Zeitschrift-Artikel: Erste Früchte auf chemieverseuchtem Boden

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Titel: Erste Früchte auf chemieverseuchtem Boden
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Erste Früchte auf chemieverseuchtem Boden

Vortext

Text

Missionsarbeit im Land der Hoffnungslosigkeit

Vor etwa vier Jahren, am 9.10.1995, zogen Kornelius und Anna Schulz mit ihren vier Kindern nach Dserschinsk, einer russischen Industriestadt, etwa 400 km östlich von Moskau entfernt. Sie folgten dem Ruf des Herrn, in dem Land das Evangelium weiterzusagen, in das vor Jahrzehnten ihre Eltern und Voreltern verschleppt wurden.

Die Wahl fiel auf diese Stadt, weil hier etwa 400.000 Menschen wohnen und damals keine christliche Gemeinde in dieser Stadt bekannt war. Auch die geographische Lage schien günstig zu sein: Im benachbarten Nischni Novgorod (früher: Gorki) gab es einen internationalen Flughafen und damit war die Verbindung zu anderen Regionen dieses riesigen Landes und vor allem auch nach Deutschland einigermaßen leicht möglich.

Dserschinsk - genannt nach Felix Dserschinsk, einem Freund Lenins und dem Gründer des KGB - ist eine recht junge Stadt, die während des letzten Krieges von deutschen Gefangenen aufgebaut wurde. Sie wurde zu einem Zentrum der chemischen Industrie und es entstanden riesige Fabriken, vor allem für militärische Zwecke. Deswegen war die Stadt bis vor wenigen Jahren für ausländische Besucher geschlossen.

Inzwischen sind aber nur noch etwa 10% der Fabriken in Betrieb und alles andere verfällt. Über 50% der Bevölkerung ist arbeitslos und die Löhne schwanken zwischen 200 und 1.000 Rubel, das sind etwa 15 - 80 DM pro Monat. Aber selbst dieser geringe Lohn wird oft nicht ausbezahlt und die Leute arbeiten nur deswegen weiter, weil sie damit ihren Anspruch auf eine spätere Rente nicht verlieren, die umgerechnet zwischen 25 und 40 DM pro Monat liegt.

Natürlich sind die Menschen dort alles andere als zufrieden und wenn heute gewählt würde, würden die meisten den Kommunisten ihre Stimme geben. "Damals war alles besser. Es gab klare Gesetze, Ordnung im Land und eine geregelte Bezahlung und Versorgung."

Wie kann man hier mit einer Familie überleben?

Diese Frage haben wir uns gestellt, als meine Frau und ich im April dieses Jahres einen Besuch bei unseren Freunden machten. Nun muss man zur Erklärung sagen, dass die Mieten hier vergleichsweise sehr gering und auch einige Grundnahrungsmittel sehr billig sind. So zahlt man z.B. für ein Brot umgerechnet nur etwa 0,20 DM. Allerdings sind andere Lebensmittel und Gebrauchsgüter nicht wesentlich billiger als bei uns. Eine Ausnahme ist der Benzinpreis, ein Liter kostet traumhafte 0,25 DM! Eine weitere, allerdings folgenschwere Ausnahme ist der Preis für Alkohol: eine Flasche Wodka kann man für umgerechnet 1.50 DM bekommen. Das erklärt, warum ein Großteil der Bevölkerung aus Alkoholikern besteht, die auf diese Weise ihr jämmerliches Dasein vergessen wollen.

In Verbindung mit dem Alkohol gibt es naturgemäß Diebstahl, Schlägerei und Ehebruch. Jede zweite Ehe wird geschieden und dementsprechend sehen die Familien aus.

Aufgrund der ungeheuren Umweltverschmutzung durch die Chemie beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer hier 47 Jahre, das der Frauen 50 -55 Jahre. Tatsächlich haben wir während unseres Besuches in dieser Stadt wohl zahlreiche alte Frauen, aber so gut wie keine alten Männer gesehen.

