Zeitschrift-Artikel: "Ein Judas in der geistlichen Hierarchie Nischni Novgorods..."

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Titel: "Ein Judas in der geistlichen Hierarchie Nischni Novgorods..."
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

"Ein Judas in der geistlichen Hierarchie Nischni Novgorods..."

Vortext

Text

"Ein Judas in der geistlichen Hierarchie Nischni Novgorods..."

So lautete eine der Schlagzeilen der russischen Tageszeitung, die über den Austritt des Popen Oleg Tichonows aus der russisch-orthodoxen Kirche berichtete.

Im April dieses Jahres hatten wir Gelegenheit, Oleg kennenzulernen, als wir zu Besuch bei unseren Freunden Kornelius und Anna Schulz in Dserschinsk waren. Seine Lebensgeschichte ist so interessant, dass ich sie den Lesern von "Fest und treu" nicht vorenthalten möchte. Zugleich hoffe ich, dass der eine oder andere Leser dadurch veranlasst wird, für Oleg und seine Familie zu beten.

Eine traurige Kindheit

Weil Olegs Eltern sich scheiden ließen, wurde er bereits mit viereinhalb Jahren in ein Kinderheim gesteckt. Dort lernte er sich durchzuboxen und Anerkennung zu verschaffen. Mit zehn Jahren rauchte er bereits und schloss sich einer Bande an, die bald in kriminelle Aktivitäten verwickelt war und Raubüberfälle organisierte.

Mit vierzehn Jahren war er der Kleinste in der Clique, als sie wieder einmal einen schweren bewaffneten Raubüberfall starteten, der mit einem Mord verbunden war. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung, auf der Oleg zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Strafe fiel für ihn gering aus, weil er minderjährig und der Jüngste in der Bande war. Drei seiner volljährigen Kameraden erhielten die Todesstrafe, die dann auch vollzogen wurde, ein Vierter bekam 14 Jahre und anschließend noch einmal 25 Jahre Gefängnis.

Um im Gefängnis bestehen zu können, lernte er dort Kampfsportarten und Boxen und gehörte dadurch bald zu denen, die als gefährlich für Insassen und Beamte eingestuft wurden. Deswegen wurde er wiederholt in die Isolierzelle gesteckt. Weil aber auch diese Strafe keine Besserung brachte und scheinbar alle menschlichen Erziehungsmethoden zum Scheitern verurteilt waren, schenkte ihm eines Tages ein Beamter ein Neues Testament, das aber zunächst etwa ein Jahr ungelesen blieb.

Als er später anfing in diesem NT zu lesen, wurde er eigenartig von der Person Jesu berührt. Im Kindergarten hatte man ihn wie ein Tier behandelt, hier im Gefängnis saß er buchstäblich hinter Gittern. Verständnis und Wärme von Menschen hatte er bisher nicht kennengelernt. Sollte es tatsächlich jemanden geben, der ihn liebte und sich für ihn interessierte? Dort im Gefängnis begann er zu beten, seine Sünden Gott zu bekennen und sich Ihm anzuvertrauen, obwohl er bisher keinem bewussten Christen begegnet war und ihm keiner von der Notwendigkeit der Bekehrung erzählt hatte.

Vom Knast zum Kloster

Als er mit 17 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, heiratete er eine 14 Jahre ältere Frau und zog mit ihr nach Jaroslaw (Uralgebiet). Dort bewarb er sich mit Erfolg bei einer orthodoxen Kirche als Arbeiter für Renovierungsarbeiten. Durch die entstandenen Kontakte mit kirchlichen Persönlichkeiten und sein wachsendes Interesse an geistlichen Dingen wurde er mit dem Kloster in Sagorsk bekannt, wo der bekannte Starez Nahum dem Kloster vorstand. Er bewarb sich um Aufnahme und erfuhr, dass ein Vorbestrafter normalerweise kein Pope werden könne. Durch die guten Beziehungen des Starzen Nahum zum Metropoliten bekam er aber eine Sondergenehmigung und so konnte er bereits nach einem Monat als Diakon tätig werden und wurde zwei Monate später als Priester ordiniert. Nachdem 1946 die orthodoxe Kirche in Russland dem KGB unterstellt wurde, ist es bis heute möglich, in einem dreimonatigen Schnellverfahren orthodoxer Priester zu werden.

