Zeitschrift-Artikel: Walter Lopez und Frau: Vom Schürzenjäger zum Menschenfischer

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Titel: Walter Lopez und Frau: Vom Schürzenjäger zum Menschenfischer
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Walter Lopez und Frau: Vom Schürzenjäger zum Menschenfischer

Vortext

Text

Die Geschichte des Walter Lopez

"Ein ehemaliger Mafia-Boß, pleitegegangener Barbesitzer, Drogen- oder Gebrauchtwagenhändler" - das waren die Schubladen, in die ich Walter Lopez steckte, als ich ihn vor vier Jahren zum ersten Mal auf einer Bibelkonferenz in Honduras traf.

Wie ein Paradiesvogel fiel er aus dem Rahmen. Nicht nur als Stimmungskanone oder durch seinen 300er Mercedes, der - wenn auch schon etwa 20 Jahre alt -eine Sensation unter den Brüdern war, die fast alle per Bus, Trecker, Fahrrad oder per Pedes zur Konferenz gekommen waren. Nein, wenn man in seine Augen schaute, dann wußte man: dieser Mann ist hellwach, hat den Schalk im Nacken und eine Menge Lebenserfahrung hinter sich.

Als dann manche merkwürdige Story über diesen Mann die Runde machte, wurde mein Interesse größer, ihn selbst und seine Vergangenheit näher kennenzulernen. Allerdings schätzte ich ihn damals trotz seiner Leibesfülle als geistliches Fliegengewicht ein - als "Windei".

Aber darin hatte ich mich getäuscht! Als wir ihn im März dieses Jahres wieder trafen, machte er nicht mehr den Eindruck eines oberflächlichen Showmnakers. Er schien irgendwie verändert, obwohl sein Humor geblieben war und auch sein Benz noch tuckerte. Er machte sich zum Diener aller, setzte seine Pfiffigkeit und seinen materiellen Besitz für seine Mitgeschwister ein und so wunderte ich mich nicht mehr, als ich hörte, daß er inzwischen zu einem wertvollen Mitarbeiter einer großen Freizeitarbeit und Jüngerschaftsschule herangereift war.

Schließlich bat ich ihn, uns doch einmal ausführlich seine Lebensgeschichte zu erzählen, die ich hier - etwas überarbeitet - wiedergeben möchte.

In aller Deutlichkeit stand mir der Trümmerhaufen meines Lebens vor Augen und die Spur von Blut und Tränen, die ich hinterlassen hatte. Ich wußte, daß Gott mich richten und verurteilen mußte. Drei Tage lang suchte ich die Stille auf und in dieser Zeit überführte der Heilige Geist mich von meinen Sünden ...

Geboren um zu verlieren

Ich bin hier in Honduras in einer sehr armen, katholischen Familie aufgewachsen. Als ich etwa 5 Jahre alt war, verließ mein Vater unsere Familie. Wir hatten kaum etwas zu essen, keine Kleidung und unsere Hütte hatte nur ein Bett, in dem unsere Mutter schlief. Wir Kinder schliefen auf dem Lehmboden.

Unser Leben änderte sich, als eines Tages der gefürchtete Bruder meiner Mutter ins Dorf kam. Er war ein berüchtigter Berufs-Killer. "Da kommt der Teufel!", riefen die Leute entsetzt, als sie ihn sahen, bekreuzigten sich, liefen in ihre Häuser und verriegelten ihre Türen.

Aber dieses Mal kam er nicht mit seiner Pistole, sondern in der einen Hand hielt er eine Bibel und in der anderen Hand eine Laterne. Am Abend ging er von Hütte zu Hütte und verkündigte das Evangelium.

Die Dorfbewohner waren verwirrt: "Er ist vom Teufel, aber er trinkt nicht mehr, tötet nicht mehr und spricht von Jesus. Was ist los mit ihm?"

Nun, mein Onkel hatte sich bekehrt und seine Veränderung war so offensichtlich, daß man sein Zeugnis ernst nahm. Damals kam meine liebe Mutter zum Glauben an den Herrn Jesus.

