehen" sollen (vgl. Kol 3,1-14; Röm 6; 1Petr 2 usw.)

Die Christen in Ephesus, die vor ihrer Bekehrung aktiv okkulte Praktiken getrieben hatten, "bekannten und verkündigten ihre Taten", verbrannten ihre Bücher und distanzierten sich damit öffentlich von ihrer Vergangenheit (Apg 19, 18-20). Doch von Dämonenaustreibung oder einem "Befreiungsdienst" an Wiedergeborenen durch die Apostel lesen wir kein Wort.

Natürlich gibt es auch eine "Kollektivschuld". Wenn das Volk Gottes im AT oder NT als Ganzes gesündigt und einen unbiblischen Weg eingeschlagen hat, so daß Gott richten muß, ist es gut, wenn man auch als Glied einer späteren Generation diese Sünde Gott bekennt (wie Esra, Nehemia, Daniel usw.). Aber das hat nichts mit Innewohnung und Austreibung von Dämonen zu tun.

Es ist sicher gut und nötig, wenn wir unser Leben im Licht der Bibel überprüfen und erkannte Sünde in aller Schärfe verurteilen und aus unserem Leben beseitigen. Aber dann sollten wir unser Interesse und unseren Blick wieder auf den Herrn Jesus, auf Sein Opfer und Sein Wort lenken, weil wir sonst geistliche Kraft verlieren.

Wir sollten den Teufel und seine Dämonen niemals dadurch ehren, daß wir ihnen mehr Beachtung schenken, als unbedingt nötig ist.

"Vergessend was dahinten und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach ohen in Christus Jesus." (Phil. 3,74)

Wolfgang Bühne

Nachtext

Quellenangaben