Bereits im Alter von 19 Jahren durfte Oleg also schon als Priester taufen und predigen. Nebenbei lernte er im Fernstudium Theologie, um die Bibel besser kennenzulernen und sich auf seine Aufgaben als Priester gründlicher vorbereiten zu können.

Korrupte Kleriker

Eines Tages stellte er erstaunt fest, dass aus seiner Kirche eine Ikone verschwand. Als sich der Diebstahl wiederholte, schaltete er die Polizei ein, um dem Dieb auf die Spur zu kommen.

Eigenartigerweise brachte ihm sein Eifer für die Kirchenschätze kein Lob von seinem Vorgesetzten ein. Im Gegenteil - als er ein weiteres Mal die Polizei informierte, nachdem nun auch noch Geld verschwunden war, bekam er von seinem Metropoliten einen Rüffel mit der Auflage, in Zukunft den Mund zu halten und handelte sich eine Versetzung ein. Da sich aber an dem neuen Ort seiner Wirksamkeit diese Geschichte wiederholte, durchschaute er so langsam das Spiel, das hier von einigen Klerikern gespielt wurde...

Sein Vertrauen in die kirchliche Hierarchie wurde noch mehr erschüttert, als er von seinem Metropoliten zu einer Wolga-Schiffsreise für Popen eingeladen wurde und feststellte, dass nicht nur Priester, sondern auch eine entsprechende Anzahl Prostituierte an Bord geladen waren und man hier einige Tage in Saus und Braus lebte.

Als er diesen Skandal der betreffenden Kirchenbehörde mitteilte, gab es eine weitere Versetzung. Zur Betreuung der russischen Soldaten und ihrer Angehörigen im fernen Ost-Berlin brauchte man einen jungen Popen und dafür hielt man Oleg geeignet. In Berlin erlebte Oleg nun zwar keine Ikonendiebstähle, dafür lernte er aber dort die russische Mafia kennen und zog es vor, so bald wie möglich wieder in die Heimat zu ziehen.

Sein Vertrauen zur Kirche war inzwischen tief erschüttert. Das Studium der Bibel warf dann noch zusätzlich eine Menge Fragen und Zweife über die Richtigkeit der orthodoxen Kirche auf . Nach drei Jahren Ungewissheit festigte sich der Vorsatz, aus dem Dienst dieser Kirche zu treten.

Während dieser Zeit besuchte ein Gruppe Baptisten ein Gefängnis, in dem auch Oleg Gefangene seelsorgerlich betreute. Als er seinem Vorgesetzten davon erzählte, wurde der ärgerlich: "Schmeiß sie raus! Wenn sie nicht an Maria und die Heiligen glauben, dann haben sie in dem Gefängnis nichts zu suchen!"

Eigenartigerweise stellte sich zudem heraus, dass auch ein Nachbar von Oleg, ein Arzt, Baptist war. Sie unterhielten sich über den Glauben und er lernte zu seinem Erstaunen, dass die von der Kirche verhassten Baptisten ganz normale Menschen waren, die sogar ihre Bibel besser kannten als er, der wohl mit der Tradition der Kirche, aber weniger mit dem Wort Gottes vertraut war.

Die Gespräche mit dem Arzt bestärkten Oleg endgültig in dem Entschluss, aus der orthodoxen Kirche auszutreten, von der er sich innerlich schon längst verabschiedet hatte.

"Weine in unsere Weste und kehre zur Kirche zurück!"

Doch der Austritt blieb nicht ohne Folgen. Da Oleg in seiner Kirchengemeinde bei einem großen Teil der Menschen recht beliebt war und er durch die Aufklärung der Diebstähle auch in der Öffentlichkeit bekannt war, griffen die Zeitungen das Thema seines Austritts auf. Das wiederum veranlasste die Kirchenleitung Oleg aufzufordern, seinen Austritt rückgängig zu machen und in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Die Kirche wäre immer bereit, einem reuigen Sünder zu vergeben...