Meine Karriere als "Fünfminutenprediger"

Im Alter von 12 Jahren verließ ich meine Familie, um meine Mutter zu entlasten. Ich schwur damals, nie wieder in diese Armut zurückzukehren, sondern viel Geld zu verdienen.

Es war nicht einfach, Arbeit zu finden, aber schließlich bekam ich eine Stelle in einer Bananenfabrik. Vier Jahre später kehrte ich zu meiner Mutter zurück, aber ich war nicht bereit, mit ihr in die Versammlung ("Sala Evangelika") zu gehen, zu der Mutter inzwischen gehörte. Dort waren nur ältere Leute.

Aber ein Baptistenpastor aus der näheren Umgebung lud mich in seine Gemeinde ein, zu der auch einige Amerikaner gehörten. "Die Anwesenheit von Gringos beinhaltet die Möglichkeit einer Arbeitsstelle", dachte ich und tatsächlich bekam ich dort eine Anstellung um Traktor zu fahren, Reparaturen zu erledigen usw.

Um einen guten Eindruck zu machen, schien es mir auch vorteilhaft zu sein die Hand zu heben, als eines Tages in der Kirche zur Bekehrung aufgerufen wurde.

Kurze Zeit später wurde an unserem Ort eine Evangelisation durchgeführt. Der Prediger fragte mich:

"Kannst Du ein Zeugnis geben?" "Nein!"

"Dann bereite Dich darauf vor"

Nun geriet ich in Panik. Ich war nicht wiedergeboren und meine Bibel trug ich nur zum Schein mit zur Gemeinde. Um nur ja nicht negativ aufzufallen und dadurch meine Beziehungen zu verlieren, durchstöberte ich den Bücherschrank der Baptistengemeinde, um mich zu informieren. Dort entdeckte ich die Bücher des Evangelisten Murray McCheyne, die mir gut gefielen.

In der Folgezeit klaute ich ein Buch nach dem anderen, um dann Passagen aus diesen Predigten auswendig zu lernen. Ich prägte mir auch Gedichte ein und bald fand mein erster Auftritt mit einer Kurzbotschaft statt, die offensichtlich Zustimmung fand. Die Zuhörer schienen begeistert zu sein und forderten mich auf, des Öfteren zu predigen. Allerdings dauerten meine "Predigten" nicht länger als 5 oder 10 Minuten, denn es war keine leichte Sache, immer wieder eine neue Predigt auswendig zu lernen, ohne den Inhalt zu verstehen.

Auf diese Weise wurde ich mit etwa 16 Jahren der sog. "Fünfminutenprediger", der sich wachsender Beliebtheit erfreute, vielleicht gerade deswegen, weil meine Predigten so kurz waren.

Monate später schickten mich die Baptisten mit weißem Hemd und Krawatte zu einer Konferenz. Irgendwie bekam ich dort eine Zeitschrift von den "Brüdern" in die Finger, worin zu einem Jugendlager in Tela eingeladen wurde. Mich interessierten vor allem die Mädchen dort und so besuchte ich dieses Lager und kam so in Kontakt zu der Versammlung in Tela. Die Gringos dort konnte ich mit meiner frommen Show bluffen und sie sorgten dafür, daß ich bald getauft und in die Gemeinde aufgenommen wurde. Gleich am ersten Sonntag spulte ich freimütig und routiniert eine meiner "Fünfminutenpredigten" über Joh 14,6 ab und machte scheinbar nicht die schlechteste Figur.

Dort gab man mir ein Buch von Georg Müller über das Gebet und so lernte ich auch Passagen aus diesem Buch auswendig, um mein Repertoire um einige Kurzansprachen für Gebetsstunden zu erweitern.

Heimlich pflegte ich auch Kontakt zu den anderen Denominationen am Ort, um auch sie mit meinem Wortschwall zu beglücken und so konnte ich für eine kurze Zeit den Baptisten ein Baptist, den Methodisten ein Methodist und den "Brüdern" ein "Bruder" sein, bis der ganze Schwindel irgendwann offenbar wurde und damit meine Karriere als jugendlicher "Fünf-minutenprediger" ein schnelles Ende fand.