Im Gegensatz zu der bekannten Nachbarstadt Gorki ist Dserschinsk hässlich und dreckig. Es existiert kein Umweltbewusstsein. Müll wird gedankenlos auf die Straße geworfen und die teilweise landschaftlich sehr schön gelegenen Seen ähneln einer stinkenden Kloake, weil aller Unrat achtlos hineingekippt wird. Die Straßen gleichen einer endlosen Versuchsstrecke für Stoßdämpfer und man fühlt sich als Beifahrer wie auf einer Slalompiste, weil der Fahrer den Löchern und Hindernissen ausweichen muss.

Ein schwieriger Start

In den ersten beiden Jahren musste Familie Schulz viermal umziehen, weil die Wohnung jeweils gekündigt wurde. Vor zwei Jahren konnte ein Rohbau gekauft werden, der nicht nur genügend Platz für die Familie, sondern auch Raum für ein Bücherlager und einen Versammlungssaal bot. Dieses Haus ist inzwischen von Kornelius und einigen Helfern weitgehend ausgebaut worden.

Neben allem Umzugsstress wurde in den ersten Jahren auch evangelisiert, das Gefängnis regelmäßig besucht, in der Zeitung Anzeigen für Emmaus-Kurse aufgegeben und so entstand bald ein Hauskreis, in dem die Bibel gelesen und die Fragen der Teilnehmer beantwortet wurden. Als dann die ersten zum Glauben kamen und sich taufen ließen, wurde die Frage der Gemeinde immer akuter und vor zwei Jahren haben sie dann angefangen, nach dem Vorbild von Ap. 2,42 zum Brotbrechen, zur Wortverkündigung und zum Gebet zusammenzukommen.

Inzwischen zählen sich etwa 20 Geschwister verbindlich zur Gemeinde, darunter auch eine Anzahl Taubstummer. Sonntags kommen etwa dreißig Leute zur Wortverkündigung und immer wieder tauchen neue Leute aus der Nachbarschaft auf, die den Mut haben, sich dem Spott der Bekannten und den Warnungen der orthodoxen Kirche auszusetzen.

Die Offenheit der Menschen, zu denen man einen persönlichen Kontakt bekommt, ist allgemein recht groß, während Großevangelisationen in dieser Gegend kaum eine Chance haben, weil große und spektakuläre Veranstaltungen von Sekten und Charismatikern das Evangelium und die Christen lächerlich und unglaubwürdig gemacht haben.

Alltagsprobleme

"Herr, bewahre uns vor Räubern, Gangstern, falschen Polizisten, Unfällen und anderen Gefahren, Amen!"

Dieses Gebet sprach Kornelius, nachdem wir seinen Bus bestiegen hatten, um einige Besuche zu machen. Wie sehr dieses Gebet angebracht war, zeigt die folgende Geschichte, die uns Kornelius erzählte:

"Es war im Februar dieses Jahres, als wir von der Polizei angehalten wurden und der Polizist in unseren Fahrzeugpapieren irgendeinen Stempel vermisste. Er gab uns die Dokumente zurück mit der Auflage, sofort zum Zoll nach Gorki zu fahren, um dort das Versäumte nachzuholen.

Gehorsam fuhr ich zum Zoll, wo ein Beamter die Unterlagen überprüfte und mich anwies, den Wagen in einen Lagerraum zu fahren. Als das Auto am gewünschten Platz stand, zog der Beamte eiskalt den Zündschlüssel aus dem Schloss, steckte ihn ein und sagte: "Hiermit ist das Fahrzeug konfisziert, weil ein Stempel in Ihren Papieren fehlt. Sie bekommen den Wagen erst dann zurück, wenn sie die Strafe - den doppelten Wert des Autos - gezahlt haben!"

Als er mein sprachloses Gesicht sah, las er mir einen entsprechenden Paragraphen irgendeiner neuen Verordnung vor.

"Aber wie soll ich denn nach Hause kommen?"

"Das ist nicht mein Problem, sie können mit dem Bus fahren."

Deprimiert und erbost über die Willkür dieses Beamten, der offensichtlich nur auf ein Bestechungsgeld wartete, verließ ich zu Fuß das Zollgebäude und musste nun ein andere Möglichkeit suchen, nach Hause zu kommen.

Wir informierten so bald wie möglich alle Geschwister der Gemeinde und auch unsere Freunde in Deutschland, die für uns beteten.