Schließlich kam sogar das verlockende Angebot, die Betreuung einer orthodoxen Kirche in Kanada zu übernehmen, wenn er nur Buße tun würde. Nachdem Oleg dieses Angebot abgeschlagen hatte, wurde seine Frau von Unbekannten angefahren und verletzt. Im Krankenhaus weigerten sich die Ärzte, die Verletzte zu behandeln. Am nächsten Morgen bekam er Besuch von einigen Popen, die ihm sagten: "Weine in unsere Weste und kehre zur Kirche zurück. Wir helfen Dir!" Als er fest blieb und deutlich seine Überzeugung äußerte, folgten weitere Schikanen, die besonders seine Frau und die drei Kinder trafen.

Zukunftsperspektiven

Bisher wohnte Oleg mit Frau und Kindern in einem Zimmer in ärmlichsten Verhältnissen. Die Geschwister aus der Baptistengemeinde in Gorki - wo Oleg inzwischen getauft wurde - und Christen in Dserschinsk versorgen die Familie mit dem Nötigsten und bei unserem Besuch gaben wir ihm den dringenden Rat, mit seiner Familie in ein abgelegenes Dorf zu ziehen, um seine Familie und sich zu schützen und um abseits von allem Wirbel um seine Person in Gemeinschaft mit bibeltreuen Christen geistlich zu wachsen.

Die Erfahrungen seiner traurigen Kindheit und Jugend, seine Einsicht in das Denken und Leben von russisch-orthodoxen Menschen und natürlich vor allem die Erfahrung seiner Wiedergeburt sind wertvolle Voraussetzungen, um in Russland evangelistisch zu arbeiten. Beten wir für ihn und seine Familie, damit sie vor den Anschlägen der orthodoxen Kirche bewahrt und in der Stille zu brauchbaren Werkzeugen in der Hand Gottes zubereitet werden, zum Segen vieler Menschen in Russland.

Fragen an Oleg:

"Hattest Du als Pope keine Probleme zu Ikonen und zu Maria zu beten?"

"Zunächst nicht. Ich habe alles nachgemacht, was man mir beigebracht hatte. Mit der Zeit allerdings begann ein Konflikt in mir und irgendwie spürte ich, dass hier etwas nicht stimmt. Besonders zu dem Zeitpunkt, als ein Maler von mir ein Porträt machte und dieses Bild als Ikone aufgestellt wurde."

"Kennst Du unter den Popen solche, von denen Du annimmst, dass sie wiedergeboren sind?"

"Ich kann mich nur an einen erinnern, von dem ich das annehme. Die meisten Popen, die ich kennengelernt habe, haben ganz andere Interessen."

"Wie beurteilst Du den Patriarch in Moskau?"

"Ich halte ihn für einen Agenten der damaligen KGB. Man kann davon ausgehen, dass 90% aller Priester Agenten der KGB waren."

"Hier in Deutschland wird gelegentlich publiziert, dass in der orthodoxen Kirche Russlands eine geistliche Erweckung stattfindet. Hast Du davon etwas mitbekommen?"

"Ich habe nie etwas davon gehört. Da ich in einer überregionalen Kommission mitgearbeitet habe, wo solche Dinge besprochen werden, hätte ich als einer der Ersten davon etwas erfahren. Aber dann wären sofort "Mützen geflogen". Nein, Erweckung stand nicht auf unserem Programm. Wohl aber mussten wir uns mit dem größten Problem, der Sauferei und den Diebstählen unter den Popen beschäftigen."

"Welche Chancen hat ein bekehrter Pope in der russisch-orthodoxen Kirche?"

"Es gab einen: Alexander Min. Das war ein Pope, der überall evangelisierte, wo immer er Menschen traf. Er hat auch einige gute evangelistische Schriften verfasst. Aber er wurde vor etwa 7 Jahren mit einem Beil ermordet."

Nachtext

Quellenangaben