Geld und Frauen

Hatte ich mich nun bei den Christen stinkend gemacht, versuchte ich mich auf mein berufliches Weiterkommen zu konzentrieren. Tatsächlich schaffte ich es, mit 20 Jahren stellvertretender Geschäftsführer einer Bananenfabrik zu werden. Nun hatte ich mein Ziel erreicht: ich verdiente genug Geld und da ich weder rauchte noch trank, blieb genügend Geld übrig, um eine Anzahl Frauenbeziehungen einzugehen.

Über 20 Jahre lang hatte ich in der Folgezeit keinen Kontakt mehr zu einer Gemeinde.

In den folgenden Jahren gründete ich mit drei Partnern eine Molkerei und begann auch eine Viehzucht, was in Honduras ein riskantes Unternehmen ist. Um störende und unbequeme Konkurrenten auszuschalten, war es nicht ungewöhnlich, Killergruppen mit der Liquidierung dieser Personen zu beauftragen. Pro Person kostete uns das damals umgerechnet 500,-bis 1.000,- DM. So wenig ist das Leben wert.

Ohne verheiratet zu sein, lebte ich schließlich 23 Jahre mit einer Frau zusammen, die Sonntags in die Versammlung ging, aber wegen der illegalen Beziehung zu mir nicht getauft wurde. Doch daneben hatte ich noch einige andere Beziehungen und inzwischen 9 Kinder von drei verschiedenen Frauen, für die ich zu sorgen hatte.

Kein Rollentausch sondern neues Leben!

Es ist jetzt etwa 5 Jahre her, als ich eines Morgens um 4 Uhr mit dem Bewußtsein aufwachte: ich bin ein verlorener Sünder! In aller Deutlichkeit stand mir der Trümmerhaufen meines Lebens vor Augen und die Spur von Blut und Tränen, die ich hinterlassen hatte. Ich wußte, daß Gott mich richten und verurteilen mußte. Drei Tage lang suchte ich die Stille auf und in dieser Zeit überführte der Heilige Geist mich von meinen Sünden. Ich durfte Buße über mein gottloses Leben tun und Gott schenkte mir den Glauben an den Herrn Jesus, der meine große Schuld stellvertretend am Kreuz für mich bezahlt hat. Von nun an haßte ich die Sünde und war entschlossen, mit allen üblen Gewohnheiten und Verbindungen zu brechen.

Als ich meiner illegalen Frau erklärte, daß ich bis zur offiziellen Hochzeit mit ihr keinen Kontakt mehr haben könnte, war sie entsetzt. "Dieser Leib ist jetzt ein Tempel des Heiligen Geistes", antwortete ich, "und meine Pistolen habe ich auch weggegeben!"

Es war nicht so einfach, die Beziehungen zu den anderen Frauen zu beenden, die Mütter meiner Kinder waren. Ich besuchte sie, wies jeden Annäherungsversuch ab, betete mit ihnen und bekannte, daß ich nun Christ war. Ich versprach, weiterhin für sie und die Kinder zu sorgen, aber ansonsten keinen Kontakt mehr zu pflegen.

Nachdem wir geheiratet hatten, war meine Frau einverstanden, einige der Kinder aus den anderen Beziehungen aufzunehmen und ich bin dankbar, daß inzwischen 5 von den 9 Kindern zum Glauben gekommen sind.

Aus der Molkerei bin ich ausgestiegen und auch meine Viehzucht habe ich reduziert, um ein Jüngerschaftsprogramm mitmachen zu können. Natürlich waren die Christen zuerst sehr skeptisch und bewegten die Frage, ob ich nun erneut eine fromme Rolle einstudiert hätte.

Doch inzwischen ist das Vertrauen da und ich darf sowohl in praktischen wie in geistlichen Aufgaben im Jüngerschaftsprogramm in Tela mitarbeiten.

Was die Zukunft betrifft, sind wir auch bereit, als Missionare nach Nicaragua zu ziehen oder unter den Garifunas in der Provinz Mosquitia zu arbeiten und Omar Ortiz zu unterstützen.

Inzwischen bin ich 50 Jahre alt. Ein Leben in der Sünde und in Mittelmäßigkeit kommt für den Rest meines Lebens nicht mehr in Frage.

Nachtext

Quellenangaben