In der folgenden Woche fuhr ich fast täglich nach Gorki, um das Auto irgendwie auf dem Verhandlungsweg zurückzubekommen. Alles umsonst. Schließlich entschloss sich unsere kleine Gemeinde einen Tag für dieses Problem zu beten und zu fasten, während ich mich diesmal mit Anna und unseren vier Kindern auf den Weg zum Zollgebäude machte. Dieses Mal versuchte ich einen vorgesetzten Beamten zu erreichen, um ihm unsere Not zu schildern. Tatsächlich gelang uns das. Dieser "Oberzöllner" hatte Mitleid und Verständnis für unsere Situation und brummte mir "nur" eine Strafe von 1.950 Rubel (etwa 220.-DM) auf, übergab mir die nötigen Papiere und sagte: "Den Wagen könnt ihr noch heute an der Zweigstelle abholen."

Dankbar machten wir uns auf den Weg und kamen 1 1/2 Stunde vor Feierabend dort an. Während Anna und die Kinder draußen im Schnee warteten und beteten, ging ich in die "Höhle des Löwen", um unser Auto zurückzufordern.

"Wie viel Strafe habt ihr gezahlt?", fragte der Beamte, der uns vor einer Woche das Auto abgenommen hatte.

"1.950 Rubel!"

"Das kann nicht wahr sein! Das ist ungerecht. Womit habt ihr den Inspektor überredet?!"

Der Beamte war äußerst aufgebracht und wütend. Schließlich knurrte er mürrisch: "Sie müssen noch die Standgebühr für das Auto zahlen, aber die Kasse hat schon zu. Kommen Sie Morgen wieder!"

Jetzt wurde ich deutlich: "Ich habe alles bezahlt und die nötigen Papiere besorgt. Ich bestehe darauf, dass ich den Wagen sofort bekomme. Sonst werde ich mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren!"

Während der Beamte darauf etwa eine Stunde verbissen in allen Papieren und Verordnungen rumwühlte, stand Anna immer noch frierend mit den Kindern im Schnee. Sie hatten dort gebetet und zuletzt laut gesungen "Jesus Christus ist der Sieger über Hölle, Tod und Teufel..." Schließlich nahm Anna die Kinder an die Hand und betrat entschlossen das Bürogebäude mit den Worten: "Wo ist mein Mann?!"

Bald standen sie und die Kinder blaugefroren vor mir und dem Beamten, der plötzlich wie umgewandelt fragte: "Sind das Ihre Kinder?" Er war nun die Freundlichkeit in Person und innerhalb von 5 Minuten saßen wir in unserem Auto und fuhren mit Dankgebeten nach Hause. Es war uns, als hätten wir unseren Kleinbus ein zweites Mal geschenkt bekommen."

Weitere Pläne

Kornelius und Anna sehen für die kommenden Monate ihre Aufgabe vor allem darin, in ihrer Nachbarschaft durch persönliche Kontakte Menschen mit dem Evangelium vertraut zu machen und diejenigen, die zum Glauben gekommen sind, zu festigen und mitzuhelfen, dass die im Glauben jungen Brüder bald in der Lage sind, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen, wenn der Herr Familie Schulz an einen anderen Platz oder zurück in die deutsche Heimat ruft.

In den vergangenen Jahren sind sie durch Besuche aus Deutschland und der Schweiz sehr ermutigt worden (so haben u.a. Benedikt Peters und Alois Wagner dort wertvolle Dienste getan) und haben auch Hilfe durch Schwestern bekommen, die für kurze oder längere Zeit praktisch geholfen haben.

Einen wichtigen Auftrag sieht Kornelius auch in der Weiterführung und Begleitung von Oleg, einem zum Glauben gekommenen, ehemals orthodoxen Priester mit seiner Familie, dessen Lebensgeschichte auf den folgenden Seiten geschildert wird.

Beten wir für unsere Geschwister, dass ihr schlichter, aber treuer und wertvoller Dienst in diesem Land Kreise zieht und zum Segen vieler hoffnungsloser Menschen in diesem von Krisen und Unruhen geschüttelten Land dient.

Nachtext

Quellenangaben